Enna Andersen und der trauernde Enkel

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

- TB, Seitenzahl unbekannt

- Bd. 3 [Enna Andersen]

Couch-Wertung:

58°
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Thomas Gisbertz
Langatmiger Krimi, der kaum Spannung bietet

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Aug 2021

Ben Thaysen bittet Hauptkommissarin Enna Andersen und ihr Team der kleinen Oldenburger LKA-Einheit um Hilfe. Sein Großvater Curt, ein wohlhabender Bauunternehmer, verstarb vor drei Jahren an Herzversagen. Sein Enkel zweifelt nun aber die Todesursache und die Ergebnisse der Obduktion an, da Curt trotz seiner 75 Jahre kerngesund gewesen sei. Die Ermittlungen schlagen nach kurzer Zeit hohe Wellen; Enna und ihr 5-jähriger Sohn Elias werden sogar bedroht. Wer ist Andersens mächtiger Gegenspieler, der alles daransetzt, die Ermittlungen zu stoppen? War jemand aus der Familie Thaysen am Tod des Unternehmers beteiligt?

Natürlicher Tod oder Mord

Bens Verdacht, dass Curt Thaysen keineswegs eines natürlichen Todes gestorben ist, beruht auch darauf, dass er auf dem Dachboden des geerbten großväterlichen Hauses einen versteckten Laptop entdeckt. Darauf findet er einen unvollständigen Brief seines Großvaters, der an ihn gerichtet ist. Darin kündigt Curt an, ein Buch über sein Leben zu schreiben, was sicherlich so manchen ehemaligen Geschäftspartner in große Schwierigkeiten hätte bringen können. Des Weiteren weist der Großvater darauf hin, dass er sich in letzter Zeit bedroht fühlte. Enna Andersen und ihr Team nehmen sich des seltsamen Falles an. Schnell müssen sie erkennen, dass es nicht nur eine Person gibt, die von Curt Thaysens Tod profitiert hat.

Dritter Fall für Oldenburger LKA-Team

Anna Johannsen ist eine der beliebtesten Autorinnen beim Edition M Verlag von Amazon. Bekanntheit erlangte sie zunächst durch die Reihe um ihre „Inselkommissarin“ Lena Lorenzen. Im Oktober erscheint bereits der 8. Band, Die Frau aus der Nordsee. Darüber hinaus ermittelt die Hauptkommissarin auch in Juister Mohn gemeinsam mit ihrem Kollegen David Büttner, der Hauptfigur der Krimireihe von Autorin Elke Bergsma.

Seit Februar 2020 gibt es nun eine weitere Reihe der gebürtigen Nordfriesin. Die alleinerziehende Hauptkommissarin Enna Andersen wird nach dem Unfalltod ihres Mannes und einer beruflichen Auszeit in eine neue Abteilung nach Oldenburg versetzt, die sich um alte ungelöste Fälle, den sogenannten Cold Cases, kümmern soll. Enna Andersen und der trauernde Enkel ist bereits der dritte Fall für das dreiköpfige LKA-Team um Enna Andersen, Pia Sims und Jan Paulsen, das nun Zuwachs durch den neuen Kollegen Jens Lange erhält.

Arg konstruierte Handlung

Die Lena-Lorenzen-Reihe zeigt, dass Autorin Anna Johannsen es durchaus versteht, spannende und unterhaltsame Kriminalromane zu schreiben. Der dritte Fall um ihre Ermittlerin Enna Andersen gehört leider nicht dazu, auch wenn der Roman zum Ende hin durchaus noch lesenswert wird. Bis dahin ist es aber mitunter eine zähe Angelegenheit. Der Roman hat vor allem unter der auch für einen Roman zum Teil völlig unglaubwürdigen Ermittlungsarbeit des LKA-Teams und dessen Auftreten zu leiden. Hinzu kommt ein vollkommen missratener Einstieg in den neuen „Cold Case“.

Das Problem des Romans ist nämlich, dass der neue Fall gar kein ungelöster Tötungsdelikt war. Deswegen konstruiert die Autorin einen hanebüchenen Einstieg, damit das LKA-Team überhaupt ermitteln darf. Enkel Ben war bis vor einem Jahr in Südamerika und rollt den „Fall“ deswegen erst jetzt neu auf. Die Ergebnisse der Obduktion werden auf einmal auch vom ehemaligen Hausarzt der Thaysens in Frage gestellt. An einem normalen Tod will plötzlich niemand mehr glauben, da Curt ja kerngesund war.

Unklarheiten bei Ermittlung

Generell stellt sich die Frage, warum überhaupt eine Obduktion an Curt Thaysens Leichnam vorgenommen wurde, obwohl für die damaligen Ermittler kein Verdacht auf eine Gewalttat vorlag. Lediglich dem Notarzt kamen zunächst Zweifel an einem natürlichen Tod. Für ihn wies einiges auf Vergiftung hin. Als ausgewiesener Weinkenner, an dem ein Sommelier verloren gegangen ist, fiel ihm damals u.a. auf, dass sich im Weinglas Thaysens ein mittelmäßiger Tempranillo befand, während auf dem Tisch eine entkorkte Flasche edlen Bordeaux‘ stand. Da Thaysen laut Aussage des Arztes aber nichts getrunken hat, stellt sich dem Leser (nicht nur hier) die Frage nach dem Sinn der Aussage bzw. der Textstelle. Der eigentliche Skandal ist für den Notarzt aber scheinbar auch ein anderer: Dieser hätte nämlich den exquisiten Bordeaux niemals aufgemacht, da der Wein noch mindestens zwei Jahre hätte reifen müssen - da scheint der Mord ja fast gerechtfertigt.

Es sind solche Stellen innerhalb des Romans, die eher albern wirken als nach einer spannenden Geschichte klingen. Leider zieht sich dieser Schreibstil über etwa zwei Drittel der Handlung hinweg. Man hat zum Teil das Gefühl, dass sich hier statt einer LKA-Einheit eine Freundesclique zum täglichen Frühstück mit ausreichend Brötchen und Kaffee trifft, um anschließend die neuesten und verrücktesten Ideen auf der Flipchart festzuhalten. Selbst für einen Roman ist das keine professionelle Polizeiarbeit - erst recht nicht, wenn man die geheimen Verhöre einer Escort-Lady durch den Kollegen Paulsen berücksichtigt, die an Albernheit kaum zu überbieten sind.

Schwache Charaktere

Immerhin ist die Grundidee des Romans eigentlich gut durchdacht. Dies und das Motiv des Täters wird aber erst im letzten Viertel der Handlung deutlich. Bis dahin gibt es eine Reihe ermittlungstechnischer und -taktischer Fehler (Auch bei der Benennung durch die Autorin), wilde Verhöre (Jeder darf einmal ran) und die Idee, man könne sich im Sauerland vor den Verbrechern verstecken, obwohl man beschattet wird.

Darüber hinaus wird die Familie des Bauunternehmers Thaysen völlig überzogen als snobistische, geldgierige und korrupte Sippschaft dargestellt. So mancher dürfte sich hierbei an alte Derrick-Folge erinnert fühlen. Dies passt aber leider ins Bild einer insgesamt schwächeren Figurendarstellung.

Fazit:

Anna Johannsen hat mit ihrer Lena-Lorenzen-Reihe insgesamt bewiesen, dass sie eine ernst zunehmende und gute Krimi-Autorin ist. Davon ist sie mit der dritten Band ihrer Cold-Case-Serie aber weit entfernt. Sowohl die Figurendarstellung als auch insbesondere der Plot und der Schreibstil wissen diesmal nicht zu überzeugen. Alles wirkt oberflächlich zusammengeschustert, auch wenn der Schluss noch etwas versöhnt.

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