Ohne Schuld

Erschienen: November 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 544 Seiten

- Bd. 3 [Kate Linville]

Couch-Wertung:

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Carola Krauße-Reim
Hier läuft das Kopfkino auf Hochtouren

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2020

Charlotte Link ist ein literarisches Schwergewicht - und das nicht nur, weil nahezu jährlich eine dicke Neuerscheinung auf den Markt kommt. Sie gilt auch als Deutschlands erfolgreichste Autorin der Gegenwart. Mit Ohne Schuld liegt jetzt der dritte Band rund um Kate Linville vor, die bereits in Die Suche und Die Betrogene ermitteln durfte.

Kate allein auf weiter Flur

Kate Linville wollte eigentlich erst in einiger Zeit bei der North Yorkshire Police anfangen. Doch dann werden auf zwei völlig unterschiedliche Frauen Mordanschläge mit derselben Waffe durchgeführt - und das in einem Fall auch noch in ihrer Gegenwart. Also fängt Kate sofort mit den Ermittlungen an und taucht ein in zwei Leben, in denen es unausgesprochene Geheimnisse geben muss, die zu den Anschlägen geführt haben. Auf die Hilfe von Caleb Hale, dessen Zusammenarbeit mit ihr der Grund für die Kündigung bei Scotland Yard war, muss Kate verzichten, denn er ist vom Dienst suspendiert.

Die Protagonisten haben sich entwickelt

Während in den ersten beiden Bänden Kate Linville als graue und verhuschte Maus daher kam, zeigt sie jetzt mehr Persönlichkeit. Sie hat den Mut aufgebracht, bei Scotland Yard zu kündigen und einen neuen Lebensabschnitt in Scarborough zu beginnen. In beruflicher Hinsicht hat sie zwar schon immer ein gutes Gespür gehabt, beweist aber jetzt auch Führungsqualitäten, die ihr neuer Vorgesetzter nicht besitzt. Auch privat tritt sie selbstbewusster auf - auch wenn ihr Erscheinungsbild immer noch sehr unauffällig ist. Bei DCI Caleb Hale hat sich ebenfalls etwas verändert: Er muss sich nun endgültig seiner Alkoholsucht stellen. Wegen ihr vom Dienst suspendiert, dümpelt er vor sich hin. Nur die nicht ganz legale Einbindung in den Fall durch Informationen von Kate lassen ihn nicht ganz vor die Hunde gehen. Doch auch ihm scheint im Laufe der Zeit die Erkenntnis zu kommen, dass er seine Arbeit zum Leben braucht - und die bekommt er nur wieder, wenn er endgültig trocken ist und bleibt. Dass sich in der Zukunft Kate und Caleb wieder gemeinsam auf Mörderjagd begeben, ist nicht ganz auszuschließen – und dass sich privat noch was tut, auch nicht.

Ohne Schuld ist hier keiner

In diesem Buch wimmelt es von Menschen, die absolut unsympathisch sind. Hier kommt keiner gut weg: Vom Psychopathen über vereinsamte alte Menschen und brutale Ehemänner bis hin zu überforderten Eltern reicht das Spektrum der Figuren. Charlotte Link schafft es, sie alle zu charakterisieren; ihre Figurenzeichnung ist exzellent. Sofort werden Empathien und Antipathien aufgebaut, die im Laufe der Geschichte vielleicht relativiert werden könnten, aber dennoch durch wenige Sätze entstehen. Link zeichnet gekonnt eine Gesellschaft, die zu häufig wegsieht, in der alte Menschen schnell vereinsamen und die Gerichtsbarkeit nicht immer nachvollziehbare Grenzen hat.

Der Aufbau ähnelt sehr den Vorgängern

Bei den Protagonisten ist also eine Entwicklung zu vermerken, beim Plot leider weniger. Vielleicht sollte Frau Link sich ein bisschen mehr Zeit für ihre Krimis nehmen, denn so gut die Geschichte auch ist - der Aufbau gleicht den Vorgängern dieser Reihe doch erheblich. Kate ermittelt wieder einmal so gut wie alleine. Dieses Mal zwar nicht, weil ihr eigentlich die Autorisierung fehlt, sondern weil ihr Vorgesetzter einfach überfordert ist - aber Alleinkämpferin ist sie mehr oder weniger doch. Und wieder gerät sie zum Schluss in direkte Gefahr, was auch nicht Neues ist. Ein anderer Aufbau würde der Reihe Abwechslung und Schwung verpassen, obwohl man sagen muss, dass Ohne Schuld trotzdem packend ist: Spannung gibt es von den ersten Seiten an und unterschiedliche Handlungsstränge bauen diese noch aus. Hier wird das Kopfkino eingeschaltet und der Hirnschmalz aktiviert, denn als Leser kann man gar nicht anders, als zu überlegen, wie denn nun alles zusammenhängt. Erst ganz langsam wird das Knäuel aufgedröselt, und nach und nach blicken wir in Abgründe, die tiefer nicht sein könnten. Die Spannung lässt auch nicht nach, wenn der Täter gefunden ist, sondern gipfelt in einem Open End, bei dem man für die einzige halbwegs Unschuldige bangt und hofft. Charlotte Link beweist wieder einmal, dass für atemraubende Spannung kein Blutvergießen und keine überbordenden Gewaltexzesse nötig sind. Ganz langsam schleicht sich der Leser in die Leben der Handelnden, lernt sie mit ihren Wünschen, Ängsten und Geheimnissen kennen und erlebt so menschliche Abgründe und Tragödien, die zur Katastrophe führen können. Manchmal entschleunigen ausladende Schilderungen oder sehr ausführliche Dialoge das Geschehen jedoch sehr – eine Raffung hätte hier nicht geschadet. Es müssen ja nicht immer mehr als 500 Seiten sein!

Fazit

Hier läuft das Kopfkino auf Hochtouren! Der Gehirnschmalz wird aktiviert! Charlotte Link schafft es wieder einmal, den Leser auf über 540 Seiten bei der Stange zu halten. Falls Kate Linville und Caleb Hale aber noch einmal ermitteln, sollten sie es dann gemeinsam auf neuen Pfaden tun - die alten sind jetzt ausgetreten genug.

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