Die Gräber der Verdammten

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Tombland

- aus dem Englischen von Irmengard Gabler

- Broschur, 992 Seiten

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Yannic Niehr
Tod und Teufel im Tudor-England

Buch-Rezension von Yannic Niehr Nov 2020

1549: Henry VIII. ist tot, der Kindskönig Edward sitzt auf Englands Thron. Die religiösen Konflikte haben sich weitgehend beruhigt, der Protestantismus hat sich durchgesetzt. Dafür befindet sich das Reich in einem aussichtslosen Krieg gegen die Schotten, die Ernten sind mager, eine Inflation hat sich eingestellt, und die Gemeinwohlbewegung erhält immer mehr Zulauf. Denn raffgierige Grundherren nutzen ihre Position aus, mit ungesetzlichen Einhegungen Gemeinflächen an sich zu reißen, um ihr Vermögen zu mehren, und werden dabei vom korrupten Beamtentum darin unterstützt, das gemeine Volk um Haus und Hof zu bringen, welches immer mehr in Armut und Elend versinkt. Der Lordprotektor verspricht Reformen, lässt aber keine Taten folgen. Unzufriedenheit macht sich breit, und hier und da ist bereits von Rebellion die Rede.

Matthew Shardlake ist nach dem Tod seiner früheren Auftraggeberin Catherine Parr, der letzten Frau des verstorbenen Königs, in die Dienste von Anne Boleyns Tochter Lady Elizabeth getreten, die er hauptsächlich in Sachen unterstützt, welche die Verwaltung ihrer Ländereien betreffen. In die hohe Politik wird er dabei nicht mehr verwickelt, und das ist ihm auch ganz recht. Dennoch ist es mit der Ruhe bald vorbei: Elizabeths Comptroller Master Parry eröffnet Shardlake, dass Edith Boleyn, Ehefrau von John Boleyn, einem in Norwich ansässigen Verwandten Elizabeths, bei dieser vorstellig geworden ist, um nach Geld zu fragen – nachdem sie zuvor neun Jahre lang spurlos verschwunden war. Kurz darauf wurde Edith ermordet aufgefunden: Jemand hat sie auf der Grenze von John Boleyns Grundstück mit dem Kopf voran ins schlammige Ufer eines Flusses gerammt und ihre Scham grotesk zur Schau gestellt. Edith soll im Leben (gelinde gesagt) eigentümlich und selbst ihrem Mann gegenüber unnahbar gewesen sein, sodass dieser recht früh eine Liebschaft mit einer Schankmagd namens Isabella einging, die er nach Ediths Verschwinden ehelichte. Nun ist er natürlich der Hauptverdächtige, und der Prozess steht kurz bevor. Shardlake soll vor Ort Ermittlungen anstellen und zusehen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird – jedoch diskret, denn es soll bloß kein Staub aufgewirbelt werden, der den Namen Boleyn noch weiter beschmutzen könnte. Elizabeth jedoch gibt ihm ein Gnadengesuch mit, von dem er im Falle einer Verurteilung Gebrauch machen soll.

So reist Shardlake gemeinsam mit seinem Gehilfen Nicholas Overton nach Norwich. Schnell stellen sich Zweifel an John Boleyns Schuld ein. Doch wer sonst könnte ein Motiv gehabt haben, Edith zu ermorden? Vielleicht Isabella selbst, um ihre „Nebenbuhlerin“ auszuschalten? Johns Nachbar Witherington, der es auf Boleyns Gut abgesehen hat? John Flowerdew, der Escheator des Königs, dem dieses zufallen könnte? Ediths und Johns Zwillingssöhne Gerald und Barnabas, brutale Grobiane, die vor nichts und niemandem zurückschrecken? Bald geschieht ein weiterer Mord, doch wird die Liste der Verdächtigen immer länger, und es tun sich nur weitere Fragen auf.

Dann wird Shardlake unversehens von den gesellschaftlichen Umständen eingeholt: Die Bauern erheben sich, und er wird mitten hineingezogen in die Aufstände …

„Manchmal ist es besser, man weiß so wenig wie möglich. Lass dir das von einem greisen Anwalt gesagt sein.“

C. J. Sansoms Bestsellerserie historischer Kriminalromane um den Anwalt Matthew Shardlake, der im Tudor-England in heiklen Mordfällen ermittelt, geht mit diesem Teil nun schon in die 7. Runde. Eines steht fest: Shardlake wird nicht jünger. Aber noch ist der Lack bei ihm ganz sicher nicht ab! Die Reihe besticht seit jeher mit vielschichtigen Figuren (allen voran Shardlake selbst, der aufgrund seines Buckels einen gewissen Außenseiterstatus innehat und mit seinen intelligenten, einfühlsamen Einsichten die perfekte Identifikationsfigur für die moderne Leserschaft bietet), spannenden Fällen und einem unglaublich plastischen Sittengemälde der damaligen Zeit. Als alteingesessene Leserin der Romane fühlt man sich gleich wie zuhause, und natürlich gibt es (neben vielen neuen Gesichtern) ein Wiedersehen mit den altbekannten Charakteren – so ist auch Jack Barak wieder mit von der Partie, der sich zur gleichen Zeit wie Shardlake in Norwich befindet, um dort die fahrenden Geschworenengerichte, die Assisen, zu unterstützen. Erfreulicherweise greift Sansom laufende Nebenhandlungen immer wieder auf, sodass sich ein angenehmes Gefühl von Kontinuität ergibt.

„Gerade Ihr solltet doch wissen, dass sich die Gerechtigkeit oft der Politik unterordnen muss.“

Bislang ist die Serie fast mit jedem Band konsequent umfangreicher geworden – Die Gräber der Verdammten ist mit knapp 1.000 Seiten der mit Abstand längste Band der Reihe. Leider tut das der Geschichte nur bedingt gut, denn die spannenden Mordrätsel entfalteten eine bessere Wirkung, als die Bücher noch (verhältnismäßig) kürzer und knackiger waren. Auch gelingt es Sansom in diesem Teil nicht ganz so nahtlos wie sonst, seine diversen Handlungsstränge, die historischen Hintergründe und den zentral zu lösenden Fall zu verknüpfen. Beinahe wirkt es so, als hätte er sich vorgenommen, einen Roman über dieses bestimmte historische Vorkommnis zu schreiben, nur um dann zu merken, dass er ja auch einen vertrackten Mord mit einbauen muss. Die Struktur des Buches gerät dadurch etwas schizophren, als etwa zum Ende des ersten Drittels eine Wendung eintritt, welche die im Hintergrund schwelenden Unruhen (stilistisch geschickt vorbereitet) in den Vordergrund rückt und den Plot schlagartig in etwas viel Größeres auffächert. Hier muss man bereit sein, mitzuziehen, und sich (je nach individuellem Geschmack) dann auch auf die ein oder andere Länge einstellen – denn Zeit gelassen hat Sansom sich schon immer.

„Als Adam pflügt und Eva spann, wo war da der Edelmann?“

Entschädigt wird man wie gewohnt durch die großartige Erzählkunst des Autors (die fachkundige Übersetzung seiner Stammübersetzerin Irmengard Gabler tut ihr Übriges). Er breitet ein authentisches gesellschaftliches Panorama vor uns aus, und die zum Teil unfassbaren Bauernaufstände sind der perfekte Aufhänger dafür. Liebe zum Detail sowie akribische Recherche machen die Schilderungen des Lagers der Aufständischen zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis. Die Ausgangslage ist auch in der Tat faszinierend: Die (angeblich gottgewollte) gesellschaftliche Ordnung sieht Menschen von Stand an der Spitze vor, die ihre Macht jedoch geldgeil ausnutzen und die einfachen Leute ohne Rücksicht auf Verluste beuteln und betrügen, bis diese schließlich genug haben und zur friedlichen Revolution aufrufen – das findet auch heute, wo die Schere zwischen Arm und Reich zu wachsen scheint, noch Nachhall. Vereinzelt wirkt Sansom zwar von der Tragweite seiner eigenen Geschichte etwas überfordert (z.B. kommt die Figur des Revoltenanführers Captain Kett ein wenig zu kurz), doch gerade am Schluss, als sich die Ereignisse dramatisch zuspitzen, kann er noch einmal alle Register ziehen und wartet mit einem sehr befriedigenden Finale auf, das erschüttert, aber auch überraschend tief berührt – und einen interessanten Grundstein für zukünftige Shardlake-Abenteuer legt.

Fazit

Shardlake is back! Zwar ist Die Gräber der Verdammten nicht unbedingt C. J. Sansoms Meisterwerk, übertrifft aber zumindest den Vorgängerband wieder deutlich. Neulinge sollten vielleicht lieber mit dem Anfang der Reihe starten, Fans aber dürfen sich das Buch auf keinen Fall entgehen lassen! Schon jetzt macht dieses Lust auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen mit Matthew im Elisabethanischen Zeitalter.

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