Zyankali vom Weihnachtsmann

Erschienen: September 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Christmas-Party Murder“
- New York : Viking Press 1958
- Stuttgart : Verlag Klett Cotta 2019. Übersetzung: Gunter Blank. ISBN-13: 978-3-608-96411-0. 139 Seiten
- Stuttgart : Verlag Klett Cotta 2019 [eBook]. Übersetzung: Gunter Blank. ISBN-13: 978-3-608-19176-9. 3,85 MB [ePUB]

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Michael Drewniok
Keine fröhliche, sondern tödliche Weihnachten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2019

Nero Wolfe ist fassungslos: Assistent Archie Goodwin, den er als seine verlängerten Arme und Beine betrachtet, weigert sich nicht nur, einem aus seiner Sicht wichtigen Termin wahrzunehmen, sondern will auch noch heiraten! Das Aufgebot ist bereits bestellt, und Goodwin möchte Braut Margot Dickey das Dokument während einer Weihnachtsfeier überreichen, zu der ihr Chef Kurt Bottweill eingeladen hat.

Der ebenso erfolgreiche wie exzentrische Geschäftsmann gedenkt selbst in den Stand der Ehe zu treten, doch wer die Glückliche sein soll, kann er nicht mehr mitteilen, denn jemand hat seinen Drink mit Zyankali versetzt. Bottweill stirbt schnell, aber hässlich - und Goodwin hat ein Problem: Seine Hochzeit mit Margot ist nur Scharade. Tatsächlich wollte sie ihren Arbeitgeber Bottweill eifersüchtig machen. Der hatte ihr zwar die Ehe versprochen, sie dann jedoch hingehalten. Als guter Freund war Goodwin mit Margots Täuschungsmanöver einverstanden. Nun steckt er in der Klemme, denn die Polizei - ausgerechnet vertreten durch Erzgegner Inspektor Cramer - dürfte sein Motiv für recht fadenscheinig halten.

Es kommt noch schlimmer: Hauptverdächtig ist im Mordfall Bottweill der als Weihnachtsmann verkleidete Barkeeper. Keiner kennt ihn, Maske und Bart hat er nie abgenommen, und nach dem Mord ist er spurlos bzw. unter Hinterlassung des Kostüms verschwunden. Nur Goodwin kennt die peinliche Wahrheit. Nero Wolfe höchstpersönlich hatte ihm verkleidet nachspioniert um herauszufinden, ob Goodwin tatsächlich heiraten wollte!

Damit hat sich Wolfe in eine gefährliche Lage gebracht. Zudem wurde er von einem Mitglied der Feierrunde erkannt, das ihn nun erpresst. Bevor man ihm auf die Schliche kommt, will und muss Wolfe die Tat aufklären und der Polizei den Mörder übergeben. Doch Cramer arbeitet dieses Mal schnell, und so lädt Wolfe zur großen Final-Entlarvung ein, ohne tatsächlich zu wissen, wer Bottweill vergiftet hat …

Das „Fest der Liebe“ als Idealkulisse für Mord & Totschlag

Weihnachten und Schrecken bilden ein stabiles Paar. Was merkwürdig klingt, wird problemlos von denen verstanden (und bejaht), die Erfahrungen mit dem Fest bzw. den damit verbundenen Familienpflichten gemacht haben: Hier trifft sich, wer sich sonst aus guten Gründen aus dem Weg geht, und versucht angestrengt Harmonie und Liebe zu simulieren. In der Regel geht das schief, woraufhin sich unterdrückte Konflikte erst recht eruptiv entladen.

Der Schritt zum Mord ist manchmal denkbar klein. Da Blut und (weiße) Weihnacht dramatisch kontrastieren, ist dieses Umfeld sowohl für Kriminal- als auch für Spukgeschichten ideal. Es wertet sogar Garne auf, die wie dieses weder originell noch besonders spannend sind.

Rex Stout hat zu viele Romane und Storys um das Gespann Nero Wolfe & Archie Goodwin geschrieben. Er war ein Profi, der schnell und routiniert lieferte, was von ihm erwartet wurde: trickreiche Whodunits mit unerwarteten Auflösungen. Weil Stout ein guter Erzähler war, gelangen ihm trotzdem immer wieder angenehme Überraschungen; Wolfe & Goodwin gehören keineswegs grundlos zu den Klassikern des Genres.

„Die Hölle ist nichts im Vergleich zur Rache einer Frau“

„Zyankali vom Weihnachtsmann“ entstand 1956 und dürfte schon damals ein wenig angestaubt gewirkt haben. Zwar bemüht sich Stout, zeitgemäß ‚objektiv‘ zu wirken, indem er nicht nur andeutet, dass Frauen sexuelle Wesen sind, doch letztlich mag er die Realisierung entsprechender Wünsche nicht vom Vorhandensein einer ordnungsgemäß geschlossenen Ehe trennen. Zudem sind die Figuren flach und taugen wenig als Verdächtige: eigentlich wünscht man allen diesen Schwätzern den Tod.

Darüber hinaus wirkt das begangene Verbrechen nur deshalb raffiniert, weil sich Stout bemüht, genau diesen Eindruck zu erwecken. Die nach aufwändiger Verkomplizierung des Falls präsentierte Auflösung ist ebenfalls simpel. Sie unterstreicht den Eindruck, dass für Stout Nero Wolfe in der Rolle des Hauptverdächtiger wichtiger war. Allerdings übertreibt er es - auch dies im vermeintlich festlichen Geiste -, indem er Wolfe in ein Weihnachtsmannkostüm steckt.

Ihn dort plausibel hineinzubekommen, ist eine Herausforderung, an der selbst sein Schöpfer scheitert: Wolfe spioniert maskiert seinen Assistenten aus! Das ist lächerlich, was immerhin als Begründung dafür taugt, dass Wolfe lieber einen Wettlauf mit der Polizei riskiert, als seine Tat zu gestehen. Stout setzt auf das Wohlwollen festtagsübersättigter Leser, die auch diese schwache Idee klaglos ertragen: Ausgerechnet der stets weltklug dargestellte Archie Goodwin unterschreibt ein Aufgebot, um einer Freundin zu helfen, die ihren unwilligen Tatsächlich-Bräutigam in die Ecke drängen will?

Präsent für den Gabentisch

Stout hat viele und viel bessere Wolfe-&-Goodwin-Krimis geschrieben. Warum erscheint ausgerechnet „Zyankali …“ in deutscher Neuveröffentlichung und als Einzeltitel? Es handelt sich nicht um einen ‚richtigen‘ Roman, sondern um eine längere Erzählung, die Stout in der letzten Ausgabe des Magazins „Collier’s Weekly“ (1888-1957) veröffentlichte. 1958 nahm er sie in den Band „Four to Go“ auf, in dem er drei weitere Novellen sammelte. Eine besondere Stellung nimmt „Zyankali …“ in seinem Werk nicht ein.

Diese deutsche Ausgabe zählt gerade einmal 139 Seiten. Die eigentliche Erzählung endet auf Seite 112. Das Druckbild ist großzügig, die Ränder breit. Dem „Zyankali“-Fall folgt ein Nachwort des Schriftstellers Franz Dobler, das wie ein Adventskalender in 24 Kapitel unterteilt ist. Es liefert einerseits Hintergrundinformationen, mischt Krimi-Relevantes mit privaten Erinnerungen und Ansichten und wirkt insgesamt zusammenhangslos.

„Zyankali …“ ist eher ein Produkt als ein vollwertiger Krimi. In der Adventszeit biegen sich die Verkaufstische deutscher Buchhandlungen unter einer Flut feiertagsgeprägter Druckwerke, in denen sich Gemütlichkeit mit besinnlichem Schrecken mischt. Diese Titel sind auch gedacht für jene, denen partout kein Geschenk einfällt: Mit einem Buch kann man nichts falsch machen - und ein Weihnachtskrimi ist erst recht ein (ziemlich) sicherer Volltreffer!

Fazit:

In weihnachtlicher Kulisse spielt routiniert, aber nicht originell dieser eher alte als klassische Krimi, dessen Plot einige von der Logik schwer zu umschiffende Klippen aufweist. Das sehr kurze Werk ist wohl primär als Weihnachts-Lektüre konzipiert, die in den entsprechenden Marketing-Kreislauf eingespeist wird: hübsch aufgemachte Seifenblase.

Zyankali vom Weihnachtsmann

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