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Sabine Bongenberg
Speziell aber gut

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Sep 2019

Björn Diemel ist Anwalt, und als typisches Kind seiner Zeit muss er so viele Bälle in der Luft halten, dass sein Leben einem hektischen Hin- und Hergezappel nach einer immer schneller werdenden Musik ähnelt. Immerhin – einem Gezappel in einem Armani-Anzug und mit einer Breitling am Handgelenk. Das Schicksal könnte härter zuschlagen, möchte man meinen. Dennoch muss der erfolgsorientierte Rechtsanwalt einsehen, dass es zwar im Gerichtssaal nach seinem Willen läuft, aber andere Dinge außer Kontrolle geraten.

So beugt er sich schließlich zähneknirschend dem Wunsch seiner Frau, die ihn „zur Entspannung zwingen will“ und besucht ein Achtsamkeitsseminar. Wider Erwarten findet Björn Gefallen an den neuen Botschaften, die hier verkündet werden und es gelingt ihm sein Leben in neue Richtung zu führen. Das heißt, es würde ihm gelingen, würden nicht seine kriminellen Mandanten mit aller Kraft darauf hinwirken, den neuen Björn auf dem alten Kurs zu halten.

Gewiefter Jurist erzählt Geschichte in respektlos schnodderigem Ton

Karsten Dusse lässt seinen Helden Björn Diemel seine Geschichte im respektlos schnoddrigen Ton eines gewieften Juristen erzählen, der in seiner Karriere schon einiges er- und überlebte. Nicht verschwiegen werden soll dabei, dass gelegentlich die Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden. Was aber grundsätzlich schon wundert, ist die Konstruktion dieser Geschichte. Ein Anwalt soll seinem Mandanten, der (als dämlichster Verbrecherkönig aller Zeiten und weltweit) einen Mord mit einer zu ihm weisenden Spur in Größe der Nazca-Linien begangen hat, dabei helfen, das Verbrechen zu vertuschen und ihm bei der Flucht helfen. Bisher war mir nur bekannt, dass Anwälte bei der Ausübung ihres Berufes nicht unbedingt selbst kriminell werden müssen, aber sei’s drum.

Immerhin ist diese mehr als verfahrene Situation die, die den immer achtsamer arbeitenden Björn dazu bringt, seinen ersten Mord zu begehen, wenn auch sicherlich durch reines Unterlassen. Hier beginnt dann sein steiler Aufstieg. Wie der bisher juristisch zumindest unbescholtene Familienvater in die Rolle des Gangsterbosses gedrängt wird, und es hier schafft, eine brillante Geschäftsführung aufzubauen, das schildert Dusse witzig, lebendig aber auch abschnittsweise zynisch, und manchmal hat man doch das Gefühl, das Lachen müsse im Halse stecken bleiben.

Das große Thema „Achtsamkeit“ kommt in diesem Buch auch nicht zu kurz und so wird jedem Kapitel ein Auszug aus dem „Achtsamkeitshandbuch“ des fiktiven Coaches Joschka Breitner vorausgestellt und im folgenden Text dann abgearbeitet. Ob man will oder nicht, erfährt man hier noch so einiges über dieses Thema und wer auch – wie ich – bisher eher skeptisch mit der „Achtsamkeit“ agierte, sieht hier, dass gewisse Grundkenntnisse zumindest mal nicht schaden müssen. Hilfreich ist aber auch, dass diese Kapitelüberschriften im Zweifel auch nur überflogen werden können.

“Achtsam morden“ legt seinen Schwerpunkt auf die humorvoll erzählte Geschichte und das ist auch gut so, denn auch wenn der Held so sauber, planvoll und eben achtsam arbeitet, wie es nur geht, würde im Angesicht der modernen Spurensicherung und der Tatortanalyse auch sein grundsätzlich raffinierter Plan nicht funktionieren. Oder – wie der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke weiland sagte – „Irgendwo vergessen sie immer zu putzen.“

Für einen gut strukturierten Krimi sind es auch ein paar zu viele Namen und Figuren, die hier auftauchen und dazu geeignet sind, den Leser, der nur eine leichte und frische Urlaubslektüre zu erwartet, zu verwirren. Nicht zuletzt kommt die Botschaft, dass alles, wonach sich der heutige moderne Mensch sehnt, nicht Glück, Reichtum oder Gesundheit sind, sondern ein Kindergartenplatz für sein Kind, ein wenig zu überdimensioniert und zu überbetont vor, aber das soll es denn auch schon an Gemecker sein.

Fazit:

“Achtsam morden“ ist eine frische Urlaubslektüre, die entspannt mit der heutigen Suche nach Entspannung und Wahrheit in einer immer verrückter werdenden Welt spielt und damit einen neuen Anachronismus erschafft. Grundsätzlich vermutet doch jeder in der Achtsamkeit einen besonderen Sanftmut, und somit ist das Spiel mit der konzentrierten Aufstellung, die sich hier nicht auf das Leben, sondern auf den Tod richtet, eine ungewöhnliche neue Sicht – die sich aber irgendwann auch langsam abläuft. Dennoch – Pool, Liege, Kaltgetränk, Buch – passt.
 

Achtsam Morden

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Letzte Kommentare:
20.09.2019 16:34:03
leseratte1310

Der 42-jährige Björn Diemel ist Anwalt für Strafrecht und Wirtschaft und immer sehr eingespannt. Auch zu Hause ist er gedanklich nicht so recht anwesend. Daher verlang seine Frau von ihm, dass er ein Achtsamkeitsseminar besucht. Er fügt sich, weil er seine Tochter liebt und Angst hat, sie zu verlieren. Björn verinnerlicht die Ratschläge seines Coachs Joschka Breitner und wendet sie an, aber auf eine etwas unkonventionelle Art und Weise. Als erstes bekommt das sein Klient Dragan Sergowicz zu spüren. Als Dragan seinen Vater-Tochter-Nachmittag stört, ist dieser plötzlich tot – ganz achtsam ermordet.
Das Buch lässt sich gut und flüssig lesen. Als Krimi würde ich es allerdings nicht bezeichnen, auch wenn viel Kriminelles darin vorkommt. Die Geschichte ist voller schwarzem Humor, über den ich mich anfangs sehr amüsiert habe, doch zunehmend gefiel mir das immer weniger. Aber da lag wohl eher an mir. Es werden durchaus ernsthafte Themen angeschnitten, die dann aber sehr überspitzt dargestellt sind. Außerdem gab es recht drastische Szenen, die mir wirklich zu heftig waren. Da wäre doch mal Achtsamkeit angesagt gewesen.
Die Personen sind alle sehr individuell dargestellt und nicht einer davon war mir wirklich sympathisch. Björn ist beruflich sehr eingespannt, was seiner Ehe nicht besonders bekommt. Seine Frau Katharina mag das gar nicht. Sie findet es zwar toll, gut versorgt zu sein, aber ansonsten nörgelt sie nur rum. Sie hätte sich eine Aufgabe suchen sollen. Aber auch Björn gefällt mir nicht, ich fand ihn ziemlich arrogant. Skrupel kennt er auch keine. Aber seine Tochter ist sein ein und alles. Die meisten Typen aus dem kriminellen Milieu waren ziemlich unterbelichtet, nur Sascha macht da eine Ausnahme.
Die Kapitel werden jeweils mit einer Achtsamkeitsregel eingeleitet und man sollte sie sich ruhig mal zu Gemüte führen.
Dieser Krimi macht Lesern Spaß, die schwarzen Humor lieben. Mich konnte das Buch nicht so packen.

18.09.2019 17:46:01
SiWi

Liest sich wirklich klasse, aber nicht als Kriminalroman, sondern als Märchen für Erwachsene: Ganz ganz dumme Ganoven, ganz ganz schlauer Rechtsanwalt (Autor).

18.09.2019 12:20:20
schnad

Achtsamkeit und Mord - zwei Begriffe, die scheinbar nicht zusammenpassen. In diesem Buch aber schon - denn das eine wäre ohne das andere vermutlich gar nicht zustande gekommen.

Das Buch dreht sich um Anwalt Björn, aus dessen Sicht es auch geschrieben ist, und seine Entwicklung vom arbeitsbesessenen Firmenanwalt ohne Zeit für Frau und Tochter, hin zum achtsam-entspannten und inoffiziellen Kartell-Leiter. Das ganze mit viel schwarzem Humor, sarkastischen und skurrilen Einwürfen und Liebe zur Tochter verpackt. Und natürlich einigen guten Achtsamkeitstipps für den Leser.

Manche Stellen fand ich persönlich etwas zu absurd bzw. weit hergeholt, aber im Großen und Ganzen habe ich das Buch gerne gelesen, oft geschmunzelt und würde mich auch über eine Fortsetzung freuen.

12.09.2019 15:24:02
PMelittaM

Anwalt Björn Diemel ist gestresst – von seiner Arbeit, von seiner Ehe – nur seine kleine Tochter liebt er heiß und innig. Ein Achtsamkeitsseminar verändert schließlich sein Leben, auf ganz unerwartete Weise.

Ich gestehe, mit Achtsamkeit habe ich mich bisher kaum beschäftigt, wusste noch nicht einmal genau, was es ist. So war das erste, das ich aus dem Roman mitnehmen konnte, diese Definitionn: „Achtsamkeit ist die wertfreie und liebevolle Wahrnehmung des Augenblicks“ (S. 10). Jedes Kapitel ist zudem mit einer Achtsamkeitsübung überschrieben, die wirklich nützlich sein kann. Auch der Protagonist weiß sie zu nutzen, und wendet sie ziemlich unkonventionell an. Dass der Autor ihn selbst in Ich-Form erzählen lässt, passt prima dazu und lässt den Leser die Geschehnisse aus Björns Sicht heraus erleben, was den (schwarzen) Humor der Geschichte noch verstärkt.

Sympathischer wird Björn einem dadurch nicht, immerhin ist er ein Anwalt, der für seine kriminellen Mandanten das Gesetz beugt, soweit es geht, und manchmal auch darüber hinaus. Dennoch ist er ein guter Protagonist (man muss sie ja immer mögen), dessen Sicht der Welt sich durch das Seminar auf interessante und unerwartete Weise verändert hat. Je weiter ich gelesen habe, umso öfter musste ich schmunzeln, ich mag schwarzen Humor sehr. Auch die weiteren Charaktere sind keine wirklichen Identifikationsfiguren, manche sogar echte Ekel.

Auch das Ende hat mir gut gefallen, so hatte ich es mir vorgestellt und so finde ich es auch für diesen Roman am passendsten. Für mich ist die Geschichte hier aber abgeschlossen, ich hoffe nicht, dass es eine Fortsetzung geben wird. Empfehlen kann ich den Roman allen, die schwarzen Humor mögen und auch mit einem weniger sympathischen Protagonisten klar kommen. 82°

12.09.2019 13:41:03
Bent Bär

Mir hat das Buch nicht gefallen. War sehr gespannt nach den tollen Rezessionen auf Amazon, aber wurde bitter enttäuscht. Im Grunde genommen war es ein Käse, sollte wohl lustig sein, gelang dem Buch jedoch nicht.
Wenn ich eine Couch-Wertung vergeben darf, dann mit Wohlwollen 30 Grad.