Blutacker

Erschienen: November 2018

Bibliographische Angaben

ORIGINALAUSGABE Paperback, Klappenbroschur, 352 Seiten, 13,5 x 20,6 cm

Couch-Wertung:

70°
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Thomas Gisbertz
Gut gemachter Thriller mit kleineren Schwächen

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jan 2019

In Köln wird ein Paketbote überfallen und brutal getötet. Das einzige entwendete Paket ist adressiert an Nicholas Meller, einen jungen Anwalt. Zeitgleich wird diesem von Baron Georg Freiherr von Westendorff das Mandat erteilt, einen befreundeten Künstler, der in Russland im Gefängnis sitzt, wieder nach Deutschland zu holen. Meller, der sich in der Welt des Adels sichtbar wohlfühlt, lässt seine Beziehungen spielen, die er als Russland-Deutscher besitzt. Erst nach und nach wird deutlich, dass die beiden Fälle zusammenhängen. Meller wird immer mehr zum Spielball der Reichen und muss sich entscheiden: Karriere oder Gerechtigkeit.

Nicholas Meller ist nach dem Medienrummel um seinen letzten Fall ein gemachter Mann - mit neuem Anwaltsbüro und luxuriöser Wohnung. Er ist mit seiner großen Liebe Nina, einer ehemaligen Referendarin, zusammengezogen - und alles läuft bestens. Als Meller von seinem neuen Klienten, Baron von Westendorff, den Auftrag erhält, den Künstler Martin Steinke aus dem russischen Gefängnis zu befreien, ahnt er noch nicht, worauf er sich dabei einlässt. Steinke hat dem jungen Anwalt zuvor offenbar ein Paket aus Wien geschickt, dass ihn aber nie erreicht.

Alles scheint mit der Zwangsversteigerung eines Grundstückes im Kölner Süden zusammenzuhängen. Dr. Eberhard Reinicken, der Rechtsbeistand von Baron von Westendorff, erwirbt das etwa drei Hektar große Gebiet, das nicht als Bauland genutzt werden darf, im Namen der EKZO GmbH für das Zehnfache seines Wertes.  Welches Motiv steckt dahinter? Wer ist der zweite Bieter Stefan Berlinghausen, der die Summe zusätzlich in die Höhe treibt? Und wer versucht, den Bauern Hinrichs von diesem Grundstück zu vertreiben?

Der Fall wird immer undurchsichtiger und dubioser, als auch noch Martin Steinke nach seiner Rückkehr in Deutschland spurlos verschwindet. Der junge Anwalt muss erkennen, dass sein Auftraggeber von Westendorff und seine Freunde in ein Netz aus Korruption und Kriminalität verstrickt sind. Nicholas Meller weiß bald nicht mehr, wem er vertrauen kann. Eines steht aber fest: Seine Gegner schrecken auch vor Folter und Mord nicht zurück.

Drehbuchschreiber als Thriller-Autor

Der gebürtige Solinger Lorenz Stassen ist eigentlich ausgebildeter Chemielaborant. Nach einer Tätigkeit als Trainee in einer Werbeagentur wechselte er ins Film- und Fernsehgeschäft - zunächst als Produktionsassistent und Set-Aufnahmeleiter bei verschiedenen Filmproduktionen. Seit 1997 arbeitet Stassen als freischaffender Drehbuchautor, u.a. für „Soko Köln“, „Soko Stuttgart“ und „Alarm für Cobra 11“.

„Blutacker“ ist nach „Angstmörder“ der zweite Thriller aus seiner Reihe um Anwalt Nicholas Meller und dessen Freundin Nina. Im ersten Band bekommen es beide mit einem unheimlichen und brutalen Mörder zu tun.

Junger Anwalt mit Sinn für Gerechtigkeit

Ein echter Gewinn des Thrillers sind die durchweg gelungenen Figuren. Stassen verzichtet auf alkoholabhängige Ermittler, die in dritter Ehe geschieden sind und drogenabhängige Kinder haben. Auch Nicholas Meller und seine Freundin durchlaufen Beziehungsprobleme, aber diese überlagern niemals die Handlung, sondern halten sich wohltuend im Hintergrund und tragen zum besseren Verständnis der beiden Charaktere bei.

Mit Nicholas Meller zeichnet der Autor die Figur eines aufstrebenden Anwalts, der trotz allem niemals abhebt und den Boden unter den Füßen verliert. Meller ist jemand, der weiß, wo er herkommt und der seine Entscheidungen reflektiert. Trotz seiner jungen Jahre ist er sich seiner Handlungen und deren Tragweite immer bewusst. Sein Credo verdeutlicht er durch ein Bild in seinem Anwaltsbüro. Darauf zu sehen ist eine Szene aus Stanley Kubricks Film „Clockwork Orange“ mit dem Zitat: „Wenn der Mensch aufhört, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu können, hört er auf, ein Mensch zu sein“.

Nichts umschreibt Nicholas Meller so gut wie diese Worte, denn auch er muss sich im Rahmen seiner Tätigkeit entscheiden, auf welcher Seite er steht. Es winken Ruhm und Reichtum, aber der junge Anwalt entscheidet sich für die Seite des Rechts. Besonders dieses Verhalten stellt ihn zutiefst menschlich und sympathisch dar.

Selbstbewusste Frau mit Problemen

Nicholas Freundin Nina besitzt einen körperlichen Makel: Sie hat einen zurückgebildeten Arm. Trotzdem oder gerade deswegen ist sie eine starke Persönlichkeit. Dennoch bewertet sie Menschen häufig danach, wie diese mit ihrer Behinderung umgehen. Obwohl sie mit Nicholas inzwischen zusammenwohnt, zeigt sie sich in ihrem Miteinander wenig beziehungsfähig und kompromissbereit. Oftmals setzt sie stur ihren Willen durch.

So entscheidet sie sich - ohne mit ihrem Partner darüber zu sprechen - gegen den gemeinsamen Plan, nach ihrem Jurastudium in der Kanzlei zu arbeiten. Dies wiederum führt selbstredend zu Spannungen in der Beziehung. Nina ist ein Mensch mit Ecken und Kanten, wodurch sie eher Kontrast zum Auftreten der gutherzigen Figur Mellers steht.

Interessante Nebenfiguren

Selbst die in Romanen häufig zu kurzkommenden Nebenfiguren nehmen bei Stassen wichtige Rollen ein. Vor allem Mellers Büroleiterin Astrid Zolliger, die stets etwas reserviert und knorrig auftritt, ist für den jungen Anwalt eine große Hilfe und Stütze. Als Russland-Deutscher kennt Meller auch zahlreiche „Freunde“ aus dem Milieu, wie etwa Pjotr, der ihn bei Kontakten nach Russland unterstützt, oder Aleksandr und Michail, die er zuweilen als Personenschutz benötigt. Besonders gelungen ist auch die Darstellung des Bauunternehmers Werner Löbe, der sich als das personifizierte Böse entpuppt und gleichzeitig ungemein lebensecht beschrieben wird. Man kennt solche Machtmenschen als Leser nur zu genüge.

Spannende Handlung mit vereinzelten Längen

Der Thriller ist durchaus - vor allem zum Ende hin - spannend. Besonders wenn Mellers scheinbar heile Welt plötzlich durch Gewalt und Mord aus den Angeln gehoben wird, nimmt die Handlung Fahrt auf. Es gibt aber auch Passagen, die etwas langatmig und zäh wirken, da sie die Handlung zunächst nicht voranbringen, wenn z.B. Nicholas und Nina ein „Event-Wochenende“ beim Baron verbringen. Vor allem die Welt des Adels und ihre Umgangsformen hätte man durchaus etwas raffen können. Auch ahnt der Leser schnell, warum das scheinbar wertlose Grundstück in Rheinnähe von großer Bedeutung sein muss, sodass das Ende nicht wirklich überrascht.

Banal oder realitätsnah?

Das eigentliche Thema des Thrillers und der Grund für Korruption und Kriminalität erscheint zunächst fast schon einfallslos und unspektakulär. Doch damit bleibt sich der Autor auch treu: keine abgehobenen, sondern lebensechte, authentische Figuren; keine überzogene Handlung, sondern eine lebensnahe Darstellung, ohne eintönig oder gar langweilig zu werden. Stassen schafft es, durch eine zwar unaufgeregte, aber niemals ideenlose, sondern wendungsreiche Handlung Spannung zu erzeugen. Man darf gespannt sein, wie es mit Nicholas Meller weitergehen wird.

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