Der Bote

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Aschehoug, 2016, Titel: 'Kalypso', Seiten: 477, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2018, Seiten: 544, Übersetzt: Daniela Stilzebach

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Carola Krauße-Reim
Komplex konstruierter Skandinavien-Thriller

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2018

Ein Plot wie ein geflochtener Zopf

Dass skandinavische Thriller meistens sehr anspruchsvoll konstruiert sind, ist bekannt, aber was Ingar Johnsrud hier abliefert ist extrem komplex. Anfangs wird der Leser von einem Handlungsstrang in den nächsten katapultiert, von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Die Vielschichtigkeit baut zwar von Anfang an eine sich ständig steigernde Spannung auf, aber sie macht es dem Leser auch schwer, den Überblick zu behalten und nicht in völliger Verwirrung zu landen. Erst nach und nach wird offensichtlich, in welchem Zusammenhang die einzelnen Szenarien stehen und langsam verflechten sich die Stränge zu einem Zopf, der im fulminanten Schluss sein Ende findet.

Angeschlagene Protagonisten geben wirklich alles

Nach "Der Hirte" hat Ingar Johnsrud nun den zweiten Thriller rund um den Osloer Hauptkommissar Fredrik Beier und sein Team abgeliefert. Doch keiner der Ermittler scheint wirklich rund zu laufen. Beier ist nach den Ereignissen in der Vergangenheit immer noch schwer angeschlagen, physisch und psychisch. Er nimmt Schmerzmittel in hohen Dosen ein, ist abhängig von ihnen, versucht aber diesen Medikamenten-Missbrauch zu vertuschen, genauso wie seine Panik-Attacken. Seine Beziehungen sind gescheitert und die Besuche beim Psychologen eine Farce.

Die sonst so gute Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Andreas ist gestört. Dieser scheint irgend etwas zu verheimlichen und scheint zur Bedrohung für Fredrik zu werden.

Iqbal Kafa ist zum ersten Mal leitende Ermittlerin, aber auch sie hat Geheimnisse. Sie versteckt Verletzungen, ist manchmal unkonzentriert und scheint mit sich nicht im Reinen zu sein. Trotzdem geben sie alles.

Und Johnsrud fährt für sie so ziemlich jedes Bedrohungsszenario auf, das es gibt.Vom simplen Schusswechsel über einen Angriff mit Narkosegas bis hin zur Entführung und Bedrohung durch das Pocken-Virus lässt er seine Ermittler alles erleiden. Doch sie scheinen Superhelden zu sein, unkaputtbar in Körper und Geist. Damit werden die ansonsten gut gezeichneten Protagonisten unrealistisch und die ganze Geschichte driftet ins Unglaubwürdige ab.

Weniger Themen wäre hier mehr gewesen

Überhaupt leidet der Thriller an Überfrachtung. Verwicklungen während des Kalten Krieges, Militärische Operationen auf fremden Territorium, Geheimdienste, biologische Kampfstoffe, aber auch persönliche Tragödien, Familiengeschichten, Rache, klunkerhafte Halsketten und natürlich die Schwierigkeiten mit denen das Ermittlerteam zu kämpfen hat - Johnsrud geht in die Vollen. Man hat den Eindruck, hier sollte alles rein in die Geschichte, um sie nicht flach wirken zu lassen.

Doch neben den überzeichneten Protagonisten macht auch das die Geschichte eher unglaubhaft als spektakulär. Täter und Lösung erscheinen dann auch zu konstruiert, so als würden sie nur so sein, um die Vorgeschichte mit den einzelnen Handlungssträngen zu rechtfertigen. Weniger Fülle wäre mehr gewesen. Die Plausibilität hätte nur profitiert und der Leser wäre weniger angestrengt durch die immerhin 542 Seiten gekommen.

Warum "Der Bote" und nicht "Kalypso"?

Der Titel der Originalausgabe lautet "Kalypso". Das ist, ohne zu viel verraten zu wollen, durchaus nachvollziehbar und aussagekräftig. Schon nach wenigen Seiten wird Kalypso erwähnt, erst ist es nur der Name auf einem Foto, aber bald stellt sich heraus "Kalypso" ist der Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte. Aber, wer soll "Der Bote" sein? Nicht nur der Titel an sich ist schon sehr kryptisch, explizit kommt im ganzen Buch kein Bote vor.

Erst nach absolvierter Lektüre kann man nach einigem Hin- und Hergrübeln einen eventuellen Grund für diesen sehr ungeschickt gewählten Titel finden. Der Verlag hätte gut daran getan es bei "Kalypso" zu belassen. Warum muss eine deutsche Ausgabe unbedingt einen anderen Titel bekommen, wenn der Originaltitel doch so passend ist?

Leser muss sich einer komplexen Handlung stellen

Dennoch, trotz aller Schwierigkeiten, "Der Bote" ist ein spannender Thriller, der atmosphärische dicht daher kommt und, der flüssig und spannend geschrieben ist, wobei die teilweise verbalen Entgleisungen ins Vulgäre absolut unnötig sind. Es ist kein Buch für zwischendurch, es verlangt vom Leser Konzentration, die Bereitschaft sich einer sehr komplexen Handlung zu stellen, aber auch über so manche Übertreibung hinwegzulesen. Wenn man dazu bereit ist, kann man sich auf eine geballte Ladung skandinavischen Thrills freuen.

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