Schwarzer Engel

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Mailand: Mondadori, 2016, Titel: 'L'angelo', Seiten: 448, Originalsprache
  • München: Piper, 2018, Seiten: 528, Übersetzt: Claudia Franz

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Thomas Gisbertz
Spannungsliteratur auf aller höchstem Niveau

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Nov 2017

Colomba Caselli ist davon überzeugt, dass die Anschläge nicht im Zusammenhang mit der IS stehen. Da sie weder die eilig einberufene Taskforce noch den Geheimdienst davon überzeugen kann, sucht sie den Kontakt zu Dante Torre, der nicht nur ein Verschwörungsfanatiker ist, sondern Colomba als genialer "Menschenkenner" bereits bei einem früheren Fall erfolgreich zur Seite gestanden hat. Schnell wird ihm nach der Analyse des Bekennervideos klar, dass mehr hinter den Anschlägen steckt muss. Gemeinsam mit drei jungen Polizisten der Squadra Mobile macht er sich inoffiziell auf die Suche nach den Hintermännern. Dennoch können sie ein weiteres grausames Attentat in einem Elektrotechnikunternehmen nicht verhindern.

Nach und nach kommt Dante aber der wahren Person, die im Hintergrund die Strippen zieht, auf die Spur. Diese hegt nicht nur ein düsteres Geheimnis, sondern versteht es auch meisterhaft, Menschen für ihre Zwecke zu manipulieren. Im Laufe der inoffiziellen Ermittlungen von Colomba und Dante wird immer deutlicher, dass die geheimnisvolle Gestalt den Tod Hunderter von Menschen zu verantworten hat und vor nichts zurückschreckt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn bei ihrem persönlichen Rachefeldzug stehen noch weitere Opfer auf ihrer Todesliste.

Überzeugende Charaktere in einem mehr als spannenden Plot

"Schwarzer Engel" ist der zweite Band der Caselli-Torre-Reihe des erfolgreichen italienischen Krimi- und Drehbuchautors Sandrone Dazieri. Bereits mit "In der Finsternis", dem ersten Fall des ungleichen Ermittler-Duos, eroberte er 2016 die internationalen Bestsellerlisten und avancierte zu einem der erfolgreichsten Thriller-Autoren Europas. Der rasante, wendungsreiche und mehr als spannende Schreibstil des Italieners sucht seinesgleichen. Dazieri versteht es sehr geschickt, historische Ereignisse und Begebenheiten mit fiktiven Elementen zu verbinden. Schnell weiß der Leser nicht mehr, was wahr ist und was erfunden.

Traumatisiertes Entführungsopfer

Mit Dante Torre hat Dazieri sicherlich eine der skurrilsten Figuren der Spannungsliteratur der letzten Jahre geschaffen. Als Kind entführt und elf Jahre lang in einem Silo gefangen gehalten, wurde er körperlich sowie seelisch misshandelt. Seitdem leidet er an Klaustrophobie und Panikattacken. Diese bekommt er selbst durch angstlösende und beruhigende Medikamente - die er in Unmengen nimmt - nur selten in den Griff. Die Gefangenschaft hat tiefe körperliche, aber besonders seelische Narben hinterlassen, die für ihn ein normales Sozialleben unmöglich machen. Er weiß nicht einmal, wie er wirklich heißt und woher er stammt.

Gebrochener Charakter mit außergewöhnlicher Fähigkeit

Den Grund hierfür führt er auf bewusstseinsverändernde Experimente zurück, die sein Entführer, den er nur den "Vater" nannte, mit ihm in der Gefangenschaft durchgeführte. Laut Dante waren auch die CIA sowie das Militär in diese dunklen Machenschaften verwickelt.

Obwohl die Öffentlichkeit ihn als Verschwörungsfanatiker abtut, besitzt er eine besondere Gabe, die er sich in der Zeit der Gefangenschaft angeeignet hat: Er kann Menschen durch ihre Körpersprache und Mimik regelrecht "lesen". Dadurch war es ihm möglich, bereits die kleinste Regung seines damaligen Entführers zu analysieren und zu deuten. Mit dieser Eigenschaft ist er in der Lage, Dinge zu sehen, die anderen nicht auffallen. Auch im aktuellen Fall ist diese Fähigkeit wieder gefragt.

Junge, aber unerschrockene Polizistin

Den Gegenpart zu Dante stellt Colomba Caselli dar. Sie ist trotz ihrer geringen Erfahrung die beste Polizistin, die Roms Polizeipräsident in seiner Einheit hat. Dante und Colomba sind sich in gewisser Hinsicht sehr ähnlich: Auch sie hat Traumata zu bewältigen. Bereits im ersten Band der Reihe wurde sie beinahe Opfer eines Bombenanschlags. Zudem erschoss sie einen Verdächtigen im Rahmen ihrer Ermittlungen. Statt Hilfe zu suchen oder sich dienstunfähig schreiben zu lassen, stürzt sie sich immer wieder in ihre Arbeit. Dabei gerät sie in Stresssituationen regelmäßig in Panik und ihr bleibt im wahrsten Sinne des Wortes die Luft weg.

Auch wenn sie nicht an Dantes Verschwörungstheorien glaubt und im Gegensatz zu ihm stark bezweifelt, dass es einen unbekannten Bruder Dantes gibt, der diese Theorien bestätigen könnte, ist sie auf seine Unterstützung angewiesen. Dantes besondere Fähigkeit und Colombas teils rationale, teils aber auch sehr emotionale Vorgehensweise ergänzen sich ideal.

Wendungsreicher Thriller mit enormen Tempo

Sandrone Dazieri merkt man seine Erfahrung als Drehbuchautor auch in diesem Thriller an. Mit einer ungeheuren Rasanz nimmt er die Leser mit auf eine Reise quer durch Europa. Sehr minutiös werden Verfolgungsjagden und Anschläge beschrieben, dass man das Gefühl bekommt, unmittelbar dabei zu sein. Dazieri lässt den Lesern mit zahlreichen Wendungen und überraschenden Einfällen kaum Zeit zum Luftholen.

Trotz der fast 500 Seiten wird es nie langweilig und es fällt einem schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Dies liegt auch an der brillanten Dialogführung, die es dem Leser zum einen ermöglicht, die Gedanken des Ermittlungsduos nachzuvollziehen und zum anderen gleichzeitig das Gefühl vermittelt, selbst Teil des Ermittlerteams zu sein. Mit einem fulminanten, actiongeladenen Ende und einer mehr als überraschenden Lösung verblüfft Danzieri den Leser und lässt ihn mit einem interessanten Cliffhanger gleichzeitig auf weitere Folgen der Reihe hoffen.

Der neue König des Thriller-Genres

In der Leichtigkeit der Sprache und dem damit verbundenen Lesefluss erinnert Dazieri stark an die O'Loughlin-Reihe von Michael Robotham. Aber anders als beim australischen Autor, der seine Hauptfiguren eher klassisch im näheren Umfeld ermitteln lässt, sind die Fälle von Colomba und Dante von größerer internationaler Tragweite, wobei auch Geheimdienste und das Militär eine wichtige Rolle spielen.

Auch wenn es nicht zwingend notwendig ist, erscheint es sicherlich von Vorteil, den ersten Band der Caselli-Torre-Reihe gelesen zu haben, da die Handlungszusammenhänge schneller deutlich werden und die Figuren in ihrer Komplexität besser zu verstehen sind. Dazieri legt die Messlatte mit dem zweiten Band der Reihe nochmals ein Stück höher und es dürfte schwer fallen, Vergleichbares auf derart hohem Thriller-Niveau zu finden. Man kann sich schon jetzt auf den nächsten Fall dieses eigenwilligen Ermittlerduos freuen.

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