Quercher und der Blutfall

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Dortmund: Grafit, 2017, Seiten: 352, Originalsprache

Couch-Wertung:

85°
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Andreas Kurth
Wenn Schlapphüte die alternden Revoluzzer jagen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2017

Nach seinem vorzeitigen Ausscheiden beim bayrischen Landeskriminalamt bessert Max Quercher seine Pension mit Hilfsarbeiten in einer Schreinerei in der oberbayrischen Provinz auf - was seiner adeligen Freundin Regina von Valepp überhaupt nicht gefällt. Sie vermittelt ihm einen Ermittlungsauftrag bei blaublütigen Freunden. 1986 wurde Ferfried von Scheven vor seiner Haustür erschossen. Die Familie des damaligen Atom-Managers möchte endlich Gewissheit, denn die staatlichen Ermittler haben den Fall nie aufgeklärt.

Quercher taucht tief in das alte RAF-Thema ein, und merkt bei seinen Recherchen schnell, dass er es mit verschiedenen Akteuren und Interessengruppen zu tun hat.

Alternde Kämpfer aus der RAF und Unterstützer aus ihrem Umfeld werden nach wie vor vom Verfassungsschutz verfolgt, dunkle Seilschaften sind noch intakt - und Querchers persönliches Umfeld ist betroffen. Aber wie ein Bluthund setzt sich der erfahren Ermittler auf die Fährte - wo ihm diversen Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Querchers kompliziertester Fall fordert seinen ganzen Einsatz - bis zum überraschenden Finale.

Ein herrliches Betätigungsfeld für Verschwörungstheoretiker

Quercher und der Blutfall ist der fünfte Roman um den knorrigen LKA-Ermittler aus der Feder von Max Calsow. Die Leser der Krimi-Couch haben ihm dafür im Durchschnitt jeweils über 90 Grad gegeben. Das hohe Niveau kann der Autor auch in seinem neuen Buch halten, mit einem guten Plot und viel Spannung. Politische Bezüge und viele Anspielungen zeichneten die Quercher-Romane immer aus, mit dem RAF-Thema bewegt sich Calsow deutlich in Richtung Polit-Thriller.

Im Sachbuch-Bereich hat die RAF jüngst einiges an neuer Aufmerksamkeit erfahren, da werden sogar die blinden Flecken der RAF aufgelistet. Auch einige Thriller-Autoren sind da immer mal wieder am Ball, und Martin Calsow hat ebenfalls einen Plot entwickelt, der lose Fäden alter Attentate aufgreift. Wer meint, damit würden olle Kamellen aufgewärmt, sollte sich die Berichterstattung über Banküberfälle mutmaßlicher RAF-Mitglieder in Norddeutschland in Erinnerung rufen.

Es gibt noch unentdeckte Kader aus dem Kern der Terror-Truppe, und zahlreiche Morde sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Ein herrliches Betätigungsfeld also für Verschwörungstheoretiker - und für versierte Thriller-Autoren. Martin Calsow hat dazu einen stimmigen Plot zu Papier gebracht.

Lässt die Atom-Lobby einen Abweichler einfach umlegen?

Die Spezl-Wirtschaft in Bayern, rund um die ewig regierende C-Partei, hat der Autor schon in seinen bisherigen Romanen aufs Korn genommen. Jetzt erweitert Calsow die Perspektive, und geht auf die Bundesebene. Auch dort gibt es Seilschaften der unterschiedlichen Art, beispielsweise zwischen einflussreichen und mächtigen Behörden und ebenso einflussreichen Lobbyisten. Die Idee, irgendein Geheimdienst könnte den einen oder anderen RAF-Mord selbst inszeniert haben, spukt ja nicht nur bei Verschwörungstheoretikern durch die Köpfe.

Das Thema V-Leute von LKA, BKA, Verfassungsschutz verschiedener Bundesländer in der Unterstützer-Szene ist ja nicht erst im Zusammenhang mit den Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) aufgetaucht. Seit die Rote Armee Fraktion bombend und mordend durch Deutschland zog, waren die Sicherheitsbehörden aller Ebenen bemüht, durch V-Leute die linke Szene zu unterwandern - wie später eben auch die rechte.

Und die Überlegung, ein nicht mehr linientreuer Atommanager sei nicht durch Terroristen, sondern durch interessierte Kreise ausgeschaltet worden, ist da nicht völlig aus der Luft gegriffen. Mit seinem Plot und den dazugehörigen Protagonisten hat Martin Calsow in meinen Augen ein durchaus denkbares Szenario geschaffen.

Handlung bekommt im Schluss-Drittel eine enorme Dynamik

Max Quercher ist - mit seinem persönlichen Umfeld - ein Ermittler, wie er einfach Spaß macht. Er ist weder durch Alkohol noch andere Suchtmittel kaputt, er leidet nicht unter irgendwelchen Traumata, und muss sich auch nicht um verstörte Kinder kümmern. Er ist ein bayrischer Grantler, mit einer adeligen Freundin, und als Ermittler so hartnäckig wie genial. Mir persönlich gefällt Quercher außerordentlich gut, in der Top-5-Liste meiner literarischen Ermittler ist er auf jeden Fall weit vorne dabei. Schon deshalb, weil er bei allen Ecken und Kanten irgendwie so normal wirkt.

Mutig fand ich, dass Calsow hier reihenweise zentrale Protagonisten dieses Romans aus dem Spiel nimmt. Das ist ungewöhnlich, und hat der Handlung im Schluss-Drittel eine enorme Dynamik gegeben. Max Quercher wird zudem ein Ortswechsel verordnet, ich bin sehr gespannt, wie das funktioniert. Ich will nicht zu viel verraten, aber ich werde zeitnah die Lektüre des zweiten Romans aus der Reihe um Andreas Atlas nachholen. Martin Calsow ist ein innovativer Autor, der ausgezeichnet spannende Geschichten erzählen kann. Auf die nächste freue ich mich schon.

Quercher und der Blutfall

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