Eisige Flut

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Köln: Bastei Lübbe, 2018, Seiten: 528, Originalsprache

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Thomas Gisbertz
Atmosphärisch dichter Krimi mit überraschendem Ende

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Aug 2017

In seinem nunmehr fünften Fall bekommt es Hauptkommissar Benthien mit einem anscheinend geisteskranken Serientäter zu tun, der das Ermittlerteam lange Zeit vor ein Rätsel stellt. Warum entführt der Täter sein erstes Opfer, Anja Darling, wenn er es anschließend doch tötet, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen? Welches groteske Motiv steckt dahinter?

Als ein zweites Opfer in Harrislee auftaucht, wird deutlich, dass die Fälle zusammenhängen: Auch Arthur Peters, ein ehemaliger Bauer und Jäger, wurde mit Eis überzogen und auch bei ihm findet man im Bauchnabel etwas Ungewöhnliches: eine Antibabypille. Scheinbar möchte der Täter der Polizei mit den "Fundstücken" Hinweise geben. Obwohl das Ermittlerteam mit Hochdruck an beiden Fällen arbeitet, kommt es zunächst keinen Schritt weiter.

Als auf der Insel Amrum ein dritter Mord geschieht, ist das LKA erneut machtlos. Noch bleibt unklar, wie die Fälle zusammenhängen und was die Opfer miteinander zu tun haben. Benthien und sein Team scheinen an ihre Grenzen zu stoßen, zumal sie auch privat mit Problemen zu kämpfen haben. Der Mörder scheint ihnen immer einen Schritt voraus zu sein, und die Ermittler müssen damit rechnen, dass er erneut zuschlagen wird. Allmählich wird aber auch deutlich, dass das Motiv in der Vergangenheit zu suchen ist und dass es sogar eine Verbindung zu Hauptkommissar Benthien und seinem Jugendfreund, Oberkommissar Fitzen, gibt. Der Täter kommt beiden immer näher. Sein nächstes Opfer hat er sich im Umfeld des Ermittlerteams längst ausgesucht.

Realistische Handlung mit einem sympathischen Ermittlerteam

Es braucht für den unerfahrenen Ohlandt-Leser zunächst etwas Zeit, bis er die einzelnen Ermittler im Team kennt. Wohlweislich setzt die Autorin eine Personenliste der Kripo Flensburg und der Mitarbeiter der Kriminaltechnik an den Beginn des Romans. Auch die einzelnen Zuständigkeiten und Hierarchien sind anfänglich etwas verwirrend. Man liest sich aber schnell ein und lernt ein durchaus interessantes Ermittlerteam kennen.

Was auf den ersten Blick etwas langatmig anmutet, ist aus meiner Sicht der eigentliche Gewinn des Romans: Benthien und seine Kollegen brauchen viel Zeit, um dem Täter auf die Spur zu kommen, obwohl sie in alle Richtungen ermitteln. Zum einen wirkt dies auf den Leser sehr glaubwürdig, zum anderen bereitet es den großen Clou am Ende des Krimis geschickt vor. Langweilig wird es auf keinen Fall, dafür sorgt Nina Ohlandt schon: es gibt zahlreiche Verdächtige, interessante Wendungen und private Einblicke in das Leben der Ermittler, die klug in die Handlung eingebettet sind.

Ermittler-Paar hat kaum Zeit füreinander

Hauptkommissar Benthien und Oberkommissarin Lilly Velasco sind seit kurzem ein Paar. Leider bleibt ihnen nicht nur wegen der aktuellen Fälle wenig Zeit füreinander, sondern auch wegen Lillys Ex-Freund, der schwer verletzt aus einem Afghanistan-Einsatz als Reporter zurückkehrt und auf eine neue Chance bei ihr hofft. Auch Oberkommissar Tommy Fitzen würde gerne mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen, wird aber immer stärker in den Fall eingebunden.

Eine sehr sympathische Nebenfigur ist Ben, der Vater Benthiens, der auf seine alten Tage auf die Idee kommt, einen Foodblog im Internet zu betreiben und seinen Sohn immer wieder als Testperson für seine Kreationen zu benutzen.

Auch die zahlreichen Verdächtigen sind eher skurrile Figuren: Da wäre zum einen Jenko Andresen, ein junger Apotheker, der nicht nur durch sein Äußeres auffällt (grauer Pferdeschwanz, tätowierte Ringe auf den Fingern, Totenschädelohrring), sondern das LKA mit Missachten straft, sich an keinerlei Absprachen hält und einem merkwürdigen Hobby nachgeht. Zum anderen aber auch das ältere Ehepaar Rittstiegs, das auf Amrum Urlaub macht und das wegen seines seltsamen Verhaltens Rätsel aufgibt. Leider fehlt es etwas an düsteren oder kantigeren Figuren, da die Verdächtigen meines Erachtens etwas zu sympathisch beschrieben werden.

Spannende Motivsuche mit vielen falschen Fährten

Der Leser ist den Ermittlern eigentlich immer einen Schritt voraus, da Nina Ohlandt die Gedanken und Beweggründe des Täters durch Briefe, die dieser an seine Tochter schreibt, offenlegt. Zu Beginn kann der Leser aber mit den Hinweisen nichts anfangen. Erst im Laufe des Romans wird deutlicher, was in der Vergangenheit Schreckliches passiert ist und wie dies den Mörder geprägt hat. Dennoch weiß man bis kurz vor dem Ende des Romans nicht, wer der Täter ist. Dann trifft es den Leser aber mit voller Wucht.

Ohlandt kommt trotz der grotesken Art der Leichendarstellungen ohne große Brutalität und Gewalt aus. Die Spannung wird vor allem dadurch erzeugt, dass die Ermittler scheinbar den Taten des Mörders hilflos ausgeliefert sind. Es gibt viele Spuren, denen sie hoffnungsvoll nachgehen, die aber immer wieder ins Leere verlaufen. Das hat auch seinen Grund, den der Leser aber erst am Ende erfährt. Dennoch hätte man auf die ein oder andere falsche Fährte verzichten können, um die Handlung nicht zu überladen. Insgesamt ist "Eisige Flut" ein spannender Krimi, den man von Anfang an genau lesen sollte. Sicherlich hat der Roman aus meiner Sicht hier und da seine Längen, etwa wenn es um das Privatleben der Ermittler geht. Das ist aber auch eine Geschmacksfrage, denn manchen Lesern wird genau das gefallen.

Gelungener Nordsee-Krimi

Nina Ohlandts aktueller Nordsee-Krimi "Eisige Flut" ist ein spannender und unterhaltsamer Roman mit einem überraschenden Ende. Allein hierfür lohnt sich die Lektüre schon. Alle, die einen spannenden, aber nicht brutalen Krimi mit überzeugenden Figuren suchen, liegen mit diesem Fall der Flensburger Ermittler genau richtig. Auch Anhänger der Krimis von Eva Almstädt, Katharina Peters, Hendrik Berg oder auch Bent Ohle werden mit dem fünften Band der Benthien-Reihe ihre Freude haben.

Eisige Flut

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Letzte Kommentare:
20.02.2018 08:51:59
cybergirl

Eisleichenfund im Hohen Norden
Anja Derling, die seit 4 Wochen als vermisst gemeldet ist, steht morgens, als die Mutter die Tür öffnet, plötzlich davor. Es sieht aus, als ob sie gerade klingeln wollte. Nur Anja ist tot und als Eisskulptur vor das Haus ihrer Eltern platziert worden.
Hauptkommissar John Benthien und sein Team werden zum Tatort gerufen.
Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass Anja ein sehr einsames Leben geführt hatte.
Die einzigen zwei Freunde aus Jugendzeit sind Johannes Brederloh und Martha Gropius.
Aber auch zu ihnen hat Anja kaum noch Kontakt. Als bald darauf die zweite und dritte Eisleiche auftaucht geraden die zwei Jugendfreunde unter Verdacht.
„Eisige Flut“ ist der 5. Nordsee Krimi mit Hauptkommissar John Benthien und seinem Team aus der Feder von Nina Ohlandt. Für mich ist es das erste Buch der Autorin.
Zum besseren Verständnis ist es nicht nötig die 4 vorherigen Bücher gelesen zu haben. Es gibt am Anfang einen Überblick der Personen die zum Team gehören und am Ende des Buches noch mal ein Hinweis auf die restlichen wichtigen Personen.
Von der ersten Seite an war ich von der Story gefangen, der Beginn war schon sehr spannend und ich kann versprechen, die Spannung hält sich auch bis zum Ende des Buches aufrecht.
Das Auffinden der Eisleichen war so visuell beschrieben, man hat es förmlich vor seinem inneren Auge sehen können.
Die Protagonisten sind mir (fast alle) sympathisch.
Das Team besteht aus 9 Mitarbeitern, dazu kommen noch die Kriminaltechnik und die Staatsanwältin.
Mal kein Krimi die dem nur ein oder zwei Ermittler alleine vor sich hin arbeiten. Das macht das Ganze authentischer und glaubhafter für mich.
Natürlich bleibt es nicht bei einer Leiche, nach und nach tauchen noch zwei weitere Leichen auf. Es gibt einige Verdächtige.
Beim Lesen hatte auch ich immer wieder einen Verdacht wer der Täter sein könnte, habe es dann aber wieder zerschlagen um es nach ein paar Seiten doch wieder in Erwägung zu ziehen. So ging es mir fast bis zum Ende, ich war genauso ratlos wie die Ermittler.
Es gibt zwar zwischendurch immer wieder Briefe, die offensichtlich der Täter an seine Tochter, die er darin Mausezähnchen nennt, schreibt. Darin erzählt er von seiner schweren Jugend und der genauso schweren Beziehung zu deren Mutter. Aber auch das hat nicht wirklich zum Täter geführt.
Das Ende war dann ein wahres Feuerwerk. Es ging Schlag auf Schlag. Es gab Hinweise und Kombinationen der Ermittler die Stück für Stück zum Ziel führten und das Ende war dann doch sehr überraschend aber auch schlüssig für mich.
Eine Figur muss noch erwähnt werden auch wenn sie nicht im Zusammenhang mit dem Fall steht.
Ben, der Vater von John. Er hat nach dem Tod seiner Frau wieder Freude am Leben gefunden. Hat er doch die Idee einen Foodblog zu schreiben und dazu denkt er sich tolle Rezepte aus wie z. B. Risotto mit Roter Bete, Ziegenkäse, Sahne und Brombeeren.
Ben war meine heimlich Lieblingsfigur und ich hoffe, dass ich auch von ihm noch viel in den nächsten Büchern dieser Reihe lesen kann.
„Eisige Flut“ ist für mich ein gelungener, spannungsgeladener Krimi den ich uneingeschränkt empfehlen möchte.
Mich hat das Buch so beeindruckt, dass bei mir schon Küstenmorde, der 1. Fall von John Benthien auf dem Nachttisch liegt.

18.02.2018 21:51:48
wampy

Buchmeinung zu Nina Ohlandt – Eisige Flut

Meine Meinung:
Dies ist mein erster Benthien und er wird nicht der letzte bleiben. Schon die Aufbereitung der ersten Leiche spricht für den Ideenreichtum der Autorin. Von Beginn an hat man das Gefühl, das der Täter mit der Polizei spielt. Er ist den Ermittlern generell mindestens einen Schritt voraus. Neben den stockenden Ermittlungen gehören auch persönliche Geschichten unabdingbar zu dieser Serie. John Benthien kennt die meisten Kollegen schon Längere Zeit, teilweise schon seit der Kindheit. Ein netter Nebenschauplatz ist der Food-Blog seines Vaters Ben, Aber nicht alles läüft rund und Beziehungsprobleme spielen eine Rolle. Trotzdem funktioniert die Zusammenarbeit des Teams gut, bis auf einen Kollegen, der seine eigenen Wege geht. Es geschehen weitere spektakuläre Mordkompositionen und die Ermittlungen kommen nicht recht voran. Im Buch sind Briefe des Täters an seine Tochter enthalten, die das Motiv des Täters verdeutlichen. Er ist in seiner Jugend heftig von anderen Jugendlichen auf einer Jugendfreizeit gemobbt worden. Dies ist den anderen Beteiligten aber nicht bewußt, auch weil nicht die Teilnehmer direkt getötet werden. Die Spannung bleibt auf einem hohen Niveau und man spürt die aufkommende Verzweiflung bei den Ermittlern.
Gekonnt wird der harte Jahrhundertwinter in die Handlung eingebaut und persönliche Geschichten lockern den recht harten Kriminalfall auf. Beziehungen spielen im privaten Bereich und bei den Ermittlungen eine große Rolle. Die Ermittlungen decken traurige Schicksale auf und es dominiert eine dunkle Stimmung.
Der Fall ist gut geplottet und die Auflösung ist vollständig, überraschend und überzeugend. Die Figurenzeichnung gefällt und die Figuren haben Ecken und Kanten, wozu viele Grautöne der Figuren beitragen. Manchmal handeln die Figuren mehr menschlich als vernünftig.

Fazit:
Ein überzeugender Krimi aus dem Norden der Republik, der gekonnt Ermittlungen und Privatleben miteinander verknüpft. Von mir gibt es gute vier von fünf Sternen (85 von 100 Punkten) und eine klare Leseempfehlung.

07.02.2018 10:47:48
tigerbea

Elke Derling muß ständig an ihre spurlos verschwundene Tochter Anja denken. Als sie eines morgens die Zeitung herein holen möchte, bekommt sie den Schreck ihres Lebens. Vor ihrer Tür steht Anja - eingehüllt in Eis. Das Team rund um John Benthien wird mit diesem seltsamen Mord konfrontiert. Doch es soll nicht bei dieser einen Eisleiche bleiben. Es werden noch zwei weitere aufgefunden.  Diesmal zog der Mörder seinen Kreis bis auf die Insel Amrum. Bei den Obduktion werden jeweils im Bauchnabel der Leichen mysteriöse Leichenbeigaben entdeckt. John steht vor einem Rätsel. Doch auch privat steht John vor einem Rätsel. Denn Lilli verhält sich seltsam, irgendetwas verbirgt sie vor ihm. Doch dann kommt es zu einer Entführung und John muß erkennen, daß der Grund für alles weit in der Vergangenheit zu suchen ist.


Auch dieser fünfte Band der Serie um John Benthien ist einfach klasse. Nina Ohlandt schafft es mit ihrem Schreibst zu fesseln und stellt alles unendlich bildlich dar. Man meint förmlich mitten im Geschehen zu sein und bei der Beschreibung des eisigen Februars an der Nordsee friert man automatisch. Aber auch die Charaktere sind perfekt dargestellt. Ich denke, wer mit diesem Band die Serie beginnt, wird keinerlei Probleme bekommen. Und die alten Serienhasen freuen sich über das Wiederlesen mit mittlerweile sehr guten Bekannten, die ans Herz gewachsen sind und die man zwischen den Erscheinungsterminen einfach vermißt. Nina Ohlandt schafft es perfekt die Spannung durch immer wieder ausgelegte Irrwege bis zum Ende sehr hoch zu halten. Man hat wirklich bis zum Ende keinerlei Ahnung, wer der Täter ist. Man meint, man hätte ihn enttarnt - und ist wieder auf eine Falle hereingefallen. Doch such der Unterhaltungswert kommt nicht zu kurz. So erlebt man Johns Vater mit seinen sich ständig ändernden Hobbys und Johns Privatleben, das sich auch hier wieder weiterentwickelt. Was mich bei Nina Ohlandt immer wieder überzeugt, ist die realistische Ermittlung. Hier wird nicht einfach alles verbogen, bis es zum gewollten Ende paßt, nein, hier ist alles sehr gut nachvollziehbar und auch die Methoden sind realistisch.
Ich kann diesen Krimi wirklich sehr empfehlen. Er beinhaltet alles - Spannung, Lokales und Menschlichkeit.