Shutter Man

Erschienen: Juni 2017

Bibliographische Angaben

  • New York: Mulholland, 2015, Titel: 'Shutter man', Originalsprache
  • Köln: Bastei Lübbe, 2017, Seiten: 477, Übersetzt: Jan F. Wielpütz

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Michael Drewniok
Iren und Irre: (auch) als Thriller eine unglückliche Kombination

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2019

Während des Zweiten Weltkriegs wanderten Liam und Máire Farren aus Irland in die USA ein. In Philadelphia siedelten sie sich im schon damals verrufenen Viertel „Devil’s Corner“ ein. Dort eröffnete das Paar eine Spelunke, die zum Treffpunkt für Strolche und Säufer wurde. Das eigentliche Geld machte Liam als Dieb und Schutzgelderpresser; dank seiner grenzenlosen Brutalität hatten die Farrens bald das Sagen in „Devil’s Corner“, zumal die Söhne Patrick und Danny sogar noch mordlüsterner waren. Während Patrick kinderlos starb, weihte Danny vor seinem ebenfalls vorzeitigen Tod die Söhne Michael und Sean in die Familientraditionen ein.

Sieben Jahrzehnte, nach Liam und Máire ins Land kamen, wird Philadelphia von einer Serie bizarrer Morde erschüttern. Den Opfern wird durchs Herz geschossen, bevor man ihnen die Gesichtshaut abzieht. Für die Mordkommission bearbeitet Sonderermittler Kevin Byrne mit seinem Team diesen Fall. Nur wenige Indizien müssen mühsam zu einem erklärenden Puzzle zusammengesetzt werden, was den Mördern Gelegenheit bietet, weiterhin einem bizarren ‚Plan‘ zu folgen, der die Bluttaten für sie ‚begründet‘.

Auch Byrnes frühere Partnerin Jessica Balzano, die zur Justiz übergewechselt ist, wird in den Fall verwickelt, nachdem dieser sein ausladendes Wurzelwerk enthüllt, das tief in der Historie von Philadelphia gründet. Byrne ist selbst betroffen, denn einen Teil seiner Kindheit hat er in „Devil’s Corner“ verbracht, wo er und seine besten Freunde mit den Farrens aneinandergerieten. Damals fand Patricks und Dannys Bruder Desmond ein gewaltsames Ende, über das Byrne mehr weiß, als er sich selbst eingestehen möchte. Dennoch sind er und Balzano lange machtlos gegen den Wahnsinn der Farrens, die sich als Opfer eines Fluches betrachten, der nur durch die strikte Einhaltung eines blutigen Rituals gebrochen werden kann …

Was tun, wenn es auf die Spitze getrieben wurde?

Seit 2005 verwickelt Autor Richard Montanari das Ermittler-Duo Byrne & Balzano in Kriminalfälle, die stets jenseits der üblichen Norm angesiedelt sind. Realiter sind 99,9 von 100 Verbrechen denkbar simpel. Ihre Verursacher werden schnell geschnappt, weil sie ihre Tat/en ohne Gedanken an die Konsequenzen begehen. Das kriminelle Genie ist primär eine Erfindung der Unterhaltungsindustrie, denn Wahnsinn und Intelligenz tarieren sich nicht oder nur kurzfristig so aus, dass Verbrecher ihre Verfolger nicht nur austricksen, sondern ihnen darüber hinaus auf den Nasen herumtanzen, um sie als Dummköpfe zu demütigen.

Weiterhin bleibt Hannibal Lecter ein selten erreichtes, doch viel zu oft beschworenes Vorbild, wenn es gilt, einen übermächtigen und unheimlichen Gegner zu kreieren. Über die Jahre sind sämtliche Möglichkeiten, Irrsinn mit (scheinbarer) Begründung darzustellen, genutzt und schließlich überreizt worden. Heute ist es praktisch unmöglich, ‚neue‘ Grausigkeiten zu erfinden, obwohl zahlreiche Autoren es unverdrossen (und mit oft unfreiwillig komischen Ergebnissen) versuchen.

Geht man mit diesem Konzept in Serie, werden die Schwierigkeiten von Band zu Band erst recht größer, bis irgendwann jener Moment kommt, für den die US-Fernsehkritik den wunderbaren Ausdruck „Jumping the Shark“ gefunden hat: Die stetige Übertreibung um neuer Unterhaltungsüberraschungen willen erreicht den Punkt, an dem die Bereitschaft des Publikums dem zu folgen plötzlich ins Gegenteil umschlägt. Danach geht es mit einer solchen Serie in der Regel rasch abwärts.

An sich ein guter Krimi

Richard Montanari hat sich in diesem schwierigen Spiel bisher wacker behauptet. Zwar schwächelte auch er, wenn er sich neue kriminelle Herausforderungen für Byrne & Balzono aus dem Hirn wrang. Wirklich zu Fall ist er bisher nicht geraten. „Shutter Man“ markiert allerdings ein knapp fünfhundertseitiges Straucheln. Zwar rettet sich der Autor ins Finale, doch viel weiter hätte er es nicht mehr geschafft und wäre endgültig zu Boden gegangen.

Byrne-&-Balzano-Romane sind erfolgreich. Montanari hat bisher nichts vergleichbar Einträgliches zustande gebracht. Deshalb muss er weiterhin liefern - eine Situation, in der sich viele Schriftsteller gefangensehen, die nur auf einem Bein stehen, d. h. deren Ruhm mit einer einzigen Serie verknüpft ist. Dann ist es übel, wenn die Muse streikt, weil das Konzept und die Figuren ausgeschöpft sind.

„Shutter Man“ ist kein ‚schlechter‘ Thriller. Der Plot funktioniert, und die Figur eines gesichtsblinden Killers ist sogar originell: Wie kann man morden, wenn man nicht einmal die eigenen Familienmitglieder erkennt? Für seinen gehandicapten Mörder denkt sich Montanari plausible Eselsbrücken aus und weiß das Leiden klug zu nutzen, um den bisher so überlegenen, nicht zu fassenden Täter entscheidende Fehler begehen zu lassen, als das Finale naht.

Kelten sind … seltsam

Doch Montanari liegt das Joch des Serien-Konzepts auf dem Nacken. Wenn Byrne und Balzano ermitteln, muss es mysteriös und latent übernatürlich zugehen. Der Verfasser hat sich selbst in eine Ecke gedrängt, indem er immer wieder aufwärmte, dass Byrne einst in einen Eisteich stürzte, für einige Minuten ‚tot‘ war und seither über das „Zweite Gesicht“ verfügt. Schreibt man Thriller, in denen die Darstellung des Polizei- und Justizalltags betont realitätsnahe ist, bedeutet so etwas ein Risiko. Montanari jonglierte bisher recht erfolgreich mit diesem Ball und setzte Byrnes ‚Blick‘ maßvoll ein.

Auch dieses Mal wird es latent übernatürlich. Dafür gibt es jedoch keinen echten Grund, was den Unterschied zwischen „unterhaltsam“ und „unglaubwürdig“ ausmacht. Montanari greift weit aus, wenn er die Geschichte des Farrens erzählt, die im Irland der 1940er Jahre beginnt. Statt glaubhafter Figuren gelingen ihm nur Klischees. Liam und vor allem Máire sind Bewohner eines Keltenreiches, in dem des Nachts Kobolde und Elfen tanzen. Das meint Montanari zwar nicht ernst, aber es taugt auch nicht als Motiv für einen Wahnsinn, der die Farrens generationsübergreifend als ‚Fluch‘ begleitet. Stattdessen verfestigt sich im Leser das Bild einer Sippe, deren Mitglieder einfach einen Dachschaden haben. Auch „Devil’s Corner‘ als von der Zeit vergessene Nische im Stadtbild von Philadelphia bleibt pure Behauptung. Ebenfalls unglücklich ist es, Byrne eine Jugend anzudichten, die ausgerechnet hier ihren dramatischen Höhepunkt findet.

Um der sich zeitweise dahinschleppenden Handlung zusätzliches Leben einzuhauchen, schöpft Montanari eine Tragödie aus dem Klischee-Mustopf: Vier Jugendfreunde hüten ein gefährliches Geheimnis, das sich selbstverständlich wieder meldet, als sie erwachsen und erfolgreich geworden sind. Das kann durchaus spannend geschildert werden, bleibt bei Montanari jedoch kalter Kaffee. Dazu fügt sich, dass Jessica Balzano bei nüchterner Betrachtung handlungsüberflüssig ist. Nicht einmal durch private Probleme kann sie sich dieses Mal wirklich bemerkbar machen, was das Bild eines keineswegs ‚schlechten‘ Romans vervollständigt, der im Rahmen der Serie jedoch einen - oder den? - Tiefpunkt markiert.

Fazit:

Der neunte Band der Balzano/Byrne-Serie bietet mehr Rauch als Feuer: Ein zwar solider, aber nicht raffinierter Plot soll künstlich durch allerlei mythisches Gewese aufgewertet werden. Das funktioniert nicht, sondern schadet einem ansonsten plausiblen, handwerklich sauber erzählten Polizei-Krimi und Psycho-Thriller.

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