Zersetzt

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2016, Übersetzt: David Nathan

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Thomas Gisbertz
Nichts ist grausamer als die Realität

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Dez 2018

in Kürze: Dr. Fred Abel, Rechtsmediziner beim Bundeskriminalamt, hat alle Händen voll zu tun. Moah Aslewi, Reinigungskraft im Berliner Abgeordnetenhaus, wird in einem Kellerraum des Paul-Löbe-Hauses ermordert aufgefunden. Vermeintliche Todesursache: Waterboarding. Gleichzeitig landet ein weiterer Fall auf Abels Schreibtisch: Der zunächst unauffällig erscheinende Tod des Immobilienmaklers Dominik Kreisler weckt düstere Erinnerungen an einen sadistischen Psychopathen, den Abel aus Studienzeiten her kennt.

Zu allem Überfluss wird er als Rechtsmediziner dazu bestimmt, zwei nahezu vollständig zersetzte Leichname in Transnistrien zu identifizieren. Dabei gerät Abel in das Visier eines skrupellosen Geheimdienstes und muss um sein Leben fürchten.

Im Fall des ermordeten Immobilienmaklers kommt Abel einem bekannten Kommilitonen aus Hannover auf die Spur. Dieser scheint seine sexuellen Neigungen an wahllosen Entführungsopfern ausleben zu wollen. Darüber hinaus scheint dieser aber auch an den Ermordungen wohlhabender Männer beteiligt zu sein.

Abels Einsatz in Transnistrien hat dagegen politische Brisanz. Ex-General Burkjanov, der noch vor wenigen Monaten Chef des dortigen Geheimdienstes war, hält sich in Deutschland auf und bittet hier um politisches Asyl. Der Präsident des völkerrechtlich nicht anerkannten Staates Transnistrien sowie der Oligarch Stepanov, dessen Enkel einwandfrei als Leichen identifiziert werden sollen, sehen beide im Ex-General den Auftraggeber der Morde.

Genauso wie die deutschen Behörden haben sie nur ein Interesse: Burkjanov soll in Transnistrien vor Gericht gestellt und verurteilt werden. Burkjanovs Einfluss in der alten Heimat ist aber noch groß genug, um die dortigen Ermittlungen zu beeinflussen.Vor Ort wird für Abel immer deutlicher, dass das »richtige« Ergebnis seiner Obduktion vom Geheimdienst und wohl auch vom Ex-General gewünscht wird. Der Rechtsmediziner flüchtet kurzerhand und eine atemlose Hetzjagd durch das transnistrische Grenzgebiet beginnt.

Rechtsmediziner und Buchautor

Michael Tsokos leitet seit 2007 das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Er ist Deutschlands bekanntester Forensiker und hat im ehemaligen Jugoslawien bei der Identifizierung von Leichen aus Massengräbern sowie 2004 nach dem verheerenden Tsunami in Asien geholfen. 2014 gründete er in Berlin die erste Gewaltschutzambulanz. Bekanntheit erlangte Tsokos auch durch den Thriller »Abgeschnitten«, der derzeit in den deutschen Kinos läuft und den er zusammen mit Sebastian Fitzek verfasste.

Andreas Gößling lebt als Schriftsteller und Verleger in Berlin. Der Germanist, Politik- und Kommunikationswissenschaftler hat zahlreiche Romane und Sachbücher publiziert, zuletzt den True-Crime-Thriller »Wolfswut«. Zusammen mit Tsokos schrieb er 2015 den ersten Teil der Abel-Reihe »Zerschunden«. 2017 erschien mit »Zerbrochen« der bislang letzte Band der Reihe. Die Handlung von »Zersetzt« spielt zehn Monate vor den Ereignissen in »Zerschunden« und erklärt das Ende des ersten Falles, bei dem Abel fast zu Tode kommt.

Reale Hintergründe und Fakten

Wie der Name »True-Crime-Thriller« schon verrät, beruhen auch die einzelnen Fälle in »Zersetzt« auf wahren Begebenheiten und biografischen Erlebnissen. Dadurch erscheint Dr. Fred Abel fast schon als eine autobiografische Figur. Genauso wie Tsokos ist er Rechtsmediziner und war Fernspäher bei der Bundeswehr. Dadurch wirken die einzelnen Geschichten sehr real und glaubhaft. Was den Thriller zusätzlich interessant macht, ist die Tatsache, dass auch Orte und Personen nicht fiktiv sind. Allerdings gibt das Autorenpärchen deren wahre Identität nicht preis.

Widerwärtige und abstoßende Handlung

Die einzelnen Fälle in »Zersetzt« sind mehr als grausam. Auch wenn das Fundament der Handlung aus Fakten und Realität aufgebaut ist, erscheint der Thriller immer dann äußerst brutal und widerwärtig, wenn den Autoren keine Protokolle vorlagen und sie stattdessen ihrer Phantasie freien Raum ließen. Obwohl sich hier die Fiktion den Fakten anpasst, sind diese oftmals bestialischen und barbarischen Passagen nur schwer zu ertragen.

Das gilt besonders für die Experimente des polymorph perversen Psychopathen, der sein Entführungsopfer unter anderem mit asphyktischen Sexpraktiken und über Tage dauernenden Penetrationen quält. Ähnliche Ausmaße nimmt die Folter zweier Geschäftsmänner in Transnistrien an. In quälenden Einzelheiten wird beschrieben, wie diese körperlich, sexuell und seelisch auf bestialische Weise misshandelt und getötet werden.

Fehlender psychologischer Tiefgang

Statt auf die möglichen Motive bzw. Ursachen für das Verhalten beispielweise des Psychopathen einzugehen, beschreiben die Autoren die Perversitäten bis ins kleinste Detail. Es mag Leser geben, denen dies gefällt, aber viele werden davon nach längerer Zeit mehr als angewidert sein. Der Thriller zieht seine Spannung hierbei mehr aus dem Umstand, dass man als Leser hofft, dass das Opfer in der Realität – die einem bei einem True-Crimi-Thriller immer im Hinterkopf bleibt – nicht noch mehr erleiden musste, als aus der eigentlichen Handlung selbst.

Alles in allem ist der Thriller nämlich mehr als spannungsarm, da die wahren polizeilichen Ermittlungen (wie im Fall des Waterboardings) im Hintergrund geschehen und man als Leser nur nebenbei erfährt, dass man einen Täter ermittelt hat. Auch kommt Abel dem perversen Psychopathen lediglich durch eine Aneinanderreihung von Zufällen auf die Spur. Hier merkt man mehr als deutlich, dass auch ein True-Crime-Krimi an seine Grenzen stößt, wenn eher die Tathergänge als die polizeiliche Arbeit im Vordergrund stehen.

Polizeiliche Ermittlungsarbeit kommt zu kurz

Tsokos und Gößling hätten gut daran getan, die Handlung nicht mit drei Fällen zu überfrachten. Allein die Jagd auf den brutalen Kidnapper und Vergewaltiger birgt genügend Substanz für einen starken Thriller. Dafür müssten die Ermittlungen der Kommissare aber stärker in den Vordergrund rücken. Mit Marie Horowitz vom Landeskriminalamt und dem BKA-Profiler Timo Jankowski gibt es hierfür auch mehr als interessante Figuren, die aber leider nur eine vollkommen untergeordnete Rolle spielen. Auch die Verknüpfung von True-Crime-, Polit- und Psychothriller ist des Guten einfach zu viel.

Transnistrien als Abbild des Bösen

Tsokos und Gößling wählen (im Gegensatz zum realen Vorbild) Transnistrien als Ort zweier brutaler Morde. Ein Land, das es eigentlich nicht gibt. Denn der osteuropäische Staat zwischen der Republik Moldau und der Urkraine hat zwar Regierung und Militär, ist aber international nicht anerkannt und steht unter dem Einfluss Russlands. Die Agenten des transnistrischen Geheimdienstes wirken in diesem Thriller wie Anfänger, wenn sie den Rechtsmediziner Abel immer wieder entkommen lassen. Es wirkt schon fast komisch, wenn dieses Katz-und-Maus-Spiel und das heldenhafte Verhalten Abels (inklusive asiatischer Kampfkünste) beinahe Züge von James Bond annehmen.

Der politische Konflikt um diese Region ist zwar gut recherchiert, verkommt aber zur Randnotiz, wenn die Autoren die Hintergründe der Geschehnisse in diesem Land ebenso nüchtern darstellen wie die stereotypen Figuren an sich. Dass Abel im Auftrag des Innenministeriums nach Transnistrien reist, dort aber trotz der prekären politischen und militärischen Lage vollkommen alleine auf sich gestellt ist, erscheint unrealistisch und lebensfremd.

Kühler und teilnahmsloser Schreibstil

Michael Tsokos muss bei seinem harten und herausfordernden Alltag als Rechtsmediziner gegenüber seinen »Fällen« und den Schicksalen, denen er begegnet, sicherlich emotional sehr distanziert und nüchtern sein. Diese unpersönliche Sachlichkeit und Emotionslosigkeit, die im Beruf zwingend notwendig ist, zeigt sich leider auch in diesem Thriller und im Schreibstil des Autorenpärchens.

Des Weiteren mag der Alltag eines Rechtsmediziners realistisch dargestellt sein, wenn er zeitgleich mehrere Fälle behandelt.

Für den Leser ist dies aber eher verwirrend, da die Fälle auch nicht miteinander verbunden sind. Fans von Chris Carter, Veit Etzold und Cody McFadyen werden mit »Zersetzt« das bekommen, was sie lieben: Brutalität, Grausamkeiten und Abnormalitäten ohne großen psychologischen Tiefgang. Die Brillanz, die Michael Tsokos als Forensiker sicherlich besitzt, erreicht er aber auch mit der Unterstützung von Co-Autor Andreas Gößling als Schriftsteller leider bei weitem nicht.

Die Verfilmung von »Zersetzt« ist am Dienstag, 11. Dezember 2018, bei SAT1 zu sehen. Die Rolle von Fred Abel spielt Tim Bergmann, weitere Rollen sind mit bekannten Namen besetzt. Anschließend zeigt der Sender eine Dokumentation zu der wahren Geschichte, die in dem Roman als Grundlage dient.

Zersetzt

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Letzte Kommentare:
16.11.2018 12:52:25
Art-icles&more

Mir hat der erste Teil gut gefallen. (daher habe ich dann auch den zweiten gelesen). Zersetzt habe ich allerdings als wenig motivierend für Band drei empfunden. Irgendwie passt hier meiner Meinung nach vieles nicht für eine gelungene Unterhaltungsliteratur. Das Buch hat sicherlich auch viele gute, spannende und interessante Passagen, insgesamt würde ich das Werk aber eher als handwerklich unterdurchschnittlich einschätzen. Der Spannungsbogen bricht nach ca. zwei dritteln des Buches ab. Drei von einander unabhängige Geschichten sind in eine Handlung "gezwungen". Viele beschreibenden Stellen und Charakterisierungen wirken etwas unbeholfen. Es scheint, dass den Autoren bei einem Thema die buchfüllenden Ideen ausgegangen sind und man dann kurzerhand noch zwei andere Geschichten mit einfließen lassen hat.

11.02.2018 11:12:40
SiMi

Leider ein wenig zu dick aufgetragen. Die Handlungsstränge Leben nebeneinander her, ohne zum Schluss miteinander verbunden zu werden. Johannes Mario Simmel hat mal gesagt, ich schreibe meine Romane mit Schere und Klebstoff. So ähnlich habe es die beiden hier auch gemacht.Zwischendurch kam mir immer wieder in den Sinn, das Auto und Co. Autor sehr sehr eitel sind. Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten deshalb Protagonisten sind reichlich übertrieben.

28.10.2017 13:47:28
Ann

Als zart besaitet würde ich mich nicht bezeichnen, daher fiel meine Wahl auch auf Tsokos, den ich aus "Abgeschnitten" mit Fitzek schon kannte. Dazu klang der Roman vielversprechendfür diejenigen, die intelligent konstruierte Handlungsstänge und "Grips" mögen, trotzdem aber harte Kost bevorzugen.

Die harte Kost der "Abel-Handlung" ist zum Teil grenzwertig, jedoch annehmbar.
Der andere Teil der Handlung allerdings entbehrt jeder Beschreibung! Ich finde es über alle Maßen hinaus, wenn sexuelle Perversion in Zusammenhang mit Vergew*** dermaßen ästhetisiert wird. Brütalität bitte, ja, aber einen Missbrauch derart detailliert darzustellen, dass man meinen mag, Autor und Leser würden diese Fantasien genießen wollen, dazu finde ich keine Worte mehr.

15.06.2017 14:09:23
Fitzke

Ein Buch wie eine Sektionsbericht.
Nicht nur, dass man sich als Leser über deutliche Details zu Zustände über Leichen freuen darf (zersetzt, geschunden, gefoltert). Nein. Tsokos schafft es in seiner Detailverliebtheit jegliche Spannung abzutöten. Fast in jeder Situation oder zu jeder Sache stellt er eine Assoziation zu etwas her. Wenn er den Spiegel in der Sonnenblende eines alten Autos als Relikt aus der Stalin oder sonst-wie-einer Ära beschreibt, weil er Risse hat und alt ist, dann ist das nur die abgehalfterte Spitze einer ganzen Reihe von unnötigen Wortwerken. Mit der Präzision eines Mediziners kann Tsokos nicht anders als umständliche Nebenstränge aufzubaue, umständliche Orts-, Personen- oder Zustandsbeschreibungen abzuliefern. Dabei hält er sein Leser für derart blöde und beschränkt, dass er sich keiner noch so umständlichen Beschreibung zu schade ist.
Es wäre ein spannendes Buch, würde Tsokos bei manchen Erzählmomente schneller auf den Punkt kommen.

06.03.2017 12:29:58
Engelmann, Brigitte

dieses Buch gehört meiner Meinung nach nicht in die Öffentlichkeit.
Derartige Grausamkeiten in allen Einzelheiten zu beschreiben und auch noch die Gedanken und Gefühle der gefolterten Menschen zu schildern und aus diesen Quälereien einen Roman zu machen - das gibt mir sehr zu denken.
Ich wäre sehr dafür, derartige Bücher aus dem Verkehr zu ziehen.
Sehr geehrter Herr Tsokos!
Was haben Sie sich gedacht, diese tatsächlichen Begebenheiten in Buchform an den normalen Leser weiter zu geben.
Wer jetzt noch nicht weiß, wie er seine bösen Fantasien in die Tat umsetzen soll, erfährt es jetzt. Dieses Buch darf nicht mal im Altpapier entsorgt werden.
Ich frage mich, warum jemand, der intelligent genug ist, auf diese Art sein Geld verdienen möchte.
Ich bin sehr enttäuscht.

03.11.2016 22:00:44
goat

„Zersetzt“ ist der zweite Band aus der True-Crime-Reihe, der zeitlich jedoch zehn Monate vor dem ersten Band „Zerschunden“ spielt. Dies tut der Spannung zwar keinen Abbruch und man benötigt keinerlei Vorwissen, um den Roman verstehen zu können, ist aber vielleicht nicht unbedingt jedermanns Sache. Ich persönlich bin eher ein Freund von chronologischen Reihenfolgen. Der Roman besteht aus mehreren Handlungssträngen, die in den recht kurz gehaltenen Kapiteln jedoch durch den Ort, das Datum und die Uhrzeit gut voneinander zu unterscheiden sind.

Noch während Rechtsmediziner Dr. Fred Abel bei einem Opfer auf seinem Seziertisch einen winzig kleinen Stich in der Kniekehle feststellt und sich an einen nicht gelösten Fall erinnert, wird er vom Innenministerium nach Transnistrien geschickt. Der transnistrische Präsident möchte von Abel zwei Leichen obduziert haben, die in ungelöschtem Kalk gefunden wurden. Unter Aufsicht des osteuropäischen Geheimdienstes soll Abel herausfinden, ob es sich um die beiden Söhne eines Oligarchen handeln könnte.

Kein ungefährliches Unterfangen für Abel. Die beiden Männer wurden schwer gefoltert, bevor sie einen grausamen Tod starben. Abel, der den Osteuropäern nicht traut, steckt plötzlich mitten in einem politischen Komplott und muss fliehen - quer durch das transnistrische Grenzland, seine Verfolger sind ihm dicht auf den Fersen. Zur gleichen Zeit kämpft in Deutschland ein junges Mädchen in einem Kellerverlies um sein Leben …

Für „Zersetzt“ braucht man als Leser starke Nerven, denn Michael Tsokos und Andreas Gössling sparen nicht mit ausführlichen Beschreibungen brutaler und blutiger Szenen. In den unterschiedlichen Handlungssträngen wird aus Sicht der Opfer geschrieben. Der Leser erfährt genauestens (und noch vor Fred Abel), was zum Beispiel die beiden Männer durchmachen mussten, bevor ihr Leben im ungelöschten Kalk ein Ende fand. Auch die Szenen im Kellerverlies schildern sehr detailliert, was der Psychopath mit seinem Opfer zu tun gedenkt. Zartbesaitete greifen besser nicht zu diesem Thriller. Was den Gedanken nicht unbedingt erträglicher macht, ist die Tatsache, dass viel von dem, was die Autoren beschreiben, sich im tatsächlichen Leben so oder so ähnlich zugetragen hat. Die Welt ist ein grausamer Ort.

Ich finde zwar, dass viele Handlungsstränge einen Thriller beleben, in diesem Fall jedoch hätte mindestens jeder Handlungsstrang ein eigenes Buch verdient gehabt. Es war alles ein wenig zu überladen – vor allen Dingen, weil alle Handlungsstränge auch noch gleich spannend waren. Nur das, was eigentlich sonst üblicherweise bei Thrillern mit mehreren Handlungssträngen passiert, hat mir hier gefehlt: dass am Ende die losen Fäden irgendwie zusammenlaufen.

Zum perfekten Thriller fehlt mir irgendwie noch der fließende Schreibstil, der sich eher wie ein Roman und nicht wie ein Sachbuch lesen lassen sollte. Den Dreh haben die beiden leider noch nicht ganz raus. Trotzdem: Spannend bleibt spannend und verdient fünf Sterne.

27.09.2016 14:26:13
Ulrike Buchelt

Habe selten so einen guten Kriminalroman gelesen. Atmosphärisch dicht und nachvollziehbar geschrieben. Einfach gut, zum Haare raufen. Nichts für schwache Nerven. Gänsehaut pur. Mein Wunsch ist es , noch viele Bücher von diesem Autor zu lesen. Erschreckend ist die Nähe zur Realität. Das Verbrechen ist unter uns und schläft nie.

24.06.2016 12:07:45
Edith Sprunck

Im Grunde genommen handelt es sich hier um die erste Folge der Serie, da sich die Ereignisse vor denen in "Zerschunden" abspielen. Zum Gesamtverständnis ist dies unerheblich. Minimale Details jedoch hätte ich anders wahrgenommen, hätte ich die "richtige" Reihenfolge eingehalten. Auch dieser Thriller, der auf wahren Begebenheiten basiert, garantiert Hochspannung. Parallel zueinander stehen drei Extremfälle zur Klärung an. Mehrere Todesfälle als Folge von Waterboarding im Keller des Abgeordnetenhauses fordern das gut ausgebildete und schillernde Ermittlerteam. Dann gibt es einen Täter, der ein Faible dafür hat, seine Opfer durch einen fast unsichtbaren Stich in die Kniekehle ins Jenseits zu befördern. Die Schilderung der Gefangenschaft seines letzten Opfers ist besonders nervenaufreibend und Schweiß treibend. Und last but not least hat Dr. Fred Abel den Auftrag, innerhalb kürzester Zeit in Transnistrien zwei Mordopfer, die in Fässern mit gelöschtem Kalk eingelagert sind, zu identifizieren. Seine Erlebnisse in Transnistrien an der moldawischen Grenze sind atemberaubend abenteuerlich und lebensgefährlich. Alle Fälle haben eines gemeinsam: Gewaltexzesse und -orgien sowie Folter in unsäglichem Ausmaß. Dabei sparen Autor und Co-Autor nicht mit Details. Und es zeigt sich: das Böse ist verdammt kreativ!
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber trotz aller Grausamkeiten gelingt es den Autoren, dass ich die extremen Gewaltanwendungen und Folterszenen mit innerem Abstand erleben konnte. Immer mal wieder wird en passant auf den Unterschied zwischen Gerichts- und Rechtsmedizin hingewiesen. Aber auch die humane Komponente kommt nicht zu kurz. Dafür sorgt u.a. der private Hintergrund der Mitarbeiter und ihr Umgang miteinander. Auch der Humor bricht immer wieder durch. Dennoch: der Thriller ist ein einziger Horrortrip, bei dessen Lesen man stahlharte Nerven mitbringen sollte.