Falsche Propheten

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • London: William Heinemann, 1951, Titel: 'Fallen into the pit', Seiten: 278, Originalsprache, Bemerkung: als Edith Pargeter
  • München: Goldmann, 2001, Seiten: 378, Übersetzt: Jutta-Maria Piechulek

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Michael Drewniok
Nazi in der Grube, lag da und schlief ...

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Das kleine Dorf Comerford in der englischen Grafschaft Shropshire gehört nur bedingt zu den Orten, die man als "ländlich-beschaulich" bezeichnen würde. Hier wird seit Jahrhunderten Kohle gefördert; eine harte, gefährliche Arbeit, die zudem im Tagebau betrieben wird, was ausgedehnte Flächen der einstigen Wald- und Wiesenlandschaft in Wüsteneien verwandelt hat, die an die Oberfläche des Mondes erinnern.

Die Kohlengruben haben einen harten, schweigsamen Menschenschlag hervorgebracht. Konflikte sind häufig und werden mit den Fäusten oder gar dem Messer ausgetragen. Im Jahre 1950 ist die Situation explosiver denn je. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Ende des II. Weltkriegs sind dessen Folgen auch im siegreichen England nicht einmal ansatzweise überwunden. Viele der jungen Männer Comerfords sind gefallen. Wer überlebte, kehrte verletzt und mit bedrückenden Erinnerungen an die Front, womöglich mit Orden geschmückt und als Held heim, um sich plötzlich wieder als gemeiner Grubenarbeiter oder gar Schafhirte wiederzufinden.

In Comerford sieht sich der auf diese Weise Gezeichnete plötzlich Seite an Seite mit dem einstigen Feind leben und arbeiten, denn hier gab es bis vor kurzem ein Lager für deutsche Kriegsgefangene und später für "Displaced Persons", Vertriebene aus allen kriegsverheerten Ländern des Kontinents. Zwar wurde es inzwischen aufgelassen, doch ein guter Teil der Insassen fand im zerstörten Europa keine Heimat mehr und blieb in England - zwar frei nun, aber dennoch fremd, misstrauisch beobachtet und gemieden von den Einheimischen, untereinander uneins und im Grunde immer noch mit sich selbst und der Welt im Krieg.

Kein Wunder also, dass Sergeant George Felse eine Filiale der Polizeiwache Comerford im ehemaligen Lager - jetzt euphemistisch "Wohnheim" genannt - aufschlagen könnte, denn dort gibt es täglich gewalttätige Auseinandersetzungen. Bei einem seiner zahlreichen Besuche lernt er den Deutschen Helmut Schauffler kennen, der mit dem Messer einen Mitbewohner attackiert hat. Der junge Mann weiß beredt die Schuld von sich zu weisen, doch Felse argwöhnt, dass zutreffen könnte, was einige Zeugen ihm zutragen: Schauffler war und ist noch überzeugter Nazi, der inzwischen seinen Privatkrieg mit dem britischen "Feind" austrägt.

Derselben Meinung ist Chad Wedderburn, der im Krieg Entsetzliches durchleiden musste, um zu überleben. Nun arbeitet er als Lehrer für Latein und Englisch am örtlichen Gymnasium und weigert sich - zum Kummer seiner neugierigen Schüler - vom Erlebte zu erzählen. Nebenher betreut er im Wohnheim einige der jüngeren Bewohner. Dort ist er mit Helmut Schauffler aneinander geraten, der exakt verkörpert, was er im Krieg zu hassen gelernt hat.

Als Schauffler dann mit eingeschlagenem Schädel in einer der Kohlengruben gefunden wird, richtet sich der Verdacht sofort auf Wedderburn, der für die Tatzeit tatsächlich kein Alibi vorweisen kann.

Sergeant George Felse (der später bis zum Detective Chief Inspector aufsteigen sollte) ist die zentrale Figur in 13 Romanen, die Ellis Peters (d. i. Edith Pargeter, 1913-1995) zwischen 1951 und 1978 verfasste. Auffällig ist dabei die mehr als zehnjährige Pause zwischen Felses erstem und zweiten Auftritt. Tatsächlich unterscheidet sich der George Felse von 1951 deutlich von seiner jüngeren Inkarnation. Während man die Romane ab 1962 als typische "Wer war's?"-Krimis bezeichnen kann, ist "Falsche Propheten" ein deutlich ambitionierteres Projekt. Schon der Umfang von mehr als 350 eng bedruckten Seiten weist darauf hin, dass der Autorin eher eine Momentaufnahme der britischen Gesellschaft nach 1945 im Sinn hatte. Als Ausschnitt bedient sich Peters der im Kriminalroman gern gewählten Kulisse der von der Zeit vergessenen und von einfachen, aber herzensguten Menschen schlichten Gemütes bewohnten ländlichen Idylle fern der hektischen Grossstadt. Mit einer Konsequenz, die der Autorin in späteren Jahren abgeht, entkleidet Peters allerdings ihre literarische Ameisenfarm Comford aller entsprechenden Klischees und zeichnet ein düsteres, realistisches Bild. Folgerichtig setzt der Mord anders als im "normalen" Krimi die Ereignisse nicht in Gang, sondern ist nur Auswuchs einer Entwicklung, die lange zuvor ihren Anfang genommen hat.

Wenn "Falsche Propheten" als Roman nicht über die gesamte Distanz überzeugen kann, so liegt dies paradoxerweise hauptsächlich daran, dass Ellis Peters sich mehr vorgenommen hat, als sie letztlich zu leisten vermag. Zu gestelzt, zu didaktisch kommt die Geschichte oft daher, wird immer wieder unterbrochen von atmosphärisch dichten, aber weitschweifigen Landschaftsbeschreibungen und Stimmungsbildern. Als "Falsche Propheten" 1951 niedergeschrieben wurde, waren die realen Wunden des Krieges wohl noch zu frisch, um anders als betont ernsthaft an das Thema heranzugehen.

In Deutschland erschienen die Felse-Romane seit jeher in der Krimi-Reihe des Goldmann-Verlages, wo sie immer wieder aufgelegt wurden - mit einer Ausnahme: Ausgerechnet der erste Band wurde stets übersprungen. Nach der Lektüre von "Falsche Propheten" ist des Rätsels Lösung freilich rasch gefunden: Im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre dürfte ein Roman, der überzeugend daran erinnert, dass der Nationalsozialismus und seine Anhänger kein Spuk waren, der sich 1945 spurlos auflöste, kaum die Begeisterung eines Publikums gefunden haben, das im Krimi allein die harmlos-belanglose Entspannung à la Edgar Wallace oder das kindliche "Miträtseln" in Begleitung von Miss Marple oder Hercule Poirot suchte. Diese Erwartung durch einen Roman zu "enttäuschen", den der Verfasser - dann noch ausgerechnet eine Frau! - deutlich vielschichtiger angelegt hatte, war ein brisantes Experiment, das kein Verlag hierzulande seinen Lesern zumuten mochte. Erst ein halbes Jahrhundert später ist der deutsche Leser offenbar reif genug zu verkraften, dass sich im Mutterland des literarischen Verbrechens neben kauzigen Adligen, trinkfreudigem Landvolk oder beschränkten Dorfpolizisten auch neurotische Kriegsheimkehrer, unverbesserliche Nazis und an Leib und Seele geschädigte Juden tummeln können.

Ellis Peters beendete die Inspector Felse-Serie 1978. Im Vorjahr war sie mit einer neuen Figur auf Bestseller-Gold gestoßen. "Bruder Cadfael" ist zwar nur ein weiterer jener schlauen Mönche, die in der Folge von Umberto Ecos "Der Name der Rose" seit 1982 heuschreckenartig über ein europäisches Märchenbuch-Mittelalter herfallen, aber er war unter den Ersten seiner lästigen Art und von seiner geistigen Mutter so geschickt (aber wohl unfreiwillig) trivialisiert worden, dass er in einer schier endlosen, immens erfolgreichen Kette "historischer" Schablonen-Krimis aufzutreten konnte, der nur Ellis Peters' Tod 1995 (endlich) ein Ende bereiten konnte.

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Letzte Kommentare:
04.12.2005 16:16:34
Tobias Kölling

1977 "war sie mit einer neuen Figur auf Bestseller-Gold gestoßen. "Bruder Cadfael" ist zwar nur ein weiterer jener schlauen Mönche, die in der Folge von Umberto Ecos "Der Name der Rose" seit 1982 heuschreckenartig über ein europäisches Märchenbuch-Mittelalter herfallen" (Kritik von mdoc)
Logisch ist das nicht. Cadfael kann nicht in der Folge des Namen der Rose stehen, wenn er 5 Jahre vorher das erste Mal auftaucht.
Den Roman fand ich recht interessant, gerade weil er Deutsche im Nachkriegsengland thematisiert.

11.03.2003 11:01:12
SilkeS.

Ich kann mich mdocs Meinung nur anschließen. Sehr schwergängig läßt sich das Buch lesen.
Den Einstieg, der sich fast bis zu Hälfte des Buches streckt, hat meiner Meinung recht wenig mit dem Krimi zu tun und hätte auch kürzer gefasst werden können.
Als Einstieg in die Inspector-Felse-Serie ist es aber trotzdem ratsam mit diesem Band anzufangen, denn nur dann kann man auch bei den nächsten Bänden die Familienbeziehung der Familie Felse verstehen!

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