Todesurteil

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2015, Seiten: 2, Übersetzt: Achim Buch, Bemerkung: vollständige Lesung

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Jürgen Priester
Ein starkes Team

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2014

Ein gutes Personal ist für einen Schriftsteller schon fast die halbe Miete zu einem Publikumserfolg. Für den Krimi-Sektor gilt da: Was wäre Stieg Larssons "Millenium-Trilogie" ohne Lisbeth Salander oder Jo Nesbøs Reihe ohne Harry Hole? Wäre eine Elizabeth George berühmt geworden ohne Lynley/Havers oder Michael Robotham ohne Joe O'Loughlin? Man stelle sich Ostfriesenkrimis ohne Ann-Kathrin Klaasen oder Kluftinger-Romane ohne "Klufti" vor.

Der österreichische Erfolgsautor Andreas Gruber hatte in Todesfrist, dem Auftakt seiner neuen Reihe, das Duo Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez ins Rennen geschickt. Der schillernde Niederländer, Fallanalytiker und Psychologe beim BKA in Wiesbaden, und die etwas mausgraue Kommissarin vom Kriminaldauerdienst in München konnten bei der Fahndung nach einem Serienmörder so richtig punkten. Dominierte Maarten S.Sneijder in seiner Skurrilität noch das Geschehen in der ersten Folge, so hat der Autor im vorliegenden zweiten Band Todesurteil die Gewichtung zugunsten von Sabine Nemez verschoben. Zu ihnen gesellt sich diesmal (oder überhaupt?) die Staatsanwältin Melanie Dietz aus Wien. Gemeinsam, doch räumlich getrennt – sie werden sich erst spät kennenlernen – sorgt das Trio für die Thriller-Spannung, wie wir sie von Andreas Gruber gewohnt sind.

Kommissarin Sabine Nemez ist zu einem zweijährigen Studiengang beim BKA in Wiesbaden eingeladen, zu dem sich nur ein kleiner Kreis der hellsten Köpfe der Polizeibehörden einfindet. Da sie sich in ihrer Bescheidenheit nicht zu dieser Elite zählt, kann sie nur vermuten, dass Lehrgangsleiter Maarten S. Sneijder sie protegiert hat. Die beiden kennen sich ja aus einem spektakulären Fall. Da sie schon einmal in Wiesbaden ist, will sie ihre Beziehung zu ihrer Jugendliebe Erik Dorfer, der auch beim BKA beschäftigt ist, auffrischen. Sie hatten im vergangenen Jahr eine Fernbeziehung gepflegt, die zu guter Letzt eingeschlafen war. Sabine ist völlig geschockt, als sie erfährt, dass Erik auf der Intensivstation eines Krankenhauses liegt. Ihm wurde während des Dienstes in seinem Zimmer beim BKA in den Kopf geschossen. Er wurde in ein künstliches Koma versetzt. Wie es ihre Art ist, kann Sabine die Ermittlungen nicht anderen überlassen, sie muss sich da einschalten. Dabei sollte sie eigentlich ihre ganze Konzentration auf ihr Studium richten, denn, wie sie aus Erfahrung weiß, Maarten S. ist ein strenger Lehrmeister. Er konfrontiert seine Schüler mit vier alten sehr komplexen Fällen, die bei aller Unterschiedlichkeit eins gemeinsam haben: die bisherigen Ermittlungsergebnisse sind unbefriedigend.

Zur gleichen Zeit ermittelt in Wien die Staatsanwältin Melanie Dietz in einem mutmaßlichen Serienmörderfall. In einem Waldstück nahe der Hauptstadt kann sich ein elfjähriges Mädchen in die Arme eines älteren Ehepaars retten. Die Kleine war splitternackt, ausgemergelt und geistig verwirrt. Sie wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Melanie Dietz übernimmt den Fall, da sie auf Fälle von Kindesmissbrauch spezialisiert ist und weil sie die Mutter des Kindes gekannt hat. Auf dem Rücken des Mädchens ist großflächig eine Szene aus Dantes "Inferno" tätowiert. Die chronologische Einordnung der Darstellung innerhalb Dantes Werk lässt mutmaßen, dass es noch weitere Opfer geben müsste. Eine großangelegte Suchaktion im Umkreis der Stelle, wo das erste Mädchen entdeckt wurde, bringt denn auch eine weitere Mädchenleiche an den Tag. Ihr wurde die Haut des Rückens entfernt.

Die Handlung wird im Wesentlichen von zwei Hauptsträngen (Wiesbaden und Wien), die sich einander abwechseln, getragen, wobei ersterer sich noch weiter verästelt. Unterbrochen werden die beiden Handlungsstränge von fünf Intermezzi (Schlünde der Hölle), in denen sich eine anfangs nicht einzuordnende Person zu Wort meldet. Der permanente Szenenwechsel, der es dem Autor ermöglicht, mit Cliffhangern die Spannung hochzuschrauben, ist in den letzten Jahren ein beliebtes Stilmittel geworden. Von manchen Autoren wird die Arbeit mit immer kürzer werdenden Kapiteln und immer häufigeren Cliffhangern bis zum Exzess betrieben. Andreas Gruber lässt es moderat angehen und das wirkt sich positiv auf den Erzählfluss aus. Spannung und Zugkraft lassen sich eh besser mit ausgefeilten Kriminalfällen entwickeln und davon bietet Todesurteil reichlich. Ein Hoch auf die Fantasie des Autors. Fünf/sechs Fälle, die parallel und/oder nacheinander untersucht werden, sind schon eine Herausforderung für den Leser, der ja keine Ahnung hat, wohin sie alle führen werden. Dass sie letztendlich irgendwie miteinander in Verbindung stehen, ist dem erfahrenen Leser natürlich klar.

Nach Beendigung der Lektüre, als alle Unklarheiten beseitigt waren, stellte sich dem Rezensenten u.a. die Frage: Ist das Serienmörder-Thema dreißig Jahre nach Hannibal Lecter noch zeitgemäß? Mit Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez hat Andreas Gruber ein wirklich starkes Team am Start, das man gerne weiter begleiten möchte. Wäre es da nicht angesagt, ihnen Fälle vorzulegen, die mehr unsere Lebenswirklichkeit spiegeln?

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