In der Stille der Tod

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Amsterdam: Anthos, 2012, Titel: 'Wat overblijft', Seiten: 283, Originalsprache
  • München: dtv, 2014, Seiten: 320, Übersetzt: Christiane Burkhardt

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Jörg Kijanski
Tiefe Abgründe in der Familie

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2013

Während eine Frau verzweifelt versucht eine männliche Leiche zu entsorgen, meldet Asli Verkallen ihren Mann Richard als vermisst. Die Polizei nimmt sich der Sache eher verhalten-routiniert an, doch Richards Vater Cor Verkallen macht schnell Druck auf die Ermittler, indem er umgehend die Presse einschaltet. Inspecteur Paul Vegter und seine Kollegen übernehmen den Fall und erfahren wenig später, dass Richard offenbar ein Verhältnis mit einer Arbeitskollegin namens Gemma van Son hatte. Laut einer Mail waren die Beiden sogar am Abend seines Verschwindens miteinander verabredet, aber Gemma bestreitet ein Treffen. Überhaupt bestreitet Gemma einiges und macht sich damit verdächtig. Doch ebenso wie Gemma scheinen auch Richards Bruder und dessen Eltern nur bedingt schockiert, zumindest zeigen sie kaum Emotionen. Diese vermissen Vegter und sein Kollege Sjoerd Talsma allerdings auch bei Asli ...

Spannender Plot trotz einer überschaubaren Anzahl Verdächtiger

Lieneke Dijkzeul ist in den Niederlanden eine bekannte Autorin, wobei sie ihre Popularität in erster Linie ihren rund fünfzig Kinderbüchern verdankt. Kriminalromane schreibt sie erst seit 2006, in Deutschland erscheinen ihre Titel bei dtv. In der Stille der Tod ist der dritte Teil der Paul-Vegter-Reihe und ergründet einmal mehr vor allem die Psyche der betroffenen Akteure. Der Plot selber ist ja auch überschaubar: Da gibt es Asli, die seit Jahren von Richard betrogen wird und Gemma, die Richard endlich ganz für sich allein haben möchte. Weitere Verdächtige sind zunächst nicht auszumachen und so bleibt der Spannungsbogen verhalten, zumal sich Lieneke Dijkzeul insbesondere darauf konzentriert, die Stärken und vor allem die Schwächen ihrer Figuren zu beleuchten. Jeder Freund "skandinavischer Krimis" kommt daher voll auf seine Kosten, wobei das Privatleben der Akteure schon arg viel Platz einnimmt.

Mit zunehmender Handlung reißen wahre Abgründe auf. Asli stammt aus Somalia und nachdem ihr ganzes Dorf gesammelt hat, reist sie in die Niederlande, um hier ein besseres Leben zu finden und zugleich die Menschen ihres Dorfes finanziell unterstützen zu können. Sie lernt Richard kennen und bis zur Geburt des gemeinsamen Sohnes Keja scheint alles gut zu gehen, doch Keja ist taub und autistisch, wird zur großen Belastung für die Beziehung. Vor allem der egozentrische Richard kommt mit der Situation zunehmend weniger klar, wobei er verstärkt unter dem Einfluss seines autoritären Vaters zu leiden hat. Die Familie Verkallen hat Asli nie willkommen geheißen, für sie ist sie nur eine "Negerin", die auf Richards Geld aus ist (was, political correctness außen vor, im vorliegenden Fall zumindest teilweise zutrifft). Gemma entpuppt sich derweil mehr und mehr als Stalkerin, die Richard um jeden Preis besitzen möchte. Daher verheddert sie sich bei den Gesprächen mit Vegter ein ums andere Mal, da sie ihre Illusion von der perfekten Beziehung (die es tatsächlich nie gab) aufrecht erhalten will.

Ebenso nimmt selbstredend das Privatleben der Polizisten einen nicht geringen Umfang ein. Paul Vegter steht kurz davor Großvater zu werden und hat ein nicht ganz eindeutig geklärtes Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin Renée, die sich nach einem Überfall zunächst noch im Krankenstand befindet und ungefähr so alt ist wie Vegters hochschwangere Tochter.

Der Plot ist überschaubar, aber sauber gezeichnet. Wen die familiären Fallstricke nicht stören, sondern gerade deshalb zu In der Stille der Tod greift, wird eine Autorin entdecken, von der wir sicher noch einiges erwarten dürfen – und dies im positiven Sinne. Die sympathischen Ermittler jedenfalls drängen ein Wiedersehen förmlich auf, wenngleich die Auflösung des vorliegenden Falles nicht jeden Leser überraschen dürfte.

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Letzte Kommentare:
16.02.2016 20:33:51
Edith Sprunck

Ein stiller, großartiger Krimi. Die Charaktere des Ermittlerteams werden nach den beiden ersten Folgen der Serie weiter herausgearbeitet. Faszinierend finde ich, wie es Lieneke Dijkzeul gelingt, dem Leser die Gefühlswelt der insbesondere männlichen Ermittler zu vermitteln, obwohl diese selbst eher wortkarg damit umgehen. Es ist ein sympathisches Team ohne Haudegen und sonstigem Tamtam. Die Ermittlungsarbeit verläuft in ruhigen Bahnen und in erster Linie mit viel Empathie, die sich die PolizeibeamtInnen gegenseitig zollen, aber auch den möglichen Tätern, Zeugen etc. entgegenbringen.
Der Mord am Vater eines autistischen Kindes, ist aufzuklären. Einfühlsam und realitätsnah gelingt es L.D., die Besonderheiten, die der Autismus mit sich bringt, anhand anschaulicher Beispiele auszumalen, vor allem die Probleme, die dieses Anderssein für das Kind und seine Umwelt nach sich zieht. Auch die seelischen Wunden und Schmerzen der betroffenen Witwe und Mutter des Kindes, die in nahezu totaler Isolation lebt, werden nachfühlbar.
Insgesamt liegt das Hauptaugenmerk des Krimis weniger auf der Ermittlungsarbeit als auf der Schilderung der emotionalen Befindlichkeiten (und auch deren Ursachen) der in den Fall involvierten Personen. Wohltuende Spannung in leisen Tönen. Ich wünsche mir eine Fortsetzung dieser Serie.

14.01.2015 15:24:49
Schneeglöckchen

Ein ruhiger Krimi, der die Ermittlungsarbeit der Polizei zeigt, die nach und nach die Lebensumstände des Opfers herausfindet. Nicht zu kurz kommen die Gedanken und Gefühle seiner Frau Asli und die Darstellung der Welt seines tauben autistischen Sohnes.Ein gut geschriebenes lesenswertes Buch, bei dem man zwar nach einer Weile ahnt, wer die Tat begangen hat, das aber doch immer wieder mit Überraschungen bis hin zum Schluß aufwartet.