Zorn

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2013
  • Stockholm: Bonnier, 2012, Titel: 'Hela havet stormar', Seiten: 479, Originalsprache
  • München: Piper, 2013, Seiten: 496, Übersetzt: Antje Rieck
Zorn
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Andreas Kurth
85°

Krimi-Couch Rezension von Andreas Kurth Jan 2013

Stalin und Dolly sorgen für Gänsehaut

Eine Reihe von brutalen Morden wird verstreut über ganz Europa begangen, scheinbar ohne Zusammenhang. Ein typischer Fall für die neue Opcop-Gruppe in Den Haag, zu der auch einige Polizisten der früheren A-Gruppe aus Schweden gehören. Die Ermittler kooperieren mit Kollegen in ihren Heimatländern, und doch dauert es lange, bis sich die Taten verknüpfen lassen. Die Mord-Opfer entstammen völlig unterschiedlichen sozialen Schichten, es wurden beispielsweise ein bekannter Chirurg und auch ein tschechischer Europa-Abgeordneter umgebracht. Dramatisch wird es, als die Opcop-Mitglieder feststellen, dass es sich nicht um eine Mordserie handelt, sondern offenbar zwei Täter unterwegs sind, die zufällig ein gemeinsames Opfer hatten. Der eine Killer bringt ehemalige oder noch aktive Kommunisten um, der andere hat es auf Mitglieder einer geheimen Forschungsgruppe unter Regie der NATO abgesehen. Und dann zeigt sich, dass offenbar Arto Söderstedt – ein alter Bekannter aus der A-Gruppe – ebenfalls im Visier eines der Mörder ist. Die Angelegenheit eskaliert und droht außer Kontrolle zu geraten.

Arne Dahl hat seine auf zehn Bände angelegte Reihe um die Stockholmer A-Gruppe mit dem Roman Bußestunde beendet. Während das Buch in Schweden bereits 2007 auf den Markt kam, erscheint es in Deutschland erst im Mai 2013. Der Wechsel zur Opcop-Gruppe, der geheimen multinationalen Ermittlungsgruppe in Den Haag, hat mittlerweile drei Bände hervorgebracht, Zorn ist der zweite davon, der dritte liegt noch nicht auf Deutsch vor. Die neue Reihe hat Publikum und Kritiker – zumindest in Deutschland – offenbar gespalten. Nicht so in Schweden, der Auftakt-Roman Gier wurde immerhin von der Krimi-Akademie zum besten schwedischen Kriminalroman 2011 auserkoren. Die Auszeichnung wird seit 1982 vergeben, zu den bisherigen Preisträgern zählen etwa Henning Mankell, Johan Theorin und Håkan Nesser. In Deutschland ist die neue Serie dagegen auf ein höchst geteiltes Echo gestoßen.

Dahl sieht sich vor allem mit dem Vorwurf konfrontiert, unrealistische und überdimensionierte Szenarien aufzubauen. Und auch die von ihm erfundene Opcop-Gruppe wird in der Luft zerrissen. Es seien "Supercops", die er da beschreibe, die durch die gesamte Welt eilen "bis die Bonusmeilenkonten explodieren". Zu viele Leichen, zu viele Ermittler, zu viele Flüge, und überhaupt. Sicherlich hätte Arne Dahl die beiden sich kreuzenden Mordserien, die von den Ermittlern dann auch getrennt gelöst werden, in zwei Romanen verarbeiten können. Und er hätte einen regional begrenzteren Rahmen wählen können, damit seine Ermittler Autos benutzen können - und nicht Helikopter und Flugzeuge. Und es könnte weniger Tote geben. Aber für mich ist diese aufgesetzte Form der Kritik in keiner Weise nachvollziehbar. Wenn ich einen Thriller von Arne Dahl lese, will ich kein Sachbuch. Davon gibt es auch genug, und spannend sind sie leider nur in Ausnahmefällen. Viele Tote und monströse Mordmethoden gibt es in zahlreichen Kriminalromanen. Spannung lebt von verschiedenen Elementen, und der Autor ist ein guter Geschichtenerzähler, das wird durch Übertreibungen bei den Fähigkeiten und Möglichkeiten einer von ihm erdachten europäischen Ermittlergruppe nicht geschmälert. Die Kritik am Plot, an den Motiven und Charakteren der beiden Mörder und an der Ermittlergruppe klingt eher dünkelhaft und passt nach meiner Auffassung besser in literaturwissenschaftliche Oberseminare. Dem Roman Zorn deshalb die Qualität abzusprechen finde ich reichlich überzogen.

Ausgangspunkt der späteren dramatischen Ereignisse ist eine sibirische Gefangenen-Insel, auf der ein Junge namens Deda gemeinsam mit mehreren Hundert anderen Häftlingen vom Hungertod bedroht wird. Es kommt zu extremen Ausbrüchen von Kannibalismus – und Deda bleibt nur knapp am Leben, an Körper und Seele verstümmelt. Leser und Ermittler ahnen am Anfang des Buches jedoch nicht, wie diese Erlebnisse aus der Vergangenheit mit der Mordserie in der Gegenwart zusammen hängen. Arne Dahl baut schrittweise und konsequent die Spannung auf. Richtig zur Sache geht es, als den Opcop-Mitgliedern klar wird, dass sie es hier mit zwei Rachefeldzügen zu tun haben.

Um nicht zu viel zu verraten, kann ich hier nur auf die Grundzüge der Mordmotive eingehen. Der stalinistische Terror in seinen verschiedenen Ausprägungen hat Folgen gehabt, die Rachegelüste in verschiedener Intensität und Konsequenz nach sich zogen. Das diese Rache dann in ihrer brutalen und abstrusen Form vor allem Menschen trifft, die mit Stalin und der besonderen Form seiner Herrschaft nicht wirklich etwas zu tun haben, könnte man als Ironie der Geschichte verbuchen – wenn die Auswirkungen auf die Mordopfer nicht so dramatisch und endgültig wären. Und zum Realitätsgehalt der geheimen NATO-Gruppe lässt sich feststellen, dass die Bestrebungen, Soldaten durch medizinische Versuche zu "optimieren" keinesfalls neu sind, und auch in der Spannungsliteratur wurde das Thema bereits häufiger aufgegriffen. Seit dem Clon-Schaf Dolly wird darüber diskutiert, ob das Clonen von Menschen oder zumindest der gentechnische Eingriff in gewisse Teile ihres Erbguts zulässig, moralisch verwerflich oder eine Frage der Opportunität ist. In meinen Augen ist der gesamte Plot von Arne Dahl zu diesen beiden Themen überaus gelungen, und gerade das Überkreuzen der beiden Mordserien macht das Besondere dieses Romans aus.

Im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten finde ich das neu erdachte Ermittler-Team von Dahl gut "komponiert". Er hat verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen gewürfelt, die in ihrer Mischung für einen guten Fortgang der Handlung sorgen. Sie als "Supercops" zu kritisieren, trifft nicht den Kern. Wie bei vielen Sportmannschaften ist hier das Team der Star – und alle Mitglieder sind dafür wichtig, mit ihren Stärken und ihren menschlichen Schwächen. Die gesamte Geschichte ist gut erzählt, der Autor präsentiert durchaus authentische Figuren und eine nachvollziehbare Handlung – in einem Thriller, der diese Bezeichnung verdient. Wer lieber ein Sachbuch lesen möchte, geht halt ein paar Regale weiter.

Zorn

Arne Dahl, Piper

Zorn

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