Gier

  • Hörbuch Hamburg
  • Erschienen: Januar 2012
  • Stockholm: Bonnier, 2011, Titel: 'Viskleken', Seiten: 503, Originalsprache
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Dorothea Reinecke
Gier
Gier
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Jochen König
60°

Krimi-Couch Rezension von Jochen König Jan 2012

Früher war es auch nicht unbedingt besser, aber jetzt hat sich die Situation eindeutig verschlechtert

Arne Dahl will hoch hinaus. Raus aus Schweden. Die A-Gruppe gibt es nicht mehr. Nur noch als Splittertrupp halten Kerstin Holm und Sara Svenhagen die Stellung, gelegentlich unterstützt von Jon Anderson (nicht verwandt mit dem ehemaligen "YES"-Sänger). Paul Hjelm hingegen, begleitet von den A-Gruppe-Veteranen Jorge Chavez und Arto Söderstedt, wird von seinem Autor auf eine große Mission geschickt. Er leitet die neu gegründete und streng geheime operative Einheit von Europol. Dass die gar nicht so geheim ist, ist der stillen Post zu verdanken, nachdem sich ein Beamter, trunken vor Freude, Lust und Alkohol, verplapperte. "Chinese whispers" nennt Dahl das in doppelbödiger Ironie, mehrfach, damit auch dem Leser in der letzten Reihe klar wird, wer hier flüstert. Wie seine Figuren häufiger englische Einzeiler von sich geben dürfen, damit der Roman unheimlich weltläufig wirkt. Globalisiert sozusagen. Wie die Einheit, geschaffen aus der Idee, dem Verbrechen, das keine Grenzen mehr kennt eine schlagkräftige Truppe entgegen zu setzen, die ebenfalls grenzüberschreitend aktiv wird. Was Hjelm und seine Springinsfelde mit einer Selbstverständlichkeit betreiben, als gäbe es keine Bürokratie mehr. Nationale und internationale. Wo Mitglieder der Truppe auftauchen haben sie das Sagen. In Holland, England, Italien, Lettland und Deutschland. Mitten in der Bundeshauptstadt. Die können sich bestimmt auch Eigenheime ohne Antrag in beliebiger Größe und Ausrichtung bauen. Wo sie wollen.

Damit die Typisierung nicht zu diffizil wird, hat Dahl seine Protagonisten den landestypischen Klischees angepasst. Da ist Greta, äh, Jutta Beyer, die unscheinbare (Ost-)Deutsche, kühl, kontrolliert, ordentlich - aber empfindsam; der fröhliche Pole Marek Kowalewski, dem zur perfekten Plattitüde nur eine Flasche Wodka in der Schreibtischschublade fehlt, der durchtrainierte Fabio Tebaldi, natürlich auf der Mafia-Abschussliste, ein italienischer Frechdachs, Zierde jedes After-Shave-Werbespots; ähnlich wie der Spanier Felipe Navarro, elegant und weltmännisch, aber blass. Natürlich ist die dunkelhäutige muslimische Französin Corine Bouhaddi erfüllt von "heiligem Zorn" und die Rumänin Lavinia Potorac eine "ehemalige Eliteturnerin". Mit dem gelassenen Griechen Angelos Sifakis erlaubt sich Dahl einen kleinen Scherz, darf er doch den Spezialisten in Sachen Korruption darstellen. Andererseits: Wenn nicht er wer dann?

Damit sind noch nicht alle Mitglieder der Einheit aufgelistet. Was den Einstieg in Gier ziemlich weitschweifig macht. Nicht der Komplexität der Retortencharaktere geschuldet, sondern allein ihrer Anzahl. So lernt man sich kennen, bildet kleine Bündnisse und milde Antipathien, und ist vorerst zur Untätigkeit verdammt. Denn die "Opcop-Gruppe" ist noch in der Erprobungsphase. Keine Bange, nicht für lange. Denn als Arto Söderstedt auf Beobachterposten während des G20 Gipfels Zeuge eines Unfalls mit Todesfolge wird, werden unsere Helden in Straßenklamotten mitten in ihren ersten Fall katapultiert. Was heißt Fall? Fälle.

Ein sterbender Tibetaner, der seine letzten zunächst unverständlichen Worte in Söderstedts Ohr bluthustet ist zwar der Auftakt, doch was folgt, sprengt jede Dimension: Kinderpornografie und Entführung, brutale Foltermorde mit rituellem Charakter, Ökokriminalität, Mafia-Aktivitäten in West und Ost (natürlich kein Wort zu den Unterschieden und möglichen Gemeinsamkeiten - zwischen der kalabrischen 'Ndrangheta und der sogenannten "Russen-Mafia"), Drogenhandel, böse Banken, ausgeblutete Kleinstaaten, Ground Zero, die fiesen Chinesen und Schulmobbing. Irgendwas vergessen? Bestimmt.

Mittendrin unsere Recken von der schnellen Eingreiftruppe, stets bemüht, die gar grausigen Geschehnisse zu entwirren und für Ordnung, wenn schon nicht für Recht zu sorgen. Denn, und da müssen wir uns nichts vormachen, wir befinden uns im Roman eines skandinavischen Autors. Da besteht immer die Gefahr, dass es böse endet. Oder der Kommissar zum Abschluss, Ende nicht in Sicht, bitterlich weint.

Gier ist ein umfangreicher Roman. Hat schließlich die Welt zum Schauplatz. Dahls Prämisse ist durchaus wohlüberlegt: Wie soll man sich in einer Welt verhalten, in der das Verbrechen längst den Alltag durchdrungen hat? Grenzen und individuelle Bedenken in jeder Form überschreitend. Ist die Lösung tatsächlich eine multinationale operative Einheit, die sich nicht um nationale Limitationen und Befugnisse scheren muss? Was einen hochinteressanten Konflikt beinhaltet, wird im Roman kaum zum Thema. Stattdessen werden die üblichen Verdächtigen hervorgezerrt und zumindest ideell geschlachtet. Das liest sich, als hätte jemand ein Dutzend Wikipedia-Einträge zu einem großen Ganzen geformt und mehrere Thrillerplots darüber gestülpt. Dahl beschwört die Komplexität einer Welt, deren Werte verloren gehen und deren Befindlichkeiten abhängig sind vom Fluss des Geldes. Wieder kein übler Ansatz, doch wie sieht eine Lösung aus? Sich zu entscheiden, ob man gut oder böse ist? Oder irgendwo dazwischen - um dann wenigstens mit dem Leben davonzukommen, wenn auch mit anderem Namen und erfundener Biographie?

Natürlich hat Dahl keine Lösung parat, das wäre auch zu viel verlangt; aber was er aus dem bedrohlichen Szenario macht, ist eine allzu schematische Räuberhatz, bei der man frohgemut mit den atemlosen Jägern hetzt. Bis auf zwei Ausnahmen gibt es glücklicherweise keine kriminellen Superhirne als Drahtzieher, die Verfolgten bleiben nebulös. Was ja nicht so weit hergeholt ist.

Weit hergeholt sind allerdings die Aktivitäten unserer Superbullen, die vor keiner Tür stehen können, ohne sich das Jochbein brechen zu lassen, wenn nicht gar schlimmeres passiert; deren Ermittlungsergebnisse aus halbgaren Eingebungen und Zufällen entstehen. Ein Hotel erstattet eine Anzeige wegen einer zerbrochenen & Gardinenstange? Klar, und der Ho-Chi-Minh-Pfad führt direkt durch mein Wohnzimmer. Dass man zwar geflissentlich Computer bemüht, die universale Vernetzung aber kaum eine Rolle spielt, ist ein weiterer Punkt, der auf die Provinz verweist, statt in die Wirkungskreise des globalisierten Verbrechens. Ist halt verflucht kompliziert, die Welt in der wir leben.

Das Planschen im großen Thrillerpool funktioniert einfacher. Also wird schon mal eine Leiche als Abbild einer Figur auf einem Sarkophag arrangiert. Ist zwar im Kontext völlig unpassend, wirkt aber ganz toll. Kultivierte Killer kennen sich aus in der bildenden Kunst. Wie der Autor, der allerdings auch die anderen Künste kennt und gerne benennt.

Ist der Roman gemeinhin eher schlicht geschrieben, mit einigen Aussetzern, zumindest in der deutschen Übersetzung (wobei ich der Übersetzerin nichts anlasten möchte, wofür der Autor verantwortlich ist), drängt es den Literaturwissenschaftler Dahl, der unter seinem "richtigen" Namen genreferne Literatur verfasst, mitunter zu Höherem. Da wird Peter Weiß zitiert, das Esbjörn/Svensson-Trio, Radiohead und einiges mehr; aber auch autark Kunstfertigkeit bemüht, dass es eine Wonne ist. Ein Graus. All die Analogien, Wiederholungen und hochtrabenden Ergüsse, die konsterniert zurücklassen. Man möge sich nur einmal die erste Begegnung der beiden Todgeweihten auf der Straßenkreuzung vorm vermeintlichen Barack-Obama-Stopp vor Augen führen, um dann bei der zweiten im Leichenschauhaus zu zerfließen. Aber nicht vor Rührung. Und der "kalte Winde des Verrats" hat es nicht nur Söderstedt derart angetan, dass dieser Satz und seine Variationen das Buch beherrschen. Bloß, wer wen verrät ist nicht so ganz klar. Vermutlich die Bösen die Guten. Klingt jedenfalls & erhabend?!

Der per Twitter angekündigte Barrack-Obama-Halt in Front einer riesigen Menschenmenge ist schließlich jener Humbug, der besonders schwer zu schlucken ist. Gesetzt den Fall, der Tross des Präsidenten stoppt, um ihn die Welt grüßen zu lassen; wie groß sind die Chancen zweier verzweifelter Individuen von denen eins augenscheinlich kein Englisch spricht in die direkte Nähe des ersten Mannes der USA zu kommen? Genau. Da braucht es keine Killerkommandos. Das regelt sich von selbst.

Wie sich, abgesehen davon, vieles in Gier von selbst regelt. Behauptete Verbindungen, Übereinstimmungen, Ermittlungsergebnisse die Welt ist ein Dorf; man trifft sich. Wenn man nicht gerade miteinander verbandelt ist wie die halbe Ermittlerschar. Mehr oder weniger.

So bleibt: Ein Roman mit einem klugen Ansatz, einer wenig adäquaten Ausführung desselben und einer oberflächlichen Spannungsdramaturgie, die immerhin so unterhaltsam ist, dass man Gier über mehr als die Hälfte des Weges amüsiert folgt. Und sei es, um zu erfahren welchen Blödsinn unsere Helden als nächstes anstellen. Manchmal fragt man sich, ob das Ganze parodistisch gemeint ist. Und obwohl Witzigkeit angeblich keine Grenzen kennt, hält sie sich hier in solchen. Denkanstöße sind allerdings vorhanden in Arne Dahls aktuellem Roman, dem ersten eines geplanten "Thriller-Quartetts".

Gier ist ein großer Roman. Groß wie ein Heißluftballon. Wird für einen kassenträchtigen Höhenflug reichen.

PS.: Die Länge der Rezension brachte der voluminöse Wälzer mit sich. Trotzdem bleibt einiges unerwähnt. Wie das "demolierte" Gesicht der ermordeten Jane Doe. Als wäre es ein Karosserieschaden. Wenn Sprache versagt. Oder die Frage, ob Stuhlgang während einer Befragung thematisiert werden muss? "An was sollte man auch sonst denken, wenn man sich um ein Kilo erleichtert". Immerhin mal was anderes. Doch anders ist nicht unbedingt gut, selbst wenn´s mit der Verdauung klappt.

Gier

Arne Dahl, Hörbuch Hamburg

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