Denn die Gier wird euch verderben

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Bertelsmann, 2012, Seiten: 384, Übersetzt: Gabriele Haefs

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80°
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Andreas Kurth
Eiskalte Killer im frostigen Lappland

Buch-Rezension von Andreas Kurth Okt 2012

Rebecka Martinsson ist Staatsanwältin in Kiruna, der Bergwerksstadt im äußersten nördlichen Zipfel von Schweden. Als Sol-Britt Uusitalo tot in ihrem Bett gefunden wird, ist das ein Fall für die engagierte Juristin. Die Tote war nur spärlich bekleidet und wurde offenbar mit einer Heugabel getötet, mehr als 100 Einstiche finden die Gerichtsmediziner in ihrem Körper. An der Wand über ihrem Bett prangt anklagend das Wort "Hure". Sol-Britts Vater wurde zuvor von einem Bären getötet und aufgefressen, und ihr Sohn starb bei einem Verkehrsunfall – der Fahrer entzog sich seiner Verantwortung durch Flucht. Rebekka fragt sich – gemeinsam mit ihren Kollegen – ob es da Zusammenhänge gibt, denn offenbar wurde eine ganze Familie nahezu ausgelöscht. Durch eine Intrige in der Staatsanwaltschaft wird ihr der Fall offiziell entzogen, aber Rebekka macht weiter, denn sie ist nicht davon überzeugt, dass der in Untersuchungshaft genommene Mann der Mörder ist. Nur langsam fügen sich mühsam die Puzzle-Teile zusammen, bis sich zeigt, dass die Gründe für die Morde weit in der Vergangenheit liegen.

Auf Åsa Larsson und ihren Schreib- und Erzählstil muss man sich zunächst einlassen, denn die schwedische Autorin hat da so ihre Eigenarten. Wer erstmals ein Buch von ihr in der Hand hat, wird manche Formulierungen ungewöhnlich finden. Aber wenn man von der Geschichte gepackt wird, ist es eine wirklich kurzweilige Lektüre, die man geboten bekommt. Dazu tragen die überraschenden Szenenwechsel bei, denn neben der Handlung im Kiruna der Gegenwart gibt es mehr als ausführliche Rückblicke auf die Zeit vor gut 100 Jahren, als es schon einmal einen Mord in der Familie gab, die auch jetzt wieder von Gewaltverbrechen bedroht wird. Und mit diesen Rückblenden liefert Larsson außerordentlich interessante Einblicke in die damaligen Verhältnisse, die der Pionierzeit im wilden Westen der USA ähneln. Und eine Pionierzeit war es auch im wilden Norden von Skandinavien, wo die Zivilisation damals nur bedingt Einzug gehalten hatte.

1914 fährt die junge Lehrerin Elina Pettersson in die ihr unbekannte Stadt in Lappland. Sie ist eine der interessanten Persönlichkeiten dieses Romans. Es ist faszinierend, sie bei ihren ersten Schritten in dieser Stadt zu begleiten, die im Grunde nur aus einer Eisenbahnstation und wild wuchernden Unterkünften besteht. Aber Kiruna verfügt über für damalige Verhältnisse schier unendliche Erzvorkommen. Elina findet es spannend, dort moderne Pädagogik einzuführen. Aber schon bald merkt sie, dass in der wilden Stadt die Gier vorherrscht, und der riesige Überschuss an Männern zu einer sittlichen Verrohung führt.

Ihr Verhältnis zum Bergwerksdirektor Hjalmar Lundbohm - den es tatsächlich gegeben hat – hilft ihr da nur wenig, zumal er sich nicht öffentlich dazu bekennt. Als der Krieg beginnt, wird Kiruna immer wichtiger, denn Schweden bleibt neutral, und kann alle Kriegsparteien mit Stahl beliefern. Hjalmar Lundbohm ist Zauderer und Freigeist zugleich, aber nun ständig unterwegs. Das wird der schwangeren Elina zum Verhängnis, sie wird vergewaltigt und ermordet.

Diese Geschichte aus dem historischen Kiruna wäre allein schon einen ganzen Roman wert gewesen. Eindringlich beschreibt die Autorin die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die Illusionen der jungen Lehrerin, das menschliche Versagen des "König von Lappland" genannten Bergwerksdirektors. Eine großartige Geschichte, die aber nur als hervorragende Ergänzung zum Kriminalfall in der Gegenwart dient.

Åsa Larsson springt zwischen Historie und Aktualität hin und her, produziert dabei Cliff-Hanger, und schraubt die Spannung immens in die Höhe. Denn aus den Rückblicken erhofft sich der Leser entsprechende Hinweise auf die Morde in der Gegenwart, wird aber im Grunde nicht schlauer als die Ermittler um Rebecka Martinsson. Die junge Staatsanwältin muss sich gegen einen unliebsamen Kollegen wehren, und beisst sich dennoch in den Fall fest, weil ihr die oberflächlichen Erklärungen zu einfach sind. Martinsson ist eine starke Persönlichkeit, die ohne Rücksicht auf ihre eigene Person nach der Wahrheit sucht – und das macht sie ungemein sympathisch. Sie zeigt dabei einige Marotten, Schwächen und auch Stärken. Eine ungewöhnliche Protagonistin, die mir außerordentlich gut gefallen hat. Larsson ist eine gute Geschichtenerzählerin, sie fesselt ihre Leser durch den Einsatz verschiedener Stilmittel – und durch einen hervorragenden Plot. Eine lesenswerte Autorin, deren Hauptfigur noch einiges an Potenzial hat.

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