Eisiger Dienstag

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: Michael Joseph, 2012, Titel: 'Tuesday´s gone', Seiten: 464, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2013, Seiten: 6, Übersetzt: Andrea Sawatzki

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Silke Wronkowski
Weiblich, einsam, traurig sucht ...

Buch-Rezension von Silke Wronkowski Sep 2012

London am Ende des Winters 2011. Über ein Jahr ist vergangen seit Dr. Frieda Klein der Polizei dabei half den entführten fünfjährigen Jungen wieder zurück zu seiner Mum zu bringen. Dean Reeve der Täter hat sich erhängt, die zwanzig Jahre zuvor auf gleiche Weise entführte Joanna Teale ist befreit worden und ihr Patient Alan Dekker weiß letztendlich um die Ursache für seine eigenartigen Träume. Es spricht also alles dafür, dass DCI Malcom Karlsson auch bei seinem jüngsten bizarren Fall auf die Hilfe der Therapeutin bauen will, oder etwa nicht? Aber Joanna fühlt sich nicht gerettet, eine Studentin wird immer noch vermisst und Alan ist verschwunden. Und an alldem fühlt sich Frieda Klein schuldig.

Michelle Doyce, erst kürzlich aus einer psychiatrischen Klinik entlassen, ist ganz aufgeregt der Sozialarbeiterin bei deren Kontrollbesuch "ihn" vorstellen zu können. Sie hat sich um "ihn" gekümmert, seine Sachen gewaschen und ihm Kuchen gegeben, sagt Michelle. Er brauchte schließlich jemanden, der auf ihn aufpasst, sagt sie. Was sie nicht sagt ist, dass er tot ist. Dass in ihrem Wohnzimmer eine verwesende, aufgedunsene Leiche auf dem Sofa sitzt, die Haare gekämmt, die Lippen geschminkt, in einer Hand ein Stück Kuchen, in der anderen eine Tasse, und dass der Raum erfüllt ist von Gestank und Fliegen.

DCI Karlsson und sein Team haben einen anonymen Toten und eine geistig verwirrte Frau, die sich ob ihrer schauder- und messihaften Sammelwut für Straßenmüll, der sich in ihrer Wohnung fein geordnet wiederfindet, hervorragend als Täterin eignet. Die schier zusammenhanglos wirkenden und wie aus einer Parallelwelt anmutenden Aussagen Michelle Doyce` bringen sie bei der Identifizierung kein Stück weiter. Anscheinend kann nur Dr. Frieda Klein in den bildhaften Wortfetzen Michelles Sinnvolles entdecken und so stellt sich heraus, dass sie die Leiche ebenso wie Glasscherben, Zigarettenstummel und Altpapier gefunden hat. Entsorgt, weggeworfen.

Friedas Blick fürs Detail liefert den Beamten schließlich einen Namen für den Toten. Aber der führt nur zu einem Mann, der bereits vor sechs Jahren verstarb. Robert Poole alias Edward Green entpuppt sich als ein raffinierter Betrüger, der seine Opfer kleinlichst studierte, um sich ihr Vertrauen und somit ihr Geld zu erschleichen. Eine alte Dame, die von ihrer Familie vergessen wurde, eine ausrangierte Fernsehmoderatorin, die verbissen an ein Comeback glaubt, eine unglückliche Vorzeigeehefrau, eine einsame Nachbarin: Für alle spielte Robert Poole eine perfekte Rolle dessen, was ihnen im Leben fehlte Liebhaber, Sohn, Beichtvater, Freund. Jeder hat einen dunklen Fleck und ein perfektes Motiv, ihm nach dem Leben zu trachten. Aber seine Viertelmillion erbeutete Pfund sind verschwunden und keines seiner Opfer scheint sich als solches wahrzunehmen. Und der Tote ist der Täter.

Schatten, so weit das Auge reicht. Traurige Gestalten, gescheiterte Existenzen, kranke Seelen nicht allein auf Opfer, Verdächtige und Täter beschränkt, nein, bei dem Autorenduo Nicci French hat grundsätzlich jeder sein Kreuz zu tragen und das schließt sogar die schillernde Touristenmetropole London ein. Manch einer tut dies mit bitterer Würde und manch einer zerbricht daran. Das Geflecht aus vergangenem und aktuellem Fall wird immer enger und verdichtet sich in einem Knoten, der letzten Endes sogar Ruf und Leben der einsamen Serienheldin bedroht. Von dem man sich aber gleichzeitig wünscht, dass die Autoren ihn über die noch kommenden fünf Teile der Serie nur langsam entwirren.

Für sich genommen ist Eisiger Dienstag ein gefühlvoller Thriller, der keine effekthascherischen Haken schlagen muss, um spannend zu funktionieren und der Wendungen parat hält, die plausibel und doch raffiniert sind. Als zweiter Teil nach Blauer Montag verpasst er den einfühlsam gezeichneten Figuren auf unaufdringliche Weise mehr Kontur und unterstreicht die Stärke Nicci Frenchs plastische und glaubwürdige Charaktere zu erfinden, für die man gleichermaßen Sympathie und Antipathie empfinden mag.

Es bleibt grau in Londons Gassen. Aber auch wenn auf jeden Winter ein Frühling folgt, bleibt offen wer das Ende der Woche, folgt man den Titeln der Reihe, noch erlebt. Denn Frieda Kleins Weg fordert seine Opfer.
Immer.
Und zum Tod gehört das Leben und das an sich ist bei Nicci French nicht leicht.
Nie!

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