Öffne die Augen

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2012
  • Paris: Fleuve noir, 2010, Titel: 'Syndrome E', Seiten: 430, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2012, Seiten: 480, Übersetzt: Bettina Runge
Öffne die Augen
Öffne die Augen
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Dieter Paul Rudolph
85°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2012

Die Macht der Bilder

Irre Massenmorde, abgefahrene Tötungsrituale, turbulente Action auf drei Kontinenten, dazu ein schizophrener Profiler und eine Polizistin, die ein schlechtes Gewissen hat, weil sie ihre Kinder vernachlässigt. Hört sich nicht gut an. Eine Mischung aus Mainstream-Blutorgie und skandinavischem Weltanheulen, mit Kräutern des französischen Noir abgeschmeckt, was uns gleich zu Beginn klar wird, als ein Mann erblindet, weil er sich einen merkwürdigen Film angeschaut hat. Nein, Öffne die Augen von Franck Thilliez verspricht eher das Gegenteil von dem, wozu der Titel auffordert: 400 Seiten konventionelles Langweilen. Überraschung: Die Augen bleiben offen.

Alles beginnt also mit dem kleinen Filmchen, das ein Sammler aus dem Nachlass eines jüngst verstorbenen Cineasten erwirbt. Er sieht sich den Streifen an – und wird blind. Zufällig ist er ein Exfreund von Lucie Hennebelle, Thilliez' Serienkommissarin, die natürlich den Fall übernimmt, der zunächst keiner ist. Was ist an diesem Film so schockierend, dass er einem das Augenlicht raubt? Während Hennebelle im nordfranzösischen Lille noch nach Spuren sucht, wird Profiler Sharko in Paris mit grausigen Tatsachen nur so überschüttet. Man findet fünf verscharrte Leichen, perfekt unkenntlich gemacht, Männer allesamt, denen fachmännisch Gehirne und Augen entnommen wurden. Es kommt, wie es kommen muss, die Ereignisse in Lille und Paris hängen zusammen, Hennebelle und Sharko sind zur Kooperation gezwungen. Einfach ist die nicht. Sharko leidet nach dem Tod von Frau und Tochter an einer schweren Psychose, er sieht Personen, die nicht da sind, nur Psychopharmaka helfen ihm, ein halbwegs normales Leben führen zu können. Derweil Lucie Hennebelle eigentlich eine kranke Tochter versorgen müsste, dies aber wegen des immer komplexer werdenden Falles mit dem Film nicht tun kann. Weitere Morde geschehen obendrein.

Die Spur führt schließlich zurück in die fünfziger Jahre zu einem obskuren Filmemacher, einem Genie, der mit damals unbekannten technischen Mitteln Filme manipulierte, um damit Menschen zu manipulieren. Eine Fähigkeit, die auch für Geheimdienste interessant wurde. Sharko reist nach Kairo, wo vor Jahren drei junge Mädchen unter Umständen zu Tode kamen, die an die Ermordung der fünf Männer in Paris erinnern. Hennebelle ist unterdessen auf einer anderen Fährte, die sie ins kanadische Montreal führt. Während sich die beiden menschlich näherkommen, wird die Gefahr immer konkreter. Sharko legt sich mit mächtigen Gegnern an…

Zugegeben: Das alles kommt dramaturgisch leicht überzogen daher. Aber Thilliez schafft es peu à peu, die zunächst sehr mysteriöse Geschichte in der Wirklichkeit zu verankern. Wir erfahren etwas über Hirnforschung, über die Macht der suggestiven Bilder und ihren Einfluss auf das Unbewusste. Auch die Charakterisierung Sharkos beeindruckt, weil sie das stimmige Bild einer Psychose zeichnet. In seiner Machart ist Öffne die Augen konventionell, auch stilistisch, was schlicht bedeutet, dass ein paar Gedanken zu viel ausgesprochen werden, auf die der Leser besser selbst kommen sollte. Thilliez verwendet die aktuellen Errungenschaften des Genres, ohne dass sie zum reinen Selbstzweck werden, das Ende ist zwangsläufig und rundet die psychologische Thematik von Trauma und Psyche ab. Gut, Sharkos Ägyptentrip hätte ein wenig unspektakulärer ausfallen können, aber das lässt sich verschmerzen. Ein spannender Roman.

Öffne die Augen

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