Der Sommer der toten Puppen

  • Suhrkamp
  • Erschienen: Januar 2012
  • 8
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 371, Übersetzt: Thomas Brovot
  • Barcelona: Grijalbo, 2011, Titel: 'El verano de los juguetes muertos ', Seiten: 371, Originalsprache
Der Sommer der toten Puppen
Der Sommer der toten Puppen
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Lars Schafft
84°1001

Krimi-Couch Rezension vonMär 2012

Verdammt kalt in Barcelona

Dass Barcelona abseits der Touristenattraktionen und der Ramblas, der großen Flaniermeile, durchaus ein heißes Pflaster sein kann, ist kein Geheimnis. Drogen, Prostitution, Menschenhandel jede Metropole zieht Abschaum an und die katalanische Hauptstadt macht da keine Ausnahme. Auch aber nicht nur in diesem Milieu spielt Antonio Hills Erstling Der Sommer der toten Puppen. Vielmehr zeichnet der Autor ein Sittenporträt hinter dem Offensichtlichen, von dem hinter der Fassade der Beletage Barcelonas. Und das macht er so gut, dass einem kalt ums Herz wird trotz Hochsommers.

Dabei sind die Zutaten für Hills Krimi gar nicht mal frisch vom Markt: Sein Protagonist, Inspektor Héctor Salgado, ist Auswärtiger (Argentinier), unfreiwilliger Single (seine Frau zog es zu einer anderen Frau), unglücklich agierender Vater (den Sohnemann ewig nicht gesehen), Kettenraucher und außerdem noch ein Polizist, der aus Moral und mangels Kontrolle auch gern mal mit der Faust für klare Verhältnisse sorgt (dem Mädchen handelnden Doktor ging es danach gar nicht gut). Dazu ein Fall, dessen Ursachen weit in der Vergangenheit liegen. Und ohne eine gewisse Hartnäckigkeit Salgados auch bei den Akten verschwunden wäre.

Er soll inoffiziell ermitteln, denn zum einen stehe gar nicht fest, ob es sich um ein Verbrechen handele, zum anderen mögen die Schönen und Reichen Barcelonas keinen Aufruhr. Für Salgado eine Chance, sich zu rehabilitieren.

Nach einem Studi-Trip nach Irland trifft sich der Unternehmersohn Marc mit seinen alten Freunden, Gina und Aleix. Ein gemütlicher Abend in der Johannisnacht, ein bisschen Alkohol, ein bisschen Fiesta. Alles halb so wild, wäre Marc nicht bei seiner letzten Zigarette aus dem Dachfenster gestürzt. Unfall? Gut möglich. Selbstmord? Eher nicht. Mord? Kein Anlass, ein Verbrechen in Betracht zu ziehen. Und doch: Salgado erscheint das Leben der drei gut situierten Jugendlichen zu aalglatt, von dem der Eltern gar nicht erst zu sprechen. Was er aufdeckt, wird so manche Existenz zerstören.

Hills Stärken liegen nicht zwingend auf Plot-Seite. Ein strammer Zug ist etwas anderes, als das, was uns der Autor in Der Sommer der toten Puppen vorsetzt. Vermutlich eine Berufskrankheit des Katalanen, dass viel psychologisiert wird (Hill ist studierter Psychologe). Gleichzeitig aber auch die Stärke des Romans! Salgados Innenleben deutet er manchmal nur an, was viel Raum für weitere Entwicklungen lässt. Die es dank des Cliffhangers, bei dem man vielleicht an Peter James´ Roy-Grace-Krimis denken könnte, zweifelsohne in Fortsetzungen geben wird.

Noch interessanter scheinen aber Salgados weibliche Kollegen zu sein, die ihm recht tough zur Seite stehen, jede für sich aber ebenfalls mit ihrem Privatleben zu kämpfen hat. Diese Figurenkonstellation birgt Zündstoff und vor allem Potenzial für mehr. Gut, dass der Autor sich nicht auf den Charakter Salgados versteift und so die Grundlagen für eine vielversprechende Serie legt.

Diesen ganzen Perspektivwechseln folgt der Leser gerne, vor allem, weil alles stimmig scheint und Antonio Hill immer wieder wunderbar treffende Bilder gelingen. Barcelona als pulsierende Großstadt spielt dabei immer eine Rolle, aber tritt nie in den Vordergrund. Soll man doch selbst hinfahren und sich vom Schönen begeistern lassen. Hill zeigt die hässliche Seite. Menschlich gesehen. Und das sehr gekonnt.

Der Sommer der toten Puppen

Antonio Hill, Suhrkamp

Der Sommer der toten Puppen

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