Lord Mullions Geheimnis
- Piper
- Erschienen: Januar 1986
- 1
- London: Gollancz, 1981, Titel: 'Lord Mullion´s secret', Seiten: 192, Originalsprache
- München; Zürich: Piper, 1986, Seiten: 190, Übersetzt: Uta Münch


Adel und Ehre wie Schall und Rauch.
Die Familie Wyndowe, dessen männliches Oberhaupt den Titel „Lord Mullion“ trägt, gehört zu jenem englischen Landadel, der in Politik oder gar Kultur der Inselmonarchie kaum Spuren hinterlassen hat. Stets hielten sich die Wyndowes im Windschatten der Geschichte, was sie immerhin vor Fehden, Kriegen und ähnlichen, Leib und Eigentum in Mitleidenschaft ziehenden Konflikten bewahrte. Auch im weit fortgeschrittenen 20. Jahrhundert kann man deshalb Mullion Castle, den Stammsitz, für die Familie halten, auch wenn Henry Wyndowe, der aktuelle Lord Mullion, sich damit abfinden muss, an zwei Tagen in der Woche zahlenden Touristen Einlass in sein Heim zu gewähren.
Lady Mary, Henrys Gattin, hat ihm nicht nur die drei Kinder Cyprian, Patience („Patty“) und Lucy („Boosie“) geschenkt, sondern auch stets den Überblick behalten, sodass die Wyndowes ungeachtet ihrer komplexen Familienhistorie leidlich miteinander auskommen. Mit im Schloss lebt „Großtante“ Camilla, so alt wie das Jahrhundert und nach einem Skandal in ihrer Jugend psychisch aus dem Gleichgewicht. Das „Witwenhaus“ besetzt Henrys nichtsnutziger Bruder Sylvanus mit Frau und Töchtern, wenn er nicht gerade die Tugend eine weitere lokalen Maid in den Schmutz zieht.
Lord Mullion hat sich in den Kopf gesetzt, ein Porträt seiner Gattin malen zu lassen. Er fragt seinen Jugendfreund Charles Honeybath, der sich als Kunstmaler einen Namen gemacht hat. Honeybath schlägt ein und reist nach Mullion Castle, wo er umgehend Zeuge diverser mysteriöser Ereignisse wird.
Wohin ist eine kostbare Miniaturmalerei verschwunden, was seltsamerweise unbemerkt blieb - oder ignoriert wurde? Warum darf der verstorbene Sir Rupert, Henrys Onkel und in der Erbfolge eigentlich vorrangig, mit keiner Silbe erwähnt werden? Was hat der Ortsgeistliche Dr. Martin Atlay in den Papieren der Familie entdeckt? Wieso sieht Hilfsgärtner Swithin Gore - der sich in Lady Patience verliebt hat - den Wyndowes so ähnlich? So viele Fragen sind zu klären, dass der hilfsbereite Honeybath gar nicht dazu kommt, seine Malutensilien auszupacken ...
Gemächlich, aber nicht lahm
Wer zu diesem Roman greift, wird rasch merken, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die sich wie ein Krimi liest, aber nicht wirklich einer ist. Mann sollte dennoch - um dies gleich nachzuschieben - keineswegs vor der Lektüre zurückschrecken. Wer sich im Genre auskennt, dessen Geschichte kennt und würdigt, wird zustimmend nicken, denn der Verfasser ist Michael Innes - alias John Innes Mackintosh Stewart (1906-1994) -, der als ein Meister des britischen Rätselkrimis gilt. Seit 1936 war er als Autor aktiv, und das blieb er bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre.
In einem halben Jahrhundert war er erstaunlich produktiv. Seine Werke erreichten oft Klassikerstatus, und in seiner englischen Heimat sind sie bis heute präsent. Man sollte sie eigentlich in ihrer Originalsprache lesen, denn Innes war in seinem Hauptberuf Anglizist und Literaturwissenschaftler - ein „Oxford-Dean“, wie er im Buche steht und in Film wie Fernsehen gern als ebenso klug wie verschroben gezeichnet wird. Dies prägte seinen Stil, der mit den Jahren immer altmodischer bzw. nostalgischer klang: Ein Feuerwerk der Form und des Ausdrucks, gespickt mit literarischen Anspielungen, die eine Bildung verrieten, die längst nicht mehr vorausgesetzt werden konnte, als dieser Roman erschien.
Glücklicherweise beherrschte Innes auch die Kunst des britischen Humors, der ebenso trocken wie schwarz ist. Selbst Ungeheuerliches wird mit einer Eleganz vorgetragen, die moralische Entrüstung lächerlich wirken lässt, zumal für den Eingeweihter hinter den Worten ein verborgener Sinn erkennbar ist. Dies gilt auch für „Lord Mullions Geheimnis“, was bereits mit dem Titel beginnt: Wir Leser werden wie die Protagonisten herausfinden müssen, welcher Lord Mullion eigentlich gemeint ist!
Adel in der Moderne
Geschickt jongliert Innes mit Klischees und Archetypen eines bekannten oder sogar ausgelaugten Milieus: Das pompöse, abgeschieden gelegene Landhaus, bewohnt von einem Adelsgeschlecht und seinen Nachfahren, ist nicht nur im Rätselkrimi ein sattsam genutzter Schauplatz. Hier scheint üblicherweise die Zeit stehengeblieben zu sein, herrschen Gesellschaftsordnungen und (ritualisierte) Sitten, die an eine ferne, feudale Vergangenheit erinnern (deren unerfreulichen Lebensumstände für alle, die nicht dem Adel angehörten, in Vergessenheit geraten sind). Der alte Lord, eine typische Figur, ist eher liebenswert verpeilt als herrschsüchtig, und die Normalmenschen in seiner Umgebung betrachten sich weiterhin als seine treuen Untertanen.
Doch die Zeiten haben sich geändert. „Lord Mullions Geheimnis“ spielt in einer Gegenwart, in der sich der Adel nur noch einbilden kann, das Sagen zu haben. Innes sticht immer wieder in den Luftballon einschlägiger Vorstellungen. Überhaupt halten nur noch der Lord selbst und die (allerdings verrückte) „Großtante“ Camilla an einem entsprechenden Adelsbild fest, während seine Gattin sowie vor allem die Kinder längst in einer Welt leben, die auf jahrhundertelang eingebildete Privilegien nur noch bedingt Rücksicht nimmt. (Innes spiegelt das in der Figur des Charles Honeybath, der auf seine gutbürgerliche Weise - als Porträtmaler - ebenfalls ein Relikt ist.)
Während sich ein „Gentleman“ einst dadurch auszeichnete, dass er nicht arbeiten musste, sondern seinen Launen frönen konnte, strecken sich die Wyndowes nach der Decke. Das Schloss ist ebenso Statusobjekt wie Mühlstein am Hals der Familie. Der Unterhalt verschlingt Unsummen, und der moderne Staat fordert (aus Sicht des Hausherrn) horrende Steuern. Man darf sich nicht mehr zu fein sein = dieses Problem ignorieren. Während sich Sir Henry nicht wirklich damit abfinden kann, haben seine Kinder die Ärmel hochgekrempelt und sorgen dafür, dass der Laden - Mullion Castle - weiterläuft.
Die Schrecken der Erkenntnis
Kann eine Familie auf eine langfristig rekonstruierbare Geschichte zurückblicken, steigt das Risiko, dass diese von Skandalen begleitet wird. Dabei geht es nicht darum, dass ein Lord Mullion um 1700 eventuell ein Bauernmädchen entehrt hat; der zeitliche Abstand sorgt dafür, dass so etwas als unterhaltsame Anekdote in eine Schlossführung einfließt. Doch je weiter man sich der Gegenwart nähert, desto bedrohlicher werden Skandale: Der Adel war einst nicht nur eine Herrenschicht, sondern auch ein Vorbild. Der gute Ruf legitimierte den Status. Wurde dieser beeinträchtigt, konnte sogar ein Adliger in Acht & Bann und Lebensgefahr geraten.
Es ist kein Spoiler, wenn hier offengelegt wird, dass „Lord Mullions Geheimnis“ aus einer nicht lange genug zurückliegenden Vergangenheit stammt; der Autor macht daraus von Anfang an kein Geheimnis. Man ahnt zudem, um was es geht. Aber Innes ist ein Profi: Man sollte sich nicht darauf verlassen, seine Andeutungen interpretieren zu können. Letztlich schlägt er diverse unerwartete Wendungen und zieht dabei manche Überraschung aus dem Ärmel.
Bis der Plotknoten sich schürzt, folgt man der gewaltlosen Handlung gern. Erfreulicherweise wurde diesem Roman eine Übersetzung gegönnt, die der komplex-verspielten Vorlage gewachsen ist. Wer sein Vergnügen aus fein, aber hintersinnig (oder hinterlistig) gesponnenen Worten ziehen bzw. auf vordergründige ‚Action‘ verzichten kann, wird auf seine Kosten kommen. Sicherlich ist „Lord Mullions Geheimnis“ das typische Spätwerk eines Schriftstellers, der seinen Zenit überschritten hat. Allerdings bezeugt dieser scheinbar aus seiner Zeit gefallene Roman auch das Selbstbewusstsein eines Mannes, der sich um literarische Moden nicht mehr kümmert und kümmern muss.
Fazit
Im dritten Band der Charles-Honeybath-Serie instrumentalisiert der Autor die Regeln, Schauplätze und Figuren des klassischen Whodunit-Krimis, ohne diesen zu ‚verraten‘, obwohl er dem Geschehen eine sehr eigene Richtung gibt: ein ‚moderner‘ Nostalgie-‚Krimi‘, verfasst von einem Schriftsteller, der sein Handwerk in der „Goldenen Ära“ des Genres erlernt und perfektioniert hat.

Michael Innes, Piper




Deine Meinung zu »Lord Mullions Geheimnis«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!