Ihr seid die Jury:
Zwei Gesichter - Ein Schuss

Rezension von Kathrin Walther (01.2026)

Ein kooperatives Erlebnisspiel, in dem man selbst in der Rolle der Jury schlüpft.

Ein Mord ist passiert: Der gerade einmal 19-jährige Brian Jones wurde vor einem Tanzclub durch eine Kugel getroffen und starb kurz darauf im Krankenhaus. Schnell ist mit dem gleichaltrigen Jeff Walker ein potentieller Täter gefunden. Beide Männer sollen rivalisierenden Gangs angehört haben und es ist bereits in der Vergangenheit zu Vorfällen gekommen. Was die Beweissuche erschwert: Jeff hat einen eineiigen Zwillingsbruder, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Zwar hat Jeff etwas kürzere Haare und trägt ein Tattoo am Hals, doch war es in der Tatnacht dunkel, sodass derart kleine Unterschiede schnell übersehen werden können. Reichen die Zeugenaussagen und Beweise aus, um Jeff für mindestens 20 Jahre hinter Gitter zu bringen?

Schuldig oder unschuldig?

Im kooperativen Erlebnisspiel „Ihr seid DIE JURY: Fällt euer Urteil – Zwei Gesichter - Ein Schuss“ schlüpfen ein bis fünf Spieler in die Rolle der Geschworenen und müssen über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten entscheiden. Um sich ein vollumfängliches Bild der Sachlage machen zu können, gleicht der Ablauf des Spiels dem einer Gerichtsverhandlung, die sich über drei Tage erstreckt.

Nachdem das kurze Spielbuch (gemeinsam) gelesen und die passende App heruntergeladen und geöffnet wurde, beginnt der erste Tag der Verhandlungen. Richterin Amber Jackson beginnt den Prozess mit einer kurzen Ansprache, in der sie noch einmal ein paar Hinweise an die Geschworenen richtet, danach geht das Wort an Staatsanwältin Robin Morales, welche die Eröffnungsrede hält. Anschließend kommt noch Verteidiger Alex Clark zu Wort, bevor der Prozess mit dem Verlesen der Anklagepunkte und dem Befragen der ersten vier Zeugen beginnt. Nacheinander berichten Clubbesitzer Carlos Rodriguez, Officer P. Anderson, Officer C. Brown und Detective T. Young, was sie um kurz nach Mitternacht am 12. Februar 2011 auf dem Parkplatz des Tanzclubs in Chandler, Arizona, beobachtet haben, bevor sie sich den kritischen Fragen der Verteidigung stellen müssen. Im Anschluss daran, kommen noch verschiedene Beweise ins Spiel, bei denen es sich neben der Tatwaffe, mit belastenden Fingerabdrücken, um eine Karte rund um den Tatort und einen Screenshot der Überwachungskamera des Nachtclubs handelt, der einen Eindruck der vorher stattgefundenen Feier vermittelt. Den Abschluss des ersten Verhandlungstages machen die Aussagen von fünf Geschworenen, die ihre Meinung zum Tathergang äußern. Nach einer kurzen Beratungsrunde geht es dann auch schon weiter mit Tag 2, der ähnlich abläuft wie Tag 1.

Vier Zeugen kommen zu Wort und antworten anschließend auf die Fragen der Verteidigung. Zum Ende des Verhandlungstages gibt es zudem noch einen Bildvergleich der Zwillinge, auf dem ihre Ähnlichkeit deutlich wird, bevor die fünf Geschworenen ihre aktuelle Meinung teilen und die Spieler Zeit für eine kurze Beratungsrunde haben, in der sie sich über ihren aktuellen Eindruck des Prozesses austauschen können.

Auch der dritte und letzte Verhandlungstag beginnt wieder mit den Aussagen vierer Zeugen. Zur Veranschaulichung der Situation in der Tatnacht gibt es außerdem das Bild einer nachgestellten Szene sowie eine Darstellung des Tatorts, auf dem die schwierigen Lichtverhältnisse deutlich werden. Ein letztes Mal teilen die fünf Geschworenen ihre Meinung mit, bevor eine letzte Beratungsrunde folgt. Richterin Amber Jackson kündigt den Abschluss des Verfahrens an, bevor Staatsanwaltschaft und Verteidigung noch einmal zu Wort kommen. Nun sind die Spieler gefragt: Schuldig oder unschuldig? Und: Werden sie zu einem eindeutigen Urteil kommen oder muss es eine Neuwahl der Jury geben?

In der Rolle der Richter

Ihr seid DIE JURY – Fällt euer Urteil“ richtet sich an Spieler ab 14 Jahren und dauert etwa 120 Minuten, was jedoch etwas von der Spieleranzahl abhängt. Spielt man allein oder zu zweit, fallen die Beratungsrunden weg beziehungsweise sind deutlich kürzer als im Spiel mit fünf Personen, wenn jeder seine Meinung mitteilt oder von der aktuellen Auffassung „seines“ Geschworenen berichtet (jeder Spieler liest für sich die Karte jeweils eines Geschworenen, im Fall mit weniger als fünf Spielern bleiben Karten somit ungelesen).

Um bei der Anzahl von insgesamt 12 Zeugen den Überblick zu behalten, bekommt jeder Spieler zu Beginn drei Einschätzprotokolle, auf dem die Zeugen eines jeden Tages abgebildet sind. Zusätzlich befindet sich neben jedem Zeugen fünf Kästchen die von rot = sehr schuldig bis grün = unschuldig reichen, sodass man nach dem Anhören des jeweiligen Zeugen direkt ankreuzen kann, ob die Aussage eher auf Schuld oder Unschuld des Angeklagten hindeutet. Außerdem erhält jeder Spieler ein Urteilsplättchen, mit dem am Ende des Spiels verdeckt geurteilt wird und mit dem sich entscheidet, ob es zur Neuwahl kommen muss oder ob die Jury einheitlich entschieden hat und das Urteil somit gefallen ist.

Dreh und Angelpunkt des Spiels ist die zugehörige App, die sich via QR-Code kostenfrei herunterladen lässt. Zwar finden sich im Spielkarton insgesamt auch 52 Spielkarten, doch funktionieren diese nur gemeinsam mit der App, in der die passenden Audiodateien hinterlegt sind. Karten und App greifen dabei genau ineinander und sind beide unverzichtbar, um das Spiel zu spielen.

Die Vorderseiten der Karten veranschaulichen den Prozess durch Bilder der Befragten oder zeigen Beweise, während auf den Rückseiten Handlungsanweisungen wie „Hört euch jetzt das Kreuzverhör von … an“ oder „Zieht die Karten …“ beziehungsweise „Legt die Karten … zurück in die Schachtel“ stehen, sodass immer klar ist, was gerade zu tun ist. Startet man in der App das zugehörige Audio, ist gutes Zuhören gefragt, da jede Aufnahme nur einmal angehört werden darf – wie in einer richtigen Verhandlung, da dort jede Aussage schließlich auch nur einmal zu hören ist. Auch Notizen sollen eigentlich nicht gemacht werden, jedoch befindet sich neben jedem Zeugen eine Reihe, auf der sich ein paar Stichworte aufschreiben lassen. Dadurch, dass sich zu jedem Audio auch der Text einblenden lässt, ist das Spiel auch für Menschen geeignet, die Schwierigkeiten mit dem Hören haben oder lieber mitlesen möchten.

Kommen wir nun zur alles entscheidenden Frage: Wie kommt das Spiel an?

Nachdem uns die Spielidee ziemlich neugierig gemacht und uns das Thema angesprochen hat, waren wir ziemlich gespannt, ob sich echtes Gerichtsfeeling einstellt und man sich wirklich in die Rolle einer Jury versetzt fühlt. Dank kurzer Regeln und wenig Vorbereitungen, die sich auf das Bereitlegen der Karten, Einschätzprotokolle und Entscheidungsplättchen beschränken, konnte quasi direkt gestartet werden, was besonders ungeduldigen Spielern entgegenkommt, die sich nur ungern erst durch lange Regeln quälen. Nach und nach wird eine Karte nach der anderen aufgedeckt und der passende Audioabschnitt angehört. Bei insgesamt 12 Zeugenaussagen plus kritischer Rückfragen, Ansprachen von Richterin, Staatsanwältin und Verteidigung kann sich das ganz schön ziehen… Hier ist Geduld und gutes Zuhörvermögen gefragt.

Etwas Abwechslung kommt durch die Sichtung verschiedener Beweise sowie durch das Lesen der Aussagen der Geschworenen ins Spiel, die sich jedoch relativ nichtssagend anfühlen, da sie vor allem viel Meinung und wenig Beweise liefern – was in der Realität jedoch sehr ähnlich sein kann. Hier liegt auch noch ein kleiner Kritikpunkt: Wer sich nur wenig mit dem amerikanischen Rechtssystem auskennt, wird zum deutschen Rechtssystem einige Unterschiede feststellen, die eventuell zu offenen Fragen führen können. Hier wäre eine kurze Übersicht über das amerikanische System schön gewesen.

Was uns hingegen gut gefallen hat, sind die Hintergrundinfos zum „echten“ Fall, auf dem das ganze Spiel basiert, denn nachdem man als Jury sein Urteil abgegeben und über schuldig beziehungsweise unschuldig geurteilt hat, wird aufgelöst, wie der wahre Fall ausgegangen ist, wie die Jury dort zu ihrem Urteil kam und welche Punkte dafür ausschlaggebend waren. Spannend ist auch, wie der Fall schließlich weiterging, was sich auch erfahren lässt.

Was uns etwas gefehlt hat, waren Entscheidungsmöglichkeiten während des Spiels, das insgesamt sehr linear verlief. Aus dem Kartenstapel wurde eine Karte nach der anderen in festgelegter Reihenfolge „abgearbeitet“, sodass lange einfach nur zugehört werden musste, während die einzige Aktionsmöglichkeit das Bilden einer Meinung auf Grundlage des Gehörten beziehungsweise des Gesehenen war. Hier wäre etwas mehr Varianz schön gewesen, sodass man selbst Fragen stellen oder Beweise hätte auswählen können. Andererseits besteht die Rolle der Jury auch in der Realität in erster Linie aus Zuhören, sodass das Spiel nahe an die Wirklichkeit angelehnt ist.

Als Teil der Jury wurde einem auf jeden Fall ziemlich bewusst, wie schwer es sein kann, ein faires Urteil zu fällen, das sowohl dem Opfer als auch dem vermeintlichen Täter gerecht wird und wie wichtig es ist, alle Beweise genau abzuwägen, um keinen Unschuldigen lange ins Gefängnis zu bringen, einen Täter jedoch auch nicht entkommen zu lassen.

Fazit

Ein kooperatives Erlebnisspiel, bei dem man in der Rolle der Jury hautnah nachempfinden kann, wie schwer es sein kann, ein faires Urteil zu fällen, bei dem objektive Beweise und nicht subjektive Wahrnehmung schließlich über Schuld und Unschuld und somit auch Verurteilung oder Freispruch entscheiden!

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