Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 69

"Cronenbergs Erbe"

Mystery at it´s best

Beim Marketing als Krimi ausgewiesen, ist das Hörspiel doch eher dem Genre Mystery Thriller zuzuordnen. Text und Regie des Dreiteilers stammen von dem erfahrenen Martin Heindel, ein Regisseur mit Neigung zum SciFi, der aber auch „Sissi“ inszeniert hat. Pünktlich zur Sommerpause 2026 beim Bayerischen Rundfunk erschienen.

Inhalt

Die Cronenbergs tun sich schwer mit ihrem Erbe. Heute eine ganz normale Familie, stammen sie aus adligem Hause. Der Vater hat das „von“ schon mal abgelegt. Verständlich, denn es gibt viele dunkle Flecken in der Familiengeschichte. Hat der Urgroßvater seine Frau umgebracht? Das meiste bleibt verdrängt, nur irgendwo in einem Ferienhaus liegen noch ein paar alte Fotoplatten. Und genau diese wollen die Entführer von Kadira haben, der 16-jährigen Tochter. Nun bricht die heile Welt zusammen. Die Polizei ermittelt, die Eltern versuchen alles, ihre Tochter zu befreien und Sami, der Freund von Kadira, und ihr Bruder Tom gehen eigene Wege. Tatsächlich gelingt es ihnen, Kadira zu befreien, aber die Probleme reißen nicht ab. Kadira ist nicht mehr die alte. Sie hört Stimmen, ist verwirrt. Die Fotoplatten stammen aus der Übermensch-Reihe des Ururgroßvaters.  Von diesen Geisterbildern scheint ein unheimlicher Sog auszugehen. Kadira ist zwar frei, wird aber schnell wegen ihrer wirren Gedanken von ihren Eltern in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Und trifft dort ihre Entführer wieder!

Das Hörspiel

Die drei Folgen bilden ein geschlossenes Ganzes und der Hörer sollte keine allzu langen Pausen einlegen. Auch schon deshalb, weil es ein ausgesprochen spannender Krimi ist. Nun ja, eben mit einer Portion Mystery. Es gibt drei Ermittlerteams: Die Polizei, der Bruder und ihr Freund sowie die Eltern. Protagonistin ist Kadira, wunderbar gesprochen von der unbekannten Samira Isa Benhane. Dem Autor und Regisseur ist ein kleines Kunstwerk gelungen. Es gibt ruhige Szenen, dann wieder echte Reißer. Mystische Gedankengänge und dann wieder ganz normale Polizeiarbeit. Es gibt eine klassische Entführung, aber auch eine zarte Liebesgeschichte mit Kadira und Sami. Alle Rollen sind warmherzig und glaubhaft gestaltet, bis auf die Entführer möchte man alle knuddeln. Die Sprache entspricht der realen Welt, keine künstlich jugend-affine Formulierungen. Heindel erzählt viele Geschichten. Eine Familie, die mit einem schwierigen Erbe umgehen muss. Entführer, die mit den Bildern eine andere Form des Daseins suchen, die Polizei inmitten dieses Chaos und (fast) immer zu spät. Gibt es Stimmen aus einer anderen Welt, die einem Befehle zuflüstern? Oder sind es eigene Versuche, einen Ausweg aus einer schwierigen Welt zu suchen?

Fazit

Uneingeschränkte Empfehlung in ein Hörerlebnis ersten Ranges einzutauchen - mit einem Lauschen in fremde Welten.

Couch-Wertung: 90°

ARD Sounds

"Haus Vaterland"

Großes Ohr-Kino

Ein Mammut-Projekt geht zu Ende. Im Herbst 2026 veröffentlicht die ARD die endgültig letzte Staffel von „Babylon Berlin“. Wiederum als opulenter Mehrteiler im Fernsehen und Radio. 2018 startete mit „Der nasse Fisch“ die erste Staffel, die dritte Staffel „Goldstein“ erschien 2022. Mit „Haus Vaterland“ enden die Geschichten um Gereon Rath und Charlotte Ritter im Berlin der 1930-er Jahre. Basierend auf den Romanen von Volker Kutscher. Nun hat sich die Zeit verändert, Berlin seinen Charme etwas verloren und Zuschauer und Hörer sind neugierig, ob der Stoff auch heute noch funktioniert. Es ist jedenfalls schon beeindruckend, dass das Sprecherteam und die Regie durchgehalten haben.

Inhalt

Berlin, Ende der 1920-er, Anfang der 1930-er Jahre. Die lebensfrohe Weltstadt wird zunehmend von wirtschaftlicher Krise und einem Erstarken der Nazis geprägt. Mittendrin Gereon Rath als Kommissar und seine Freundin Charlie Ritter, Kommissar Anwärterin. Gerade zurück aus Paris. Doch für Privatleben bleibt wenig Zeit. Ein Mord im renommierten Vergnügungstempel Haus Vaterland führt Gereon weit in die Masuren an der Ostgrenze und in Lebensgefahr. Charlie ermittelt als Aushilfe Undercover im Haus Vaterland. Aus einem rätselhaften Mord an einem Schnappspanscher wird eine Mordserie. Alle Opfer verbindet die gemeinsame Vergangenheit. Charlie drängelt sich in ein neues Gewaltverbrechen: Die junge Hanna, ein Straßenmädchen und Jüdin wurde schwer verletzt und traumatisiert. Dann kommen die Nazis an die Regierung, der Reichstag und die un-deutschen Bücher brennen. Und viele biedern sich an. So auch der Kriegsveteran und Autor Roddeck, der eine Buch über seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg schildert. Aber auch Angst um sein Leben hat. Denn damals ging es um Mord und viel Gold und Roddeck hat Angst vor Rache. Nicht zu Unrecht.

Das Hörspiel

Vorab: Die Hörspielreihe hat wenig mit den parallelen Fernsehepisoden zu tun und ist deutlich näher an den literarischen Vorlagen. Die Episodenreihe ist eigenständig, aber leichter nachvollziehbar, wenn man die Vorgänger gehört hat. Auch diesmal wieder opulente Filmmusik, viele parallele Stories immer mit bewegender Atmosphäre, die aber nicht immer zueinander finden. Die Stammsprecher sind wieder dabei und erfüllen ihre Rollen bestens. Niemand kann den Unterweltpaten Mahlow mit seiner tiefen, sonoren Stimme besser sprechen als Reiner Schöne. Die Reihe ist stark politisch, spiegelt den Zeitgeist wider und ist auch etwas Krimi. Dabei sind die Plots des Autors Kutscher nicht immer überzeugend. Sehr viel Handlung, sehr viele Rollen erfordern konzentriertes Hören und lassen keine langen Pausen zwischen den Folgen zu. Die Episoden enden mit schönen Cliff-Hangern, starten aber nicht mit Zusammenfassungen. Neben der Liebesgeschichte zwischen Gereon und Charlotte ist das Hörspiel immer ganz nahe an den Menschen, ihren Sorgen, ihren Entwicklungen. Und Mini-Szenen wie mit einem dunkelhäutigen Barmann (Husen), den Straßenkindern wie Hanna und Fritzi oder den Köllner OB Adenauer sind kleine Highlights, die das Überladene und den ständigen moralischen Zeigefinger vergessen lassen. Trotz kleiner Schwächen wiederum ein Meisterwerk, das uns 2026 stärker bewegen sollte als noch vor wenigen Jahren.

Fazit

Ein Muss für jeden Hörspielfan, für alle anderen ein sehr unterhaltsames, spannendes Stück Zeitgeschichte. 

Couch-Wertung: 85°

ARD Sounds

"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 69" von Malte Stamer, 10.2026
Hier findest Du noch mehr Tipps zu Krimi-Hörspiele: Mediatheken

Fotos: istock.com / tolgart

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren