Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 66
"Übertherapie"
Tango, Hölderlin und ein Mordfall
Seit 2019 lässt der RBB den verlässlichen Autor Tom Peuckert mit seinen Protagonisten Christian Wonder und Ariane Kruse im Herzen Berlins ermitteln. Wonder ist der solide Abarbeiter der Fälle mit leichtem Hang zur Selbstanalyse. Die russisch-stämmige, trinkfeste Kruse hingegen bringt die Fälle auf den Punkt. Auch die Regie von Kai Grehn und die Musik von Tawater sind in allen 8 Fällen konstant geblieben. Dieses Paket schlägt mittlerweile den Hammer Tatort.
Inhalt
Arzt Dr. Böttiger wird ermordet aufgefunden. Diese etwas schräge Person hatte ein Herz für Drogenabhängige und hat ihnen mit legalen und illegalen Mitteln immer geholfen. So einen bringt die Szene doch nicht um. Aber es gibt noch eine andere Seite: Der cholerische Böttiger hat unentwegt Politiker verklagt und sich gegen den Deep State gewehrt. Keine leichten Ermittlungen also. Die Sprechstundenhilfe weiß lediglich, dass manche der Patienten den Arzt gehasst haben, andere haben ihn verehrt. Die letzte Patientin, Isi Langner, gerät in Verdacht. Videoaufnahmen zeigen sie schluchzend aus dem Haus laufen. Gegner hatte Böttiger auch in der Politik genug. Und einen Kommissar hat Böttiger in die vorzeitige Rente gebracht. Da braucht es schon die gemeinsame Ermittlungskunst von Wonder und Kruse, um den Fall zu klären.
Das Hörspiel
Die Konstruktion ist klasse: Der Hörer ist am Beginn Zeuge des Mordes, allerdings ohne Details zu erlauschen. Aber der Reihe nach. Der Autor Tom Peuckert kann überzeugende Vorlagen liefern und dabei lyrische, bildhafte und träumerische Formulierungen nutzen. Der Hörer erlebt seine Protagonisten als reale Person, aber nie persönlich. Die Regie gibt den Sprechern die richtigen Anregungen und vertieft oder entwickelt einzelne Szenen. Das Hörspiel beginnt mit einem Gedicht von Hölderlin, untermalt von einem Bandoneon. Dann folgt eine Berliner Stimme: „Idioten nur Idioten“. Jede Berliner Schnauze hat ihren eigenen Slang und Tonfall, kann man nicht verwechseln. Die nicht immer einfache musikalische Begleitung von Tawater nimmt dies alles auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen oder Teil der Handlung zu werden. Die Ermittlungen sind wie der Tango den Wonder mit seiner Partnerin übt: Jeder Schritt muss sitzen. Und der Fall wird gelöst, weil die Art der Ermittlung so besonders ist. Bei aller Spannung hat der Autor auch ein gesellschaftliches Anliegen: Jeder Mensch hat mit allen Stärken und Schwächen ein Recht auf würdiges akzeptiertes Leben und es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Da bekommt Hölderlin noch eine andere Bedeutung: Der Blick nach Innen, ins Gefühlte verändert den Blick auf die Welt.
Fazit
Ein leuchtender Stern in der oft genug Durchschnittsware Milchstraße Radio-Tatort. Ein Höhepunkt der Hörspielkunst, aber auch etwas eigenwillig.
Couch-Wertung: 90°
ARD Sounds
"Truth or dare"
Die Blick in die Kinky-Szene
Eigentlich hat die ARD es nicht so mit den Minderheiten. Umso erstaunlicher, daß nun zwei junge, eher unbekannte Autorinnen sich den sexuellen Freuden und Problemen jenseits der Norm widmen dürfen. Jedenfalls beschreibt eine Standard-KI so die „Kinky-Szene“. Truth or Dare ist dafür nichts Spezifisches. Es gibt reichlich Filme und Bücher mit diesem Titel. Immer geht es um den Konflikt Wahrheit oder Pflicht.
Inhalt
Malia braucht nach dem Ende einer Beziehung etwas Neues. Etwas, was sie aufbaut, ihren Schmerz überwindet und ihr hilft, zu sich selbst zurückzufinden. Und stürzt sich in einen Köllner Club für Schwule, Lesben und andere Orientierungen. Sie findet Stimmung, Lärm und Liebe. Und verknallt sich gleich hemmungslos in Emelie. Hier passt alles. Die gleiche Denke, die gleiche Szene und sie ist wunderschön. Vielleicht entsteht schnell mehr als zärtliche Schmuserei, denn Emelie lädt sie in ihren eigenen Club ein! Nach einer Woche langen Wartens ist es soweit. Malia wird von einem Chauffeur abgeholt. Upps! Ähh? Er fährt zu einer großen, etwas unheimlichen Villa. Dort findet die queere Party statt, von Emelie nichts zu sehen. Zum Glück geht es Zara ähnlich, auch sie findet sich nicht zurecht. Statt Emilie taucht Liou auf und verkündet, dass bald das Spiel beginnt. Und für Malia beginnt ein grauenhaftes Spiel, dass sie zurück zu ihren Wurzeln schickt, aber statt Liebe und Genuss, Angst und Schrecken verbreitet.
Das Hörspiel
Protagonistin ist Malia, die den Hörer durch ihre eigene Sicht und Stimme begleitet. Es gibt nur einen Club und die Villa von Emilie als Spielorte, aber darin viele Dialoge. Jedes Mal in sehr dichter überzeugender Atmosphäre. Was überhaupt die eigentliche Stärke des Hörspiels ist. Die Stimmen sind variantenreich und glaubhaft. Dazu tragen vor allem die reichlich vorhandenen Sidekicks bei. Sound und Musik vermitteln den Eindruck, der Hörer sei mittendrin. Ein wenig mehr als Bass-Wummern hätte es schon sein dürfen. Der Hörer muss sich auf das dauernde okay, die vielen englischen Szeneslogans und die langen Pausen an den falschen Stellen schon einlassen. Auch wenn das Hörspiel sich von zärtlichen Liebesszenen zu grauenhaften Erlebnissen entwickelt, kann man es kaum als Thriller oder Grauen bezeichnen. Hier wird auf die Schmerzgrenze des Hörers geachtet. Das Hörspiel ist eine Mahnung an jeden Einzelnen: Es gibt keine Heilsversprechen und jeder passe auf sich auf. Wie Malia wegen oder trotz traumatischer Kindheitserlebnisse zu sich findet, bleibt offen. Was das Ganze mit Truth or Dare zu tun hat, können nur die beantworten, die schon an solchen Partyspielen teilgenommen haben. Es ist ja schon bei der Wahrheit allein nicht ganz einfach.
Fazit
Das Hörspiel ist sehr stark auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten und nicht jedermanns Kost. Aber überzeugend geschrieben und gespielt und des Lauschens wert.
Couch-Wertung: 80°
ARD Sounds
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 66" von Malte Stamer, 08.2026
Hier findest Du noch mehr Tipps zu Krimi-Hörspiele: Mediatheken
Fotos: istock.com / tolgart


Neue Kommentare