Der Schatten hinter den Schatten

  • Echter
  • Erschienen: Juli 2026
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Thomas Gisbertz
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2026

Über Schuld, Verlust und das Ende einer Freundschaft.

Karwoche 2020: Ein lauter Knall reißt Melchior und seine Freunde nachts im niederrheinischen Dorf Dornbusch plötzlich aus dem Schlaf. Ein Gewehrschuss? Als am nächsten Tag der Dorfbewohner van Breijden mit seinem Hund Shep vor der Tür steht, haben sie Gewissheit: In der Kirche sitzt ein Mann. Tot, Herzschuss. War es Selbstmord? Aus Dornbusch dürfte der Tote nicht stammen. Doch wer fährt nachts hierhin, um sich im Gotteshaus zu erschießen? Und wie verschaffte er sich Zutritt zur Kirche? Viele offene Fragen für die drei Freunde Melchior, Barth und Jakob, die seit kurzer Zeit im alten Schulhaus zusammenwohnen. Dabei bleibt ihnen nicht viel Zeit: Der pensionierte Kommissar Barth liegt seit seiner Lobektomie im Sterben, während der ehemalige Pfarrer Jakob Beerwein an einer fortschreitenden Demenz leidet. Doch ein letztes Mal wollen beide mit Barths Pflegerin Rebecca und dem im Rollstuhl sitzenden Melchior den Fall lösen – und dieser verbindet die Schatten der Vergangenheit mit denen der Gegenwart.

Abschluss der Reihe

Nach „Welt verloren“ (2022) und „Nebel, am Ende“ (2024) erscheint nun im Würzburger Echter Verlag mit „Der Schatten hinter den Schatten“ der Abschluss der Dornbusch-Trilogie, dessen Cover erneut wundervoll ausgewählt wurde (Robert Delaunay Saint-Séverin No. 2). Autor Gregor Maria Hoff selbst spricht bei seiner Reihe von einem Triptychon. Wie das dreiteilige Kunstwerk, erzählen auch die einzelnen Kriminalromane eine zusammenhängende Geschichte. Während im ersten Band die Perspektive des pensionierten Pfarrers Jacob Beerwein im Vordergrund stand, rückte im zweiten Teil der ehemalige Kommissar Barth in den Mittelpunkt. Der abschließende dritte Band wird nun aus dem Blickwinkel Melchiors, des dritten Freundes, der einen virtuellen Friedhof im Internet betreibt, geschrieben. So ergibt sich aus den einzelnen Perspektiven bzw. der Dreiteilung ein Gesamtbild. Hoff nutzt diese Schreibform, um komplexe Lebensthemen wie Schuld, Verantwortung, Verlust, Gerechtigkeit und Tod darzustellen und dabei die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen. Der Kriminalfall ist dabei stets der Ausgangspunkt, um die Fragilität sozialer, familiärer und freundschaftlicher Beziehungen aufzuzeigen. 

Welt verloren

Gregor Maria Hoff, Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Paris-Lodron-Universität Salzburg, versteht es zu schreiben. Seine Sprache ist sachlich, beinahe nüchtern, dennoch äußerst präzise und mitunter sogar poetisch. Mit ausdrucksstarken, tiefgründigen Dialogen schafft es der Autor, eine sehr intime, verletzliche Atmosphäre zu schaffen. Diesmal rücken das Sterben und der Verlust in den Mittelpunkt der Handlung. Nicht nur beim Opfer. Die Welt zerfällt, die Vergangenheit beschwört immer wieder die Gegenwart, kann die Zukunft aber nicht verhindern. So kämpfen Barth, Jakob und Melchior nicht nur darum, den Fall zu lösen, sondern auch um ihr Leben und ihre Freundschaft. 

Keine einfachen Themen, die voller Melancholie schwer auf der Handlung liegen, sie immer wieder zu erdrücken scheinen. Doch das geschieht zum Glück nicht. Denn in diesem existenziellen Kriminalroman erscheint das Verbrechen wie das Spiegelbild einer aus den Fugen geratenen Welt, auch wenn es sich dabei nur um den Mikrokosmos Dornbusch handelt. Es geht weniger um die Toten, sondern vielmehr um die Lebenden, ihre Schicksale und deren inneren Krisen - egal ob sie Täter, Beteiligte oder Außenstehende sind. 

„Es bleiben … offene Fragen“, stellt der nach Luft ringende Barth bei der Suche nach dem Täter fest. Dies gilt ohne Zweifel auch für den Roman. Leerstellen nennt dies die Rezeptionsästhetik. Die Inhalte müssen vom Leser in Beziehung gesetzt und Bedeutungslücken gefüllt werden. Hier schafft Hoff in seiner Erzählweise Raum für den Leser, um sich selbst im Roman zu finden, Fragen für sich zu beantworten, den Figuren nahe zu kommen. Deswegen bewegt sich nicht nur der dritte Band auch stets zwischen Kriminal- und Gesellschaftsroman.

Kleinere Schwächen

Trotz ihrer individuellen Gebrechen sind die drei Freunde Melchior, Jakob und Barth (ausdrucks-)starke Persönlichkeiten, die aber grundverschieden sind und sich gerade deswegen so gut verstehen. Offenheit statt Geheimnisse, sich aushalten trotz Andersartigkeit, Freundschaft, die auf Akzeptanz beruht. Leider gilt diese feine Figurendarstellung weniger für die weiblichen Protagonistinnen. So bleibt etwa die Figur der Rebecca insgesamt zu blass, weist der Autor ihr doch eine zu stereotype Rolle zu – beruflich wie privat. Dabei zeigte sie noch im zweiten Band eine deutlich stärkere Präsenz. Es dürfte Lesern, die viel Wert auf Spannung und eine stringente Handlung legen, darüber hinaus weniger zusagen, dass die privaten Schicksale der Protagonisten die Handlung tragen und dadurch oftmals in den Mittelpunkt rücken. Gleichzeitig ist dies aber auch ein besonderes Charakteristikum der Reihe und zeichnet diese aus. Die Auflösung des Kriminalfalls ist durchaus stimmig, erfolgt aber etwas zu einfach dank der legalen, aber auch illegalen Computerkenntnisse Melchiors. Das trübt das Lesevergnügen aber keineswegs.

Fazit

„Der Schatten hinter den Schatten“ ist kein temporeicher Kriminalroman, den man nebenher lesen kann. Man sollte sich Zeit nehmen, ihn auf sich wirken lassen. Hoff macht es den Lesern nicht immer leicht, aber gerade das ist das Besondere der Bände. Auch wenn die Anzahl der Schicksalsschläge in diesem Roman vielleicht etwas zu viel des Guten ist, berührt die Handlung, schmerzt mitunter, tut weh. Literatur muss manchmal so sein. Hoff versteht beides: zu unterhalten und existenzielle Fragen zu stellen. Das ist selten heutzutage.

Der Schatten hinter den Schatten

Gregor Maria Hoff, Echter

Der Schatten hinter den Schatten

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