Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 65
"Der Beifahrer"
Ein fies-fröhlicher Crime-Noir
Pascal Garnier, der Autor der Buchvorlage, wurde erst nach seinem Tod entdeckt und dank aktueller deutsch-sprachiger Übersetzungen seiner Bücher durch den Schweizer Septime Verlag gewürdigt. Vor etwa einem Jahr hat der DLF Kultur das Hörspiel „Zu nah am Abgrund“ gesendet. Im Mai 2026 hat nun der HR die Federführung mit der Regisseurin Viviane Koppelmann übernommen. Wird auch das neue Hörspiel zwischen Lakonie, Grauen und Augenzwinkern chargieren? Ohne den Druck des Stundenrhythmus des linearen Radios, darf in ARD Sounds ein Hörspiel von wenigen 155 Seiten auch mal 78 Minuten dauern.
Inhalt
Fabien erhält einen Anruf von der Polizei. Seine Frau Sylvie ist bei einem Autounfall in Dijon ums Leben gekommen. Dijon? Sie leben in Paris. Der Mann am Steuer sei übrigens auch tot. Welcher Mann? Sie führten eine respektvolle Ehe ohne Zerwürfnisse, die Zeit der Leidenschaft war aber längst vorbei. Die Nachricht wirft ihn aus der Bahn: „Jetzt bin ich Witwer, ein anderer Mensch: Was soll ich denn jetzt anziehen?“. Fabien wird neugierig. Wer war der Mann, war er verheiratet? Im Leichenschauhaus ist er zwei Frauen begegnet. Ihre Spur nimmt er auf und sein bürgerliches Weltbild gerät erneut ins Wanken. Mathilde ist die Ehefrau des toten Fahrers, Madeleine dessen erste Frau und die beste Freundin von Mathilde. Fabien drängt sich unauffällig in das Leben von Madeleine: Er betritt heimlich ihre Wohnung und hinterlässt offensichtliche Spuren. Er bucht, wie die Beiden, eine Reise nach Mallorca, gleiche Zeit, gleiches Hotel. Und bekommt mehr als Kontakt zu Martine. Dem steht aber die eifersüchtige Madeleine im Wege. Und nun beginnt eine weitere Geschichte mit Hass, Liebe und weiteren Morden.
Das Hörspiel
Das Buch ist eine dankbare Vorlage, knappe Sätze, lakonischer Ton, wenig Psychologie und dauernd unerwartete Wendung. Ein Rezensent hat den Stil als „fies-fröhlich“ bezeichnet. Koppelmann nimmt sich genau die richtige Zeit für die vielen Szenen, die beim Hörer allmählich ein Bild der komplexen Persönlichkeiten entstehen lassen. Sie bleibt nahe an der Vorlage und gönnt uns so schöne Sätze wie: „Die Einsamkeit war für ihn nur in Begleitung denkbar.“ Ein Erzähler, der klar aus der Perspektive von Fabien berichtet, begleitet den Hörer durch das Hörspiel. Grausame Taten, eine zarte Liebesgeschichte. Ständig ein Wechselbad. Die intensive Spannung entsteht daraus, dass Garnier immer noch etwas Neues einfällt. Und wenn der Hörer denkt, nun sei´s genug, geschieht noch ein Mord. Und nicht einmal völlig abwegig. Immer zart von einer Musik begleitet, manchmal die Stimmung weiterführend oder sie explodieren lässt. Aber immer Frankreich, also nett anzuhören. Eine solche Szenerie braucht Stimmen, die alle menschlichen Wendungen erklingen lassen. Matthias Leja als Erzähler hält sich zurück, die oft gelobte Lou Strenger ist die kongeniale Besetzung für Mathilde. Der unterschätzte Patrick Güldenberg spricht die schwierige Rolle des Fabien. Der Text ist keine offene Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, aber eine Beschreibung, die den Hörer an den alten Satz: Homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf erinnert. Wieso ist dieses Motiv vor wenigen Wochen auch im Hörspiel „Wolfshunger“ aufgetaucht?
Fazit
Hier wurde eine brillante Vorlage kongenial in ein kleines Kunstwerk umgesetzt, dass dem Hörer das Blut in den Adern gefrieren lässt. Kann es im Frühjahr 26 schon das Highlight des Jahres geben?
Couch-Wertung: 95°
ARD Sounds
"Rebecca"
Fundgrube für Taylor Swift
Das Buch „Rebecca“ erschien als Buch erstmalig 1939 und wurde schnell ein überraschender Erfolg für die junge Autorin. Noch im gleichen Jahr verfilmte Alfred Hitchcock diesen Thriller, der bis heute als Klassiker der Kriminalliteratur gilt. Von vier Hörspielbearbeitungen ist lediglich die Version des BR von 1973 erhalten, die Pastewka in „Kein Mucks“ im Mai 2026 vorstellt. Alle Hörspielversionen basieren auf einer Schauspielversion, die leicht von der Buchversion abweicht.
Inhalt
Rebecca ist seit einem Jahr tot. Sie ertrank bei einem ihrer geliebten Segeltörns. Die Leiche wurde 40 km entfernt gefunden und von ihrem Ehemann Maxim de Winter identifiziert. Dennoch bestimmt Rebeccas Geist das Leben auf dem Gut Manderley. Maxim flüchtete sich auf Reisen und hält nun mit seiner neuen, jungen Frau Einzug, um ein neues Leben zu beginnen. Doch der Geist Rebeccas macht es der jungen Frau nicht leicht. Die Einrichtung ist von Rebecca bestimmt, das Personal verehrt die Tote und ignoriert ihre Nachfolgerin. Zum Eklat kommt es auf einer Kostümfeier, als die Haushälterin der jungen Frau ohne ihr Wissen ein Kleid von Rebecca empfiehlt. Dieser Fauxpas ist unentschuldbar. Am selben Abend kentert ein Schiff, in der Nähe der Unglücksstelle von Rebecca. Bei den Tauchgängen wird das Segelboot von Rebecca gefunden und in ihm befindet sich eine Leiche: Rebecca. Nun beginnt ein psychologisches Kammerspiel und zeitgleich ein spannender Kriminalfall. Den Namen der zunehmend an Sicherheit gewinnenden jungen Frau wird der Hörer nicht erfahren.
Das Hörspiel
Das etwas längere Hörspiel ist schon leicht angestaubt: Mit allen Vor-und Nachteilen. Lange geschliffene Dialoge aus der Welt des wohlhabenden englischen Adels, bis in die letzte Rolle mit hervorragenden Sprechern besetzt. Allen voran Peter Passetti als Maxim. Die Spannung entsteht nicht durch hektischen Szenenwechsel, sondern durch eine Handlung, die bis zum Schluss immer wieder alle möglichen Klärungen auf den Kopf stellt. Es gibt keine Guten und Bösen, sondern nur Menschen, die Beides sind. Der Kommissar ist kein Trottel, sondern ein sorgfältiger Ermittler, dem nichts Menschliches fremd ist. Das Hörspiel erzählt von einer jungen Frau, die sich nach Liebe sehnt und sie nicht findet, weil ihr die Vergangenheit im Wege steht. Dieses Motiv hat Taylor Swift 2020 zu ihrem Hit „Tolerate it“ (9. Album Evermore) animiert. Und es ist, auch das aktuell, eine Menge Grusel und Gothic vorhanden. Und das alles in einem klassischen Whodunit mit solider Polizeiarbeit und Gerichtsverhandlung.
Fazit
Nicht nur für Taylor Swift zu hören. Ein zwar angestaubtes, aber spannendes und menschlich bewegendes Hörspiel.
Couch-Wertung: 85°
ARD Sounds (Audiothek)
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 65" von Malte Stamer, 07.2026
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Fotos: istock.com / tolgart


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