Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 63

"Radio Activity"

Ein Radiosender als Hacker

Der WDR war lange Zeit leuchtendes Vorbild für gute Kriminalhörspiele, wurde aber ein wenig Opfer der Zentralisierung durch die ARD Audiothek. Um so schöner, dass der WDR ein eher unbekanntes Werk ausgegraben und bearbeitet hat. Das 320-Seiten starke Buch der Autorin Karin Kalisa ist bereits 2019 erschienen.

Inhalt

Erst beim Tod ihrer Mutter erfährt die Radiomoderatorin Nora davon, dass ihre Mutter Jahrzehnte lang unter einem sexuellen Missbrauch als Kind leiden musste. Eine juristische Aufarbeitung war nicht möglich, weil der Fall bereits verjährt war. Nora arbeitet als Moderatorin beim freien Radio Tee und Teer als Moderatorin einer Morgensendung. Sie ist kommunikativ und clever - und entsetzt darüber, dass Missbrauch mit Kindern verjährt. Sie entwickelt eine Schnapsidee: Was, wenn im Gesetzestext dieser Verjährungspassus nicht mehr drinsteht? Gemeinsam mit dem Rechtsreferendar Simon gehen sie zu Hackern und erkundigen sich: Man braucht ein paar Tage, aber es geht. Und es passiert. Über den Sender und die Beiden bricht ein Sturm der Freude, aber auch der Entrüstung aus.

Das Hörspiel

Das Hörspiel lässt die Atmosphäre eines freien Radios erleben. Die charakterfeste Nora ist das Zentrum des Geschehens, der unsichere Simon eher Beiwerk. Die Dramaturgie greift nur einen kleinen Teil der literarischen Vorlage auf: Ein Gedankenspiel wird in die Tat umgesetzt. Unüberhörbar ist die Sendung eine einzige Anklage gegen diese juristisch gesetzte Ungerechtigkeit. Jederzeit ist hörbar, wer richtig denkt und wer falsch. Abbiegen oder Zaudern ist nicht vorgesehen. Inszeniert und sprachlich eindeutig für junge Hörer als Zielgruppe eingerichtet. Viel äh, ach ja, genau und unpassende Pausen. Kein Sprecher nutzt auch nur annährend die Möglichkeiten der Rolle. Die Story folgt den wenigen Tagen der Chronologie und ist durchaus kurzweilig, wenngleich nicht spannend. Attraktiv und leicht nostalgisch sind manche musikalische Einspieler der jeweiligen Live-Sendung. Selten wurde eine begeisternde Vorlage so schlecht umgesetzt. Es ist zu befürchten, dass das Anliegen einer Gesetzesänderung niemanden bewegen wird, seine Haltung zu ändern. Schade drum.

Fazit

Chance vertan, ehrenwertes Anliegen, immerhin nett anzuhören.

Couch-Wertung: 70°

ARD Audiothek

"Davenport 160 x 90"

Ein anspruchsvoller Female-Noir

Der Autorin Sybille Ruge ist mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans „Davenport 160x90“ im Frühjahr 2022 ein sensationelles Debüt gelungen. Der Krimi wurde hochgelobt und entsprechend geehrt. Der Autorin war es gelungen, einen attraktiven Plot in einer anspruchsvollen Sprache zu veröffentlichen. Mit ihren Anspielungen an die großen Hard-Core-Detektive setzte sie selber die Latte sehr hoch. Die Vorlage verspricht Spannendes.

Der Inhalt

Frankfurt. Sonja Slansky hat eine Firma für Forderungsmanagement. Ohne lefzende Hunde, aber mit russischem Onkel und viel IT-Know How. Geschäftlich läuft es gut, privat eher mau. Ausgerechnet mit ihrem ersten großen Kunden A. geht sie gelegentlich ins Bett. Und dann kommt auch noch seine Frau daher und erteilt ihr einen Auftrag. Ahnt die was? Doch das spielt alles keine Rolle mehr. Denn die junge hippe Künstlerin Luna wird tot in Sonjas Wohnung aufgefunden. Luna war eher eine Zufallsbekanntschaft. Sie ist freakig, hat aber ihre erste große Ausstellung namens Davenport 160x90. Und ihr Lover, der Pate der örtlichen Techno-und Rap-Szene Chang meldet sich nicht. Also braucht sie ein Bett. Aber wer sollte Luna umbringen? Oder sollte sie eigentlich Opfer sein? Jedenfalls wird die Ermittlerin nun zum Gegenstand einer Ermittlung eines smarten älteren Kommissars. Und die Spuren führen nicht nur um Täter/-in, sondern auch zu Sonjas Familiengeschichte.

Das Hörspiel

Endlich mal wieder ein Krimi ohne Belehrungsversuch. Die Ich-Erzählerin Sonja ist die dominierende Figur, begleitet von einer überschaubaren Gruppe von Mitspielern. Hardcore nicht im Sinne von Colts und Schlägereien. Aber ihre Sprache ist hart, zynisch, ohne jeden Hauch von Empathie. Nähe und Zärtlichkeit kommen bei ihr nicht vor, Sex schon. Wie bei den Noir-Klassikern lässt sich der Hörer von der Handlung treiben. Hier geht es nicht um Logik oder Nachvollziehen. Die Frauen im Hörspiel sind die spröden, schwierigen Charaktere. Die Männer eher die Netten. Der Versuch, den großen Klassikern des hard-boiled ein deutsches, feministisches Gesicht zu geben, ist unüberhörbar und gelungen. Die sprachlich anspruchsvolle Story wird zügig und spannend erzählt. Anders als ein Buch, ist das Hörspiel immer schon eine Interpretation. Diese scheint gelungen. Schnelle Dialoge, Rap und Techno als Sound. Aber die Autorin hat ein Anliegen: Ein kritischer Blick richtet sich auf das Geschäftsgebaren reicher Szene-Typen, auf die Absurdität der Kunst und ihrer Professoren.  Und dann wird auch noch eine fast zärtliche Familiengeschichte erzählt. Kein Spoiler: Davenport 160x90 ist ein Gartentisch, den es eine Weile bei OBI gab.

Fazit

Attraktive Vorlage, spannend und unterhaltsam inszeniert. Ein Muss für Krimi-Fans, alle anderen sollten sich diesen dialogen Sprachspaß auch gönnen.

Couch-Wertung: 90°

ARD Sounds (Audiothek)

"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 63" von Malte Stamer, 05.2026
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Fotos: istock.com / tolgart

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

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