Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 60
"Der römische Traum"
Ein Gaming-tie-in zur „Anno“-Reihe
Seit mehr als 20 Jahren entwickelt die Mainzer Firma Ubisoft Games in der Reihe anno. Es handelt sich dabei um Wirtschaftssimulationen. Der Spieler gestaltet eigene Entwicklungen. Dabei steht jeweils eine Jahreszahl für das Umfeld: 1602, 1503, 1404 oder ähnliches. Im November erscheint das Spiel anno 117 Pax Romana, in dem der Spieler sein eigenes Imperium gestalten kann. Der SWR macht nun in einer Art Mittelding zwischen Podcast und Hörspiel kostenlose Reklame für diese kommerzielle Games Reihe: Ein Gaming-tie-in mit 9 Episoden zu jeweils etwa 20 Minuten. Offenbar erhofft man bei den Gamern neue Zielgruppen zu erobern.
Inhalt
Der Podcast versteht sich als Einführung in das im Herbst 2025 erschienene Spiel. Die beiden jungen Männer Sim(eon) und Ben/Bell sind bei einem Brand um Hab und Gut gebracht worden. Um ihrem Leben einen Sinn zu ergeben, lassen sie sich zu Sklaven machen. Sie hoffen, sich bald frei kaufen zu können und dann wieder ein erfolgreiches Leben zu führen. Die Episoden folgen nun der erlebnisreichen Lebensgeschichte dieser beiden.
Episode 1
Bell und Simeon werden als Sklaven nach Rom verschifft und auf dem Sklavenmarkt wie Vieh an den reichen Dominus Flavius verkauft. Schnell erfahren sie, daß auch die anderen Sklaven sie wie Dreck behandeln. Bell, der nun Ben genannt wird, kann leserlich schreiben und erhält eine Arbeit als Schreiber. Sim muss die Kloaken reinigen. Aber die hübsche Tochter des Dominus Flavia verliebt sich in ihn. Die beiden versuchen zu fliehen.
Das Marketing
Für Werbung und Marketing nimmt der Sender viel Geld in die Hand. Der interessierte Hörer erhält dabei auch die Möglichkeit, in vielen Audios und Videos making-of-Information zu erhalten. Dabei ist schnell die Zielgruppe zu erkennen: Die Story ist voll cool, die Idee geil und alle Mitwirkenden waren excited und immersiv geflasht.
Die Spielfiguren sind „abgefahrene Leute“. Es ist die offizielle Vorgeschichte zum Spiel anno 117 und in drei Gruppen je drei zusammenhängende Episoden gegliedert. Besonders wird die epische Musik gelobt, die von den Games-Komponisten stammt, aber vom SWR live eingespielt wurde.
Einschätzung
Die ersten beiden Episoden sind voller Herz und Schmerz und Grauen. Die Handlung ist weder überzeugend noch wirklich spannend. Gelegentlich zieht es sich wie Kaugummi, nicht weit entfernt vom Groschenroman. Viele Dialoge, ergänzt mit Ich-Erzählungen und langatmigen Briefen des Ben. Die beiden Protagonisten bleiben blass und nehmen den Hörer nicht für sich ein. In Episode zwei wird ein Gladiatorenkampf mit passenden Geräuschen vom erzählenden Ben gespielt. Sowas ist nun im Film wirklich spannender. Die Besetzung ist namhaft, orientiert sich aber mehr an Games als an Hörspielen, alles übernatürlich betont, kaum Intonation und immer lange Vokale. Die Sprache klingt leicht altertümlich, daher passt es nicht, dass Flavia Sim zu einem Absacker einlädt. Wirklich beeindruckend ist die Musik, die sich der Methoden erfolgreicher Filmmusik bedient. Viele laute Streicher, viel Herz und Schmerz. Ob das für ein immersives Erleben reicht, muss jeder Hörer für sich entdecken.
Der Rezensent hat jedenfalls für sich entschieden, dass die ersten beiden Episoden und der Schluss ausreichen. Dem SWR und der ARD muss man Glück wünschen, dass sich die kostenlose Reklame für Ubisoft auszahlt und die beachtlichen Produktionskosten nicht zum Fenster rausgeschmissen sind.
Fazit
Für Gamer ein netter Einstieg, für alle anderen eine Verschwendung des Rundfunkbeitrages.
Couch-Wertung: 50°
ARD Audiothek
"Es gibt kein Entkommen"
Ein neuer Zweiteiler von Cara Hunter
Der Deutschlandfunk Kultur überspringt eine Ausgabe der Krimis um DI Fawley und steigt direkt in das dritte Werk ein. Die Autorin Cara Hunter ist mittlerweile beim 5. Band angekommen, also gibt es noch Luft nach oben. Das Buch ist 2021 auf Deutsch erschienen, aber bereits 2019 in England.
Der Inhalt
Das Polizisten DI Adam Fawley und der gerade aufgestiegene DS Chris Gisslingham werden zu einem grauenhaften Tatort beordert. In einem abgebrannten großen Herrenhaus mussten zwei Kinder geborgen werden. Eins tot, eins schwer verletzt. Von den Eltern fehlt jede Spur. Offenbar Brandstiftung. Und nun beginnt die polizeiliche Puzzle-Arbeit: Befragung der Nachbarn und Arbeitskollegen, die Ärztin der Familie, selbstredend auch die Angehörigen, die Schule, Hineinhorchen in die Vergangenheit der verschwundenen Eltern und aller Beteiligten. Und wie beim Puzzle fügen sich erste Teile zusammen, die aber noch kein Blick auf das Ganze erlauben. Der Hörer folgt den Ermittlern und gelegentlich gefriert ihm das Blut in den Adern, ob dessen, was Menschen alles zuzutrauen ist. Sollte hier eine ganze Familie ausgelöscht werden? Es entsteht aber auch eine neue Familie.
Das Hörspiel
Die literarische Vorlage ist extrem als Montage vielseitiger Elemente gestaltet. Hier ist der Dramaturgie eine gut zu hörende Adaption gelungen. Das Polizeiteam um DI Fawley wird mit ihren Alltagssorgen und -nöten gezeigt, ohne das sich dies in den Vordergrund drängt. Allerdings bekommt der Hörer auch kein klares Bild von der jeweiligen Persönlichkeit.
Die Regie folgt im Wesentlichen den Ermittlungsschritten mit gelegentlichen Rückblicken und eigenen Gedanken, die aber deutlich zu erkennen sind. Immer wieder neue Spuren, neue Erkenntnisse und überraschende Personen halten das Hörspiel spannend. Es erfordert schon Konzentration, den immer neuen Einfällen der Autorin zu folgen. Im Mittelpunkt stehen aber immer wieder die Dialoge, die textlich und sprachlich vom Feinsten sind. Den Sprecher gelingt es, dass der Hörer gefühlt mitten im Geschehen sitzt. Geräusche werden nur sparsam eingesetzt, die Musik wabert eher esoterisch durch die Szenen. Die Autorin erspart dem Hörer kein Grauen: „In jeder Familie gibt es Abgründe“. Diese familiären Abgründe werden ausführlich seziert, wie es nur Engländer können.
Fazit
Cara Hunter ist eine Autorin, die Bestseller schreiben will und die Lesergewohnheiten von Massen erfolgreich bedient. Dem Hörspiel ist eine spannende Umsetzung gelungen, die vergessen lässt, dass der Plot hoffnungslos kompliziert und überzogen ist.
Couch-Wertung: 75°
ARD Audiothek
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 60" von Malte Stamer, 12.2025
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Fotos: istock.com / tolgart


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