Krimi-Hörspiele:
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"Die Kobra von Kreuzberg"
Ein experimentelles Gaunerstück
Beim Deutschlandfunk Kultur gibt es noch Raum für Experimente. In der risikofreien Sommerpause 2025 wird das dreiteilige Hörstück nach einer Vorlage von Michel Decar (2021) vorgestellt: „Hörspiel mit Female Rap und Beats“. Tatsächlich bietet es eine unterhaltsame Gaunerkomödie.
Der Inhalt
Die junge Beverly Kazcmarek hat es nicht leicht. Als jüngstes Mitglied einer alten-ehrwürdigen Ganovenfamilie ist sie die Versagerin. Eigentumsdelikte sind das Business dieses Clans. Ihre Brüder klauen Fabergé -Eier aus der Eremitage, Vater und Großvater sind immer noch eine große Nummer. Aber Bev scheitert immer wieder. Sie braucht einen Neuanfang. Und zwar in Berlin. Der Start ist nicht schlecht. Allerdings geht eine der beiden wertvollen Wedgwood-Vasen beim Einbruch ins Potsdamer Marmorpalais kaputt. Dazu ist der nervige Kommissar Ferenz Hothfilter ihr schon auf den Spuren. Bev entscheidet sich für die Flucht nach vorn. Es muss eine ganz große Nummer werden, die noch nie jemand vor ihr gewagt hat. Operation Q. Das schafft sie nicht allein. Dragan Vidović, der Wetteranarchist ist dafür genau der Richtige. Aber die Beiden müssen noch Maximow einschalten, die Unterweltgröße schlechthin in Berlin. Nicht frei von Risiken. Und tatsächlich taucht auch noch die Profikillerin Thyra von Lauritzen auf.
Der Hörer folgt den Höhen und Tiefen der Planung bis zum überraschenden Shut-Down.
Das Hörspiel
Das Hörspiel ist ein Genre-Mix. Ein wenig Krimi, denn der Hörer möchte wissen, ob dieser Wahnsinnscoup auch klappt. Ein wenig Parodie, weil alle Krimi-Klischees vorkommen: Die verpeilte Polizeihierarchie, ein übler Ganove und ein schräger Kommissar. Ein Roman über Berlin mit seinen Clubs, seinem Untergrund und dem prallen Leben. Ein klein wenig Familiendrama und eine Liebesgeschichte: „Ich möchte mit dir Pferde stehlen“. Ein Stück weit auch Gesellschafts-und Politik-Kritik Immer witzig, ironisch und einfallsreich. Allerdings wenig Sprachwitz. Die Story wird hauptsächlich von einer Erzählerin präsentiert und Ich-Monologen von Bev. Wenig Dialoge. Überhaupt ist das Tempo trotz der tollen Ideen eher langsam. Naturgemäß sind die Ideen nicht unbedingt realistisch. Die Sprecher treffen die Töne der Typen bestens. Dafür muss auch Shorty Scheunemann ein hartes osteuropäischen R artikulieren. Die Musik ist kein Beiwerk, sondern ein zentraler Teil des Werks. Die Grundstimmung ist wohlwollend, alle Figuren verdienen auch Sympathie. Und Berlin ist mehr als eine Reise wert. Aber letztlich ist es eine Geschichte über eine junge Frau, die keine Looserin ist, sondern selbständig und selbstsicher ihren Weg macht.
Fazit
Eine etwas zähe intellektuelle Spielerei, die wohl junge Menschen erreichen soll. Nett zu hören mit seinen coolen Dialogen, aber unter dem Niveau vergleichbarer Autoren.
Couch-Wertung: 70°
ARD Audiothek
"Perspektiven"
Eine 15-teilige Lesung
Es gibt sie also noch die großen Produktionen innerhalb des ARD-Verbundes. Wenngleich etwas sparsam als inszenierte Lesung. MDR, HR und NDR veröffentlichen im Sommer 2025 diesen historischen Krimi. Autor ist der französische Geschichtslehrer Laurent Binet, dessen Buch bereits 2019 in Frankreich erschien und in Deutschland 2025 einen sensationellen Start hingelegt hat.
Der Inhalt
Florenz 1557. In Italien bekämpfen sich Herzoge und Grafen gegenseitig. Der französische König schielt auf Eroberungen in Italien. Der Papst muss auf die Reformation reagieren und besinnt sich auf alte Werte, weltliche Freuden werden aus der Kirche verdrängt. Keine leichte Zeit für Freskenmaler wie Michelangelo oder seinen Schüler Potormo, die große, nackte Leiber an die Wände und Decken der Kirchen malten. Seit mehr als 10 Jahren arbeitet Jacopo Potormo an seinem Fresko in der Kirche San Lorenzo. Nun wird er im Februar ermordet in seiner Werkstatt aufgefunden. Der ehrgeizige Graf Cosimo beauftragt den Künstler und Staatsmann Giorgio Vasari mit den Ermittlungen. Schnell gibt es erste Verdächtige, aber auch ein noch größeres Problem. Ein Gemälde mit der nackten, aufreizenden Venus taucht auf. Mit dem Gesicht von Cosimos Tochter. Welch Skandal!! Nun beginnt eine Spurensuche in der Künstlerszene, der europaweite Adel wittert seine Chance auf Schwächung des Herzogs und intrigiert ohne Ende. Für Vasari ergeben sich immer neue Spuren und neue Skandale. Ist womöglich der große Michelangelo der Mörder? In den Briefen folgt der Hörer den individuellen Sichtweisen und wird selbst zum Ermittler. Zum Ende hin wird die Story immer dramatischer.
Die szenische Lesung
Der Autor beansprucht nicht, reales Geschehen abzubilden. Dennoch kann alles, so wie es erzählt wird, geschehen sein. Die Konstruktion des Autors ist ungewöhnlich, eignet sich aber sehr gut für diese Art Inszenierung: Es ist ein Briefroman, in dem etwa 20 beteiligte Personen sich Briefe bzw. Eildepeschen schreiben, die sie selbst vorlesen. Die Hörer sollten sich aus dem Netz die Personenliste des Buches downloaden. Entsprechend gibt es reichlich unterschiedliche Perspektiven auf den Todesfall und jede Menge Intrigen, Machtkämpfe und ähnliches. Für den Hörer bietet sich damit die Möglichkeit, selbst zum Ermittler zu werden, da er ja im Gegensatz zu den Briefschreibern alle Briefe kennenlernt. Das macht die Spannung dieses Werks aus, das sich ja insgesamt über fast 8 Stunden hinzieht.
Die Briefe sind in der Sprache der Zeit formuliert, man kann sich hineinhören, aber mit der Zeit ist es Zuviel des Guten. Die Rollen sind alle hochkarätig besetzt und gut wiederzuerkennen. Anders als bei Hörbuchsprechern können sie ihre Stimmkunst ganz einer Figur mit all ihren Facetten widmen.
Musik und Geräusche fehlen. Neben dem Krimicharakter ist es also eine informative Reise durch die Renaissance, die ein wenig an die große Hilary Mantel erinnert, die ja mit einem großen Hörspiel (Brüder) gewürdigt wurde. Die von Brunelleschi entdeckte malerische Perspektive ermöglichte es den Künstlern, die Realität ganz neu und anders darzustellen. Das ändert die Sichtweise auf die Wirklichkeit oder Wahrheit. Leider verrennt sich der Autor in den vielen Nebenhandlungen, die zwar ein Zeitpanoptikum abbilden, aber die Handlung kaum vorantreiben und eher die Belesenheit eines ehemaligen Geschichtslehrers dokumentieren
Fazit
Der Hörer muss schon Geduld aufbringen und Interesse an historischen Themen. Passionierte Hörbuchlauscher werden sich über die Stimmvielfalt freuen. Wer dabei einschläft, verliert allerdings den Faden.
Couch-Wertung: 65°
ARD Audiothek
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 58" von Malte Stamer, 10.2025
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Fotos: istock.com / tolgart


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