Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 57
"Allein"
Radio Tatort als Kunstgenuss
Der Autor Tom Peuckert hat es immerhin schon auf 27.Kriminalhörspiele gebracht. Darunter die wunderschöne Reihe um den DDR-Privatdetektiv Doberschütz. Im Radio Tatort erscheint beim RBB im Juni 2025 auch bereits die siebte Episode um das Team Christian Wonder und Ariane Kruse. Kruse hat einen in Ton und Verhalten unüberhörbaren erdig-russischen Hintergrund. Wonder neigt zur Selbstanalyse. Zuletzt hat die spannende, einfallsreiche Handlung die persönliche Befindlichkeit etwas in den Hintergrund gedrängt.
Inhalt
Berlin, ein Anruf bei der Polizei: „Hier stinkts“. Ein kurzer, heikler Dialog mit dem Notruf. So trivial beginnt es. Die Polizei kommt tatsächlich und findet eine leere Wohnung, in der es müffelt. Und eine Tiefkühltruhe, hübsch mit einer Tischdecke verziert. In dieser Truhe findet sich der Rentner Paul Zechner, zersägt und zerstückelt. Seit 10 Jahren. Niemand hat es bemerkt, niemand hat ihn vermisst. Auch sein Sohn nicht, der seit dem Tod der Mutter mit seinem Vater zerstritten war. Miete wurde regelmäßig überwiesen und die Rente ebenso regelmäßig abgehoben. Überall in Berlin an unterschiedlichen Bankautomaten. Die Videoaufnahmen helfen nicht weiter, immer nur vermummte Gestalten. Wonder und Kruse suchen die Wohnung ab, befragen Hausbewohner, Arbeitskollegen und denken und reden, denn jeder macht mal einen Fehler. War es eine Bande? Oder ein Einzeltäter. Nur mühsam entsteht ein Bild des Lebens dieses einsamen, alten Mannes. Und es gibt einen Fehler, aber auch die Beiden machen einen Fehler und begeben sich in Lebensgefahr.
Das Hörspiel
Das Hörspiel ist in Form und Inhalt mutig. Der Krimi wird genutzt, um über die herzlose Großstadt Berlin und die Einsamkeit alter Menschen zu sinnieren. Kein Erzähler, keine inneren Monologe, aber viele klassische Monologe und spannende Dialoge, deren Zusammenhang sich der Hörer eigenständig erschließen kann. Alles kurzweilig und bis zum unerwarteten Schluss spannend. Die leicht nervige Musik hält sich im Hintergrund, die Geräusche fangen die Szenerie bestens ein. Was passt besser zu einer alten, einsamen Frau als ein Kanarienvogel. Das eigentliche Kunstwerk sind aber die Sprecher und die Sprache. Alle Rollen sind einzigartig besetzt mit Menschen, die laut und leise, schnell und zögernd, nuschelnd und brüllend sind. Mal gestelzt, mal mit Berliner Kotterschnauze. So kunstvoll sind im Tatort Menschen selten zu hören.
Der Text ist auch eine dankbare Vorlage. Mal präzise bis ins Detail, dann ungenau. Jede Rolle hat ihre eigene Sprache. Die Dialoge zwischen Kruse und Wonder sind das Sahnehäubchen. Sachlich, frotzelnd und gelegentlich witzelnd. Sie denken über die Unwirtlichkeit der Welt nach, ohne zu psycheln. Kruse amüsiert sich darüber, dass gefühlt in jedem zweiten Haus in Berlin therapeutische Leistungen angeboten werden. Sie hat ihre Zweifel an der Suche nach Freiheit: „Da kommt am Ende immer ein Scheißleben raus“.
Aber die schönste Szene kommt am Schluss. Kruse fragt Wonder, was er denn am Abend noch mache. Antwort: „Ich höre noch ein wenig Radio“. Kruse kriegt sich kaum ein und lacht hemmungslos: „Du hörst noch Radio?“. Dank an den Autor für diese Selbstironie.
Fazit
Dieser 200. Radio Tatort ist ein hörenswertes Kunststück und ein Beleg, dass die Reihe auch nach so vielen Folgen noch zu Höchstleistungen fähig ist. Eine Schande ist es, dass die ARD diesen Zeitpunkt nicht gebührend würdigt.
Couch-Wertung: 95°
In der Audiothek
"Mallorca, Mord und Margerita"
Eine kriminelle Lorelei-Sage
Die preisgekrönte österreichische Autorin Magda Woitzuck ist keine Vielschreiberin, aber eine vielseitige Schreiberin. In der ARD-Hörspieldatenbank finden sich 10 Hörspiele, darunter eine norddeutsche Fassung. Sagen haben es ihr offenbar angetan. Nun hat im Sommer 2025 der große Leonard Koppelmann ihre Fassung der Brentano-Saga im Auftrag des HR produziert und zu Gehör gebracht. Entfernt begibt sich er damit in die Märchengefilde (Grimm Märchen und Verbrechen) seiner Schwester. Endlich darf eine Hörspiel auch mal mehr als knappe 60 Minuten dauern.
Der Inhalt
Jens Rieder ist ein erfolgreicher Autor. D.h. war. Seit 20 Jahren hat er nichts mehr Nennenswertes veröffentlicht, sondern stattdessen als Hausmann vor allem die Tochter Annabell großgezogen. Denn seine Frau Katarina hat im Kulturmanagement Karriere und Kohle gemacht. Nun ist Annabell erwachsen und muss allein zurechtkommen. Jens nutzt dies für eine kreative Auszeit auf der familieneigenen Finca auf Mallorca. Doch auch dort entwickelt sich keine Inspiration. Er trinkt reichlich Margeritas, fängt wieder das Rauchen an. Bis die junge attraktive Loreley auftaucht und ihm wieder Leben in Leisten und Lenden einhaucht. Aber ihn künstlerisch nicht inspiriert. Doch als er Schluss machen will, offenbart Loreley ihre Schattenseiten und erpresst ihn mit heiklen Fotos und Videos. Das kann Jens sich nicht bieten lassen. Es geht nicht nur um ihn.
Und nun beginnt eine Story mit Mord, Todschlag und Erpressung, wie sie in einem Kriminalroman stehen könnte. Das Leben und die Existenz der Familie Rieder steht auf der Kippe.
Das Hörspiel
Die Geschichte spielt auf spanischem Terrain mit entsprechendem Zungenschlag und immer klar vernehmbarem Ambiente. Ein allwissender Erzähler begleitet den Hörer durch die Dialoge und vielfältigen Szenen. Der Routinier Leonard Koppelmann spielt sein ganzes Können aus. Die Hunde der Nachbarin bellen vernehmlich, im Hintergrund blöken die Schafe. Gelegentlich erklingen berühmte klassische Melodien, dann wenige stille Töne und oft genug nur Geräusche. Gehört kann es keine Schuldigen geben, denn den Sprechern gelingt es, jeder Person so viel Leben einzuhauchen, dass es sie sympathisch macht.
Und genau darum geht es wohl der Autorin. Hier wird eine Geschichte erzählt, die in ihren tragischen Verstrickungen an die Romane (und wunderbaren Hörspiele) von Patricia Highsmith erinnern. Wohl auch etwas persiflieren. Die weibliche Autorin zeigt, dass auch heute noch Männer leicht der Verführung anheimfallen. So wie die Loreley aus einer Geschichte von Brentano, die Schiffer verführt, mit ihr im Rhein zu verschwinden. Am Ende wird Übrigens nicht einmal klar, ob es sich alles so abgespielt hat oder doch noch ein neuer Roman von Jens Rieder vertont wurde.
Jedenfalls ist das Hörspiel extrem spannend mit einem unerwarteten Plot.
Fazit
Eine geniale Textvorlage bestens umgesetzt und ohne Längen, aber eher etwas für Liebhaber anspruchsvoller Krimis mit Sinn für Ironie, die die vielen Anspielungen nachvollziehen können.
Couch-Wertung: 90°
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 57" von Malte Stamer, 10.2025
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Fotos: istock.com / tolgart


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