Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 56

"Zu nah am Abgrund"

Die Regisseurin Irene Schuck liebt offenbar Abgründiges. 2024 betreute sie beim NDR Abgrund von Lucy Goacher, nun, Mai 2025, Zu nah am Abgrund beim Deutschlandfunk Kultur. Und auch ihre älteren Hörspiele von Castle Freeman oder Simenon sind ja nicht frei von Blicken in die Gründe und Abgründe der menschlichen Seele. Der Wiener Verlag Septime hat den bereits 2010 verstorbenen französischen Autor Pascal Garnier für den deutsch-sprachigen Markt entdeckt und übersetzt. Das französische Original Trop près du bord ist bereits 1999 erschienen. Die deutsche Übersetzung erst 25 Jahre später. Mit 144 Seiten ist es eher ein Büchlein.

Inhalt 

Éliette lebt in einem einsamen Dorf in dem ehemaligen Ferienhaus in der einsamen Ardèche. Ihr Mann ist kurz nach Eintritt der Rente gestorben und sie hat sich entschieden, den gemeinsam geplanten Umzug gegen den Rat ihrer Kinder zu wagen. Dort sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht und Éliette hat nur eine führerscheinfreies Moped-Auto. In dem nimmt sie den attraktiven Étienne mit nach Hause. Er hatte eine Autopanne und musste den Wagen stehen lassen.  Die 64-Jährige blüht förmlich auf. Dann erfährt sie, dass der Nachbarssohn ums Leben gekommen ist. Er musste einem Pannenfahrzeug nah am Abgrund ausweichen uns stürzte in denselben. Der Tod schreibt jede Familiengeschichte neu und in der Nachbarsfamilie bleibt kein Stein auf dem Anderen. Aber beim Unbekannten taucht plötzlich eine junge Frau auf, die Tochter von Étienne. Dann folgen Ereignisse, die mit Worten kaum zu beschreiben sind.

Die Hörspiele

Zugegeben das Hörspiel braucht etwas, um in Gang zu kommen. Aber in dieser Phase wird der Ton gesetzt: Alles ganz ruhig, nachvollziehbar, verständlich, leicht humorig und verständnisvoll. Dieser Ton bleibt, aber es wird tiefschwarz und ein veritabler Krimi mit wenigstens drei Toten. Das Hörspiel sucht nie den Täter, nie die Motive, sondern hört bei den Taten zu. Und stellt mit Schrecken fest, wie nah jeder Mensch doch selbst am Abgrund steht. Der Autor wird gerne mit Simenon verglichen, der auch immer den Menschen, weniger den Täter gesucht hat. Nach dem ruhigen Einstieg erhöht sich das Geschehenstempo deutlich und der Hörer fragt sich, was der Autor sich noch alles einfallen lass kann. Nie etwas Abseitiges. Das Hörspiel fängt ein wenig die Menschen und Landschaft der Ardèche ein, die Dialoge der Hauptsprecher nehmen viel Raum ein, immer wieder unterstützt von einem allwissenden Erzähler. Man könnte eine DIN A4-Seite mit den lakonisch-klugen Sätzen des Autors füllen. Hier nur ein leicht zotiges Beispiel der jungen Tochter, die Éliette und Étienne erwischt: „Die Alten ficken leise, damit der Tod sie nicht hört“. Die Besetzung hat sich entschieden, weniger populäre Sprecher zu wählen. Ihnen gelingt es aber, jeder Figur einen hörbaren Charakter zu geben. Schließlich gibt es solche Menschen in jeder Familie. Und solche Schicksale. Schon Tolstoi hat Anna Karenina mit diesem Satz begonnen: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise." Zugleich ist es eine Geschichte über eine einsame, alte Frau, die die Liebe und das Leben wiederfindet.

Fazit

Ein Kammerspiel mit vielen Dialogen, ohne Psycho-Zeigefinger, aber mit ganz viel Spannung und Ereignissen, die den Hörer nicht so schnell in Ruhe lassen. Krimi auf sehr hohem Niveau, durchaus mit gesellschaftlichem Anspruch. Kaum zu toppen.

Couch-Wertung: 95°

Beim Deutschlandfunk oder in der Audiothek

"Grimms Märchen und Verbrechen – Staffel 4"

In der ARD Audiothek steht seit Mai 2025 die vierte Staffel der Reihe Grimms Märchen und Verbrechen zum Hören und Downloaden zur Verfügung. Diese Reihe ist ein Zwitter zwischen Krimi, Märchen und True Crime. Die Handlung jeder Episode basiert auf der Idee, dass jedem Märchen ein realer Kriminalfall zugrunde liegt. Die Geschichten spielen um 1810 und sind somit auch historisch und politisch in einer spannenden Zeit angesiedelt. Autorin ist die erfolgreiche Autorin Viviane Koppelmann (Holmes – Reihe bei DAV). Alles hochprofessionell vom Hessischen Rundfunk fürs Ohr bereitet.

Das Setting

Jede Episode besteht aus 3 Teilen zu jeweils ca. 45 Minuten. Jeder Teil beginnt und endet mit einer fortlaufenden Lesung des Grimm-Märchens. Bereits hier wird weit über den bekannten Wortlaut des Märchens hinaus dramaturgisch geändert. Das Märchen Trude ist bei Grimm lediglich eine halbe Seite lang. Wer vorab die Märchen hören möchte, findet in der ARD Audiothek die komplette Lesung. Jacob und Wilhelm Grimm ermitteln als Staatsbeamte im Königreich Westfalen. Ein von Napoleon Bonaparte für seinen Bruder Jerome gebasteltes Staatsgebilde, welches Napoleon nicht überlebte. Mit viel historisch nachvollziehbarem Bezug spielen die Episoden an Orten, die die hessischen Brüder Grimm persönlich erlebt haben. Die Brüder werden bei ihrer Arbeit von einem kleinen Team unterstützt: Der ehemalige Bandit und Erfinder der Pariser Kriminalpolizei Vidoq, Jenny von Droste-Hülshoff, Schwester von Annette mit Marie Hassenpflug sowie seit Staffel 3 der Arzt Dr. Reil. Die Sprecher der Gebrüder Grimm sind im realen Leben auch Brüder. Die Inszenierungen nutzen viele Dialogen und Spielszenen, aber auch vorgelesene Briefe und Anmerkungen des Chronisten Jacob Grimm

Märchen der Staffel 4

Der 16. Fall - Der singende Knochen

Der 17. Fall - Rotkäppchen

Der 18. Fall - Frau Trude

Der 19. Fall - Fitschers Vogel

Der 20. Fall - Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Die Staffel

Es gibt in dieser Staffel eine Trigger Warnung, wiedergegeben von den Gebrüdern Grimm. Auch der ÖRR kann sich dem Wunsch nach Grauen nicht entziehen. Märchenerzählerin ist Katarina Thalbach, deren Charakterstimme für Märchen eher ungeeignet ist. Die Besetzung ist ansonsten seit 2018 konstant geblieben und auf einem sehr hohen Niveau. Aber auf die Dauer klingen auch die Profis etwas eintönig, ohne echtes Leben. Gerade bei so vielen Episoden ist es schade, dass die Figuren nicht wirklich leben und sich entwickeln. Es wird viel erzählt, in Briefen, die Jacob schreibt oder Gesehenem, das Jacob einfach erzählt. Das Protagonisten-Setting bleibt immer gleich: Die Männer reden und lassen sich übertölpeln, während die beiden Frauen kreativ die Fälle lösen. Jede Episode orientiert sich entfernt an einem überlieferten Grimm-Märchen und erzählt einen eigenständigen Kriminalfall, der auch gelöst wird. Im Kern geht es dabei um schwergewichtige Themen wie Brudermord, Mord aus Selbstliebe oder Femizid. Aber es zieht sich auch ein Fall durch die gesamte Staffel. Da braucht es also Geduld. Der Text ist sprachlich eine schräge Mischung aus „alter Grimm-Sprache“ und flapsigen, modernen Sätzen und Formulierungen. Die Texte können dem Hörer also durchaus mit der Zeit zu eintönig werden. Musik und Geräusche klingen immer im Hintergrund mit, ohne sich vorzudrängeln. Eine wunderschöne Erkennungsmelodie schummelt sich aber gelegentlich hinein. Keine heimelige Märchenstimmung, sondern ernste Hinweise auf die Gegenwart und viel Gruseliges. Die Plots sind immer etwas an den Haaren herbeigezogen und überzeugen nicht wirklich. Da hätte die Dramaturgie der Frau Koppelmann nicht alle Gäule durchgehen lassen müssen.

Fazit

Ohne Frage gute Unterhaltung, professionell inszeniert. Das Zuhören braucht aber guten Willen und Geduld. Im kommerziellen Umfeld hat eine solche Produktion keine Chance. Der ÖRR-Freund wünscht sich für gut 8 Stunden Sendezeit mehr Autorenstücke.

Couch-Wertung: 70°

ARD Audiothek

"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 56" von Malte Stamer, 08.2025
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Fotos: istock.com / tolgart

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

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