Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 55
"Brot weint"
Ein Fest für die Ohren
Der fiktive Ort Freinau in der Schweiz. Immer noch 2056 und immer noch Dominik Bernet als Autor, Mark Ginzler als Regisseur, aber die 4. Folge mit Laura Martini als ermittelnde und erleidende Protagonistin im SRF-Radiotatort. Freinau liegt einsam und hoch in den Bergen. Es bietet als einziger Ort in der Schweiz die Möglichkeit, sich ohne ständige Überwachung durch die übermächtige Gesundheitsbehörde Swiss Health Institut (SHI) in der Lodge einzumieten. Hierher hat sich Laura zurückgezogen nach ihrer Arbeit in der übermächtigen Polizeibehörde.
Inhalt
Laura Martini ist zurück in Freinau, dem einzigen Ort in der Schweiz, in dem man vor dem Swiss Health Institut und ihrer KI (SHI KI) sicher ist. Hat Laura jedenfalls geglaubt. Aber es gibt einen unerwarteten Stromausfall und einen toten Wanderer in Lauras Lodge. Das SHI ist sofort zur Stelle, denn in der Schweiz hat es keine Morde zu geben. Zur Stelle ist auch Luzy, der Chef vom SHI und ehemaliger Chef von Luzy bei der Polizei. Luzy und Laura ermitteln gemeinsam! Der Herzschrittmacher des Toten wurde elektronisch aus dem Rhythmus gebracht. Luzy schwört, nichts damit zu tun zu haben. Kurz darauf wird auch noch der Outlog-Bäcker Ronnie tot aufgefunden. Ein Angriff auf das Outlog. Das Ermittler-Duo schlägt sich mit Begehungen und Befragungen herum, beäugt sich zugleich gegenseitig skeptisch. Hat das SHI die Kontrolle verloren? Machen sich Cyber-Kakerlaken und Cyborgs selbständig? Oder sind es womöglich nur Eifersüchteleien innerhalb der abgeschiedenen Enklave?
Das Hörspiel
Wie alle Tatorte ist „Brot weint“ in erster Linie ein Krimi. Es gibt zwei Morde, reichlich Verdächtige und sorgfältige Ermittlungen. Das alles in einer Welt voller Überwachung und Kontrolle. Menschen werden zu Maschinen. Aber werden auch Maschinen zu Menschen? Ist Brot einfach eine Ware, die nicht weint, wie es die HipHopper Fettes Brot in ihrem Abschiedslied formuliert haben? Oder kann Brot auch weinen? In dieser Episode menschelt es bei allem SciFi stärker als in den bisherigen Episoden. Die beiden Ermittler bauen zarte Bande auf. Hass, Heimlichkeiten und Eifersucht decken Dramen shakespeareschen Ausmaßes auf. Das Hörspiel ist deutlich mehr als ein Near-Future-Krimi.
Vor allem aber ist es ein Fest für die Ohren. Die Geräuschwelt umfasst viele Tiere, Fahrzeuge und Maschinen bis hin zur E-Kakerlake. Manche Passagen erfordern hohe Konzentration, um den Text wahrzunehmen. Die Sprecher beherrschen alle Facetten der menschlichen Stimme. Der Text ist Alltagssprache, nicht anbiedernd, nicht angstmachend. Wird nun ein neues Ermittler-Paar dem SHI die Leviten lesen?
Fazit
Dieser Tatort ist ein Kunstwerk, das Scifi, Krimi, Drama und Gesellschaftskritik miteinander verknüpft. Absolut hörens – und empfehlenswert. Der Hörer sieht plötzlich mit den Ohren.
Couch-Wertung: 95°
ARD-Audiothek und SFR
"Mord ohne Gewalt"
Eine Erinnerung an den Pastewka Podcast
Für Krimiliebhaber ein wöchentliches Muss. Pastewka präsentiert und kommentiert jeden Donnerstag ein selten oder wenig gespieltes Hörstück. Er kann dabei auf den Fundus aller ARD-Sender zurückgreifen. Immer wieder erweist sich Pastewka als brillanter Kenner der Funk-und Fernsehgeschichte. Insbesondere die Sprecher haben es ihm angetan. Selbst ein Könner ersten Ranges, zählt er schon mal die lange Erfolgsriege eines Sprechers auf, unterstützt von sorgfältigen Recherchen seines Teams. Also: Vor – und Abspann sind eine wahre Fundgrube für Hörspielliebhaber. Im April 2025 präsentiert er „Mord ohne Gewalt“. Es ist ein bereits angestaubter Krimi aus dem Jahr 1984 der britischen Autorin Rae Shirley, produziert vom WDR.
Inhalte
Spannung und aufgeregte Liebe sind abhandengekommen. Der Arzt Gilbert und Nina haben ihre Affäre beendet. Ohne dass der reiche Ehemann von Nina oder sonst jemand etwas davon erfahren hat. Oder doch? Miss Jarvis, die Helferin in der Praxis wusste davon. Sie erpresst Nina, dann Gilbert und zuletzt Joe, Ninas Ehemann. Doch dem platzt der Kragen. Nicht wegen der Affäre, davon wusste er bereits. Er fürchtet um seine Berufung in den Adelsstand. Er sucht Gilbert auf und machte ihm einen Vorschlag den Gilbert kaum ablehnen kann: Mord ohne Gewalt. Gewalt gibt es nicht, aber am Ende zwei Tote.
Das Hörspiel
Dieses Kammerspiel mit wenigen Personen überzeugt durch seinen Plot, der auch ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen ausgesprochen unerwartet und beeindruckend ist. Die fast literarisch anmutende Textvorlage passt auch noch in die Gegenwart. Die Figuren sind, jede für sich, fein gezeichnet, in den Dialogen entwickelt sich tatsächliche Interaktion, die den Hörer in eine kino-ähnliche Spannung versetzt, weil die Sprecher ihr Handwerk verstehen. Jedes Wort, jeder Ton sitzt. Man hört Angst, Freude, Hoffnung, Verzweiflung. Ältere Hörer werden Gerd Baltus als Gilbert aus vielen Filmen vor Augen haben. Lediglich Joe ist etwas grobschlächtig geraten. Zu Recht amüsiert sich Pastewka über die eigenwillige Begleitmusik.
Leider erinnert ein solches Kunstwerk daran, wie selten in der Gegenwart noch derart sorgfältig produziert wird.
Fazit
Pastewkas Podcast ist wie ein Flohmarkt, vieles ist alt und angestaubt und nur noch Erinnerung wert, aber es gibt auch Gegenstände, in die man sich verlieben kann.
Couch-Wertung: 90°
ARD-Audiothek in "Kein Mucks!"
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 55" von Malte Stamer, 07.2025
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Fotos: istock.com / tolgart


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