Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 54

"Taormina"

Ein kriminalistischer Ausflug in die Niederungen einer Ehe

Die literarische Vorlage zu diesem Hörspiel ist das 2022 in Frankreich erschienene Buch, von nur 127 Seiten. Autor ist der Franzose Yves Ravey (Jahrgang 1953), der erst spät zur Literatur und noch später zu Ruhm kam. Der versierte Regisseur Walter Adler hatte 2013 das Hörspiel „Bruderliebe“ inszeniert. Raveys Bücher bewegen sich zumeist zwischen Krimi und Literatur. Der produzierende NDR bezeichnet Taormina als einen „Höllentrip durch das Innere einer Ehe“.

Der Inhalt

Taormina auf Sizilien. Schon für Goethe ein Sehnsuchtsort. Hier suchen Melvil und Luisa Hammett Entspannung. Luisa, Tochter aus einem Akademiker-Haushalt und selbst erfolgreich, hatte eine Affäre. Nicht ganz überraschend. Das knabbert an dem arbeitslosen Melvil. Da sollen Sonne, Strand und ein imposantes Hotel Wunden heilen. Doch schon das Abholen des Mietwagens verzögert die Reise stundenlang. Der gut gemeinte Abstecher von der Autobahn zum Strand gerät zum Desaster. Baustelle statt Strand, Acker statt Straße und dann noch eine Flüchtlingsunterkunft. Es ist fast Mitternacht. Im aufgezogenen Starkregen fahren sie zurück. Dann ein lauter Knall. Melvil muss gegen Irgendetwas gefahren sein. Aber er fährt weiter, sie sind ja versichert und haben Urlaub.

Luisa macht ihm Vorwürfe. Der Urlaub beginnt erst am nächsten Tag im traumhaften Hotel. Allerdings müssen sie in der Zeitung lesen, dass ein Kind aus der Flüchtlingsunterkunft bei einem Autounfall mit Fahrerflucht getötet wurde. Panik. Hier beginnt der Krimi. Melvil lässt den Kotflügel heimlich reparieren. Die Polizei befragt Hotelgäste. Die Schlinge um die beiden zieht sich immer enger. Kommen sie da noch raus?

Das Hörspiel

Das kurze Hörspiel umfasst nur wenige Tage Spielzeit. Im Wesentlichen sind es Dialoge zwischen Melvil und Luisa. Aber aus der Sicht von Melvil, der in der Ich-Form regelmäßig kommentiert. Jeder Hörer kennt Spannungen aus Paar-Beziehungen, ihm wird vieles bekannt vorkommen. Allerdings spitzt Ravey die Lage immer mehr zu und es wird ein veritabler Krimi daraus. Ein Unfall mit einem Flüchtling macht die beiden am Ende selber zu Flüchtigen. Keiner der beiden Protagonisten wird dem Hörer sympathisch. Sie sind voller Lebenslügen, Unehrlichkeit und Eitelkeit. Alles in kurzen knappen Sätzen und unerwarteten Szenen erzählt. Trotz wunderschöner Musik und passenden Geräuschen kein Urlaubsfeeling. Eher Highsmith als Regionalkrimi. Oliver Wnuk als Melville spielt routiniert, aber auch nicht mehr, eine Rolle wie ihn jeder Fernsehzuschauer kennt. Da gelingt Odine Johne schon mehr Bissigkeit.

Leider wird die literarische Vorlage überschätzt. Polizei und Menschen auf Sizilien lügen und betrügen ohne Ende. Das ist ungerecht und politisch nicht korrekt und sollten Hörer und Leser nicht akzeptieren. Bei aller literarischen Kunst, die das Hörspiel auch bestens weitergibt, ist es am Ende nur Fine-Dining für Intellektuelle.

Fazit

Ein Krimi, der Spannung und Psychoterror geschickt verbindet, bestens inszeniert. Ein wenig mehr Wokeness hätte ihm gutgetan.

Couch-Wertung: 80°

ARD-Audiothek

"Karambolage"

Ein Radiotatort auf dem Weg zum Jerry Cotton Niveau

Karambolage ist die vierte Tatortepisode um die Münchner private eye Yanina Adler und ihren Ex-Kollegen von der Kripo Ünal Tekin.

Der Inhalt

Der Münchner Hofgarten, einer der schönste Plätze Münchens. Hier treffen sich Alt und Jung, Deutsch und Nicht-Deutsch in schönster Eintracht. Auch zum Sport wie z.B. zum Boule (bzw. Karambolage) fast auf professionellem Niveau. Bei jedem Wetter. Eben dort lernt Yanina den charmanten Asylrechtsanwalt Yves Dubois kennen. Doch bevor es zu einem Date kommt, wird Yves ermordet aufgefunden. Mit Yaninas Visitenkarte im Anzug. Denn er hatte sie kurz nach dem Kennenlernen gebeten, seine Mandantin Elly zu suchen. Da hat die stets klamme Yanina nicht gezögert. Und wieder haben Yanina und Ünal mit dem gleichen Fall zu tun. Yanina macht sich auf die Suche nach Elly und den Mörder von Yves. Tatsächlich eröffnet sich eine erste Spur. Yves Boule-Partner Hüssein stellt sich als ein politischer Asyl-Bewerber heraus, der Angst vor Abschiebung hat. Als dann noch Ellys Arbeitskollegin Charlie aus dem Nähkästchen plaudert, wird vieles, was weiß war plötzlich tief schwarz. So rabenschwarz, dass Yanina und Ünal nicht nur einen Mörder suchen müssen, sondern auch noch das Leben von Elly und Hüssein schützen müssen.

Das Hörspiel

Wie gewohnt arbeiten Yünal und Yanina jeder auf seine Weise: Yanina öffnen sich alle Herzen und Münder, Yünal kommt immer zu spät und bleibt ein netter Sidekick. Auf einen Erzähler kann verzichtet werden, weil Yanina immer wieder in der Ich-Form kommentiert. Etwas Fortentwicklung der Figuren hätte gutgetan. Das Multi-Kulti-Ensemble und die attraktiven Spielorte sind ein gelungenes Umfeld. Begleitet von einer beeindruckenden Geräuschkulisse. Wo hört man schon mal Pferdegetrappel im Park? Von einem netten Beginn entwickelt sich die Story bei zunehmendem Tempo immer spannender und überraschender. Leider häufig gebremst durch lange Boule-Erklärungen. Es ist auch zuviel des Guten. Rund um das Thema Asylanten-Anwalt überlädt der Autor das Hörspiel mit wenig glaubhaften Szenen. Zumeist merkt der Hörer schnell wer der Gute und wer der Böse ist. Auch dieser Autor kann es nicht vermeiden, überflüssige Lebensweisheiten in seinen Text zu schmuggeln. Unglücklicherweise hat sich dann noch die Regie entschieden, die Sprecher allesamt mit einem Sprachduktus zu versehen, der im Jugendslang stimmen mag, aber den sonst niemand spricht. Ungewohnte Betonungen und Pausen, seltsame Sprachmelodien und muttersprachlicher Einschlag. Ein Highlight ist wie immer die musikalische Begleitung von Frank Nägele. Hier mischen sich französische und türkischen Sounds zu lauschenswerten Preziosen. Chapeau!

Fazit

Wer keine zu hohen Ansprüche hat, wird gut und spannend unterhalten. Die Musik ist erste Sahne. Allerdings kann es der BR auch deutlich besser.

Couch-Wertung: 65°

ARD-Audiothek

"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 54" von Malte Stamer, 06.2025
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Fotos: istock.com / tolgart

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

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