Krimi-Hörspiele:
Mediatheken / 46
"Keine fünf Minuten"
So lange kann eine Versuchung dauern
Radio-Tatort 190 des WDR beglückt die Fan-Gemeinde mit einem neuem Hamm-Tatort. Dem Autor und dem Produktionsteam gelingt erneut das Kunststück, dass alles beim Alten bleibt und doch nichts bleibt, wie es ist.
Inhalt
Der Gewalttäter Seebald kommt nach Jahrzehnten im Knast frei. Und mit ihm wohl die 10 Mio. Euro, die nie gefunden wurden. Die ehrgeizige Ditters schlägt beim LKA eine 24/7-Observation durch das örtlich zuständige Hammer Team vor. Doch schon beim ersten Rasenmähen des Mörders vergeigen Lenz, Ditters und Latotzke alles. Seebald flieht, aber sie können ihm immerhin folgen und stellen ihn im Wald. Mit einem frisch ausgegrabenen, schweren Koffer: „Jeder von euch krich zwei Mio und ihr lasst mich laufen“. Da denkt man schon mal nach. Höchstens fünf Minuten. So lange hat es nicht gedauert. Seebald wird von zwei Maskierten erschossen und die Drei mit ihren eigenen Handschellen an einem Baum geparkt. Die Folgen sind: sofortige Suspendierung vom Dienst und eine Untersuchung des Vorgangs durch den ortskundigen Scholz und den jungen, ehrgeizigen Kosko vom LKA. Aber Scholz stutzt. Was hatte Seebald mit den vier Mio. vor? Gab es Mittäter, die sich alles schnappen wollten? Wer kannte den Tag der Freilassung? Im Team kommt nach der Depri wieder Spürhund-Stimmung auf. Am frühen Morgen wird Kosko erschossen in seinem Hotelzimmer gefunden. War er den Tätern auf der Spur? Wer wußte überhaupt, wo er übernachtet?
Am Ende wird alles gut, denn wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.
Das Hörspiel
Beneidenswert wie es dem WDR gelingt, das Produktions-und Sprecherteam beieinander zu halten. Für Uwe Ochsenknecht gilt: Je oller, je doller. Er füllt seine Rollen, selbst wenn er weniger präsent ist und lässt den guten alten Vorderbäumen fast vergessen. Sönke Möhring als Latotzke spielt seinen erfolgreichen Fernsehbruder glatt an die Wand. Seitdem der Autor Ditters auch eine eigene Persönlichkeit gönnt, glänzt auch Christine Prayon, die im Nebenjob als Kabarettistin erfolgreich tourte. Den Dreien gelingt es, die Charakterstudien des Autors zu Leben zu erwecken. Anders als ihre Bremer Kollegen, bleiben sie keine Stereotypen. Der sensible Sprachbeobachter Schmidt schiebt Lenz das schöne Wort „Bildtelefon“ in den Mund. Die Musik des Komponisten und Allrounders Quade drängt sich nicht ins Gedächtnis, aber sie leitet neue Szenen ein und aus, bereitet sacht vor, auf das was kommt. Ihm ist auch die wunderbare Titelmelodie zu verdanken, die gleich in die richtige Stimmung versetzt.
Dirk Schmidt setzt ein klassisches Krimimotiv um: Die Versuchung der Ermittler, sich die Beute zu schnappen. Schmidt braucht dazu nicht viele Worte. Aber der Hörer, vernimmt förmlich das Geratter im Kopfe, wohl wissend, dass am Ende eine Rechnung präsentiert wird. Keine Sorge: Die Szene dauert keine fünf Minuten. Der Stammhörer weiß natürlich, dass die Drei nicht zulangen. Aber Versuchungen gibt es auch an anderen Stellen. Der Spannung zuliebe bleibt anfangs im Unklaren, was nun genau im Wald geschehen ist. Der Plot wird nicht jeden Hörer überzeugen, manches ist schon sehr weit hergeholt. Aber die Realität mal zu verlassen, kann bei einem so hochmoralischen Thema wie Versuchung kein Fehler sein.
Fazit
Auf diese Weise darf das Team noch lange zusammenbleiben. Der Kleine Tiger von Janosch sagte zum Thema, ob er noch essen möchte: „Alles zusammen und von jedem die größte Portion“.
Couch-Wertung: 85°
ARD Audiothek
"Hiddenseekrimis"
4 Preziosen von Werner Buhss
Der Autor Werner Buhss (1949 – 2018) war in gewisser Weise ein typisches DDR-Gewächs. Bestens ausgebildet, ein unabhängiger Denker, ein brillanter Autor, dem Gläschen Bier nie abgeneigt. Immer an der Grenze zum Existenz-Minimum lebend. Inspiration und Erholung holte er sich auf der Ostseeinsel Hiddensee, dem Refugium für Künstler zu DDR-Zeiten. Buhss schrieb mehr als 20 Hörspiele, darunter viele Krimis. Die ARD Audiothek hat die vier Krimis, die auf der Insel spielen, nun ausgegraben und zutreffend der Rubrik „Ermittlerkrimis“ zugeordnet. Der Ermittler selbst, Ole Pleskow, lebt und arbeitet allerdings in Stralsund.
Das Gemeinsame
Im Zentrum steht der Stralsunder Kommissar Ole Pleskow unterstützt von dem örtlichen Polizisten Hübner und einem kleinen, wechselnden Team. Keine liebenswerten Charaktere, sondern Menschen mit Schwächen und Stärken. Über alle Folgen hinweg spricht Michael Klobe den Hübner wunderbar schratig mit dem running gag: „Ich will mal sagen.“ Die übrigen Sprecher wechseln häufig, Kai Maertens als Ole in der letzten Episode ist eine Fehlbesetzung. Die Hiddenseekrimis vermitteln eine insel-typische Atmosphäre, die nicht plump idyllisch klingt. Der Hörer folgt eher ruhig den Erkundungen von Ole, der auch schon mal persönlich involviert ist. Der Autor Buhss achtet auf jedes Wort. Es ist witzig, lebendig und gelegentlich tiefgründig. Sein wichtigstes Stilmittel sind knappe Dialoge. Die Szenen sind immer stimmungsgeladen. Die Plots sind überzeugend, Buhss ist ein feiner Psychologe und webt gleichzeitig politische Themen ein. Aber im Grunde geht es immer um Menschen und ihre Schicksale. Es geht eher um Schuld und Sühne als um rechtskräftige Verurteilung. Geräusche sind stets szenentypisch, Musik sparsam eingesetzt. Frank Merfort gelingt es, Country-Sound modern zu interpretieren und die Pausen in musikalischen Appetit-Häppchen zu verwandeln. Trotz wechselnder Hauptsprecher gelingt es der Regie ein gleichbleibendes Stimmungsbild zu vermitteln. Die Sprecherliebhaber kommen bei der Besetzung auf ihre Kosten. Die Krimis von Buhss spielen nach der Wende und sind keine DDR-Nostalgie. Die Vergangenheit kommt vor, wird aber nie zum zentralen Thema.
Die Inhalte
Kaugummimonat
Im Hafenbecken wird ein Toter geborgen. Seine Pensionswirtin gerät in Verdacht, als ihr Vorleben genauer durchleuchtet wird. Ein Krimi, der in den Tiefen der menschlichen Seele wühlt. Ein Einstieg, der Lust auf mehr macht.
Ein toter Hund
Der Hund wurde vergiftet. Kurz darauf wird Franz Reimann erfroren im Schilf aufgefunden. Der Notanruf bei der Feuerwehr stammte nicht von Reimann. Reimann war ein Geschäftsmann, oft erfolgreich, manchmal auch auf der Kippe. Feinde hatte er genug. Das persönlichste Hörspiel mit viel Lokalpolitik.
Fischer sin Frau
Mitten in der Feriensaison gibt es zwei Tote auf Hiddensee. Der alte Loens ist eines natürlichen Todes gestorben, der andere wurde offensichtlich getötet. Ein Urlauber, der mit Marianne angebandelt hatte. Marianne war die Schwiegertochter vom alten Loens und Haßobjekt seiner Frau. Viel Atmosphäre, manchmal etwas abwegig.
Schneeregen
Ole Plessow baut bei Schnee und Regen einen Unfall. Mit Todesfolgen. Allerdings war der Tote im angefahrenen Fahrzeug schon vor dem Unfall tot. Ole ackert sich durch komplizierte Familienverhältnisse, verschwiegene Insulaner und kiffende Schüler. So bekommt das Wort Schnee plötzlich eine weitere Bedeutung. Das politischste und schwächste Hörspiel der Reihe.
Fazit
Bis heute haben die Hörspiele nichts an Attraktivität verloren. Nicht hektisch, aber spannend, tiefgründig und dialogstark. Mit Spitzenkräften der Sprechszene besetzt.
Couch-Wertung: 85°
ARD Audiothek
"Krimi-Hörspiele: Mediatheken / Tipps 47" von Malte Stamer, 12.2024
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Fotos: istock.com / tolgart


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