Lisa Kuppler

Ein neuer Umgang mit den Konventionen des Hardboileds – im Retro-Kleid

04.2008 Lisa Kuppler hat »keinen Bock« mehr auf »aufgeblasene« Krimis, die eher Familiendramen sind und in denen der Ermittler zur Randfigur degradiert wird. Und bringt deswegen Hard Case Crime in Deutschland heraus. Ein Gespräch mit Krimi-Couch-Herausgeber Lars Schafft.

Krimi-Couch: Frau Kuppler, Hard-Case-Crime – was ist das denn nun schon wieder Neues auf dem Krimi-Markt?

Lisa Kuppler: Hard-Case-Crime ist eine Krimi-Reihe, die herausgegeben wird von Charles Ardai – ein ganz alter Hase aus dem Krimi-Business. Wenn man Hard-Case-Crime irgendwo sieht, erkennt man sofort, wie ganz speziell die Reihe ist: an den Covern, die bunt, trashig, schrill sind. Ganz so wie die Taschenbuch-Krimi-Romane aus den 50er und 60er Jahren. Die haben auch solche Titel. Ich habe gerade das Hauptprogramm vor mir liegen. Da sind es dann Donald Westlakes 361, Richard Aleas – eigentlich das Pseudonym von Charles Ardai – Little Girl Lost, Money Shot von Christa Faust. Also auch ganz eindrückliche Titel.

Was der Charles gemacht ist, alte Titel, die in den 60ern und 70ern herausgekommen sind, teils unter Pseudonymen – da ist Michael Crichton dabei, Stephen King, da ist Lawrence Block dabei – Titel, die schon lange nicht mehr aufgelegt sind, hat er neu aufgelegt, hat denen neue, tolle Cover verpasst, hat Editionen mit den Autoren gemacht, so dass es wirklich ihre abgesegneten Editionen sind. Das ist der eine Teil von Hard-Case-Crime.

Der andere Teil, das sind wirklich neue, Cutting-Edge, britische, schottische, amerikanische, irische, Hard-Case-Pulp-Bücher.

In dieser Mischung kommt Hard Case Crime seit drei Jahren heraus. Das deutsche Hard Case Crime? Ja, wir haben die ganze Reihe einfach gekauft. Wir haben gesagt, wir wollen die Reihe machen. Wir haben die amerikanischen Cover gekauft, der Verlag kümmert sich um die deutschen Übersetzungen und wir suchen uns die besten Titel aus der amerikanischen Reihe heraus. Wobei- ich habe noch kein schlechtes Buch darin entdeckt. Wir bringen die dann exakt mit den gleichen Covern heraus, aber mit deutschen Titeln. Die hatten die Taschenbücher früher auch. Manche werden wir aber nicht eindeutschen können, »Money Shot« ist zum Beispiel unübersetzbar.

Krimi-Couch: Wenn Sie das so erzählen: Ist Hard Case Crime eher retro? Oder vielleicht doch eher innovativ?

Lisa Kuppler: Ist es retro oder innovativ, tja. [lacht] Ich würde sagen, die, die aktuell sind, sind innovative, neue Hardboileds. Aber jeder Hardboiled, der heute heraus kommt, ist nicht mehr wie Spillane, wie Chandler oder Max. Das ist einfach ein anderer Umgang mit Hardboiled-Genre-Konventionen, die im Retro-Kleid kommen. Die Texte sind nicht in dem Sinne retro, da versuchen nicht aktuelle Autoren so zu schreiben wie vor fünfzig Jahren – überhaupt nicht. Die schreiben aktuelle, harte, großstädtische, »männerdominierte« Hardboiled-Krimis, wie wir sie schon lange kennen, aber quasi für 2008.

Krimi-Couch: Bei Hardboileds fällt mir jetzt spontan ein, dass der Driver von James Sallis, ja absolut arten-typisch hardboiled durch und durch, den Deutschen Krimi Preis bekommen hat. Sehen wir gerade eine Tendenz weg von den bedeutungsschwangeren, aufgeplustert-melancholischen Krimis back to the roots? Zum Krimi in Reinform?

Lisa Kuppler: Ich habe mir das noch nicht so überlegt, aber da ist schon was dran. Wenn ich aus meiner Sicht als Krimilektorin und Übersetzerin, und das schon seit zehn Jahren, mir den Krimi anschaue, ist der Krimi das einzige populäre Genre, das es geschafft hat, quasi in die E-Literatur »hochzukommen«, wenn wir von »hoch« und »tief« reden wollen. Früherer Schmutz und Schund wird heute von Paul Auster geschrieben. Wenn man sich andere Genres anschaut: Fantasy hat es nicht geschafft, Erotika hat es nicht geschafft, der Liebesroman schafft es überhaupt nicht. Nur der Krimi ist das Genre, wo sich »belletristische« Autoren des Genres bedienen und etwas draus machen.

Was echte Krimi-Fans wollen – die wollen wieder einmal diese Geschichten lesen. Wenn man Hardboiled-Fan ist, will man wieder down & out, P.I., der aus der Gosse heraus seine ermordete Freundin rächen will. Diese Art von Geschichten: Die Welt ist relativ gewalttätig, sie ist großstädtisch, eine Tough-&-Greedy-Mentalität.

Christa Faust, die das ganze von der Frauensicht angeht, plaziert ihre Geschichte im Porno-Macher-Milieu. Und in diese Mileus will man rein, wenn man Hardboileds liest. Ob es Drogen, Mafia, Porno ist.  Man will nicht schöne Milchglas-Szenarios, wo die Frau ausflippt und den Mann umbringt. Diese Krimis gibt es natürlich auch und die haben auch ihre Berechtigung, aber das sind für mich keine klassischen Krimis.

Ja, ich finde schon, dass es diese Tendenz gibt. Zumindest bei den langjährigen Krimilesern. Die wollen wieder diese Geschichten lesen, für die der Hardboiled bekannt ist.

Krimi-Couch: Die Leser haben also die Schnauze voll von Mankell, Leon & Co., um sprachlich im Hardboiled zu bleiben?

Lisa Kuppler: Kann ich ehrlich gesagt nur für mich beantworten. Den neuesten Krimi, wo schon wieder mit sexuellem Missbrauch gearbeitet wird, diese Familiendramen, wo der Ermittler oder Kommissar nur noch eine Randfigur oder sehr persönlich in den Fall involviert ist – also ich habe auf diese aufgeblasenen Sachen, die auch noch im Hardcover herauskommen, keinen Bock mehr. Der Hardboiled hat mich zugegeben immer mehr interessiert, ich komme also schon aus einer anderen Ecke.

Krimi-Couch: Der Hardboiled bedient ja eigentlich ganz klassisch Männer- und insbesondere Machophantasien. Sie als Herausgeberin scheinen irgendwie gar nicht ihre Zielgruppe zu sein, oder täusche ich mich da?

Lisa Kuppler: Weiß ich nicht. [lacht] Aber das ist eine Frage, die ich im Zusammenhang mit Hard Case Crime immer beantworten muss.  Ich wurde natürlich von der Gabi  Dietze in dieses Genre an den Haaren hineingezogen, aber auch mit wenig Widerstand. Im Krimi-Bereich gibt es ja ganz grob unterteilt den Hardboiled auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Landhaus-Krimi oder Cozy, der eher Sherlock-Holmes- oder Agatha-Christie-Tradition hat. Die finde ich auch spannend, aber mehr beruflich gesehen. Wenn ich wirklich überlegen muss »Was lese ich bei mir auf dem Klo und daheim?«, dann sind es natürlich schon die Hardboileds. Für mich als Frau sind die wahnsinnig spannend.

Ich finde sie auch spannend, was die Neuen und die Frauenfiguren betrifft. Die Frauenfiguren fand ich eh nie so frauenfeindlich oder sexistisch, wie die Kritik am Hardboiled es immer haben will. Das sind natürlich alles Männerphantasien – aber sorry: Jedes Buch, das von einem Mann geschrieben ist, ist natürlich eine Männerphantasie. Genau wie jedes Buch, das von einer Frau geschrieben ist, eine Frauenphantasie ist. Für mich ist interessant, was wird mit diesem Männlichkeits- oder Weiblichkeitsbild eigentlich behandelt.

Und ich bin eigentlich sicher – und das ist meine These – dass der Krimi es über den Hardboiled in diesen belletristischen Bereich geschafft hat. Weil der Hardboiled schon immer viel literarisch und thematisch interessanter war, weil er eben immer diese erwachsene Geschlechterebene hatte, weil er diese schillernden, kaputten Schauplätze hatte und wegen dem, was der Hardboiled sprachlich macht: Du hast einen Ich-Erzähler, du hast oft eine sehr intime und sehr spezielle Sprache des Ich-Erzählers. Das macht ihn interessant für belletristische Sachen. Was beim Cozy überhaupt nicht ist, der von einem Dritte-Person-Erzähler ganz klassisch erzählt wird. Der Hardboiled kann viel experimenteller schreiben auf seine Art. Sowas wie Andrew Vachss macht oder die Autoren der 60er-Jahre oder Mickey Spillane, den ich immer noch in seiner modernistischen Schärfe mag. Wenn der eine Straße einer Großstadt beschreibt, wo Regen drauf nieder fällt – das sind für mich Höhepunkte des Hardboileds. Sprachlich.

Das schafft der Cozy gar nicht. Und deswegen hat mich immer der Hardboiled mehr fasziniert.

Krimi-Couch: Wie lang wird denn der Atem des Verlags sein, diese Reihe in Deutschland zu veröffentlichen?

Lisa Kuppler: Wir haben erstmal angefangen mit Lawrence Blocks Abzocker, wie die Amerikaner auch. Dazu dann zwei Zeitgenössische. Allan Guthrie, der das schottische Milieu ganz toll einfängt und vielleicht am nähesten an Hardboiled-Konvention bleibt und weiterverarbeitet. Er hat keinen P.I. mehr, sondern einen Uni-gebildeten Geldeintreiber. So sind die Figurenkonstellationen heute. Den wollten wir unbedingt machen und haben auch seine anderen Titel eingekauft. Und ich wollte noch was richtig Abgedrehtes, nämlich Ken Bruen und Jason Starr.

Im Herbst kommt Spillanes letzter posthum veröffentlichter Roman heraus, Dead Street. Ich sitze gerade daran, den zu übersetzen. Dann machen wir Donald Westlakes 361. An Neuen Little Girl Lost von eben Richard Aleas und Christa Faust mit Money Shot.

Im nächsten Jahr weden wir zwölf Titel machen, weil die Reaktionen aus der Szene so gut sind und ich hoffe, dass das Krimi-Publikum durch freudiges Lesen und Kaufen den Verlag und mich und das Lektorat so unterstützt, dass wir weitermachen können.

Krimi-Couch: Dabei wünschen wir viel Erfolg!

Lisa Kuppler: Vielen Dank!

     

Das Interview führte Lars Schafft im April 2008.

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