Arttu Tuominen

Der Kriminalroman Was wir verschweigen stellt den Auftakt zu einer sechsteiligen Reihe um den finnischen Kommissar Jari Paloviita und sein Team dar. Drei Jahre lang feilte Autor Arttu Tuominen an der Idee zu seiner aktuellen Erzählung. Krimi-Couch-Redakteur Thomas Gisbertz sprach mit Arttu Tuominen über das Besondere seiner Romanreihe, sein Verständnis von Freundschaft und typisch finnische Morde.

"Ich bringe meine Figuren gerne in sehr schwierige Situationen, und dann kann ich ihnen einfach folgen, während sie versuchen, sich da wieder rauszukämpfen."

Krimi-Couch:
Ihr aktueller Roman Was wir verschweigen ist nicht nur der Auftakt einer sechsteiligen Reihe, sondern wurde 2020 als bester finnischer Kriminalroman ausgezeichnet. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen Jari und Antti. Was ist das Besondere dieser Freundschaft?

Arttu Tuominen:
Ich glaube (oder hoffe zumindest), dass jeder in seiner Kindheit mindestens einen ganz besonderen Freund gehabt hat. Die Art Freund, dem man bedingungslos vertrauen kann und mit dem man seine tiefsten Gedanken teilt. Darum kann man sich so gut mit den Hauptfiguren Jari und Antti sowie mit dieser Freundschaft identifizieren. Sie müssen einiges durchmachen, doch ihre Liebe zueinander bleibt, selbst wenn ihr Leben um sie herum zusammenbricht.

Krimi-Couch:
Fast dreißig Jahre später kreuzen sich wieder die Wege der ehemals besten Freunde. Was hat sich seitdem verändert?

Arttu Tuominen:
Jari ist Polizist geworden und führt nun ein tolles Leben. Er hat eine Familie, einen angesehenen Job und ein hübsches Haus. Für Antti ist es nicht so gut gelaufen. Er ist Alkoholiker, obdachlos, völlig pleite und hält sich mit Gelegenheitskriminalität über Wasser. Die beiden finden sich also auf entgegengesetzten Seiten des Gesetzes wieder.

Krimi-Couch:
Was bedeutet für Sie persönlich wahre Freundschaft?

Arttu Tuominen:
Wahre Freundschaft lässt sich nicht in Worte fassen. Man spürt einfach tief im Inneren, wenn man sie erfährt. Dieses Gefühl, dass es eine Person gibt, die dich nie im Stich lassen wird.

Krimi-Couch:
Was wir verschweigen ist kein klassischer Whodunnit-Roman. Sie legen Ihren Schwerpunkt eindeutig auf die Figurendarstellung und Charaktere. Warum ist ihnen das wichtig?

Arttu Tuominen:
Ich bin grundsätzlich mehr an den Figuren interessiert als an der Mörderjagd und lege meinen Fokus gerne auf die Psychologie der Charaktere. Für mich als Autor ist die Frage nicht Wer, sondern Warum? Ich bringe meine Figuren gerne in sehr schwierige Situationen, und dann kann ich ihnen einfach folgen, während sie versuchen, sich da wieder rauszukämpfen. Ich glaube, wenn die Leserschaft eine Figur als authentisch empfindet, fühlt sie auch am ehesten mit ihr.

Krimi-Couch:
Die Küstenstadt Pori steht nicht nur im Mittelpunkt der Handlung, sondern ist auch Ihre Heimat. Wie bedeutsam ist es daher für Sie, den Ort zu kennen, an dem Ihre Romane spielen?

Arttu Tuominen:
Ich liebe meine Heimatstadt. Für mich ist Pori das ideale Setting für eine Ermittlergeschichte. Sie ist klein genug, eine eigene Persönlichkeit zu besitzen, aber trotzdem groß genug, dass eine größere Thrillerstory dort funktioniert. Außerdem ist Pori wunderschön. Der Kokemäenjoki fließt hindurch – das ist eines der größten Deltagebiete in Skandinavien. Und da ich jede Gasse und Ecke meiner Heimatstadt kenne wie meine Westentasche, fällt es mir leicht, meine Geschichten dort anzusiedeln. Ich möchte, dass Pori in meinen Büchern lebendig wird. 

Krimi-Couch:
Die sechsteilige Reihe um das Ermittlerteam aus Pori weist eine weitere Besonderheit auf: In jedem Roman steht ein anderer Charakter im Mittelpunkt. Welche Idee steckt dahinter?

Arttu Tuominen:
Wie gesagt interessieren mich die Charaktere mehr als alles andere. Deshalb wollte ich eine Reihe schreiben, die nicht nur eine Hauptfigur hat, sondern ganz viele. So hat die Leserschaft im weiteren Verlauf die Gelegenheit, all meine Figuren und ihre Geheimnisse kennenzulernen.

Krimi-Couch:
Wenn man den Roman liest, fällt auf, dass es keine einzige Hauptfigur gibt, die glücklich mit ihrem Leben ist. Der Roman erhält dadurch eine eher resignative Stimmung. War dies vor dem Hintergrund dessen, dass die unterschiedlichen Charaktere in den Folgebänden in den Mittelpunkt rücken, notwendig? Oder ist dies eher Zufall?

Arttu Tuominen:
Ich wollte, dass jede Figur sich im Laufe der Serie mit einem dunklen Geheimnis oder einer verdrängten Vergangenheit auseinandersetzen muss. Meiner Meinung nach macht es Charaktere spannender und verletzlicher, wenn sie innerlich geplagt sind. Die Reihe umfasst viele soziale Facetten, und in jeder Geschichte kommt das jeweilige Verbrechen sehr nahe an das Leben der Ermittler heran. So ist die Leserschaft zum Ende der Reihe hin mit allen Figuren nah vertraut und hofft mit ihnen.

Krimi-Couch:
Gleich zu Beginn des Romans wird ein sturzbetrunkener Mann bei einem Trinkgelage, das über mehrere Tage geht, brutal erstochen. Sie selber sprechen von einem typisch finnischen Mord. Warum ist das so?

Arttu Tuominen:
Diese trunkene Messerstecherei ist einfach die Art Mord, den finnische Einsatzkräfte durchschnittlich einmal im Monat zu untersuchen haben. Deshalb wollte ich damit auch meinen Roman eröffnen. Der Fall sollte aus polizeilicher Sicht so wirken, als wäre er schnell aufgeklärt. Doch was dann passiert, überrascht alle. Denn der Hintergrund des Verbrechens reicht weit in die Vergangenheit zurück.

Krimi-Couch:
Sie arbeiten immer noch als Ingenieur für Umwelttechnik, sind Vater von drei Kindern und Schriftsteller. Wie darf man sich den Alltag bei Ihnen vorstellen? Wann haben Sie überhaupt Zeit zu schreiben?

Arttu Tuominen:
Es stimmt schon, manchmal ist es schwer, neben meinem Brotjob und der Familie noch Zeit fürs Schreiben zu finden. Zum Glück beherrsche ich sehr effizientes Zeitmanagement. Als meine Kinder noch klein waren und meine volle Aufmerksamkeit verlangten, habe ich eine tägliche Routine entwickelt, jeden Abend 500 Worte zu schreiben. Als sie dann älter wurden, habe ich diese Routine trotzdem beibehalten. Das hat sehr geholfen.

Krimi-Couch:
Gibt es so etwas wie literarische Vorbilder für Sie? Oder kann man sich ganz frei machen vom Einfluss anderer Autoren?

Arttu Tuominen:
Ich lese schon seit ich ein Kind bin, auch heute immer noch jeden Tag. Es ist mein Lieblingshobby. Ich glaube, man kann sich gar nicht völlig freimachen vom Einfluss anderer Autoren, doch ich hoffe trotzdem, dass ich meine eigene Stimme gefunden habe. Henning Mankell, Väinö Linna und Stephen King, das sind für mich die ‚Großen 3‘. Sie haben in ihrem Stil dieses gewisse Etwas.

Krimi-Couch:
Ich habe vor einigen Monaten ihren Schriftstellerkollegen Max Seeck für die Krimi-Couch interviewt, als in Deutschland sein Roman Hexenjäger beim Lübbe Verlag erschien, bei dem auch Ihre aktuelle Reihe veröffentlicht wird. Wie gut kennen Sie sich?

Arttu Tuominen:
Ich habe ihn schon häufig getroffen und würde wagen, ihn als Freund zu bezeichnen. Er ist ein toller Kerl. Ich bin auch ein großer Fan seiner Arbeit. Er ist aktuell wohl einer der größten literarischen Stars Finnlands und trägt einiges dazu bei, für den Rest von uns international den Weg zu ebnen.

Krimi-Couch:
Letzte Frage: Welcher Kriminalroman hat Sie zuletzt begeistert?

Arttu Tuominen:
Das war tatsächlich Kauna von Max Seeck, der vor Kurzem in Finnland herauskam und soweit ich weiß auch bald in Deutschland erscheinen soll [voraussichtl. Ende August 2022 unter dem deutschen Titel Feindesopfer bei Lübbe – Anm. d. Red.]. Das ist ein echter Page-Turner!

Das Interview führte Thomas Gisbertz im November 2021.
Übersetzt aus dem Englischen von Yannic Niehr.
Foto: © Mikko Rasila

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