Axel Petermann

11.2019 Axel Petermann ist einer der bekanntesten Fallanalytiker Deutschlands. In Zusammenarbeit mit Claus Cornelius Fischer veröffentlichte er seinen zweiten True-Crime-Thriller „Die Diagramme des Todes“. Thomas Gisbertz sprach mit ihm über seine Fälle, seine Arbeit als Profiler und sein Privatleben.

Ich weiß, dass das Böse in der Tat liegt. Nicht jeder muss ein böser Mensch sein, um Böses zu tun.

Krimi-Couch:
Herr Petermann, vor Kurzem ist Ihr neuer True-Crime-Thriller „Die Diagramme des Todes“ in Zusammenarbeit mit Claus Cornelius Fischer erschienen. Der dargestellte Fall basiert auf zwei realen Verbrechen, die sich vor Jahren in Bremen ereignet haben. Warum haben Sie sich dazu entschieden, darüber in Form eines Romans zu schreiben?

Axel Petermann:
Wie Sie wissen, hatte ich bis zum Erscheinen der Larsen-Serie über „meine Fälle“ bereits erfolgreich drei Sachbücher geschrieben, die allesamt zu Bestsellern avancierten. Ich hatte zwar vom Verlag ein Angebot für ein weiteres Sachbuch, doch ich wollte etwas Neues ausprobieren und einen auf wahren Begebenheiten basieren Roman schreiben. Mir gefiel die Auseinandersetzung mit dem anderen Genre, und als ich Claus Cornelius Fischer meine Idee unterbreitete, war ich sehr froh, dass sich dieser erfahrene Romancier zur Zusammenarbeit bereit erklärte.

Krimi-Couch:
Da Sie selber fast vier Jahrzehnte als Ermittler in einer Mordkommission gearbeitet haben, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit Ihre Hauptfigur Kiefer Larsen Parallelen zu Ihnen aufweist?

Axel Petermann:
Zwischen dem Ermittler Kiefer Larsen und mir gibt es tatsächlich Parallelen, doch mein klassisches Alter Ego ist er nicht. Larsens Biografie ist frei erdacht, jedoch eine große Übereinstimmung gibt es: Wir wollen verhindern, dass das Böse der Taten Einzug ins Leben unserer Familien findet. Larsen wohnt deshalb auch in einem kleinen, liebevoll eingerichteten Häuschen mit verwildertem Garten, ich selbst an der Peripherie von Bremen, im Landschaftsschutzgebiet inmitten des Waldes. Und während Larsen doch vielmehr zaudert, Angst vor dem Versagen zu haben, bin ich doch eher ein optimistischer Mensch, der davon überzeugt ist, dass es für nahezu jede Situation eine Lösung gibt.

Authentisch sind natürlich Larsens methodische Herangehensweisen, das „Eins-Werden“ mit den Spuren der Tat, seine fallanalytischen Beurteilungen, die Einschätzung der Motivlagen und die Profilierung der Täterpersönlichkeiten. Mir war es wichtig, dass der Leser – wie auch bei meinen Sachbüchern – stets das Gefühl hat, ganz nah dabei zu sein: am Tatort und in Larsens Kopf, um Teil seiner Gedanken zu werden.

Krimi-Couch:
Ihre Thriller lassen wenig Platz für die Fantasie des Lesers, da alles sehr plastisch, detailliert und wirklichkeitsnah dargestellt wird - mit all seiner Widerwärtigkeit und Brutalität. Das und die bereits erwähnte Tatsache, dass Ihre Thriller auf realen Vorbildern basieren, macht es mitunter schwer, das Buch mit der notwendigen Distanz zu lesen. Nehmen Sie das bewusst in Kauf?

Axel Petermann:
Ja, diesen Ansatz habe ich bewusst in Kauf genommen. In unseren Büchern schildern Claus Cornelius Fischer und ich die Fälle so authentisch und realistisch wie möglich. Damit möchte ich zum einen ein schonungsloses Bild über die Motive der Täter zeichnen, beschreiben wie perfide und menschenverachtend die Taten sind, die Hilf- und Ausweglosigkeit der  unschuldigen Opfer beschreiben und auch das Leid der Angehörigen vermitteln.

Allerdings soll all dies den Leser nicht davon abhalten zu erkennen, dass man nicht per se ein böser Mensch sein muss, um Böses zu tun. Denn das Böse liegt für mich zunächst in der Tat; die Frage der Schuld ist eine andere. Ohne diese Einstellung hätte ich über die vielen Jahre den engen Kontakt  zu den Tätern gar nicht gestalten können.

Krimi-Couch:
Sie verfassen, wie Sie bereits erwähnt haben, Ihre True-Crime-Thriller zusammen mit Claus Cornelius Fischer, einem erfahrenen Autor. Wie darf man sich dabei die Zusammenarbeit vorstellen? Sind Sie mehr für die Innensicht der Figuren zuständig?

Axel Petermann:
Als Claus Cornelius Fischer und ich uns entschlossen haben, eine gemeinsame True-Crime-Serie um den Kommissar Kiefer Larsen zu schreiben, haben wir natürlich unsere Aufgaben verteilt. Während der wahre Hintergrund der Verbrechen, die Beschreibung der Opfer- und Täterpersönlichkeiten, das ermittlungstechnische und fallanalytische Knowhow von mir stammten, machte Claus Cornelius Fischer daraus eine – wie ich meine – spannende Story mit zahlreichen Nebensträngen und glich unsere unterschiedliche Art des Schreibens durch die Überarbeitung meiner Texte aneinander an.

"Ich nahm die Arbeit gedanklich mit nach Hause, schlief mit den Bildern der Tatorte und der Opfer ein, wachte damit auf."

Krimi-Couch:
Sie haben jahrelang selber wie Ihre Hauptfigur erfahren müssen, zu welcher Brutalität, Gewalt und Perversität Menschen fähig sein können. Wie haben Sie gelernt, damit umzugehen?

Axel Petermann:
Ich habe gelernt zu abstrahieren, zu versachlichen. Ich habe es irgendwann gelernt, mir nicht länger vorzustellen zu müssen, wie groß das Leid der Opfer bei den Taten war. In gewisser Weise hilft es mir, die Bilder und Eindrücke zu verarbeiten, wenn ich die Verbrechen quasi aus wissenschaftlicher Sicht betrachte und analysiere: Was genau ist passiert? Wie war die Interaktion zwischen den Protagonisten, also dem Täter und dem Opfer? Wie das oder die Motive. Reichen die Beweise, um einen Verdächtigen zu überführen oder nicht?

Und – ganz wichtig: Ich weiß, dass das Böse in der Tat liegt. Nicht jeder muss ein böser Mensch sein, um Böses zu tun.

Krimi-Couch:
Sie weisen in Ihrem aktuellen Thriller auf ein Zitat von Stendhal hin: „Es gibt kein Verbrechen, das begangen zu haben ich mir nicht selbst vorstellen könnte.“ Ist zumindest diese Fähigkeit als Ermittler notwendig, um sich auch nur annähernd vorstellen zu können, was die Täter denken?

Axel Petermann:
Als Ermittler habe ich leider viele Facetten der menschlichen Abgründe kennengelernt. Und so weiß ich auch, dass wir Menschen zu Handlungen fähig sind, die so monströs und gewalttätig sind, dass wir dieses gar nicht glauben oder wahrhaben wollen. Doch die Realität spricht eine andere Sprache, wie wir täglich beim Lesen der Zeitung erfahren können. Des Weiteren habe ich das Resultat ja sehr häufig an Tatorten erleben können oder wenn ich am Obduktionstisch stand und mir die Verletzungen der Opfer anschaute. Deshalb brauche ich diese Stendhalsche Aussage auch gar nicht, denn ich habe die Gewissheit häufig genug erfahren.

Krimi-Couch:
Kann man für Taten wie die von Robert im vorliegenden Roman so etwas wie Verständnis empfinden? Von Mitleid möchte ich in diesem Zusammenhang gar nicht sprechen.

Axel Petermann:
Ich versuche die Motive und die Handlungen der Täter zu verstehen, indem ich das Geschehen rekonstruiere und sich dadurch nach und nach ein Täterprofil ergibt. Doch dieses Verstehen heißt für mich nicht gleichzeitig, dass ich für ihr Tun auch Verständnis haben muss. Das zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Und so ist es mir auch bei dem wahren Robert ergangen, den ich bei meinen Besuchen in der Forensik doch häufiger verzweifelt und gefangenen im Wirrwarr seiner morbiden Fantasien erlebte.

Krimi-Couch:
Kristin, die neue Freundin von Kiefer Larsen, will verstehen, was dieser in seinem Beruf erlebt und wie er damit umgeht. Wie haben Sie dies selber erlebt? Kann man Beruf und Privatleben trennen oder ist es gar notwendig, dass der Partner weiß, wie die aktuelle Arbeit aussieht, die einen fordert und sicherlich auch nach Arbeitsende beeinflusst?

Axel Petermann:
Meiner Frau und mir war es immer sehr wichtig, dass sich unser Privatleben sehr von meinem Beruf abhebt und beides nicht miteinander verschmilzt. Natürlich bestimmten die Fälle mein Leben; ich nahm die Arbeit gedanklich mit nach Hause, schlief mit den Bildern der Tatorte und der Opfer ein, wachte damit auf.

Doch zu meiner aktiven Zeit bei der Kripo erzählte ich zu Hause nur wenig über die Verbrechen, die ich zu bearbeiten hatte. In gewisser Weise wollte ich wie Kiefer Larsen dem Bösen nicht gestatten, dass es bei uns zu Hause Einzug hält. Als irgendwann jedoch die Grenzen trotzdem zu verschmelzen begannen, da zogen wir auf Wunsch meiner Frau ins Landschaftsschutzgebiet, um dort – umgeben von der unberührten Natur - auch örtlich einen anderen Blick auf das Böse zu haben bzw. diesem erst gar nicht den Zutritt zu gewähren.

Krimi-Couch:
Sie setzten sich ab 1999 mit den FBI-Methoden des Profilings kritisch auseinander und begannen mit dem Aufbau der Dienststelle Operative Fallanalyse, deren Leiter Sie bis zu Ihrer Pensionierung 2014 waren. Wie kritisch sehen Sie als ausgewiesener Fachmann Serien wie „Criminal Minds“ oder „Profiler“ bzw. Thriller wie Chris Carters Reihe um den Profiler Robert Hunter? Erkennen Sie Ihre Arbeit als Fallanalytiker darin wieder?

Axel Petermann:
Im fiktiven und dem realen Fallanalytiker-Leben geht es natürlich um Rätsel, um Verbrechen, für die es häufig keine Erklärung zu geben scheint und erst nach einer mehr oder weniger aufwändigen Analyse zu lösen sind.

Natürlich werden in beiden Szenarien die Spuren des Täters gelesen und versucht, die Motive und die morbiden Fantasien des Täters zu verstehen. Doch das ist auch schon das Einzige, das eint. Auf der einen Seite soll die Fiktion unterhalten, ein angenehmes Gruseln gewähren und die dem Betrachter oder Leser eine Rückzugsmöglichkeit gewähren, da alles ja nur von einem Autor erdacht ist. Dazu geht alles sehr, sehr schnell, die neusten technischen Untersuchungsmethoden stehen zur Verfügung, die Profiler stets jung und nahezu unbesiegbar. Doch die tatsächliche Arbeit ist leider eine eher müheselige Arbeit, da alle Informationen der Tat genau recherchiert und analysiert werden müssen. Und das kann dauern.

Trotzdem ist es eine sehr befriedigende Arbeit, wenn es gelungen ist, in mühevoller Kleinarbeit mit Hilfe von Experten ein Tatgeschehen zu rekonstruieren, die Bedürfnisse der Täter zu erkennen und deren Profil zu erstellen, anhand dessen sie tatsächlich erkannt werden können.

Krimi-Couch:
Eine letzte Frage: Sie sind mittlerweile im Ruhestand. Man könnte meinen, dass Sie sich im Leben genug mit Gewalt und Straftaten beschäftigt haben. Was fasziniert Sie aber immer noch derart an Ihrer Arbeit, dass Sie nicht davon lassen können?

Axel Petermann:
Die Faszination des Bösen, die Frage warum Menschen zu Täter werden, weshalb bestimmte Menschen zu Opfern werden, wie Verbrechen aufgeklärt werden können, all diese Gedanken waren vor vielen Jahren maßgeblich für meine Entscheidung, bei der Polizei zu bleiben und fortan in der Mordkommission zu arbeiten.

Ursprünglich hatte ich dort nur meinen Wehrdienst ersatzweise absolvieren wollen. Allerdings bestimmten dann verschiedene Ereignisse oder Zufälle mein weiteres Berufsleben: Mir wurde klar, dass das eine Aufgabe sein könnte, die mich doch sehr ausfüllen würde. Und diese Annahme hat sich auch bestätigt. Ich möchte Menschen, die mich um Hilfe bitten, erklären können, weshalb ein ihnen lieb gewesener Mensch Opfer eines Verbrechens wurde und auch Antworten darauf finden, wer für die Tat verantwortlich ist, welche Motive dem Geschehen zu Grunde lagen.

Gleichzeitig möchte ich aber auch dazu beitragen, dass möglicherweise zu Unrecht verurteilte „Täter“ durch neue Beweise rehabilitiert werden können.

Was mich zudem antreibt, ist auch die Gewissheit, dass leider nicht alle Verfahren fehlerfrei geführt werden und manchmal – aus welchen Gründen auch immer – persönliche Einschätzungen der Verantwortlichen Ermittlungsergebnisse und Urteile maßgeblich beeinflussen können.

Das Interview führte Thomas Gisbertz im November 2019.
Foto: © Axel Petermann