Frederic Hecker

06.2020 Der Chirurg und promovierte Rechtsmediziner Frederic Hecker hat mit „Totenblass“ einen fulminanten, hochspannenden Thriller geschrieben, der gleichzeitig den Auftakt einer Reihe um das Ermittlerpaar Fuchs/Schuhmann darstellt. Krimi-Couch-Redakteur Thomas Gisbertz sprach mit Frederic Hecker über dessen Debütroman und seine Arbeit als Autor.

Ich liebe Geschichten, egal ob in Form von Büchern, Serien oder Filmen. Zum Leidwesen meiner Frau schaue ich auch fast nur Krimis und Thriller. Und eine solche Geschichte wollte ich gerne erzählen.

Krimi-Couch:
Herr Hecker, Ihr Debütroman „Totenblass“ ist der Start einer neuen Ermittlerreihe, die in Frankfurt spielt. Worum geht es dabei?

Frederic Hecker:
In ‚Totenblass‘ geht es um eine Mordserie an jungen Medizinerinnen, die nahezu blutleer und mit seltsamen Wunden übersät aufgefunden werden. Für das Ermittlerpaar, den erfahrenen Kommissar Joachim Fuchs und die junge Fallanalystin Lara Schuhmann ist es der erste gemeinsame Fall. Als es zu Unstimmigkeiten im Team kommt, wirft man Fuchs wegen einer vermeintlichen Liaison mit der Ärztin und Zeugin Sophia zudem Befangenheit vor. Fuchs sieht sich daraufhin gezwungen, auf eigene Faust zu ermitteln und setzt hierdurch eine folgenschwere Ereigniskette in Gang

Krimi-Couch:
Ihre Hauptfiguren, Hauptkommissar Joachim Fuchs und seine Kollegin, die Fallanalystin Lara Schuhmann, wirken wohltuend normal und sind dadurch sehr nah dran an den Lesern. Was war Ihnen bei der Arbeit an Ihrem Roman besonders wichtig? Worauf haben Sie besonderen Wert gelegt?

Frederic Hecker:
Die Frage beantwortet im Grunde schon einen Teil dessen, worauf ich Wert gelegt habe, denn ich wollte tatsächlich bodenständige und realistische Charaktere erschaffen, die für die Leser greifbar sind. Ein erster Hinweis hierauf sind bereits die recht gewöhnlichen Namen der Protagonisten. Dennoch sollten die Figuren nicht langweilig daherkommen, und so besitzt jede ihre mehr oder weniger liebenswerten Eigenheiten.
Zudem habe ich mich bemüht, jedem eine eigene Stimme sowie Sicht auf die Welt zu geben. Abgesehen von den Figuren versuche ich auch, den Lesern ein wenig Wissen zu vermitteln, ein Aspekt, den auch ich in Büchern sehr gerne mag: Wenn Realität und Fiktion sich vermischen, so dass die Grenzen dazwischen verschwimmen.
Für ‚Totenblass‘ habe ich viel recherchiert und Unmengen von Artikeln und Büchern über Serienmörder sowie sonstige Fachliteratur verschlungen, um in vielen Bereichen ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen. Dennoch muss ich einige Leser warnen: Die eine oder andere künstlerische Freiheit habe ich mir dennoch herausgenommen. Mögen es mir beispielsweise Verfechter von Tatsachenberichten der Polizeiarbeit bitte verzeihen.

Krimi-Couch:
Wenn man „Totenblass“ liest, ist man mehr als verwundert, dass es sich hierbei um einen Debütroman handeln soll. Anders als zum Beispiel ihr Kollege Michael Tsokos verzichten Sie auf einen Co-Autor. Besitzen Sie ein Naturtalent oder haben Sie sich die Grundlagen des Schreibens auf andere Art beigebracht?

Frederic Hecker:
Mit Anfang 20 war ich mit einem Freund drei Monate in Australien. Da habe ich bereits einmal einen ersten Versuch gestartet, ein Buchprojekt auf die Beine zu stellen und es auf immerhin über 200 Seiten einer Geschichte gebracht, die es aber nie aus der Schublade hinausgeschafft hat. Seither hat mich dieses Thema aber nicht mehr losgelassen. Irgendwann habe ich dann meine Liebe für Kriminalromane und Thriller entdeckt und beschlossen, mich in diesem Genre zu versuchen.

Bis ich aber letztendlich mit der Arbeit am Manuskript für ‚Totenblass‘ begonnen habe, vergingen zwei oder drei weitere Jahre. Dann kaufte ich mir nach und nach Bücher über das Schreiben und sezierte die Werke meiner Vorbilder, um die Anatomie ihrer Geschichten zu verstehen. In einem dieser Lehrbücher stieß ich dann auf einen Flyer der Schule des Schreibens und habe mich kurzerhand für das Modul ‚Romanwerkstatt‘ angemeldet.

Während dieses mehrjährigen Fernlehrgangs wuchs das Manuskript schließlich auf einige hundert Seiten an, und ich hatte am Ende das nötige Handwerk so weit erlernt, dass ich die letzten Schritte bis zur Fertigstellung des Romans alleine gehen konnte. An dieser Stelle möchte ich also ein wenig Werbung für dieses Fernstudium machen, denn ohne die kontinuierliche Begleitung durch meine Dozentin und ihr ständiges Feedback weiß ich nicht, ob das Buch wirklich entstanden wäre.

Krimi-Couch:
Was ist für Sie das Besondere am Schreiben?

Frederic Hecker:
Ich liebe Geschichten, egal ob in Form von Büchern, Serien oder Filmen. Zum Leidwesen meiner Frau schaue ich auch fast nur Krimis und Thriller. Und eine solche Geschichte wollte ich gerne erzählen. Im Schreiben sah ich dabei die einzige realistische Möglichkeit, dies neben meinem Hauptberuf zu verwirklichen. Hart ausgedrückt könnte man sagen: Schreiben war hierfür das notwendige Übel.

Denn es ist ein einsames und bisweilen auch nervenaufreibendes Geschäft, wenn es eben mal nicht so läuft, wie man es gerne hätte, herbeigesehnte Ideen ausbleiben, oder sich das, was man gerade produziert hat, einfach fürchterlich liest. In solchen Momenten könnte ich den Laptop aus dem Fenster schmeißen. Dennoch gibt es auch gute Phasen, in denen es höllischen Spaß macht, nämlich wenn man irgendwann merkt, wie die einzelnen Elemente der Geschichte wie Zahnräder ineinandergreifen und sich der Text mit jeder weiteren Überarbeitung immer flüssiger liest. Spätestens dann merkt man, dass sich die Mühe gelohnt hat.

Krimi-Couch:
Sie haben Humanmedizin studiert und besitzen als promovierter Rechtsmediziner den notwendigen medizinischen Background. Was fällt Ihnen leichter: über die Inhalte und Szenen zu schreiben, die mit diesem Thema zu tun haben, oder eher über die Arbeit Ihres Ermittlerteams?

Frederic Hecker:
Ich habe im Institut für Rechtsmedizin promoviert, aber mich dann für die Arbeit mit den Lebenden entschieden. Dennoch hatte ich während des Studiums mehrmals die Gelegenheit, Obduktionen beiwohnen zu dürfen. Da ich dagegen nie echte Einblicke in die Arbeit einer Mordkommission hatte, fällt es mir natürlich ungleich schwerer über deren Tätigkeiten zu berichten.

Krimi-Couch:
Wie nahe kommen Sie in Ihren Schilderungen der praktischen Arbeit eines Rechtsmediziners und was muss gegebenenfalls literarisch angepasst werden?

Frederic Hecker:
Ich habe mich schon sehr bemüht, Teilschritte der Obduktionen realitätsnah darzustellen. Dennoch wird es sicher die eine oder andere Kleinigkeit geben, die einem praktizierenden Rechtsmediziner ein Schmunzeln entlockt. Dass Kripobeamte bei Obduktionen zugegen sind und gemeinsam mit dem Rechtsmediziner rätseln, habe ich selbst erlebt. Ob aber die Sektionsassistentin zum Beispiel selbst Hand anlegen darf, weiß ich dagegen nicht. Ebenso bin ich nicht sicher, ob Staatsanwälte wirklich in schicken Büros mit Mahagoni-Schreibtischen sitzen, wenn sie nicht gerade den Ermittlern während Sektionen oder Teamkonferenzen auf den Nerv gehen.

Krimi-Couch:
Wie bereitet man sich als Autor auf einen Thriller vor? Werden zum Beispiel Gespräche mit tatsächlichen Ermittlern geführt? Oder schaut man sich die Handlungsorte noch einmal genau an?

Frederic Hecker:
Da ‚Totenblass‘ mein Debütroman ist, musste ich mich erst einmal finden und schauen, welche Mittel und Wege die richtigen für mich sind. So bin ich anfangs tatsächlich auf den Campus gefahren, um verschiedene Orte nochmals auf mich wirken zu lassen. Ich habe Fotos von einigen Stellen gemacht, damit ich mich später Zuhause wieder leichter in die Szenerie hineinversetzen konnte. Irgendwann habe ich im Netz nach passenden Bildern gesucht, da dies weniger zeitraubend war, aber ähnlich gut funktionierte.
Wenn mir während des Schreibens Fragen in den Sinn kamen, die ich Ermittlern in einem Gespräch gerne gestellt hätte, notierte ich diese für den Fall, dass es tatsächlich mal zu einem persönlichen Kontakt kommen sollte. Doch viele der Fragen haben sich dann während meiner Internet- und Sachbuchrecherche beantwortet. Zudem habe ich irgendwann ganz bewusst darauf verzichtet, die Ermittler zu konsultieren, da ich ja wusste, dass sie gerade damit beschäftigt waren, einen Serienmörder zu jagen, der es auf junge Medizinerinnen abgesehen hat.
Einige Dinge übernimmt man sicherlich auch unbewusst aus anderen Krimis und Thrillern, solange sie einem selbst plausibel und spannend erschienen sind. Ansonsten bietet natürlich auch das Leben an sich mit all den Erfahrungen, die man gemacht hat, einen riesigen Fundus der Inspiration. Aber keine Angst – falls jetzt einigen der Schweiß auf die Stirn treten sollte – ‚Totenblass‘ ist keine Abrechnung mit echten Personen; selbst wenn sich der eine oder andere wegen eines Namens, einer Tat oder Charakterbeschreibung darin zu erkennen glaubt.

Krimi-Couch:
Als Autor orientiert man sich sicherlich an literarischen Vorbildern. Welche Autoren beeinflussen Ihre Arbeit?

Frederic Hecker:
Hier kann ich an erster Stelle ganz klar Tess Gerritsen nennen, die ja ebenfalls Ärztin ist und deren fundierte medizinische Inhalte ich immer begrüßte. Mit ihren Werken um Rizzoli & Isles hat ‚Totenblass‘ sicher den grundsätzlichen Aufbau der Geschichte mit den Szenen in der Rechtsmedizin gemein. Für die schönen Metaphern und die tolle Sprache schätze ich Michael Robotham sehr. Von den deutschsprachigen Autoren mag ich außerdem die Hörbuchreihe um Sneijder & Nemez von Andreas Gruber besonders gerne. Sicher auch ein Grund, warum ich mich für Achim Buch als Leser der Hörbuchausgabe zu ‚Totenblass‘ entschieden habe, der auch hier wieder einen wunderbaren Job gemacht hat.

Krimi-Couch:
Für Anfang 2021 ist bereist die Fortsetzung der Reihe geplant. Was können Sie schon darüber verraten?

Frederic Hecker:
Dass mich die Arbeit daran momentan jede Menge Nerven kostet. Dass es eine völlig neue Erfahrung ist, mit einer Deadline zu schreiben, und sich nicht nur dann an den Text zu setzen, wenn einen die Schreiblust packt. Dass ich nun keine Dozentin der Schule des Schreibens mehr an meiner Seite habe, die mir auf die Finger schaut oder bedarfsweise haut. Ich kann aber auch verraten, dass Fuchs und Schumann wieder ermitteln und Joachim mit seiner Vergangenheit als Einsatzmitglied der GSG-9 konfrontiert werden wird. Außerdem werden ein paar äußerst ungewöhnliche Morde geschehen, die aber vielleicht irgendwo auf der Welt tatsächlich so passiert sind …

Das Interview führte Thomas Gisbertz im Juni 2020.
Foto: © Victoria Hecker

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