Sandra Åslund

06.2019 Die Berlinerin und Krimiautorin Sandra Åslund hat mit ihrer Reihe um die Kölner Kommissarin Hannah Richter eine ganz besondere Art des Provence-Krimis geschaffen. Auch ihre Lesungen sind Dank musikalischer Untermalung und eindrucksvollen Fotos aus der Provence sicherlich nicht alltäglich. Im Rahmen der Nettetaler Literaturtage traf Thomas Gisbertz von der Krimi-Couch die Autorin vor ihrer Lesung in der Lobbericher Buchhandlung Matussek.

Krimi-Couch:
Frau Åslund, als ich Ihren aktuellen Roman „Tödliche Provence“ in der Hand hielt, habe ich mich gefragt, warum eine gebürtige Niederrheinerin mit einem skandinavisch klingenden Namen einen Krimiroman in Südfrankreich spielen lässt. Wie kam es dazu?

Sandra Åslund:
Den skandinavischen Namen habe ich von meinem Mann angenommen. Ich wollte meine Kinder immer gerne deutsch-französisch erziehen, nun erziehe ich sie deutsch-schwedisch. Bevor ich angefangen habe,  nach Schweden zu fahren, bin ich sehr häufig nach Frankreich gefahren – und immer wieder in die Provence. Meine Eltern haben in Vaison-la-Romaine mit mir stets Urlaub gemacht, und es ist so etwas wie eine zweite Heimat für mich.

Krimi-Couch:
Sie legen in Ihrer Kriminalerzählung sehr viel Wert auf die Darstellung der Natur, der Menschen und der französischen Lebensart. Sie verstehen es als gute Geschichtenerzählerin, den Leser förmlich in die Schönheit der Provence eintauchen zu lassen. Warum haben Sie sich letztendlich aber dazu entscheiden, Kriminalromane zu schreiben?

Sandra Åslund:
Vor dem Krimi-Genre habe ich großen Respekt, allein schon aus dem Grund, da ich von meinem Hintergrund her nichts mit dem Metier zu tun habe. Alles, was die Ermittlerarbeit angeht, muss ich demnach erst einmal recherchieren. Deswegen hatte ich ursprünglich auch gar nicht vor, Krimis zu schreiben. Ich suchte 2010 eine Idee für einen Roman, und war zu dieser Zeit wieder in Südfrankreich. Damals gab es noch keine Provence-Krimis.
Hier ist alles so idyllisch, dachte ich mir. Hier müsste einmal etwas richtig Schlimmes passieren. Da kam mir die Idee zu meinem ersten Krimi und sie ging auch nicht mehr weg – und dann musste ich mich dieser annehmen. So rutschte ich in das Krimi-Genre. Ich wusste, dass dieser Krimi auch nur hier in der Provence spielen konnte, da ich diesen Ort und die Menschen gut kenne, weil ich zur Gendarmerie gehen kann, um zu fragen, wie diese arbeitet. Es sollte alles möglichst authentisch sein.

Krimi-Couch:
Ihre Hauptfigur Hannah Richter ermittelt als Hauptkommissarin eigentlich in Köln. Warum haben Sie sich – wie dies etwa ihr Kollege Jörg Borg mit seiner Reihe um Kommissar Dupin macht – gegen ein rein französisches Ermittlerteam entschieden?

Sandra Åslund:
Ich wollte eine deutsche Ermittlerin haben, da ich mich einserseits als Deutsche in eine solche Figur besser hineinversetzen kann. Anderseits wollte ich die Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen verdeutlichen. In meiner Zeit in Frankreich habe ich schnell gemerkt, dass besonders die Mitarbeiter der Polizei anders auftreten als hier bei uns.

Krimi-Couch:
Wie viel steckt von Ihnen in der Hauptfigur Hannah?

Sandra Åslund:
Rein äußerlich habe ich Hannah bewusst so angelegt, dass sie das völlige Gegenteil von mir ist. So geht sie zum Beispiel vollkommen in der Leichathletik auf - was ich selber seit der Schulzeit hasse. Aber natürlich lässt es sich nicht vermeiden, dass sie bestimmt auch Züge von mir hat.

Krimi-Couch:
Auch Hannahs Liebe zu allem Antiken, vor allem der römischen Kultur, spielt neben der Musik eine wichtige Rolle im Roman. Sind dies auch Bereiche, die sie persönlich begeistern?

Sandra Åslund:
Auf jedem Fall. Ich habe einen Musiker geheiratet und habe auch eine Zeit lang Musik auf Lehramt studiert. Ich habe also eine große Affinität hierzu. Geschichte war in der Schule darüber hinaus mein zweiter Leistungskurs. Aber vor allem sind es die römischen Spuren, die man in Vaison-la-Romaine findet. Der Ort ist die größte galloromanische Ausgrabungsstätte und da war es nur logisch, dies vor allem im ersten Roman „Mord in der Provence“ auch aufzugreifen.

Krimi-Couch:
Was mir aufgefallen ist: Die weiblichen Hauptfiguren Hannah, ihre Freundin Penelope und auch ihre französische Kollegin Emma sind durchweg sympathische Figuren, während die männlichen Figuren, wie vor allem Emmas Kollege Rigaud, aber auch Hannahs Freund Serge doch auch kritisch gesehen werden. Zufall?

Sandra Åslund:
(lacht) In diesem Band ist das eher Zufall. Im ersten Band habe ich bewusst versucht dies zu mischen. Das ist aber ein guter Hinweis. Ich sollte zukünftig mehr darauf achten.

Krimi-Couch:
Wenn Hannah an der Treue ihres Freundes Serge zweifelt, ihre Freundschaft zu Penelope sowie die kollegiale Beziehung zu Emma auf die Probe gestellt werden, so sind dies nicht unbedingt die Themen, dies sich vor allem männliche Leser wahrscheinlich in einem Kriminalroman wünschen. Warum haben Sie sich hierzu entschieden?

Sandra Åslund:
Mir war es sehr wichtig, dass es eben ein Kriminalroman und nicht nur ein reiner Krimi. Das sage ich immer bewusst so, weil mir auch die Entwicklung meiner Figuren wichtig ist. Deswegen hat auch Hannahs Freund Serge eine eigene Perspektive. An ihm mögen Leser vor allem das Philosophische. Er muss weiterhin eine wichtige Rolle spielen, ansonsten habe ich  - da muss ich Ihnen recht geben – tatsächlich nur die Sichtweise der Frauen. Das wäre dann auch wirklich schade.

Krimi-Couch:
Spielt der nächste Band der Reihe wieder in der Provence oder können Sie sich vorstellen, dass Hannah auch einmal in ihrer Heimatstadt Köln ermitteln darf?

Sandra Åslund:
Es ist tatsächlich so, dass der Fall diesmal in Köln anfangen wird, aber in der Provence fortgesetzt wird. Hannah muss dort weiterermitteln, da der Tote, den man in der Rheinmetropole findet, aus Frankreich stammt.

Krimi-Couch:
Ich stelle es mir in der Tat schwierig vor, immer wieder einen plausiblen Grund zu finden, warum Hannah als deutsche Kommissarin in Frankreich ermitteln muss bzw. darf.

Sandra Åslund:
(lacht) Das ist wirklich nicht einfach. Im dritten Band habe ich noch einmal eine gute Lösung gefunden, warum sie in der Provence ermitteln darf. Hannah ist zwar eine Kölner Ermittlerin, aber es sollen weiterhin Provence-Krimis sein, deswegen habe ich mich jetzt für diesen Weg entschieden.  Bisher habe ich mich dagegen gesträubt, sie dorthin umziehen zu lassen, aber vielleicht wird das in Zukunft doch noch geschehen.

Krimi-Couch:
Verraten Sie den Leserinnen und Lesern, was das Besondere an Ihren Kriminalromanen und an Ihrer Hauptfigur Hannah ist.

Sandra Åslund:
Es wird mir von den Lesern immer wieder gespiegelt, dass sie sich gut in den Charakteren wiederfinden. Hannah kommt oftmals, auch wenn sie ihre Ecken und Kanten hat, sehr sympathisch rüber. Sie ist ganz patent, aber auch normal. Sie hat kein Alkoholproblem oder Ähnliches. Das habe ich ganz bewusst als Kontrast zu anderen Ermittlern gemacht. Wir haben in letzter Zeit eine regelrechte Provence-Krimi-Schwemme. So weit ich weiß, habe ich als einzige eine deutsche Ermittlerin. Mir ist aber auch etwas anderes ganz wichtig: Ich weiß, dass es Leser gibt, die nur den Fall haben wollen. Ich möchte aber, dass man noch etwas über den Fall hinaus erfährt. Das mag daran liegen, dass ich selber solche Krimis gerne lese.

Krimi-Couch:
Was können Sie schon über den neuen Teil der Reihe um Kommissarin Hannah Richter verraten, an dem Sie aktuell schreiben?

 

Sandra Åslund:
Die Idee für den dritten Band tragen ich schon sehr lange mit mir herum. Diesmal geht es um die Kosmetikindustrie mit ihren Grauzonen, d.h. kosmetische Produkte versprechen viel, unterliegen dabei jedoch keinen strengen Richtlinien. Dabei geht es speziell um den Bereich der Naturkosmetik. Mein Interesse daran deute ich durch Penelope in den ersten beiden Fällen schon etwas an. Ein kleines Familienunternehmen in der Provence wird durch einen großen Pharmakonzern bei Köln aufgekauft. Es wird sehr spannend.

Das Interview führte Thomas Gisbertz im Juni 2019.
Foto: © Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG

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