Pascal Engman

03.2019 Andreas Kurth im Gespräch mit Pascal Engman, dem Autor von "Der Patriot".

Die Haltung gegenüber Journalisten weltweit wird stetig erschreckender und beunruhigender.

Krimi-Couch:
In ihrem Roman werden Journalisten von Rechtsradikalen getötet. Nur eine dramatische Zuspitzung - oder halten Sie so etwas tatsächlich für denkbar?

Pascal Engman:
Während ich Der Patriot geschrieben habe, wurde mir klar, dass ich da gerade meinen schlimmsten Albtraum zu Papier bringe. Das ist jetzt drei Jahre her, da war ich 29. Doch ich finde, die Haltung gegenüber Journalisten weltweit wird stetig erschreckender und beunruhigender. Allein dieses Jahr haben in Schweden sieben von zehn Journalistinnen Drohungen oder Hasskommentare erhalten, und ein Drittel von ihnen hat deshalb in Erwägung gezogen, den Job an den Nagel zu hängen. Das stellt die Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit vor eine harte Probe. Gleichzeitig ist Schweden in Westeuropa das Land mit der höchsten Zahl an rechtsextrem motivierten Tötungsdelikten seit 1990. Noch vor ein paar Jahren ist ein Rechtsextremer in Nordschweden verhaftet worden, bei dem selbstgebaute Schusswaffen sowie eine Todesliste mit Namen von Politikern und Journalisten gefunden wurden. Und während meiner Zeit bei der Expressen wurde einmal ein Neonazi direkt vorm Redaktionsbüro wegen Besitzes von Stichwaffen festgenommen.

Krimi-Couch:
Wann ist ihnen die Idee zu diesem Buch gekommen? Und wieviel Pascal Engman steckt in einer der Figuren?

Pascal Engman:
Die Idee kam mir, als ich mit ansehen musste, was die ganzen Drohungen mit meinen damaligen Kolleginnen bei  Expressen gemacht haben. Zur selben Zeit habe ich über die barbarischen NSU-Morde in Deutschland gelesen. In den 90er Jahren, als ich noch klein war, lief John Ausonius (der „Lasermann“) in Stockholm Amok. Mein Vater stammt aus Chile, und ich hatte schreckliche Angst, dass er erschossen werden könnte. Diese Angst und das Gefühl der Machtlosigkeit haben mich bis heute nicht ganz losgelassen.

Krimi-Couch:
Wie sind Sie selbst als Journalist bedroht worden? Und begann das erst mit dem verstärkten Flüchtlingszustrom 2015?

Pascal Engman:
Morddrohungen habe ich nie erhalten. Ich habe allerdings auch nie über die Themen geschrieben, die das am meisten anziehen: Feminismus, Flüchtlinge, Einwanderung. Was mir aber auffällt, ist, wie sich der Tonfall in den sozialen Medien verändert hat. Begriffe wie „Volksverräter“ oder „Hure der politischen Korrektheit“, die früher von Nazis verwendet wurden, finden jetzt Eingang in die Kommentare von scheinbar ganz durchschnittlichen Leuten. Laut Meinung vieler Experten handelt es sich bei solchen Formen der Herabsetzung bzw. Entmenschlichung um einen psychologischen Abwehrmechanismus, der die Hemmschwelle auch für physische Gewalt gegenüber anderen herabsetzt.

Krimi-Couch:
Sie haben ihre Arbeit als Journalist aufgegeben. Ist das nur vorübergehend, oder wollen Sie künftig nur noch Bücher schreiben?

Pascal Engman:
Dadurch, dass Der Patriot in so vielen Ländern verlegt wird  und die Rechte zwischenzeitlich sogar von einer Produktionsfirma in Hollywood aufgekauft worden sind, kann ich mich jetzt in Vollzeit dem Schreiben widmen. Tatsächlich bin ich gerade in der Atacama-Wüste und sitze an meinem dritten Roman, einer Fortsetzung von Eldslandet, das in Deutschland voraussichtlich 2020 erscheinen soll.

Krimi-Couch:
August Novak ist ja eine eher zwiespältige Figur. Warum lassen Sie nicht die schwedische Polizei die Killer fangen?

Pascal Engman:
Weil die schwedische Polizei oftmals den Einfluss und das Gewaltpotenzial rechter Bewegungen unterschätzt. Das ist in Deutschland ja nicht anders. Man braucht sich bloß Fälle anzusehen wie die NSU, den „Lasermann“ oder Peter Mangs.

Krimi-Couch:
Hat sich in ihren Augen die Lage in Schweden mittlerweile beruhigt, oder gärt es unter der Oberfläche und in der Politik immer noch?

Pascal Engman:
Schweden, wie ja auch viele andere Länder auf der Welt, ist zurzeit tief gespalten. Leider sehe ich darin eine Ursache für Gewalttaten. Früher waren Führungspersönlichkeiten und Politiker auf Journalisten angewiesen, um mit ihren Botschaften potenzielle Wähler zu gewinnen. Auch wenn sie sich schwierigen Fragen zu stellen und scharfer Kritik auszusetzen hatten, gab es für sie keine Alternative als diesen öffentlichen Weg über die herkömmlichen Medien. Journalisten waren da ein notwendiges Übel. Heute nutzen Politiker die sozialen Medien, haben eigene Twitter-Accounts und erreichen ihre Wählerschaft so oder so. Für diejenigen von ihnen, die keinen Respekt vor der Demokratie haben, stellt der Journalismus ein bösartiges Hindernis dar. Oft werden Journalisten ins Visier genommen, weil man ihnen die Glaubwürdigkeit nehmen und so viel Angst machen will, dass sie sich nicht mehr trauen, ihre Stimme zu erheben.    

Das Interview führte Andreas Kurth im März 2019.
Übersetzt aus dem Englischen von Yannic Niehr.
Foto: © Anna-Lena Ahlström

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