Unbelievable

Serien-Spezial von Jochen König (12.2019) / Titel-Motiv: © Netflix

Lynwood, USA, 2008

„Ich wurde vergewaltigt“, ist der erste Satz, den die achtzehnjährige Marie Adler vor der Kamera von sich gibt. Gegenüber dem uniformierten Polizisten, der als erster am Tatort eintrifft.  In einem Apartment innerhalb einer betreuten Wohnanlage, in einer kleinen Stadt, die nach der eröffnenden Kamerafahrt so gediegen und unspektakulär durchschnittlich wirkt wie tausend ähnlich geartete andere Kleinstädte dieser Art.

Marie hat bereits eine lebenslange Odyssee hinter sich. Wechselnde Pflegefamilien, Misshandlungen, Missbrauch und gelegentlich Zuneigung. Zum ersten Mal versucht sie auf eigenen Füßen zu stehen, bezieht eine bescheidene Wohnung, wird zwar von Sozialarbeitern betreut, darf aber eigene Entscheidungen treffen und bis auf gelegentliche Gruppensitzungen und Individualgespräche autark leben.

Dann wird sie nach eigenem Bekunden vergewaltigt. Holt ihre letzte Pflegemutter Judith zur Unterstützung und informiert die Polizei. Erzählt die Geschichte ihrer Vergewaltigung Officer Curran, berichtet von mehrfachen Penetrationen, erzwungenen Fotos in demütigenden Posen und finsteren Drohungen. Danach übernimmt Detective Parker den Fall und verhört Marie erneut. Mehrmals. Eine weitere Aussage ist im Krankenhaus fällig, wo sie auf Spuren der Gewalttat hin untersucht wird. Halb abwesend, halb geduldig lässt Marie die Torturen über sich ergehen. Macht alles richtig, nur eins nicht: Das traumatisierte Mädchen verhält sich nicht so wie es sich für ein Vergewaltigungsopfer gehört. Zu cool, zu unbeteiligt erscheint sie ihrer vorletzten Pflegemutter Clementine, die mit ihrer Nachfolgerin Judith in Verbindung steht. Diese war selbst Opfer sexueller Gewalt und meint zu wissen, wie sich ein Opfer zu fühlen und verhalten hat. Nicht so wie Marie. Sie vermutet, dass Marie mit ihrem eigenständigen Leben überfordert ist und um Aufmerksamkeit heischt. Als lautere Bürgerin teilt sie Detective Parker ihre Mutmaßung mit.

Nichts ist so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen kann

Marie wird erneut vorgeladen, erneut verhört und von Parker und seinem Kollegen Pruitt damit konfrontiert, eine Falschaussage geleistet zu haben. Sie wird auf kleine und scheinbare Ungenauigkeiten in ihren zahlreichen Angaben festgenagelt. (Funktioniert etwa so: „Wie haben sie das Telefon nach der angeblichen Vergewaltigung bedient, um ihren Ex-Freund anzurufen? – Gefesselt und mit den Zehen gewählt oder doch erst von den Fesseln befreit? Was denn nun?“) Am Ende ist Marie bezüglich des Tathergangs derart verunsichert, dass sie den Polizisten gibt, was sie von ihr haben wollen, einen Widerruf. Ohne zu ahnen, welche Konsequenzen daraus folgen.

Marie wird zur Persona non grata, ihre Freunde und Freundinnen wenden sich von ihr ab, ihre Pflegemütter begegnen ihr zwar immer noch freundlich, aber mit gehöriger Skepsis. Die Presse belagert ihren Wohnkomplex und ihre Betreuer nehmen sie an die kurze Leine und drohen mit dem Rauswurf aus dem Sozialprogramm, welches Marie ein halbwegs eigenständiges Leben ermöglichen soll. Doch das Schlimmste folgt erst: Wegen ihrer vermeintlichen Falschaussage landet Marie vor Gericht.

2011, Golden, Colorado

Drei Jahre später befasst sich Detective Karen Duvall mit der Vergewaltigung der Studentin Amber Stevenson. Als sie ihrem Mann, der ebenfalls Polizist ist, vom Tathergang und dem Modus Operandi des Täters (mehrfacher Geschlechtsverkehr, Verkleiden, Erniedrigen und Fotografieren) erzählt, meint dieser, dass in seinem Revier in einem anderen County, ein ähnlicher Fall verfolgt würde. Duvall setzt sich mit Grace Rasmussen, der dortigen Ermittlungsleiterin in Verbindung. Das führt zu einer Zusammenarbeit, die nur einen Schluss zulässt: Ein Serienvergewaltiger ist am Werk. Der grenzübergreifend Straftaten begeht und sich die isolierte Arbeitsweise der jeweiligen Polizeibehörden zunutze macht. Erst dank der beiden ambitionierten, empathischen und hartnäckigen Beamtinnen werden Zusammenhänge sichtbar gemacht, die eine große Anzahl von Opfern ein und desselben Täters zutage fördern. Das reicht über drei Jahre zurück und besitzt natürlich eine Verbindung zu Marie Adlers tragischer Geschichte.   

Based on true events

Was als Fiktion schon bitter genug aufstößt, basiert auf Fakten. In ihrem, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten, Artikel „An Unbelievable Story of Rape“ haben T. Christian Miller und Ken Armstrong, zuerst unabhängig voneinander, später gemeinsam den Fall der echten Marie Adler aufgearbeitet und die Arbeit der analytisch klug, genau und aufopferungsvoll vorgehenden Polizistinnen Stacy Galbraith (in der Serie Karen Duvall) und Edna Hendershot (Grace Rasmussen) gewürdigt. Später erweiterten die beiden ihren Zeitungsbericht zu einem lesenswerten True Crime-Buch, das auf Deutsch den Titel „Falschaussage – eine wahre Geschichte“ trägt.

Vom Verändern und Werden. Und dem Sumpf, dem mancher nicht entkommt

Um das Fazit vorwegzunehmen: „Unbelievable“ zeigt, zu welchen Höhen sich Fernsehen aufschwingen kann, wenn Können und Engagement alle Ebenen prägen. Die achtteilige Serie ist keine ermüdend dozierende Bestandsaufnahme eines eminent wichtigen Themas, sondern eine emotional mitreißende und kluge Produktion, die plakative Effekte vermeidet und auf grobe, manipulative Behelfsmittel weitgehend verzichtet.

Nur ein Beispiel: Die Polizisten Parker und Pruitt sind keine bösartigen Ignoranten, die Marie Adler mit aller Macht diskreditieren wollen, sondern leicht tumbe, besonders in puncto der unterschiedlichen Formen der Traumabewältigung, schlecht ausgebildete und wenig einfühlsame Beamte, deren Prämisse dass Erzielen effektiver und schneller Ermittlungsergebnisse ist. Wenn dann noch wohlmeinende, aber so unwissende wie vorurteilsbehaftete, Unterstützung aus dem Umfeld des vermeintlichen Opfers hinzukommt, ist ein Versagen des Polizeiapparates geradezu vorprogrammiert.

Dass es anders geht, zeigt die Vorgehensweise der besser geschulten und einfühlsameren Polizistinnen Duvall und Rasmussen. Wobei gerade die toughe Grace Rasmussen Fehler in anderer Richtung begeht. Wie die Festnahme eines verwirrten Umweltaktivisten. Doch sie lernt daraus.

Letztlich entwickelt sich auch Detective Parker weiter, auch wenn dies bedeutet, dass er sich selbst als einen jener unfähigen Polizisten wahrnimmt, die er eigentlich verachtet. Sein bornierterer Kollege Pruitt hingegen bekommt nicht einmal eine Entschuldigung gegenüber der rehabilitierten Marie Adler hin.

Dass gerade solche Szenen mit Nachhall wirken, liegt an der geschickten Inszenierung und den schauspielerischen Leistungen, die bis zum Kleinstauftritt herausragend sind.

Lisa Cholodenko führte bei drei Folgen Regie, Autorin Susannah Grant bei zwei, die restlichen drei Folgen ist Michael Dinner federführend, der nach seinem so bemerkenswerten wie unterschätzten Kinofilm „Die Himmelsstürmer“ („Heaven help us“)  fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig war („Wunderbare Jahre“, „Chicago Hope“, „Justified“).

Die Schauspieler*innen

Toni Collette als Grace Rasmussen erweist sich einmal mehr als eine der interessantesten und vielschichtigsten Darstellerinnen der Gegenwart. Die Frau ist ein Qualitätsgarant, selbst in schwächlichen Filmen. Bei solch wuchtigen Schöpfungen wie „Unbelievable“ erst recht. Ihr ebenbürtig, als ganz anders geartete Partnerin in Crime, tritt  Merritt Wever (Karen Duvall) auf, die vor nicht allzu langer Zeit in „The Walking Dead“ sinnlos verheizt wurde. 

Kaitlyn Dever, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten knapp ein Twen war, spielt die schwierige Rolle der achtzehnjährigen Marie Adler, mit genau der richtigen Mischung aus Angst, Hilflosigkeit, jugendlichem Trotz und innerer Stärke, die ein (knappes) Überleben möglich macht. Eine großartige Arbeit, gerade weil die meist nahezu ungeschminkte Dever auf jegliche Actors-Studio-Manierismen verzichtet.

Die drei Hauptdarstellerinnen können auch derart auftrumpfen, weil die vorzüglich agierende Komplettbesetzung es erlaubt. Die Leistungen sind bis in winzige Nebenrollen ungemein stark.  Wie die von Danielle Macdonald in der Rolle der Amber Stevenson, der vergewaltigten Studentin, dank der Karen Duvall auf die Tragweite des Falles aufmerksam wird.  Macdonald liefert in ihren wenigen Szenen eine höchst beeindruckende, anrührende und intensive Performance. „Unbelievable“ ist, neben seinen anderen Meriten, hervorragendes Schauspielkino. Bei dem auch die Synchronisation mit der nötigen Ernsthaftigkeit überzeugt.

Die (Mini)-Serie des Jahres

„Unbelievable“ zeigt wie packend, relevant und nachdenklich Fernsehen heutzutage sein kann, wenn scharfsichtige und -sinnige Autoren und geballte Kompetenz vor und hinter der Kamera am Werk sind.

Nicht nur in Bezug auf das #metoo-Movement ist die Fokussierung auf das Thema Vergewaltigung, und den gesellschaftlichen Umgang damit, ein ungemein wichtiges Thema. „Unbelievable“ gelingt das Kunststück, die Sinne für die herrschende Realität zu schärfen, Missstände deutlich anzuprangern, ohne dabei dröge Belehrungsszenarien oder holzschnittartige Vergröberungen bemühen zu müssen. Das funktioniert – nicht nur dank der spannenden Detektivstory – nach dramaturgischen Gesichtspunkten exzellent. Für den Hoffnungsschimmer zum Finale ist man ungemein dankbar. Denn das ist, bis zum Epilog, wohldurchdacht und stimmig. Ohne darüber hinwegzutäuschen, dass Marie Adlers Rehabilitation eher Ausnahme statt Regel ist. Adler hatte das Glück, auf zwei gut ausgebildete Polizistinnen zu treffen, die die Grundlagen ihrer Profession beherrschen und engagiert die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Und Zufallsgeschenke am Wegesrand zu nutzen wissen.

#metoo ist bloß der Anfang. Leider

Dabei wird deutlich, dass trotz einiger Fortschritte die herrschenden Bedingungen immer noch und weiter verbessert werden müssen. Denn auf eine Marie Adler kommen zahlreiche Geschädigte, die im Stich gelassen werden. Um einen Skandal wie im Adler-Fall zu vermeiden, reicht bereits ein einfacher Blick in die Statistik. Die Anzahl falscher Beschuldigungen bei Vergewaltigungen liegt im unteren einstelligen Prozentbereich.

Fazit: Pflichtprogramm

„Unbelievable“ ist eine Serie, die berührt, wacher macht und dank eines hohen Spannungslevels zum Binge-watching einlädt. Trotz oder gerade wegen des schmerzlichen Themas eine Fernseharbeit, die die Möglichkeiten des Mediums gekonnt ausschöpft. Eine Sternstunde. Nein, acht.

Cover und Fotos: © Netflix