The Irishman

Film-Kritik von Jochen König (03.2020) / Titel-Motiv: © Netflix

Im Kino daheim

Obwohl Alfonso Cuarons Netflix-Produktion „Roma“ bei zehn Nominierungen 2019 drei Oscars gewann, ist das Verhältnis zwischen Hollywood und dem populären Streamingdienst kein freundschaftliches. Das musste Martin Scorsese 2020 erfahren als sein, mit Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci in den Hauptrollen, exzellent besetztes Mafia-Mammutwerk „The Irishman“, ebenfalls zehn Mal nominiert, ohne Trophäe blieb. Wobei die Auszeichnungen in den Hauptkategorien in Ordnung gingen. Es ist keine Schande gegen „Parasite“ als besten Film und Brad Pitt als besten Nebendarsteller zu verlieren. Obwohl sowohl Joe Pesci wie Al Pacino die Auszeichnung ebenso verdient hätten. Aber nicht einmal einen Oscar in einer Nebenkategorie zu bekommen, quasi als Trostpflaster, um die Gesamtleistung zu honorieren, hat schon ein leichtes Geschmäckle. Wobei sich Martin Scorsese zudem mit seinen despektierlichen Äußerungen über aktuelle Blockbuster („Marvel Movies Aren’t Cinema“) wenig Freunde in La La Land gemacht haben dürfte.  

Organisiert in Verbrechen und Leben

Nach „Goodfelllas“ (1990) und „Casino“ (1995) ist „The Irishman“ das dritte Epos Martin Scorseses, welches die Umtriebe der Mafia thematisiert. Bei dreieinhalb Stunden Laufzeit und 160 Millionen Dollar Produktionskosten ein wahres Großprojekt. Das sich obendrein zu Gute schreiben kann, Robert DeNiro und Al Pacino zum vierten Mal zu vereinen, mit erheblich mehr gemeinsamer Screentime als beim grandiosen „Heat“ und dem schwachen „Righteous Kill“ („Kurzer Prozess“). Francis Ford Coppolas zweiten „Godfather“ („Der Pate II“) kann man sogar nur schwerlich als Zusammenarbeit ansehen, weil beide Schauspieler in unterschiedlichen Zeitsträngen agierten und keine gemeinsamen Szenen zu spielen hatten.

„The Irishman“ basiert auf den Memoiren des irischen Mobsters Frank Sheeran. „I Heard You Paint Houses“ diktierte Sheeran kurz vor seinem Tod seinem Anwalt, der es umgehend veröffentlichen ließ. Immerhin schien die Autobiographie Aufschluss über den vermutlich bekanntesten Cold Case der amerikanischen Kriminalgeschichte zu geben. Frank Sheeran behauptete nämlich, den Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa getötet zu haben, der 1975 spurlos verschwand. 

Ein Lehrstück in künstlerischer Freiheit

Das Buch wurde von vielen Rezipienten als sentimentale Schaumschlägerei abgetan, das Werk eines alten Mannes, der sich kurz vor seinem Tod ein bisschen Aufmerksamkeit und vielleicht auch Anerkennung wünschte. In der Realität schien Sheeran kaum mehr als eine Mischung aus Faktotum und Maskottchen gewesen zu sein. Er war zwar tatsächlich einer der Verdächtigen im Hoffa-Fall, aber unter ferner liefen.  Oder wie es der Ex-Mafioso John Carlyle Berkery ausdrückte: „Frank Sheeran hat nie auch nur eine Fliege gekillt, sondern nur zahllose Krüge Rotwein.“

Martin Scorsese interessiert diese Lesart nicht, sein „The Irishman“ ist keine Dokumentation, sondern Fiktion, die lediglich an den Rändern mit der Wirklichkeit kollidiert. Wobei der Film viel über gesellschaftliche Realitäten und Popkultur zu vermitteln weiß.

Der irischstämmige Kriegsveteran Frank Sheeran schlägt sich als Lastwagenfahrer durch, wobei er gelegentlich Ladungen abzweigt und an die Mafia verkauft. Er landet vor Gericht, sein findiger Anwalt William „Bill“ Bufalino Sr. erwirkt aber einen Freispruch und stellt Sheeran seinem Cousin Rosario „Russell“ Alberto Bufalino vor. Russell ist ein hochrangiger Mafioso, den Sheeran zufällig kurz zuvor an einer Tankstelle als hilfsbereiten Samariter kennengelernt hatte.  Die beiden Männer sind sich sympathisch, Russell führt Sheeran in die „ehrenwerte“ Familie ein und sorgt dafür, dass er regelmäßig Jobs bekommt. Das reicht von Botengängen, über Mordaufträge zum handgreiflichen Aktivposten in Gewerkschaftsangelegenheiten. 

Von Mafiosi und Gewerkschaftern

So landet Frank Sheeran eines Tages unweigerlich im Tross von Jimmy Hoffa, dem charismatischen Gewerkschaftsführer der „International Brotherhood of Teamsters“. Die beiden Männer freunden sich, weit über das Berufliche hinaus, an. Das führt unweigerlich zu familiären Beziehungen, besonders Sheerans aufgeweckte Tochter Peggy ist begeistert vom eloquenten Hoffa, den sie außerhalb der Gangster-Entourage ihres Vaters verortet.

Die innige Beziehung funktioniert rund ein Vierteljahrhundert, dann legt sich der erfolgsverwöhnte Hoffa nach einer mehrjährigen Haftstrafe, die ihn seiner Position beraubte, mit den Autoritäten der Cosa Nostra an. Er hält sich für zu populär, um antastbar zu sein. Dabei hätte ihm die, vorher eingewobene, tragische Geschichte der Familie Kennedy eine Lehre sein sollen. Niemand ist sicher. Doch Hoffa bleibt stur auf Konfrontationskurs. Das führt kurz nach Frank Sheerans fünfundzwanzigjährigem „Firmenjubiläum“ zu einem Auftrag. Den Frank, nur kurz zögernd, übernimmt und ausführt. Hoffas Leiche verschwindet spurlos, Frank und Russel werden gemeinsam älter.  Zeitweise gemeinsam hinter Gittern.

Am Ende seines Lebens offenbart Sheeran das Schicksal Hoffas und erzählt ausführlich wie er Wände streicht. Gestrichen hat. Da ist er ein einsamer, alter Mann im Rollstuhl, dessen Lieblingstochter seit Jahrzehnten kein Wort mehr mit ihm gewechselt hat. 2003 stirbt Frank Sheeran. „The Irishman“ blendet sich kurz vorher aus.

It’s A Scorsese

„The Irishman“ reiht sich nicht nahtlos, aber würdig, in die Filmographie Martin Scorseses ein. Optisch entfernt sich der Film mit seinen verwaschenen Alltagsfarben von dem hochglanzpolierten „Casino“, hält ein wenig Rückschau auf die Anfänge des Regisseurs, als die „Mean Streets („Hexenkessel“) auch in der Farbgebung schmutzig waren. Die eleganten Kamerafahrten, die ausgefeilten Dialoge und die geschmeidige Bildgestaltung weisen indes eindeutig darauf hin, dass „The Irishman“ kein Werk eines so idealistischen wie wilden Regieanfängers ist.

In „The Irishman“ wird viel geredet, sehr viel. Lediglich Frank Sheerans Tochter Peggy (immerhin in der erwachsenen Version gespielt von der begabten Anna Paquin, bekannt als Sookie Stackhouse und Rogue), die ihm so viel bedeutet, hat kaum mehr als ein paar wenige Sprechzeilen. Was konsequent ist, straft sie ihren Vater nach Jimmy Hoffas Tod doch konsequent mit Schweigen. Obwohl Peggy nicht wortreich angelegt ist, ist sie eine der vielsagendsten und zentralen Figuren des Films. Sie stellt das praktisch einzige Bindeglied zu einer Welt außerhalb des Verbrechens dar. „The Irishman“ bewegt sich in einem abgeschotteten Universum, in dem jeder einem seit Generationen scheinbar festgeschriebenen Verhaltenskodex folgt, der aber letztlich nur dem Moment gehorcht.

Biedermann und Brandstifter

Hierin unterscheidet sich „The Irishman“ von der ähnlich gelagerten Serie „The Sopranos“. Beide beschreiben die nahezu kleinbürgerliche Beschränktheit innerhalb der straffen Hierarchien der Organisierten Kriminalität. Doch während bei den „Sopranos“ heftig mit der Sehnsucht nach einem Ausbruch aus diesen Strukturen geflirtet wird, der allerdings nie mehr als eine vage Idee ist, haben sich die Protagonisten in Scorseses Werk mit ihrem Leben in einer geschlossenen Gesellschaft arrangiert. Mit den Lügen, die diese Welt abschotten, auch.

Dabei spielt eine „Verbrechen zahlen sich nicht aus“-Mentalität keine Rolle. Vielmehr geht es um elementare Inhalte wie den Wert von Freundschaft (geht gegen Null, wenn der Boss andere Pläne hat), Familie und Verantwortung. Beziehungsweise deren Abwesenheit, vor allem in moralischen Belangen. Was zu den Themen Einsamkeit und Verlust führt, die dieser Lebensführung unweigerlich innewohnen. Am Ende stirbt man für sich allein.

Ein großes Triumvirat und sein ansehnliches Gefolge

Das macht „The Irishman“ trotz seiner Dialoglastigkeit und der ausufernden Länge zu einem faszinierenden und keineswegs langweiligen Werk. Wenn man die Geduld dafür aufbringt.  Eine Hilfestellung gibt – neben Scorseses Regieleistung – die Darstellerriege. In kleinen Nebenepisoden tauchen Harvey Keitel, Steven van Zandt, Bobby Cannavele und Ray Romano (in einer etwas größeren Rolle als Anwalt) auf. Im Fokus befinden sich aber die drei Hauptcharaktere. Robert DeNiro als Frank Sheeran ist in seiner um Anerkennung bemühten und gleichzeitig unbefangenen Art gut wie lange nicht mehr. Filmrückkehrer Joe Pesci überzeugt, gegen den Strich besetzt, auf ganzer Linie als der besonnene Rosario „Russell“ Alberto Bufalino, bei dem man jederzeit spürt, dass hinter seinem zuvorkommenden Gebaren Gefahr und Gewalt lauern. Und ein kaum zu erkennender Al Pacino spielt mit Verve den jovialen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa, stattet ihn mit einer unheilvollen Energie aus, die unvermeidlich zu einem bitteren Ende führt.

Alleine wegen dieses hochkarätigen Trios ist „The Irishman“ ein sehenswertes Unterfangen. Die Entscheidung, die Besetzung nicht mittels jüngerer Alter Egos aufzusplitten, wie etwa bei „Der Pate“ geschehen, sondern die drei Akteure digital zu verjüngen und so durch ein gutes Vierteljahrhundert zu führen, führt zu einem interessanten wie zwiespältigen Verfremdungseffekt. Denn die verjüngten Physiognomien (auf zu alten Körpern) wirken wie Masken, hinter denen sich alles Mögliche verbergen kann. Ganz explizit eine Leere, die auch durch scheinbar innige Gespräche und brutale Aktionen nicht gefüllt wird.

Verlust, Versagen und das Kino der Entschleunigung als dunkle Macht

Gewalthaltige Spitzen werden gesetzt, doch bei weitem nicht so exzessiv wie bei „Goodfellas“ und „Casino“. Hier passieren sie wie im Schatten, kurz, schnell und blutig. Ein schmutziges Handwerk, das beiläufig und konsequent erledigt wird, weil es im Kontext der Handelnden zum Tagesgeschäft gehört.  Keine Verklärung, sondern Desillusion.

 So ist „The Irishman“ großes Kino im Streaming-Format. Wenn man sich Zeit dafür nimmt. Funktioniert auch, wenn man der Mafia-Thematik nicht (mehr) viel abgewinnen kann.

Cover und Fotos: © Netflix