Brokenwood
Staffel 1

Serien-Spezial von Jochen König (09.2019) / Titel-Motiv: © Edel Motion/Glücksstern

Ein kleiner, mörderischer Ort – in Neuseeland

„Neuseelands Antwort auf Inspector Barnaby“ prangt auf dem DVD-Cover zur ersten Staffel „Brokenwood – Mord in Neuseeland“. Nicht ganz verkehrt, es gibt Ähnlichkeiten, was das dörfliche Ambiente und die bedächtig aufgezogenen, wenig spektakulären „Whodunit“-Plots angeht. Aber Detective Senior Sergeant (nach seiner Brokenwood-Versetzung auf eigenen Wunsch) Mike Shepherd, geht Barnabys Distinguiertheit und Solidität ziemlich ab. Viel eher könnte er ein Übersee-Sprößling eines anderen, legendären Cops sein, der allerdings aus Amerika stammt: Inspector Columbo. Zwar fährt Shepherd keinen Peugeot 403, dafür aber mit der gleichen Sturheit seinen 1971 Holden Kingswood.  Ihm mag der Scharfsinn Columbos ein wenig abgehen, seine Durchtriebenheit und freundliche Penetranz, Tatbeteiligte so lange zu nerven bis sie Wissenswertes preisgeben (oder sich schuldig bekennen) sind sehr ähnlich. Statt mit übelriechenden Zigarren verschreckt Shepherd seine Mitfahrer gerne mit seinem Faible für Countrymusik. Wobei die gar nicht mal so übel ist und gerne im Soundtrack eingesetzt wird.

Die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten der Penetranz

Kollegin Kristin Sims ist jedenfalls gar nicht begeistert von Shepherds Musikgeschmack. Eigentlich insgesamt nicht von dem abgerissenen, unrasierten Typen, der mit Leichen redet (wenn sie ihm etwas zu sagen haben), und der eigentlich eher als Supervisor nach Brokenwood gereist ist, um den dortigen Polizeichef  Gary McLeod zu unterstützen und unter die Lupe zu nehmen. Denn der hat anscheinend bereits Jahre zuvor schludrig gearbeitet, leidet unter dem Trauma eines nicht abgeschlossenen Mordfalles und ist zudem todkrank. Es dürfte kein großartiger Spoiler sein, dass der Tod eines misanthropischen Farmers mit dem nie aufgeklärten Fall in enger Verbindung steht.

Shepherd wühlt sich mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit durch die überschaubare Gesellschaft Brokenwoods, findet Tatverdächtige, schließt sie wieder aus und landet unweigerlich bei den Untaten der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart nachwirken. Spätestens da hat sich Sims mit den unkonventionellen Methoden des Eigenbrötlers Shepherd arrangiert und ihn als Chef und fähigen Kollegen akzeptiert.  Was auch gut so ist. Denn McLeod verabschiedet sich zwangsläufig und Mike Shepherd übernimmt dessen Job und Haus, samt Weinanbaugebiet.

Charming Country-Boy

Das besitzt gediegenen Charme, einiges an bodenständigem Witz, Running Gags werden vorbereitet, die sich durch die ganze Staffel ziehen. Wie Shepherds Musikvorlieben, seine Ex-Ehefrauen, vier oder vielleicht auch fünf, von denen wir, im Gegensatz zu Mrs. Columbo,  eine kennenlernen dürfen. Nichts wird überdramatisiert, schon gar nicht Altlasten, die man mit sich rumschleppt. Entweder werden sie fleißig abgearbeitet oder man wird davon letztlich erschlagen.

Die Besetzung mit den – hierzulande – unbekannten Gesichtern kann punkten, besonders knuffig ist Pana Hema Taylor als der junge, halbseidenen Umtrieben nicht abgeneigte, Maori Jared Morehu, der schnell Shepherds Vertrauter und Hilfspolizist in „kniffligen“ Angelegenheiten wird. Besonders seine Kenntnisse bezüglich des einheimischen Weins werden in der zweiten Folge gebraucht. Taylor spielt seine Rolle mit verschmitzter Unbekümmertheit, gerade so, als würde er über einen Witz grinsen, den sonst keiner versteht. Oder überhaupt mitbekommen hat. Ein weiterer Bonus ist das ländliche Setting in Neuseeland. Unterscheidet sich schon von Barnabys Midsomer und Morses/Lewis‘ Oxford, auch wenn die jeweiligen Ermittlungen hüben wie drüben ablaufen könnten.  Bloß würde vermutlich nicht „Bitterer Wein“ nach Shepherds Umzug im Focus stehen, sondern ein ordentliches Ale.

Trau, schau wem – mit Wein, Golf und Gewehren

So erfahren wir etwas über „Neuseeland sucht den Superwein“, das durch eine abgefeimte Art des Weinpanschens torpediert wird, und dass Weinbottiche nicht als Swimmingpool geeignet sind. Schräge, aber glaubwürdige Charaktere im Gästebereich, ein bisschen Weinkunde, fiese Morde und gallige Komik machen „Case 2“ zu einer gelungenen Weinprobe.

Im Anschluss geht es auf den Golfplatz, wo sich Shepherd und Sims mit einer so verschworenen wie intriganten Gemeinschaft konfrontiert sehen. Mehr Schein als Sein, ein Mordopfer, dessen Tod man nicht betrauert, Profitgier, die die vorgebliche unendliche Leichtigkeit des Seins komplett auffrisst und ein wenig Romeo und Julia-Flair sind die Zutaten zu einem mehr oder minder kniffligen Fall, den Shepherd mittlerweile schon gewohnt lässig löst.

Den Abschluss der ersten Staffel, bestehend aus vier gut anderthalbstündigen Filmen, bildet eine Variation des kürzesten Witzes der Welt: „Treffen sich zwei Jäger“. Das heißt, diesmal sind drei Freunde auf der Jagd, die einer nicht überlebt. Möglicherweise ist aber noch eine vierte Partei am Start. Erneut lässt sich das Gestern nicht so einfach abschütteln. Zum Ende hin wird es dramatisch. Das beherrscht „Brokenwood“ allerdings nicht ganz so gut, weswegen man sich schnell auf die eigenen Stärken konzentriert, und der künstlich erzeugte Spannungsbogen kurz und schmerzhaft zertreten wird. Die zweite Staffel kann kommen. Das längst eingespielte Duo Shepherd und Sims, samt blassem dritten Kombattanten Constable Breen, ist bereit.

Der Genuss der Behaglichkeit

Während hierzulande die 2014 entstandene erste Staffel gerade startet, ist man in Neuseeland bereits vier Staffeln weiter und ein Ende scheint noch nicht in Sicht.  Das geht in Ordnung. „Brokenwood“ bietet wenig Neues; die Inszenierungen sind auf stabilem Fernsehniveau und definitiv keine Kost für Adrenalinjunkies. Aber für – trotz Mord und Totschlag – unbeschwerte Unterhaltung, mit ein bisschen unaufdringlicher Wissensvermittlung wird umfänglich gesorgt.

Brokenwood - Staffel 1

Originaltitel: The Brokenwood Mysteries
Laufzeit: 4 x 90 Min.
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Bonus: Interviews mit den Haupt-Darstellern sowie dem Lead-Autor

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Cover und Fotos: © Edel Motion/Glücksstern