TV-Serie:
Balthazar (Staffel 1)

Serien-Spezial von Jochen König (12.2020) / Titel-Motiv: © edel:motion/Glücksstern

Gegen Balthazar ist Professor Boerne ein steifer Durchschnittsmediziner

Raphaël Balthazar ist charmant, strotzt vor lustvoller Arroganz und ist der beste Gerichtsmediziner, den Paris zu bieten hat (die ganze Welt, wenn es nach ihm geht). Hinter seinem unbeschwerten, flapsigen Wesen verbirgt sich aber – welch Wunder – eine düstere Seite: Balthazar spricht mit den Toten, die ihn beruflich in Anspruch nehmen; ebenso privat, denn Dauergast daheim ist seine Freundin Lise Castel, die zwölf Jahre zuvor ermordet wurde. Von einem Serienkiller, wie sich im Lauf der ersten Folge herausstellt. 

Bevor Balthazar das dreieckige Zeichen auf dem Handrücken eines toten jungen Mannes entdeckt, das auf die Ermordung Lises verweist, muss er einen anderen Fall mit Capitaine Hélène Bach lösen, die neu vor Ort ist. „Die aus Montélimar, die glaubt, dass Lächeln Krebs verursacht?“, fragt Balthazar vor der ersten Begegnung. Wie zu erwarten, steht Hélène derweil direkt hinter ihm: „Valence. Ich bin aus Valence“. So beginnen wunderbare Freundschaften.

„Ganz offensichtlich … ist er tot.“ Balthazar hat gesprochen

Ein Dreifach-Mord beschäftigt die Crew, zu der noch Bachs Kollege Yerome Delgado sowie Balthazars Assistenten Fatim und Eddy gehören, zu Beginn. Nicht nur der auffällig arrangierte Tatort lässt Balthazar gleich schließen, dass hier nichts so klar ist wie es scheint. Der Gerichtsmediziner wird in den folgenden Ermittlungen ebenso Indizien aufspüren und Schlussfolgerungen treffen, die anderen verborgen bleiben. Das kann er so gut, wie er es lautstark allzu gerne beschwört, und geht so mit Capitaine Bach eine effektive und im Fortschreiten vertrautere und freundschaftliche Beziehung ein. Die Mechanik der Ermittlungen bleibt ähnlich: Vom Leichenfund, zu dem er meist mit seinem stylishen, blauen Renault Alpine A110 Berlinette anreist (wenn er nicht direkt vom Himmel fällt), über die Obduktion bis zur Aufklärung werden etliche Schneisen geschlagen, die in unterschiedliche Richtungen führen. Balthazar ist meist einen Schritt voraus, was ihm in der finalen Folge fast zum Verhängnis wird. Glücklicherweise gibt es Capitaine Bach, die für Bodenhaftung und abschließende Erfolgserlebnisse sorgt - wenn auch nicht immer für ein Happy End.

Das Makabre und die Komik – ein seltsames Paar

Die Ermittlungsarbeit am Fall der Woche macht aber nur einen Teil der Serie aus. Große Erwartungen werden nicht befriedigt - das ist alles solide, weitgehend amüsant und durchaus spannend umgesetzt. Hervorstechendes Merkmal ist die makabre Lust an Balthazars praktischer Arbeit: Da werden mehrfach Thermometer mit Macht ins (tote) Ohr getrieben, ein Gesicht hat Ablösungserscheinungen, und weidlich werden abgetrennte Körperteile nahezu kartografisch abfotografiert. Das hat fast Splatter-Qualität und passt nicht ganz zum meist lockeren Umgangston an Tatorten und in der Pathologie. Doch haben diese Störmomente Methode, denn auch Balthazars tieftraurige Hintergrundstory, seine Gespräche mit den Toten, die nur er sieht, und Bachs sich in Auflösung befindende Familie passen eher in einen Noir als in eine lockere Krimikomödie.

Die Besetzung stimmt

Dass dies alles funktioniert, liegt an den Darstellern, die selbst Disparates gekonnt zusammenfügen: Tomer Sisley darf auf die Pauke hauen und präsentiert sich eloquent, selbstverliebt und von fröhlicher Großkotzigkeit. Kaum eine Folge, in der der Pathologe nicht seinen durchtrainierten, nackten Oberkörper vorführt (gut, er hat was zu bieten) - manchmal völlig sinnfrei. Dies funktioniert, weil Sisley seine Figur im Griff hat, jede Großspurigkeit mit Selbstironie unterläuft und immer durchschimmern lässt, dass er im Grunde ein verzweifelter Mann ist, der einer Illusion hinterherjagt.

Demgegenüber brilliert Hélène de Fougerolles mit Understatement. Ihre Capitaine Bach ist cool, ein wenig sarkastisch und klug genug, Balthazar selbständig agieren zu lassen. Im Laufe der Staffel darf sie sich verletzlich zeigen, ohne dass ihre toughe Darstellung untergraben wird. Natürlich ist von Beginn an klar, dass hinter der Neckerei zwischen Bach und Balthazar eine tiefe Anziehungskraft steckt.

Dieser zweite Bestandteil der Serie funktioniert vorzüglich, da die Balance zwischen Storytelling und Abschweifungen sehr gut gehalten wird. Zudem werden die beiden Hauptcharaktere von ihren jeweiligen Sidekicks hervorragend gestützt und stellenweise entlastet.

Patrick Jane und Lisbon lassen grüßen

Der dritte Part, die Suche nach dem Mörder Lises, läuft (noch) auf Sparflamme. Denn wie beim Mentalisten ist dieser Teil wichtig, um jenen tragischen Unterton zu liefern, der verhindert, dass die Serie zum bloßen Klamauk mutiert. Das klappte bei Patrick Jane auf der Suche nach Red John, dem Serienkiller, der Frau und Tochter auf dem Gewissen hatte, über fünf Staffeln prima - ging dann in die Hose, als die Entlarvung Red Johns in den Focus rückte. Man darf gespannt sein, ob Balthazar dies besser hinbekommt. In Frankreich war die Serie ein verdienter Erfolg, der zu bislang drei Staffeln führte; hierzulande müssen wir auf die Fortsetzung noch ein wenig warten.

Fazit

Balthazar beginnt mit einer höchst vergnüglichen, mit sechs Folgen ziemlich überschaubaren ersten Staffel. Die behandelten Fälle sind unspektakulär, aber ansehnlich. Zum freudigen Event wird der Auftakt durch das spielfreudige Ensemble: Allen voran gefallen der charmante Tomer Sisley und sein ebenso überzeugender Gegenpart Hélène de Fougerolles. Außerdem geboten wird viel französisches Flair, was auch die Bildebene betrifft. Eine Serie wie ein kühler Schauer an einem brütend heißen Tag - vielleicht zwangsläufig, wenn die Produzenten (itv) aus England und die kreativen Anteilnehmer aus Frankreich stammen.

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Cover und Fotos: © edel:motion/Glücksstern

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