Walter muss weg von Thomas Raab

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 bei Kiepenheuer & Witsch.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018. ISBN: 978-3-462-05095-0. 390 Seiten.

'Walter muss weg' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Der Frieden im Glaubenthal, das idyllisch zwischen wildromantischen Hügellandschaften, dichten Wäldern und grünen Wiesen liegt, wird jäh gestört. Das gesamte Dorf hat sich eigentlich versammelt, um Walter Huber die letzte Ehre zu erweisen. Dieser ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Während die Blasmusik aufspielt und der Pfarrer sich in sinnentleerten Worthülsen übt, passiert das Missgeschick: Der Sarg kippt um.

Wie in Zeitlupe gleitet der Deckel aus dem Rahmen und zum Vorschein kommt leider nicht der tote Walter. Stattdessen liegt dessen Bestatter Albin Kumpf in der Eichentruhe – in Unterwäsche, mit roten Rosen und einem Handy in der Hand. Von Walter aber fehlt jede Spur. Nun stellen sich nicht nur für seine Gattin Hannelore Huber zwei Fragen: Wo ist ihr verstorbener Ehemann und wer hat den Bestatter auf dem Gewissen?

Das meint Krimi-Couch: Spannungsarmer, aber schwarz-humoriger Roman 70°

Krimi-Rezension von Thomas Gisbertz

Das hat sich die 70-jährige Hannelore Huber anders vorgestellt. Nach dem Tod ihres Mannes freute sie sich auf den wohlverdienten Ruhestand. Von Trauer um ihren verstorbenen Ehemann keine Spur. Beide haben zwar beinah das ganze Leben miteinander verbracht, allerdings eher aneinander vorbei als miteinander gelebt. Eher widerwillig macht sich daher die grantige Huberin auf die Suche nach dem Leichnam ihres Gatten. Schließlich will sie endlich ihre Ruhe haben.

Da passt es ihr natürlich ebenso wenig, dass ihr Walter unter seltsamen Umständen gestorben ist: Nicht etwa durch einen Verkehrsunfall oder einen Schlaganfall. Nein. Laut ärztlicher Diagnose war es beides: Angeblich hat den alten Huber beim Sex mit der Prostituierten Svetlana ein Gehirnschlag ins Jenseits befördert. Zu allem Überfluss ist auch die Angestellte des Bordells »Marianne« seit Tagen verschwunden. Hat Svetlana etwas mit dem Tod Walters zu tun? Und warum setzt Bürgermeister Stadlmüller, der ebenso als Arzt tätig ist, alles daran, die Todesursache als Sportunfall darzustellen?

Hannelore Huber mag alt sein, senil ist sie aber noch lange nicht. Darum sind ihr auch die trauernde Unbekannte und der Rosenkavalier am Grab ihres Mannes direkt aufgefallen: Beide sind nicht aus dem Ort und auch sonst scheint niemand sie zu kennen. Haben sie vielleicht etwas mit dem Verschwinden von Walters Leichnam zu tun? Während Polizist Wolfgang Swoboda von der Dienststelle Sankt Ursula die beiden Fälle des verschwundenen Ehemanns und des toten Bestatters eher gemütlich angeht, ist bei seiner Kollegin Unterberger-Sattler der Spürsinn geweckt. Das ist auch nötig, denn schon bald gibt es die nächste Leiche.

Start einer neuen Reihe um Hannelore Huber

Thomas Raab hat sich als Autor der Romane um den Restaurator Willibald Metzger einen Namen gemacht. Zwei Fälle wurden bereits für das Erste verfilmt. Der Autor gehört zu den erfolgreichsten Autoren Österreichs und wurde 2017 mit dem erstmals verliehenen Österreichischen Krimipreis ausgezeichnet. Auch der 2015 erschienene Roman »Still. Chronik eines Mörders« wurde vom Feuilleton hoch gelobt.

Mit »Walter muss weg« startet der Autor eine neue Krimireihe um die grantige Hannelore Huber. Wie auch schon bei der Metzger-Reihe darf sich der Leser auf sehr viel Sprach- und Wortwitz freuen. Thomas Raab ist wie immer: humorvoll, sarkastisch und sehr böse.

Ein Feuerwerk des Wort- und Sprachwitzes

Wenn Raab über die Einfältigkeit der Bewohner im Glaubenthal herzieht und damit stellvertretend menschliche Schwächen und Borniertheit aufdeckt, dann brilliert er mit dem, was er am besten kann: Sprachspielereien vom Feinsten! Raab ist ein Meister darin. Man muss sich beim Lesen Zeit nehmen, damit einem auch keine Pointe und kein witziges Bonmot entgehen.

Er legt die Engstirnigkeit und Unbelehrbarkeit seiner Figuren ebenso herrlich böse offen wie er auch deren zutiefst empfindsamen Seelen zeigt. Die Charaktere sind zuletzt doch alle liebevolle Figuren. Sei es der tote Huber, der im Nachblick mehr Liebe für seine Gattin und seine Mitmenschen an den Tag legte als er die längste Zeit seines Lebens gezeigt hat, oder sei es die Huberin selber, die am Ende ihre Zuneigung für ein kleines Mädchen entdeckt.

Zahlreiche skurrile Figuren und Geschehnisse

Der Roman lebt von seinen schrägen, bisweilen kauzigen Protagonisten, die sich in diesem kleinen Dorf in den Bergen nicht aus dem Weg gehen können und irgendwie miteinander auskommen müssen. Thomas Raab sorgt immer wieder für aberwitzige Situationen, wenn er seine Figuren aufeinander prallen lässt. Sehr scharfsinnig deckt er dabei menschliche Schwächen und Eigenarten auf.

So ist zum Beispiel das eigentliche Anliegen der Anwesenden bei der Beerdigung Walter Hubers nicht etwa, dass man ihm die letzte Ehre erweist, sondern der Leichenschmaus danach. Oder mit den Worten des Autors: »Die Dreifaltigkeit des Brucknerwirts, sprich Leberknödelsuppe, Schweinsbraten, Schwarzwälder Kirschtorte.«

Raab spart nicht mit humorvollen, teilweise grotesken Szenen, wenn zum Beispiel Friedrich Holziger, ein ehemaliger Volksschuldirektor, nun den ausländischen Prostituierten im Ort Deutschunterricht erteilt, oder der Orientierungsläufer Jürgen Hausleitner auf eine Moorleiche stößt. Immer wieder erzählt er die Nebenhandlungen mit viel Liebe zum Detail.

Lesenswert sind auch die Dialoge mit Amelie Glück, einem sechsjährigen Mädchen, das mit seiner behinderten Mutter in das ehemalige Elternhaus der Huberin zieht. Amelie deckt mit ihrer kindlichen Naivität die wahren Gefühle der Bewohner und damit ihre innere Unzufriedenheit auf. Selbst die grantige Hauptfigur Hannelore kann sich deren Charme letztendlich nicht entziehen.

Mehr humorvoller Heimat- als Krimiroman

Wer eine spannungsgeladene Kriminalerzählung sucht, liegt bei Thomas Raabs neuestem Werk leider nicht richtig. Der Roman bietet keinen Nervenkitzel, sondern ist sowohl thematisch als auch aufgrund der Darstellung seiner einzelnen Figuren eher ruhig angelegt. Nicht ohne Grund steht auf dem Cover der Hinweis »Roman«. Die beiden Polizisten sind eher Randfiguren und mehr mit sich und ihren Streitereien beschäftigt als mit den beiden Fällen.

Auch die Huberin ermittelt keineswegs wie eine Miss Marple, sondern stößt eher zufällig auf einige Hinweise. Ihr geht es eher darum, ihren Mann endlich unter die Erde zu bekommen, als dass sie an der Aufklärung des zweiten Todesfalls interessiert ist. Teilweise erinnert »Walter muss weg« thematisch und in der Darstellung der Figuren an Fernsehserien wie »Mord mit Aussicht« und »Der Bulle von Tölz«.

Der Roman spricht zwischen den Zeilen aber auch ernste Themen an: Einsamkeit im Alter, fehlende Liebe, Krankheit und soziale Isolation sind nur einige Aspekte, auf die der Autor aufmerksam macht. Dies tut dem Roman sehr gut, auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt. Zum Ende hin macht Raabs Roman sogar nachdenklich und stimmt einen traurig, wenn gleich die nächste Pointe nicht lange auf sich warten lässt.

Extravagantes Lesevergnügen

Thomas Raabs neuester Roman ist mehr als gelungen: bizarr, humorvoll, außergewöhnlich gut. Aber es ist »nur« ein Roman und keine spannende Kriminalunterhaltung. Wer dies sucht, liegt hier falsch. Dafür bietet Raab Wort- und Sprachwitz der Extraklasse und eine Handlung, die dank der facettenreichen Figuren und deren Eigenarten, den Leser laut auflachen lässt. Das Niveau seiner Metzger-Reihe erreicht Raab noch nicht. Aber ein guter Start ist ihm allemal gelungen.

Thomas Gisbertz, Oktober 2018

Ihre Meinung zu »Thomas Raab: Walter muss weg«

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kkarin zu »Thomas Raab: Walter muss weg« 16.10.2018
Virtuoser Start der Huber-Reihe

Der österreichische Sprachakrobat Thomas Raab, vielen sicherlich wegen seiner (teilweise bereits verfilmten) Adrian-Metzger-Fälle - bekannt, zelebriert mit seiner neuen silver-/gold-ager-Protagonistin Hannelore Huber (oder kurz "Hanni" oder "Huberin" genannt) in "Walter muss weg" aufs Neue, wie sich das "große Kino" an Politik, Sex und Crime auch in einer kleinen 300-Seelen-Ortschaft wie Glaubenthal abspielen kann.

Wie gewohnt stellen bei Raab der Kriminalfall/Tote/Leichen bloss die Rahmenhandlung dar (zumindest interpretiere ich seine Krimis so).
Hauptteil sind seine gesellschaftlichen, weltpolitischen, wirtschaftlichen und philosophischen Betrachtungen, die von genauer Beobachtungsgabe zeugen und deren Analyse mit spitzer Feder kredenzt werden.

Besonders gut haben mir seine Beispiele gelebter Integration am Lande oder sein Hinschauen auf das Thema Altersarmut - insbesondere bei Frauen bzw. zu welchen "Stilblüten" sich deshalb jemand genötigt fühlt - gefallen.

Es ist eine Freude, Raabs Einsatz und Spiel mit der deutschen Sprache zu verfolgen! So wird zB von Hanni das Wort "Gemahl" nach dem Ableben ihres bedingt geschätzten Gatten zu einem "GEH MAL".

Generell ist Raabs Schreibstil virtuos, spielerisch, häufig humorvoll, ironisch und sarkastisch, aber er vermag sehr wohl auch "tiefe" (emotionale) Töne anzustimmen:
Beispielweise hat mich der Dialog der 6jährigen Amelie Glück mit ihrer Mutter über den Tod sehr berührt und an "Sofies Welt" von Jostein Gaardner erinnert. Amelie versteht aufgrund ihres Alters jedes Wort noch wortwörtlich und kann den Euphemismus der Erwachsenen/ihr Unvermögen über den Tod klar zu sprechen, noch nicht nachvollziehen.

Zusätzlich hinterläßt auch Raabs Musiker-Background seine Spuren im Werk, einerseits in der Sprachrhythmik, andererseits durch das Einstreuen eingängiger Lied(texte), deren Melodien beim (Weiter-)Lesen unweigerlich im Hirn nachhallen.

Fazit:
Frau Huber ist ein weiteres virtuoses Glanzstück von Thomas Raab! Das Cover mit dem Zusatz "Frau Hubers erster Fall" läßt auf eine Fortsetzung hoffen, bei der ich sicherlich wieder dabei bin!
Miss Marple zu »Thomas Raab: Walter muss weg« 16.09.2018
Hanni Hubers 1. Runde
Der Alptraum jeder Trauergemeinde- der Sarg fällt durch Unachtsamkeit ins Grab, öffnet sich und ein falscher Toter kommt zum Vorschein!
So geschieht es Hannelore Huber bei der Beerdigung ihres Mannes. Auch wenn die Ehe nicht glücklich war, sie über viele Jahre nur noch nebeneinanderher gelebt haben, sie sich auf ihren wohlverdienten Ruhestand freut, ist sie nun äußerst bemüht herauszufinden, wo ihr Mann hin ist. Außerdem stellt sich die Frage, wie der Bestatter in den Sarg kommt. Am selben Tag verschwindet auch noch die Prostituierte Swetlana und wird wenig später im Moor gefunden. Gibt es hier einen Zusammenhang?
Die Huberin, wie sie auch genannt wird, taucht in die Verwicklungen ihres Dorfes Glaubenthal ein und lernt dabei auch ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft kennen, das ihr zu vorlaut und naseweis ist. Doch ihr nach außen hin hartes Herz, erweicht sich für die Kleine, zumal ihr Familienname „Glück“ ist und Hannelore dieses bei der Suche nach ihrem Mann dringend nötig hat. Außerdem wohnt sie gemeinsam mit ihrer Mutter in Hannis altem Elternhaus und erinnert sie sehr an ihre eigene Kindheit.
Thomas Raab lässt seinen Leser auf gewohnt sprachwitzige Weise mit viel hintersinnigem Humor an Hannis Suche teilhaben und überrascht seine Hauptfigur und uns am Ende mit einer unerwarteten Entdeckung. Er legt den Grundstein für die Reihe um Hannelore Huber und lässt sie sich langsam einen Weg in das Herz des Lesers bahnen. Ich finde sie trotz ihrer ruppigen und manchmal grantigen Art ihren Zeitgenossen gegenüber sehr sympathisch und hoffe, dass wir noch viele Abenteuer mit dieser ungewöhnlichen „Detektivin“ erleben.
Eingefleischte Metzger- Fans werden den Figuren in Raabs neuer Reihe eventuell kritischer gegenüberstehen, aber man darf sie nicht vergleichen. Wer den Schreibstil des Autors mag, wird auch hier viel Gewohntes wiederfinden.
Ich freue mich auf eine Fortsetzung.
niggeldi zu »Thomas Raab: Walter muss weg« 31.08.2018
War leider überhaupt nichts für mich


Die frisch gebackene Witwe “Huberin“ blickt sehnlichst auf ein harmonisches Leben nur mit sich allein. Doch zu früh gefreut, denn bei der Beerdigung zeigt sich, dass nicht ihr Ehemann Walter im Sarg liegt, sondern jemand anders! Da will sie natürlich die Wahrheit aufdecken.

Das Buch ist schön gestaltet, der Umschlag liegt griffig und gut in der Hand. Auch das Cover passt wunderbar zur Geschichte, da alle Illustrationen eine Rolle spielen.

Leider konnte mich der Inhalt nicht so recht überzeugen. Den Anfang (die Leseprobe) fand ich noch gelungen, doch das war's dann leider auch schon. Ich fand den Schreibstil sehr gewöhnungsbedürftig und anstrengend, was mir jedoch normalerweise nichts ausmacht, solange die Geschichte spannend ist. Doch diese Spannung kam einfach nicht auf, der Fall ist am Ende war schlüssig gelöst, doch das Buch dümpelt irgendwie nur vor sich hin. Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, weiterzulesen. Auch habe ich mir den Humor anders vorgestellt, manchmal war es zwar lustig, aber oft kam es mir ein bisschen erzwungen vor. Von Ermittlungen der Frau Huber kann man so auch nicht sprechen, diese stellt halt ab und zu Fragen an andere Dorfbewohner. Klasse fand ich den kleinen Exkurs in Aktiv-/Passivbildung von Verben. :D
Das Ende jedoch ist sehr schön, vielleicht ein bissel kitschig, aber das macht ja nix, solang es nicht zu viel ist. :)

Zum Glück sind Geschmäcker verschieden, und ich bin mir sicher, dass es einige geben wird, die bei diesem Buch auf ihre Kosten kommen; das muss man eben selbst herausfinden! Es war halt nun mal nicht meine Richtung, aber ich teste eben gerne auch Neues aus. 2 Sterne für das Cover und das Ende.
keson1902 zu »Thomas Raab: Walter muss weg« 26.08.2018
Walter muss weg... Dieser Gedanke lässt Frau Huber keine Ruhe. Und nun ist es Passiert. Walter stirbt. Doch bei der Beerdigung findet sich in Walters Sarg zwar eine Leiche, aber eben nicht die von Walter. Und seine Frau, die ja eigentlich froh war macht sich nun auf die Suche. Irgendwo muss er ja sein und wie kommt die andere Leiche in den Sarg...
Leider konnte das Buch nicht ganz halten, was die ersten Kapitel versprachen. Durch das doch sehr hohe Erzähltempo, kommt man oft nicht ganz mit. Insbesondere wenn Gespräche geführt werden ohne wirklich zu wissen, wer sich denn da gerade unterhält. Die Hauptfiguren sind plastisch beschrieben und auch der Dorfcharakter mit all seinen Abgründen kommt gut rüber. Etwa ab der Mitte flacht die Geschichte allerdings zunehmend ab und auch der durchaus zunächst vorhandene "Schwarze Humor" verlor an Witz. Einzig das für mich eher überraschende Ende, hat wirklich überzeugt.
Mein Fazit: Trotz guter Ansätze würde ich es nicht wirklich weiterempfehlen, aber dies spiegelt lediglich meinen Geschmack wieder.

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