Der Outsider von Stephen King

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 unter dem Titel The outsider, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 2010 - heute.

  • New York: Scribner, 2018 unter dem Titel The outsider. 752 Seiten.
  • München: Heyne, 2018. Übersetzt von Bernhard Kleinschmidt. ISBN: 978-3-453-27184-5. 752 Seiten.

'Der Outsider' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Im Stadtpark von Flint City wird die geschändete Leiche eines elfjährigen Jungen gefunden. Augenzeugenberichte und Tatortspuren deuten unmissverständlich auf einen unbescholtenen Bürger: Terry Maitland, ein allseits beliebter Englischlehrer, zudem Coach der Jugend-Baseballmannschaft, verheiratet, zwei kleine Töchter. Detective Ralph Anderson, dessen Sohn von Maitland trainiert wurde, ordnet eine sofortige Festnahme an, die in aller Öffentlichkeit stattfindet. Der Verdächtige kann zwar ein Alibi vorweisen, aber Anderson und der Staatsanwalt verfügen nach der Obduktion über eindeutige DNA-Beweise für das Verbrechen – ein wasserdichter Fall also?

Bei den Ermittlungen kommen weitere schreckliche Einzelheiten zutage, aber auch immer mehr Ungereimtheiten. Hat der nette Maitland wirklich zwei Gesichter und ist zu solch unmenschlichen Schandtaten fähig? Wie erklärt es sich, dass er an zwei Orten zugleich war? Mit der wahren, schrecklichen Antwort rechnet schließlich niemand.

Das meint Krimi-Couch.de: Das Böse ist wieder da 90°Treffer

Krimi-Rezension von Annette Wolter

Ein Baseballspiel in einer kleinen, typisch amerikanischen Stadt namens Flint City. Die Welt ist noch in Ordnung, es gibt Bacon zum Frühstück und Trainer Terry Mailand ist auf dem Baseball-Platz in seinem Element.

Aber die Ordnung wird nachhaltig gestört: Ein Mord ist passiert. An einem Jungen, der zufällig einen »Platten« am Fahrrad hatte. Barbarisch. Unmenschlich. Kannibalistisch. Die Polizei möchte Maitland ohne große Untersuchung direkt vor allen Leuten auf dem Baseball-Platz verhaften, so hat es der ehrgeizige junge Staatsanwalt angeordnet. Das spricht gegen das Rechtsstaatsprinzip. Das ist Amerika.

Der Grund ist allerdings hier nachvollziehbar. Alle Indizien sprechen gegen Terry, denn er wurde mehrfach im Zusammenhang mit dem Tatort von Zeugen gesehen. Sofort wird er in Haft genommen. Nur seine Frau hält zu ihm und sein Anwalt Gold scheint ein Lichtblick am Horizont zu sein.

Es bleiben Zweifel

Irgendetwas kann hier nicht stimmen, denn Terry wurde gleichzeitig in Ohio gesehen. Das ist seltsam und surreal. Trotz der Verhaftung bleibt allen ein schlechtes Gefühl. Was stimmt hier nicht? Die Kleinstadt dreht durch. Es ist gut beschrieben, wie sich alle vom früheren Gutmenschen Maitland abwenden, obwohl keine Schuld bewiesen ist. Maitlands Situation wirkt klaustrophobisch und kafkaesk.

Der Autor

»Carrie«, »The Shining«, »Misery« und vor allem »ES«, das wieder verfilmt wurde – es gibt wohl nur wenige Leser oder Kinogänger, die nicht zumindest eine dieser drei Horrorgeschichten von Stephen King kennen. Einen internationalen Bestseller nach dem anderen legt der 1947 in Maine geborene Autor vor. Und nicht wenige davon wurden auch erfolgreich verfilmt.

So spektakulär die Geschichten sind, so bürgerlich klingt Kings Werdegang. Nach Schule, Universität und früher Heirat arbeitete er zunächst als Englischlehrer. Seiner Passion fürs Schreiben ging er abends und am Wochenende nach, bis ihm der Erfolg seiner ersten großen Geschichte, »Carrie«, erlaubte, ausschließlich als Schriftsteller zu leben. Der Rest ist Legende. King hat drei Kinder und bereits mehrere Enkelkinder und lebt mit seiner Frau Tabitha in Maine und Florida. King hat auch ein empfehlenswertes Buch für alle potentiellen Schreiber veröffentlicht. »Das Leben und das Schreiben«.

Ist Terry der Mörder oder gibt es einen Doppelgänger?

Dieser Thriller entwickelt sich vielschichtig. Viele Protagonisten werden nach und nach eingeführt, und dazwischen taucht immer wieder »das wabernde Böse« nicht greifbar auf. Der Detective ist wie besessen von diesem Fall, denn Terry hat auch Andersens eigenen Sohn »Derek« trainiert. Das macht ihn natürlich befangen.

Der Staatsanwalt ist ein gnadenloser Ehrgeizling und Lobbyist, der sein Fähnchen mit dem Winde dreht.

Viele unsympathische Protagonisten kommen vor, die das neue/alte Amerika verkörpern. Generell: Trump-Land wird immer wieder eingewebt. Hier ein verblasstes Plakat mit »Make America great again«, da eine rote Base-Cap.

Also eine große Portion Sozialkritik, die ja auch in anderen Stephen-King-Büchern auftaucht. Auch ist King ziemlich negativ, liefert einige sehr blutige Details, und der Leser wird oft in seiner Erwartungshaltung enttäuscht.

Dann läuft alles wieder mal übernatürlich aus dem Ruder

Die Handlung geht weiter und die Untersuchung in Sachen Terry Maitland wird von allen Seiten manisch vorangetrieben. Auch andere Mordfälle in anderen Bundestaaten passieren und eine seltsame Gestalt lässt sich blicken.

Das Böse ist immer und überall. Dieser Satz aus einem albernen 1980er Song passt absolut zu diesem Thriller. Der Kreis schließt sich mit einer weiblichen Detektivin, die eine ziemliche Zwangsneurose mitbringt, gleichzeitig aber ein geniales Köpfchen hat. Sie hat eine düstere Vergangenheit, bringt noch andere Elemente in den Fall ein und verknüpft lose Enden, die es mit normalem Menschenverstand betrachtet, einfach so nicht geben kann.

Sind die Figuren aus »ES« erwachsen geworden?

In diesem neuen King habe ich das Gefühl bekommen, dass die ursprünglichen Figuren aus dem Buch »ES« weiterentwickelt wurden. Die Protagonisten sind zwar andere, aber es gibt einen roten Faden, der sich durchzieht. King betont auch im Outsider wieder, dass es im Leben auf einen gewissen Zusammenhalt ankommt, wenn man etwas erreichen will. Was immer auch das Ziel ist.

Fazit:

»Horror King« ist endlich wieder da, und das ist keinesfalls abwertend gemeint. Es passt ein leicht abgewandeltes Zitat von dem Germanisten Carl Fröhlich: »Ein Leben ohne Stephen-King-Bücher ist wie eine Kindheit ohne Märchen, ist wie eine Jugend ohne Liebe, ist wie ein Alter ohne Frieden«, denn King ist ein großer (Horror-)Märchenerzähler.

Der einzige Wermutstropfen ist das Ende. Es wirkt ein wenig »zusammengeschustert«, als ob King es nicht erwarten könnte, das Buch zu beenden. Nachdem er aber – wie meistens – dicke Wälzer liefert, ist es kaum vorstellbar. Bei dieser Auflösung kann man also geteilter Meinung sein, aber in Sachen Spannungskurve, Dramaturgie und Figurenentwicklung ist dieses Buch ein Lehrstück. Ich habe im Jahr 2018 einige Thriller und Krimis gelesen. »Der Outsider« ist für mich einer der besten Thriller, die ich seit Jahren in den Fingern hatte. Selten waren 750 Seiten so kurzweilig. Ich bin gespannt, ob das schon das Ende ist, oder ob es weitergeht – bei Horror King ist alles vorstellbar.

Annette Wolter, Oktober 2018

Ihre Meinung zu »Stephen King: Der Outsider«

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Klaus Beck-Ewerhardy zu »Stephen King: Der Outsider« 31.10.2018
Terry Maitland ist einer der geachtesten und beliebtesten Männer in Flint City. Der Vater zweier Töchter ist Coach verschiedener Jugendsportteams, Englischlehrer und liebender und geliebter Ehemann. Als er seine Baseballmannschaft durch eines ihrer wichtigsten Spiele des Jahres führt kommt auf einmal Polizei auf den Platz und in aller Öffentlichkeit wird Terry wegen der Entführung, Folterung und Ermordung des elfjährigen Frank Peterson verhaftet und vor den Augen der Stadt in Handschellen abgeführt. Er ist absolut fassungslos, genau wie seine Frau und auch viele der Einwohner der Stadt.

Das heißt, bis auf diejenigen, die als Zeuge gegen ihn ausgesagt haben, denn sie haben ihn am Tag der Ermordung des Jungen gesehen – und zwar auch mit dem Jungen, den er mit einem weißen Lieferwagen weggefahren haben soll. Und dann gibt es an allen möglichen und unmöglichen Stellen Fingerabdrücke von ihm, so dass die Polizisten sich absolut im Recht fühlten, als sie ihn verhafteten.

Doch das Verbrechen ist so unpassend für Terry, der seit Jahren die Kinder und Jugendlichen der Stadt trainiert hat und gegen den nie irgendwelche Vorwürfe erhoben worden sind, dass Ralph Anderson, der Hauptermittler, sich zunehmend unsicher wird. Und dann stellt sich heraus, dass Terry am Tag der Ermordung des Jungen in einer ganz anderen Stadt gewesen ist – wofür es auch etliche Zeugen und auch andere Beweise gibt.

Trotzdem führt die juristische Maschine zunächst einmal ihre Arbeit fort und Terry wird zu einem Haftprüfungstermin vor Gericht gebracht und dies wieder in einer sehr öffentlichen Form – was zu einem fürchterlichen Unglück führen soll.

In der Folge ermittelt der zeitweise suspendierte Ralph Anderson unerlaubt weiter um die Unge-reimtheiten in diesem Fall aufzuklären und er stößt dabei auf eine Spur in Ohio, die ihn veranlasst über einige Umwege Finder’s Keepers einzuschalten – und Holly Gibney übernimmt den Fall. Und nun driften die Ermittlungen immer mehr ins Unheimliche und Unglaubliche ab – ein Gebiet, mit dem Holly ja bereits bestens vertraut ist.

Ein weiterer spannender Horror-Krimi aus der Tastatur von Meister King, der zunächst mit einigen Verhörprotokollen beginnt um dann zu einer fortlaufenden Erzählung zu werden. Der Rückgriff auf eine Figur aus der „Mr.Mercedes“-Reihe ist ein erfreuliches Extra und gibt der an sich schon span-nenden und mit guten Charakteren gefüllten Geschichte einen weiteren Schub. Auf jeden Fall zu empfehlen – und auch ohne Kenntnis der drei „Finder’s-Keeper“-Romane gut zu lesen.
elke17 zu »Stephen King: Der Outsider« 20.09.2018
Ein elfjähriger Junge wird geschändet und ermordet aufgefunden, und alle Zeugenaussagen deuten auf Terry Maitland, den allseits beliebten Trainer des Jugend-Baseball Teams als Täter hin, der schließlich vor den Augen des vollbesetzten Stadions verhaftet und abgeführt wird. Nicht nur der zuständige Detective sowie der Staatsanwalt sind sich ihrer Sache völlig sicher, auch die Einwohner von Flint City wollen Maitland hängen sehen. Die Indizien sind eindeutig, oder etwa doch nicht? Denn im Laufe der Untersuchung stellt sich heraus, dass es unumstößliche Beweise dafür gibt, dass der Verhaftete zum Tatzeitpunkt an einer Veranstaltung für Englisch-Lehrer teilgenommen hat. Erst als Holly Gibney, King-Lesern bekannt aus der Mercedes-Trilogie und bekennende Cineastin, den entscheidenden Hinweis gibt, stellen die Verantwortlichen fest, dass es offenbar doch Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich nicht so einfach erklären lassen. Aber für Terry Maitland und die Familie des Opfers kommt diese Einsicht leider zu spät.

Diesmal also nicht Derry, Maine sondern Flint City in Oklahoma, Mittlerer Westen (65,3 % für Trump, 28,9 % für Clinton), später nahe Austin, Texas, beides traditionell konservative Staaten. Ich gehe davon aus, dass sich Stephen King etwas dabei gedacht hat, als er die Kleinstadt Flint als Handlungsort für seinen neuen Roman „Der Outsider“ auserkoren hat. In Ansätzen mag er hier eine Bestandsaufnahme des heutigen Amerika unter Trump gemacht haben, aber die Belege dafür sind mir dann doch etwas zu mager. „Make America great again“-Mützen, ein paar Trump-Schilder und ein Autoaufkleber „Ich bin für Hillary“ – das war’s dann aber auch schon. Der Hass gegen den pädophilen Mörder, der aus den Einwohnern von Flint einen Lynchmob macht, ist nicht typisch amerikanisch. Das könnte in der Tat überall passieren. Und auch die Verbreitung „offizieller“ Informationen/Nachrichten, ganz gleich ob Fake oder nicht, ist mittlerweile durch die Konzentration im Pressebereich und die schnelle Verbreitung via Social Media weltweit gesichert. Am ehesten geht hier für mich noch die Zuckermelone voller Maden als Anspielung auf das heutige Amerika durch: außen hui und innen pfui.

„Der Outsider“ kommt in typischer King-Manier daher. Allerdings gilt es gerade zu Beginn eine längere Durststrecke (ca. 150 Seiten) zu überwinden, in der die diversen Zeugenaussagen protokolliert werden. Erst danach kommen die bekannten Zutaten zum Einsatz und der Krimi wechselt das Gewand in Richtung Horrorthriller, wobei die Schlusssequenz meiner Meinung nach etwas zu versöhnlich ausfällt. Aber vielleicht wird Stephen King langsam auch altersmilde…

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