»Hallo, hier spricht Edgar Wallace!«

Edgar WallaceEdgar Wallace, um 1910

Wenn dieser Satz, gefolgt von lautstark untermalten Einschusslöchern auf der Mattscheibe, Dienstagabends, kurz nach halb acht, ertönte, dürfte kaum ein Jugendlicher nicht gebannt vor dem Fernseher gehockt haben, in banger Erwartung wie viele Leichen der neue Wallace wieder produzieren wird. Alle zwei Wochen wurden die Rialto/Constantin-Produktionen ausgestrahlt, gerecht im Wechsel mit den Karl May-Filmen der gleichen Produktionsgesellschaft. Der Frosch mit der Maske, Der Zinker, Der schwarze Abt und natürlich Der Hexer waren Schulhofgespräch. Die raffinierten Mordmethoden wer erinnert sich nicht an des Zinkers Blasrohr mit gefrorenem Schlangengift, wurden diskutiert, die Schauspieler*innen bekamen Sympathiepunkte.

Joachim Fuchsberger und Eddi Arent, Die Bande des SchreckensJoachim Fuchsberger und Eddi Arent, »Die Bande des Schreckens« (1960) © Rialto Film GmbH

Joachim Fuchsberger ganz weit vorn, der etwas stießelige und arrogante Heinz Drache nicht ganz so sehr, Eddi Arent für seine etwas steife und manchmal naiv selbstreferentielle Komik punktete weit mehr, ebenso Siegfried Schürenberg in seiner Paraderolle als arg- und ziemlich ahnungsloser Scotland Yard-Chef Sir John.

Siegfried Lowitz agierte in seinen Ermittlerrollen mit ironischer Distanz, Harald Leipnitz changierte zwischen Lässigkeit und Anflügen von augenscheinlichem Unwohlsein, für internationales Flair sorgten unter anderem Stewart Granger und Christopher Lee. In Nebenrollen gaben sich arrivierte deutsche Filmstars und aufstrebende Jungschauspieler die Klinke in die Hand. Und dann war da noch der grimme Klaus Kinski, dessen exaltierte Schauspielkunst die Wallace-Filme auf ein ganz eigenes Level hievte. Und der, bis auf anderthalb Ausnahmen, seine Auftritte nicht überlebte. Meist nicht unverdient.

Joachim Fuchsberger, Klaus KinskiJoachim Fuchberger, Klaus Kinski, »Die toten Augen von London« (1961) © Rialto Film GmbH

Downward Spiral

Als Horst Tapperts Inspector Perkins tranig die Bühne betrat, und Tappert für seinen Derrick übte, lag die Serie schon in den letzten Zügen (Der Gorilla von Soho, Der Mann mit dem Glasauge). Auch eine Flucht nach Italien, inklusive deftiger Giallo-Anleihen, rettete Edgar Wallace nicht. Es war anscheinend gar nicht so schwer, sich zu entfesseln. Dass der fade Horst Tappert den Nachzügler Der Teufel kam aus Akasava mit dem teils kultisch verehrten, teils verachteten Marathonfilmer Jess Franco zusammengearbeitet hat, ist ein ulkiger Begleitumstand. Dem Vernehmen nach war Tappert nicht sonderlich begeistert über den Dreh mit dem spanischen Regisseur.

Eine Ode an Karin Dor

Auf weiblicher Seite erlebten große Diven wie Elisabeth Flickenschildt und Brigitte Horney ihren Sunset Boulevard. Die Damsels in Distress (und ganz, ganz selten mal die Täterin) gaben mehrfach die wunderbare Karin Dor, Brigitte Grothum , Karin Baal, Barbara Rütting oder die damals aufstrebende Uschi Glas.

Karin Dor, Der grüne Bogenschütze
Karin Dor, »Der grüne Bogenschütze«
(1961) © Rialto Film GmbH

Interessanterweise wirken die Frauenrollen in den englischen Wallace-Filmen der frühen Dreißiger (und Wallace Büchern selbst) aufgeräumter und selbstbewusster als ihre deutschen Pendants in den Sechzigern. Nicht nur hieran wird deutlich, dass die Wallace-Filme zu Opas Kino gehörten, gegen das sich eine junge Regisseur*innen-Garde (Oberhausener Manifest) erfolgreich auflehnte.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn, wenn es wimmelt vom Heiderauche *1

Antiquiertheit war ein Markenzeichen der Serie und machte viel von ihrem Charme aus. Der rückwärst gewandte Blick, der sich nicht um Tagesaktualität scherte, erlaubte den Machern hemmungslos in der Vergangenheit zu plündern. Gotischer Horror mit Nebelschwaden bis in die Baumwipfel, schreiende Käuzchen, Mönchskutten und andere mehr oder minder gruseliger Verkleidungen (Der Frosch mit der Maske, Der grüne Bogenschütze) wurden aufgefahren und lieferten sich ein Stelldichein mit einer naiven Komik, die Slapstick mit dem Vorschlaghammer reproduzierte und sich verbal gern in grobmotorischer Selbstreflexion versuchte.

Der Frosch mit der Maske»Der Frosch mit der Maske« (1959) © Rialto Film GmbH

Unbedarft wurde der Glöckner von Notre Dame mit Frankensteins Monster gekreuzt und sorgte, verkörpert vom ehemaligen Catcher Ady Berber, für linden Körperhorror. Keine Angst, Berber biss nicht. Meist jedenfalls. Manchmal mutierte das ungeschlachte Biest auch zum Retter der bedrohten Unschuld und durfte mit einem Lächeln auf dem Gesicht sterben. Zu großer Form liefen die Regisseure und Kameraleute auf, wenn sie sich ans expressionistische Kino erinnerten und der dämonischen Leinwand ein Stelldichein erlaubten. Dann reichte es beispielsweise, den sinisteren Fritz Rasp entsprechend ins Bild zu setzen, um tief gehendes Unbehagen erzeugen, ohne dass der Schauspieler abscheuliche Handlungen vornehmen musste.

Besser als ihr Ruf

Handwerklich haben insbesondere Harald Reinl und Quasi-Hausregisseur Alfred Vohrer zünftige Arbeit geleistet. Filigranwerk war nicht angesagt und wurde auch nicht geliefert. Doch die grobe Kelle wurde elegant geschwungen. Nicht um Logiklöcher zu stopfen oder die marginale Ermittlungsarbeit aufzuwerten, sondern all die Schwächen mit launiger Produktivität und Effizienz vergessen zu machen. Genau das gelang Reinl und Vohrer erstaunlich gut.

Christopher LeeChristopher Lee, »Das Rätsel der roten Orchidee« (1962) © Rialto Film GmbH

Bedauerlich, dass Alfred Vohrer später Anflüge von Ambition vermied, um als Derrick-Kameraaufsteller einen finanziell abgesicherten, ruhigen Lebensabend verbringen zu können.

1972 endete die Rialto-Wallace-Reihe mit dem zweiunddreißigsten Film, der deutsch/italienischen Koproduktion Das Rätsel des silbernen Halbmonds. Rechnet man die abseits entstandenen Werke sowie die Filme, die auf den in Afrika spielenden Sanders-Romanen beruhten, hinzu, kommt man sogar auf 39 Veröffentlichungen. 40, wenn man den kaum bekannten und völlig anders gearteten Streifen Die Schokoladenschnüffler aus dem Jahr 1985 noch ergänzt. Bemerkenswert allenfalls durch die kunterbunte Besetzung, in die sich sogar Dolly Dollar einmal abseits ihres Hardcore-Treibens einreihen darf. Ansonsten ein Flop in jeder Hinsicht.

Edgar Wallace, Lebemann und Workaholic

Als im September 1959 Der Frosch mit der Maske in den bundesdeutschen Kinos anlief, weilte Edgar Wallace bereits seit siebenundzwanzig Jahren nicht mehr unter den Lebenden. Der Genussmensch Wallace rauchte rund 80 Zigaretten am Tag und trank in der gleichen Zeit etwa vierzig Tassen gesüßten Tee, was eine (unbehandelte) Diabeteserkrankung geradezu heraufbeschwor. Er starb 1932 in den USA an den Folgen einer Lungenentzündung. Während der Vorbereitung eines Projekts, das dem King Of Thrillers weitere Weihen im Dienst der Populärkultur verliehen hätten. Von ihm stammten Name und die Grundstory um den (noch vor Cheetah und Judy) berühmtesten Affen der Filmgeschichte: King Kong. Zuvor hatte der passionierte Journalist, Glücksspieler, Besitzer eines Pferderennstalls und Autonarr bereits über 150 Romane, Erzählungen und Drehbücher verfasst sowie bei der Verfilmung seines eigenen Buchs The Squeker (Der Zinker) 1930 Regie geführt.

»Ich habe nie für die Nachwelt geschrieben, sondern immer nur für morgen früh«

An literarischem Ruhm war Edgar Wallace nie interessiert. Er wollte Bestseller schreiben, keine nachhaltigen poetischen Werke. Und landete bereits 1905 mit seinem ersten veröffentlichen Kriminalroman The Four Just Men (Die vier Gerechten) einen Werbecoup, der völlig in die Hose ging. Lobte er doch für das Erraten einer bestimmten Mordmethode eine Summe von 500 Pfund für findige Leser*innen aus. Leider existierten einige davon. Das Buch wurde ein Verkaufserfolg und gleichzeitig ein finanzielles Debakel für Wallace. Die Intervention seines Verlegers Alfred Harmsworth bei der Daily Mail verhinderte die völlige Bankrotterklärung des aufstrebenden Autors.

Hellmut Lange trifft Robert GrafHellmut Lange trifft Robert Graf in »Der Fälscher von London« (1961) © Rialto Film GmbH

Gleich diese erste Anekdote ist bezeichnend für Edgar Wallace literarischen Output. Er verfasste tatsächlich Bestseller, schaffte es aber den eingenommenen Verdienst binnen kurzem zu verschleudern. Brauchte er mehr Geld war ein neuer Thriller fällig. So diktierte er beispielsweise eines seiner umfangreichsten Bücher, das 320-seitige The Strange Countess (Die seltsame Gräfin), binnen vier Tagen ein, und es dauerte nicht lang, bis Geld in die Haushaltskasse gespült wurde. Vorerst. Dieses Missverhältnis konnte Wallace bis zu seinem Tod nicht auflösen. Er hinterließ seinen Erben eine horrende Schuldenlast. Dank der Verkaufszahlen seiner Bücher waren seine Kinder Bryan Edgar und Penelope nach zwei Jahren schuldenfrei (beide versuchten sich ebenfalls, nicht ganz so erfolgreich wie ihr Vater, aber sparsamer, als Schriftsteller. Seine zweite Frau Violet überlebte ihn nur um vierzehn Monate). Wenig später waren die roten Zahlen tiefschwarz.

The Man, The Mysteries

Als die sterblichen Überreste von Edgar Wallace nach London überführt wurden, hingen die Flaggen in der Fleet Street, DEM Pressezentrum der englischen Hauptstadt, auf Halbmast. Und das, obwohl Wallace Ruf als Journalist keineswegs unumstritten war. Schadenersatzforderungen wegen mangelhaft recherchierter und redigierter Berichte pflasterten seinen Berufsweg. Wallace hätte auch einen hervorragenden Politiker abgegeben, schuf er sich doch eigene Realitäten, unabhängig von Faktenlage und wider besseren Wissens. Eigenschaften, die ihm als Autor zupass kamen. Er fabulierte sich größenwahnsinnige Verbrecher zusammen, redliche Ermittler und unbedarfte, mitunter auch erstaunlich forsche Mägdelein, die es zu retten galt. Oft, weil sie Erbinnen eines Vermögens waren, von dem sie nichts ahnten. Money rules. Auch in der Fiktion.

Nicht ganz regelkonform konnte es vorkommen, dass eine eigentlich positiv konnotierte Hauptfigur der oder die Wurzel des Bösen war. Effekte und Effizienz überragen erzählerische Tiefe, literarische Durchdringung und Wahrscheinlichkeit bei Weitem. Bestimmte Ereignisse werden akribisch vorbereitet und sorgen beim erstaunten und sauber eingestielten Lesepublikum für erwartbare Aha-Erlebnisse. Sprachlich pendeln Wallace Konstrukte, hierzulande bedingt auch durch mit bestenfalls beiläufiger Akkuratesse entstandene Übersetzungen, zwischen einem unaufgeregtem, sachdienlichem Erzählton, dem Ironie nicht ganz fremd war, und eilig runtergeraspelten Textergüssen. Grammatikalisch sauber. Gemessen an aktuellem, kaum oder unlektoriert veröffentlichtem Geschreibsel minderbegabter Self-Publisher bietet Edgar Wallace ein gehobenes Level erlesener Unkompliziertheit.

Moderne Zeiten: 78 Titel für 49 Cent

Seine Werke liegen kaum mehr in den Buchhandlungen aus, erhältlich sind sie aber noch. Für E-Reader-Besitzer lassen sich sämtliche Werke für wenige Cents oder gar legal umsonst aufs Lesegerät laden. Die Qualität der Werke ist, bei solch einem Vielschreiber mit wenig künstlerischer Ambition nicht verwunderlich, stark schwankend. Doch seinen Kurzgeschichten und etliche Romane wie der relativ ausgeklügelt entwickelte Der Frosch mit der Maske sind durchaus eine Entdeckungsreise wert.

Der Frosch mit der Maske
© Goldmann Verlag

Robuste Helden, finstere Bösewichter mit noch finstereren Plänen, holde junge Damen, Nebenfiguren, die einen Hauch von Ambivalenz ins mysteriöse, gelegentlich durch Action und perfide Morde aufgelockerte Geschehen bringen, sorgen für nostalgisches Lesevergnügen. Das umso größer wird, je befriedigender Enthüllungen und Überraschungen eingebaut werden. In seiner unbekümmerten Ernsthaftigkeit, inklusive aller Klischees und gesellschaftspolitischer und geschlechtsthematischer Ressentiments, entwickeln die gelungeneren Werke einen eigenen Charme.

Die Konkurrenz schläft nicht. Oder doch?

Der erste Roman der roten Goldmann-Krimis war der eben erwähnte Der Frosch mit der Maske, gefolgt von Louis Weinert-Wiltons Die weiße Spinne. Neben dem Wallace Sohn Bryan Edgar, gehörte Weinert-Wilton zu jenen Autoren, die man in der Folge der gewinnbringenden Filmreihe ebenfalls ins Kino hievte (Das Geheimnis der schwarzen Witwe, Das Geheimnis der chinesischen Nelke, Die weiße Spinne, Der Teppich des Grauens). Mit einem Großteil der bekannten Darstellerriege, immerhin Harald Reinl als Regisseur bei zwei Werken (für die anderen zeichneten die weniger begabten F. J. Gottlieb und Rudolf Zehetgruber verantwortlich) und trotzdem nur mit mäßigem Erfolg.

Komplettbox
© Al!ve AG

Wallace war auch literarisch ein Verkaufsgarant bis in die Sechziger-Jahre hinein. Seine Romane wurden der optimistischen Aufbruchsstimmung im Wirtschaftswunderland angepasst, in der eine piefige Weltanschauung vorherrschte, die ihre altertümliche Regelhaftigkeit abfeierte. Verbrechen wurden bestraft, das Finanzielle war geregelt, selbst wenn sie Teil der Polizei waren, stammen die Protagonisten gerne aus der Oberschicht und die guten Mädchen wussten wo ihr Platz ist. Von Ausnahmen abgesehen bekamen die Femme Fatales ihr Fett weg und endeten im Gefängnis oder auf dem Friedhof. Autoritäten wurden nur dann angezweifelt und verdächtigt, wenn sie überkommenen Strukturen und Zeitläufen entsprangen.

Die gepflegte Gänsehaut

Gewalt und Horror blieben angedeutet und wohlig, es starben zwar mächtig viele Menschen im Nebel, auf regennassen, nächtlichen Straßen oder exotischen Orten, aber richtig blutig wurde es erst, als die Serie bereits in den letzten Zügen lag, und der Einfluss der ungleich brutaleren italienischen Psycho-Thriller hinzukam. Das verpasste den Filmen zwar nicht den Todesstoß, doch rette es Edgar Wallace auch nicht. Die apolitische Harmlosigkeit und das rückwärtsgewandte Gesellschafts- und Menschenbild, trotz deutlicher ironischer Brechung, ließen die Filme angesichts der herrschenden Auf- und Umbruchsstimmung, der Konkurrenz durch junge Autorenfilmer, New Hollywood und ein Kommerzkino, das einerseits immer kostspieliger und andererseits wesentlich wilder wurde (Italo-Western, Horrorfilme mit mehr als angedeutetem Goregehalt, Krimis, die nicht nur politisch brisanter waren und ganz anders geartete, wesentlich alertere, modernere und reflektiertere Protagonist*innen aufwiesen) ließen die Filme nach Edgar-Wallace Werken und Motiven zu Auslaufmodellen werden.

Stefan Behrens, Horst Tappert, Der Mann mit dem GlasaugeStefan Behrens, Horst Tappert, »Der Mann mit dem Glasauge« (1968) © Rialto Film GmbH

Was danach passierte …

Erst 1996 griff der Fernsehsender RTL in einem Anflug von Nostalgiewut das Thema Edgar Wallace wieder auf und ließ an den Autoren und speziell die Rialto-Filme angelehnte Werke entstehen. Obwohl man mit Peter Keglevic einen versierten, wenn auch häufig geschmacksunsicheren, Regisseur hinter und mit Eddi Arent ein Wallace-Urgestein vor der Kamera hatten, floppten die Fernsehfilme. Zu wenig atmosphärisches Gespür, aseptische Bilder, lahme Action, flaue Komik und kaum vorhandene Spannung killten das für RTL gar durchaus ambitionierte Projekt. Die 1998 gedrehten Folgen wurden sogar erst unter Verschluss gehalten und schließlich 2002 von Super-RTL nahezu unbemerkt versendet.

Wie parodiert man Ironie?

Etwa zur gleichen Zeit wurde versucht, sich den Filmen parodistisch anzunähern. Kein leichtes Unterfangen, denn wie die gänzlich anders gearteten Longtime-Companions James Bond und Star Wars, ist die Unbekümmertheit und bereits innewohnende Selbstironie schwer auf den Arm zu nehmen. Otto Waalkes versuchte es, indem er sich Dead Men Dont Wear Plaid (Tote tragen keine Karos)-mäßig in Filmszenen einkopieren ließ und sie mit seiner eigenen Körper- und Verbalkomik konfrontierte. Und genau das war es auch: Eine Konfrontation, die den Ursprungswitz zerschlug und wenig Gleichwertiges hinzufügen konnte. Technisch ordentlich aufbereitet, inhaltlich eher ein trauriges Beispiel von Ignoranz. Besonders Beteiligte an den Originalfilmen waren entsetzt, die Presse wenig freundlich, die Einschaltquoten für ein teures Unterfangen unterdurchschnittlich. 13 Folgen liefen montags um 20.15 Uhr, zum Start schauten noch fast acht Millionen Menschen zu, am Ende nur noch etwas mehr als ein Drittel. Die technische Leistung, Otto passgenau in die alten Szenen zu montieren, war beeindruckend, stand aber in keinem Verhältnis zum Witz, der dabei heraussprang. (Michael Reufsteck: Fernsehlexikon Otto Die Serie).

"Der Mönch mit der Peitsche ist ermordet worden *2

Wesentlich besser zog sich das Trio Oliver Kalkofe, Oliver Welke und Bastian Pastewka 2004 aus der Affäre. Der von ihnen kreierte Der Wixxer war trotz des derben Titels in gleichem Maße liebevolle Hommage und witzige Parodie.

Kenntnis- und abwechslungsreich spielt Der Wixxer mit den gängigen Klischees und bricht sie mit Freude auf. Um manchmal auf abseitigen Pfaden anzulangen, aber immer wieder zurückzukehren zu den Originalen. Hilfreich dabei waren auch Gastauftritte von Wolfgang Völz (als Sir John), Grit Boettcher und Eva Ebner, die allesamt bereits Wallace-Erfahrungen in den Sechzigern sammelten. Der eingeplante Joachim Fuchsberger zeigte sich durch den Titel abgeschreckt, sagte aber nach Sichtung des Films 2007 gerne für die Fortsetzung Neues vom Wixxer zu. Seine Rückkehr auf die Leinwand gehört zu den wenigen Highlights des schwächeren Nachfolgers. Der an der Krankheit vieler Sequels leidet, zu schnell zu viel und immer mehr zu wollen, dabei aber das Gespür fürs Timing verliert und zahlreiche Pointen des Originals halbgar aufbereitet. Eine geplante Fernsehserie ist noch im (ewigen) Entwicklungsstadium.

Bitte kommen sie gesund wieder! Meine Gäste sterben alle, bevor sie ihre Rechnung bezahlt haben. Das wird auf Dauer störend …*3

Die meisten der genannten Darsteller, Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren sind mittlerweile verstorben. Klaus Kinski starb bereits 1990, Heinz Drache 2002, Eddi Arent 2013, Joachim Fuchsberger 2014. Im November 2017 mussten wir uns von Karin Dor verabschieden. Im Mai 2018 starb der ebenfalls hochgeschätzte Wolfgang Völz, der vielfach Fernsehgeschichte schrieb. Unter anderem als der treue Butler Graf Yosters (für die Älteren) und die Stimme Käpt’n Blaubärs (für die Jüngeren). Barbara Rütting, Grit Boettcher und Uschi Glas leben noch, haben sich aber von ihrer Vergangenheit mit Edgar Wallace weit entfernt.

Ursula Glas, Dunja Rajter und Komparsen, Der unheimliche MönchUrsula Glas, Dunja Rajter und Komparsen, »Der unheimliche Mönch« (1965)© Rialto Film GmbH

Obwohl die Filme komplett auf DVD veröffentlicht wurden, ab und an im Fernsehen wiederholt werden oder bei Streaming-Diensten zu begutachten sind, man sämtliche Romane und Kurzgeschichten für wenig Geld käuflich erwerben kann, ist Edgar Wallace weitgehend von der kriminalliterarischen Landkarte verschwunden. Sein Faible für den Scotland Yard haben andere Autoren wohl übernommen, die unkritische Ehrfurcht eher nicht.

Nice 'n’ Sleazy *4

Edgar Wallace Werke sind nicht durchweg gut gealtert, man merkt die eilige Erstellung, den Hang zum Recycling beliebter und gewohnter Thematiken. Doch bei den besseren Büchern blitzen die Kraft der Einfachheit, die Effizienz der Plotentwicklung sowie das Gespür für die passende Dosierung von Action, Witz und Dramatik durch. Das Ausschlachten sinnentleerter Morde kommt nicht vor, das Wallace-Universum ist auch in Bezug auf Mortalität zweckgebunden. Dies lässt die Romane zu charmanten, leicht archaischen Schöpfungen werden, die erbärmlich geplotteten aktuellen Thrillern und effekthascherischen Metzelorgien weit überlegen sind. Gilt ebenso für die Filme, bei denen Ironie und der betuliche Gruselfaktor für weitere Schauwerte sorgen.

Im kriminalliterarischen und filmischen Alltag mag Edgar Wallace kaum noch eine Rolle spielen, für einen gepflegt eskapistischen Nostalgietrip gibt es unbehaglichere Zufluchtsorte.

Die Erbengemeinschaft aus Das indische TuchDie Erbengemeinschaft aus »Das indische Tuch« (1963) © Rialto Film GmbH

*1 Annette von Droste-Hülshoff Der Knabe im Moor (1842)
*2 Der Wixxer (Deutschland 2004, Regie: Tobi Baumann)
*3 Der Hund von Blackwood Castle (Deutschland 1967, Regie: Alfred Vohrer)
*4 The Stranglers (Black And White, 1978)

Für Krimi-Couch.de: Jochen König

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