Mexikoring von Simone Buchholz

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2019 bei Suhrkamp.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Hamburg, 2010 - heute.
Folge 8 der Chas-Riley-Serie.

  • Berlin: Suhrkamp, 2019. ISBN: 978-3518468944. 280 Seiten.

'Mexikoring' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Hamburg. Mexikoring. Eine Bürohausghetto im Norden der Stadt. Als die Feuerwehr verständigt wird, steht der schwarze Fiat Punto bereits in Flammen. In ihm: Nouri Saroukhan, bewusstlos. Der junge Mann ist deutscher Staatsbürger, 28 Jahre alt und Sohn eines Mhallamiye-Clans aus Bremen. Während Staatsanwältin Chastity Riley und ihr Team noch nach einem Motiv suchen, stirbt Nouri im Krankenhaus. Was hat dessen Familie mit dem Unglück zu tun? War es vielleicht Selbstmord? Was hat die rothaarige Frau gesehen, die spurlos vom Tatort verschwunden ist? Bei ihren Ermittlungen taucht Chastity Riley tief ein in eine Welt der Clanfamilien, verbrecherischer Machenschaften und menschlicher Tragödien.

Das meint Krimi-Couch: Kriminalroman mit ausdrucksstarker Sprache 80°

Krimi-Rezension von Thomas Gisbertz

Die kriminellen Machenschaften der Mhallamiye-Clans gehen weit über die Grenzen Bremens hinaus. Einst Flüchtlinge aus der Türkei oder dem Libanon sind die einzelnen Familien längst untereinander zerstritten, teilweise sogar verfeindet. Dabei geht es meist um Nichtigkeiten, aber auch die Neuaufteilung des Drogengeschäfts lässt die einzelnen Clans aufeinander losgehen. Der Familie des Verstorbenen scheint dessen Tod gleichgültig zu sein. Mit Hilfe der Bremer Kollegen sucht das Ermittlerteam verzweifelt nach Anhaltspunkten.

Gleichzeitig geht es in Rückblicken aber auch um Nouri und Aliza, die beide, weil sie aus verfeindeten Clanfamilien stammen, nicht zueinander kommen dürfen und es dennoch versuchen. Es ist die Geschichte einer Liebe, die das Unmögliche wahr machen möchte, aber letztendlich tragisch scheitert. Kurz bevor sie gemeinsam nach Mexiko fliehen können, begeht Nouri einen Fehler, der tödlich endet und mit dem der Leser sicherlich nicht gerechtet hat.

Ermittlerteam mit eigenem Charme

Chastity Riley ist sicherlich die zentrale Figur des Romans. Dabei tritt sie oftmals eher unfraulich auf: Sie trinkt gerne einen über den Durst, raucht und spricht oft, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Dennoch bleibt sie in ihrem Denken sehr feinfühlig. So versteht sie es zum Beispiel überhaupt nicht, warum besonders die Mutter nicht um ihren toten Sohn Nouri trauert.

Sie ergänzt sich sehr gut mit Ivo Stepanovic, der ihr als neuer Partner seit dem letzten Band der Reihe, »Beton Rouge«, zur Seite steht. Er sieht jedoch in Chastity mehr als nur eine Kollegin und zeigt ihr das auch ganz offen. Riley ist ganz hin- und hergerissen, spätestens als Inceman, ihr ehemaliger Kollege und Geliebter wieder nach Hamburg kommt. Sofort flammt ihre alte Liebe wieder auf. Die jungen Kollegen Lindner und Rocktäschel sorgen innerhalb des Teams für frisches Blut und tun dem Roman ebenfalls gut.

Achter Fall der Chastity-Riley-Reihe

Vor zehn Jahren veröffentlichte Simone Buchholz mit »Revolverherz« ihren ersten Kriminalroman um die in Hamburg ermittelnde Staatsanwältin Chastity Riley. Die gebürtige Hanauerin hat in den letzten Jahren zahlreiche Auszeichnungen für diese Reihe erhalten, u.a. im letzten Jahr den Stuttgarter Krimipreis. Die Autorin setzt mit ihrer Art zu schreiben sicherlich besondere Maßstäbe.

Ausdrucksstarker Kriminalroman

Buchholz’ Schreibspiel ist unverwechselbar und sucht in der deutschen Krimiliteratur aktuell seinesgleichen: oftmals melancholisch und wehmütig in einer poetischen Sprache, die einen fast schon vergessen lässt, dass man einen Kriminalroman liest. Aber genau diese Diskrepanz zwischen der einfühlsamen, lyrischen Ausdrucksweise und den leider allzu realistischen, traurigen Fällen, die das Ermittlerteam zu bearbeiten hat, macht den besonderen Reiz der Romane aus. Die Autorin schafft es, Betonwüsten und heruntergekommene Wohnviertel zu romantisieren, in deren Mitte sich menschliche Abgründe auftun.

Erinnerungen an Jakob Arjouni

Die Handlung wird immer wieder zur Randnotiz, wenn man den wortgewaltigen Bildern Buchholz’ folgt. Aber schon im nächsten Augenblick bricht die betont lässige, ungeschliffene Art eines Ivo Stepanovic, aber auch von Chastity Riley dieses Bild wieder auf und man ist wieder mitten im Fall. Vielleicht ist es auch genau diese Verklärung der Welt, die Buchholz’ Figuren benötigen, um mit der brutalen, grausamen Realität klarzukommen.

Die Figuren und der Schreibstil erinnern an die Fälle des in Frankfurt ermittelnden Privatdetektivs Kemal Kayankaya. Buchholz schildert genauso wie der leider viel zu früh verstorbene Arjouni die Umwelt ihrer Figuren sehr genau und beschreibt sie oftmals in einer fast schon sehnsüchtigen, dann aber auch wieder trübsinnigen Stimmung.

Eine Autorin als Seismograf der Zeit

Immer wieder moralisiert Buchholz dabei ohne zu moralisch zu werden. Sie wirft den Lesern in einer Zeit, in der es mehr als nötig ist, Anker zu, die Halt geben sollen und als Orientierung dienen. So sollten sich die Menschen zum Beispiel nicht über den Lärm der Hubschrauber beschweren, die jede Nacht Hamburg nach Brandherden absuchen, da erneut Autos angezündet wurden: »Sie sollten sich über das aufregen, was Menschen dazu bringt, Sachen anzuzünden. Die Wut, den Zorn, die Dummheit. Wir halten uns die Ohren zu, als könnten wir unsere Gehirne dann gleich mit zuhalten.« Buchholz hat ein feines Gespür für aktuelle gesellschaftliche und soziale Entwicklungen, was sich auch in ihrem aktuellen Roman wieder zeigt.

Shakespeare’sche Romantik

Es passt zum Schreibstil Buchholz', dass die Romanze zwischen Nouri und Aliza das zentrale Element des Romans darstellt. Beide stammen aus unterschiedlichen, sogar verfeindeten Clans. Die junge Frau ist auf der Flucht vor ihrer Familie, vor deren Gewalt und deren Selbstverständnis, die Mädchen gegen ein Brautgeld zwangszuverheiraten. Aliza hat ihre Schwestern leiden sehen und will diesem Schicksal entkommen.

Nouri studiert in Hamburg, wird aber nach dem vermeintlichen Mord an einem jüngeren Bruder von seinem Vater nach Hause beordert, um die Ehre der Familie wiederherzustellen. Nouri weigert sich aber und will mit den Verbrechen seiner Familienangehörigen nichts zu tun haben.

Er wendet sich von seiner Familie ab und macht sich auf die Suche nach seiner Liebe Aliza, mit der er seit längerem keinen Kontakt mehr hat. Als er sie findet, scheint sich alles zum Guten zu wenden, aber leider wird Nouris Gerechtigkeitssinn ihnen zum Verhängnis.

Kriminalroman ohne unnötige Gewaltdarstellungen

Wer eher gewalttätige, brutale Krimis und Thriller mag, ist bei Simone Buchholz an der falschen Adresse. Leider fehlt es dem Roman auch etwas an Spannung und Tempo. Aber dennoch ist ihr aktueller Roman keineswegs gehaltlos oder gar langweilig. Zwangsheirat, Ehrenmord oder auch Gewalt gegen Frauen sind Themen, denen es leider nicht an Aktualität mangelt.

Aber Buchholz’ Romane sind mehr als Krimis. Sie sind poetisch ohne zu verklären, gesellschaftskritisch ohne zu politisieren und unterhaltsam ohne zu banal zu werden. Es sind die leisen Zwischentöne gepaart mit dem ausgefallenen Ermittlerteam, die den Roman auszeichnen und ihn so lesenswert machen.

Thomas Gisbertz, Dezember 2018

Ihre Meinung zu »Simone Buchholz: Mexikoring«

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Darts zu »Simone Buchholz: Mexikoring« 02.11.2018
Mexikoring ist der achte Band der Reihe um Chastity Riley und der zweite Fall, den ich gelesen habe. Leider konnte mich auch diesmal der Schreibstil und die Handlung nicht überzeugen.Das Buch wird aus zwei Sichten erzählt. Einmal aus Sicht von Riley der Staatsanwältin, die erstaunlicherweise komplett bei der Ermittlung mitmischt. Sie erzählt in Ich-Form in der Gegenwart in kurzen knappen Sätzen und für mich oft verwirrend. Wahrscheinlich fehlt mir Vorwissen aus den anderen Bänden, denn leider wird fast nichts über die handelnden Personen erzählt. Gibt es in anderen Krimireihen mal einen Alkoholiker, so hat man hier das Gefühl das ganze Team kommt ohne Alkohol und Zigaretten nicht aus. Zum Glück nur eine fiktive Polizei Gruppe.Die Geschichte rundherum wird eigentlich normal und flüssig erzählt. Sie spielt in Hamburg und Bremen und gewährt leichte Einblicke in die Strukturen der Libanesen Clans hier in Deutschland.Der Fall endet mit einer kleinen Überraschung.Da es bereits das achte Buch der Reihe ist, gibt es bestimmt genug Fans der schnoddrigen Staatsanwältin, für mich war es der zweite und letzte Versuch. Wobei mir dieser Band etwas besser gefallen hat, als :Blaue Nacht2-3 * vergebe ich
Miss Marple zu »Simone Buchholz: Mexikoring« 17.09.2018
Es waren zwei Königskinder

Simone Buchholz schickt mit ihrem neuen Krimi ihre Ermittlerin Chastity Riley in die 8. Runde. Dieses Mal führt der aktuelle Fall die Staatsanwältin und das Ermittlerteam der Polizei in das Clan- Milieu Bremens und Hamburgs. Nach dem Tod des jungen Nouri Saroukhan- er verbrannte in seinem Auto- stellt sich die Frage, ob verfeindete Familien dahinterstecken. Schnell wird für die Ermittler klar, dass es nicht ganz so einfach ist und sie dringen immer mehr in die Vergangenheit des jungen Mannes vor, der zum Todeszeitpunkt bereits von seiner Familie verstoßen worden war. Bis dahin war er ein hoffnungsvoller Jurastudent, musste jetzt aber in einem dubiosen Versicherungsunternehmen seinen Lebensunterhalt verdienen.
Seine einzige Stütze ist Aliza. Die beiden Familien sind verfeindet. Das junge Mädchen verlässt die Familie nach schweren Misshandlungen im Alter von 15. Nouri möchte mit ihr eine gemeinsame Zukunft in Südamerika aufbauen. Hat sie Nouris Mörder gesehen?
Es war meine erste Begegnung mit den Figuren dieser Krimireihe. Sicherlich fehlen mir viele Informationen aus vorhergehenden Teilen, deshalb bleiben einige Dinge für mich unklar, vor allem was die Staatsanwältin und ihr Leben betrifft. Nur mit den Kenntnissen aus dem 8. Teil bleibt diese Figur für mich blass, wenig in die Handlung involviert, zum Teil auch langweilig. Belebt wird die Geschichte durch die besondere Schreibweise der Autorin, die ihren Figuren oft eine harte, schnoddrige Sprache in den Mund legt. Wobei auch hier weniger mehr gewesen wäre.
subechto zu »Simone Buchholz: Mexikoring« 10.09.2018
Chastity Riley ist zurück

„Mexikoring“ von Simone Buchholz ist bereits der achte Fall für die unkonventionelle Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, der dritte bei Suhrkamp Nova. Dennoch handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte, die ohne Vorkenntnisse lesbar ist. Worum geht es?
Einem mysteriösen Einstieg folgt ein Wiedersehen mit Chas Riley. Sie wird zu einem Tatort gerufen: Nouri Saroukhan ist in seinem Auto verbrannt, am Mexikoring. Geboren in Bremen, gestorben in Hamburg. Mord oder Selbstmord?
Schauplatz ist Hamburg - und Bremen. Bremen gilt als Hochburg für kurdisch-libanesische Familienclans, die Mhallamiye. Die Clans sind eng mit der Organisierten Kriminalität verwoben, in der Regel handeln sie mit Drogen.
„Mexikoring“ ist die Geschichte einer großen, aber verbotenen Liebe, denn Nouri und Aliza gehören zu verschiedenen Clans. Um nicht zwangsverheiratet zu werden wie ihre Schwestern, flüchtet Aliza nach Hamburg. Nouri folgt ihr wenig später, um Jura zu studieren. Doch dann bricht er sein Studium ab und heuert bei einer Versicherung an. Was war geschehen?
Simone Buchholz hat ihren neuen Kriminalroman gewohnt schnoddrig mit viel Lokalkolorit in Szene gesetzt. Die Geschichte wird in der Ich-Perspektive aus Sicht von Chas erzählt. Auch Rileys Privatleben nimmt wieder einen breiten Raum ein. Die Welt der Mhallamiye ist bestens recherchiert.

Fazit: Ein Blick in dunkle Ecken. Spannend und humorvoll zugleich. Unbedingt lesenswert.
elke17 zu »Simone Buchholz: Mexikoring« 08.09.2018
Glattgebügelte Typen sind Simone Buchholz‘ Ding nicht. Die Frauen und Männer rund um das Team der Hamburger Staatsanwältin Chas Riley haben Ecken und Kanten, sind alle auf ihre Weise „beschädigt“, zerfressen von Zweifeln, finden keinen Schlaf, trinken zu viel Bier und Wodka, um die Leere zu betäuben, um den ganzen Mist zu vergessen, mit dem sie sich tagtäglich herumschlagen müssen. Sind hart, zart und romantisch. Knien sich aber kopfüber und mit ihrer vorhandenen Restenergie in ihre Fälle hinein, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

So auch im Fall des am „Mexikoring“ in seinem Auto verbrannten Nouri Saroukhan, Sohn eines Mhallamiye Clan-Chefs aus Bremen, der sich von seiner Familie losgesagt hat. Um zu verstehen, was ihm angetan wurde, müssen sie ganz tief in dessen Leben und die Strukturen dieser Organisation eintauchen. Helfen könnte ihnen Aliza Anteli, die Freundin Nouris, die ebenfalls aus Bremen nach Hamburg geflüchtet ist, weil sie nicht das typische Schicksal ihrer älteren Schwestern erleiden wollte, die für fünfstellige Summen verkauft wurden. Aber die ist irgendwo im Schanzenviertel verschwunden.

Buchholz‘ Bücher um und mit Chas Riley, mittlerweile mit „Mexikoring“ acht Bücher in der Reihe, sind etwas ganz besonderes in der deutschen Krimilandschaft. Zum einen, was ihrer Personen angeht. Verletzt und verletzlich. Verunsichert, aber knallhart im Handeln. Das Team um die taffe Staatsanwältin ist nicht starr, es verändert sich, wie sich auch die Dynamik innerhalb der Gruppe ständig verändert. Lebensentwürfe passen nicht mehr zusammen oder die Folgen eines Anschlags sind zu verarbeiten. Andere kommen dazu und sind verantwortlich für emotionale Konflikte.

Und zum anderen ist da natürlich die Sprache, die sich grundlegend von der in den üblichen Krimis unterscheidet. Brillant, rotzig, vom Kiez geprägt, meist aus melancholischem Herzen, auch in den klarsten Analysen. Allein das macht für mich schon die Riley-Krimis zu einem Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht und Höchstbewertungen verdient hat. Lesen. Unbedingt!

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