Das Unheil in Person von Sheila Radley

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1982 unter dem Titel A talent for destruction, deutsche Ausgabe erstmals 1993 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: , 1970 - 1989.
Folge 3 der Douglas-Quantrill-Serie.

  • London: Constable, 1982 unter dem Titel A talent for destruction. 189 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1993. Übersetzt von Elke Bahr. ISBN: 3-499-43061-4. 189 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995. Übersetzt von Elke Bahr. ISBN: 3-499-43215-3. 189 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2001. Übersetzt von Elke Bahr. ISBN: 3-499-26309-2. 189 Seiten.

'Das Unheil in Person' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als in einer englischen Kleinstadt ein Skelett entdeckt wird, rührt die Polizei eine sorgfältig vertuschte aber nie überwundene Tragödie auf, die nun ihre gnadenlose Fortsetzung findet ... – Der dritte Fall für Chief Inspector Quantrill bietet makelloses englisches Krimi-Handwerk. Die meisterlich dargestellte Dorf-Idylle, die gleichzeitig Gefängnis ist, ist die Ideal-Kulisse für eine ebenso schauerliche wie traurige Geschichte, die von der Verfasserin nichtsdestotrotz humorvoll präsentiert und gebührend überraschend aufgelöst wird: ein zeitloses Lektüre-Vergnügen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Pfarrer, seine Frau und das rothaarige Schicksal« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Breckham Market ist eine Kleinstadt im östlichen England. Im Schatten der immer noch den Ort dominierenden Pfarrkirche St. Botolph kämpft die Tradition mit der Moderne, was sich auch in der Kriminalitätsstatistik niederschlägt: Die Gegenwart hat das Städtchen längst erreicht. Aktuell muss sich Detective Chief Inspector Douglas Quantrill, der die örtliche Kriminalpolizei leitet, nicht nur mit einem schier endlosen, eisigen Winter, sondern auch mit der unangenehmen Tatsache herumschlagen, dass ausgerechnet sein Sohn als Mitglied einer Gruppe junger Vandalen identifiziert wurde, die das Gemeindezentrum verwüstet hat.

Mit dem Hut in der Hand wird Quantrill im Pfarrhaus vorstellig, wo ihn das Schicksal vor weiterer Demütigung bewahrt: Beim Rodeln auf dem Hang der Wiese hinter dem Pfarrhaus sind just zwei Kinder im Gebüsch auf einen Menschenschädel gestoßen. Da Pfarrer Robin Ainger und Gattin Gillian nicht nur ahnen, auf wessen Hals dieser einst gesessen hat, wechselt Quantrill, dem diese Reaktion keineswegs entgeht, in die Offensive, ohne das Paar jedoch in die Enge treiben zu können.

Der Polizeiapparat nimmt seine Arbeit auf. Wer war der Mann, dessen Restleiche aus dem erwähnten Gebüsch geborgen werden kann, und wie kam er zu Tode? Die Forensik muss passen, die Überreste geben die Ursache nicht preis. Wenigstens kommen die Aingers aus ihrer Deckung. Zögerlich eröffnen sie Quantrill, dass es sich bei dem Toten um den australischen Studenten Athol Garrity handeln könnte, der im Sommer des Vorjahrs auf der bewussten Wiese sein Zelt aufgeschlagen hatte.

Der junge Mann war kein Kind von Traurigkeit und oft betrunken, was den Kreis der Verdächtigen einerseits vergrößert. Andererseits ermitteln Quantrill und sein Team, dass die ebenfalls aus Australien stammende Studentin Janey Randolph Garrity kannte und für Turbulenzen in der Ainger-Ehe gesorgt hat. Was ist im Pfarrhaus und auf der Wiese geschehen? Die Auflösung bringt Klarheit, enthüllt jedoch eine Tragödie, die noch ein weiteres Opfer fordern wird …

Zünder für eine ohnehin schwelende Lunte

»Wieder ein Fuchs und kein Gewehr«, lautet einer jener witzigen Sprüche, die sich Träger einer roten Haarpracht noch heute anhören müssen. Rot ist nun einmal eine Signalfarbe, weshalb jene, die auf Gipfelhöhe ihres Körpers damit markiert sind, erst recht herausstechen, wenn sie die Grenzen von Gesetz und Moral übertreten. Solches Fehlverhalten wird verallgemeinert, wobei die Haarfarbenübereinstimmung mit dem Fuchs keinesfalls hilft, wird dieses Tier doch seit alters als »schlau« oder »durchtrieben« und »hinterlistig« gebrandmarkt.

Politisch korrekt sind entsprechende Verunglimpfungen natürlich nicht (mehr), was Sheila Radley keineswegs abhält, die für den deutschen Titel verantwortliche Figur Janey Randolph mit ganz besonders rotem Haar auszustatten; der Roman erschien bereits 1982, wo dies womöglich etwas lockerer gesehen bzw. tugendboldfrei als wertneutrales Stilmittel erkannt wurde, um genannte Janey Randolph als Auslöserin einer Kettenreaktion hervorzuheben, die spielerisch mehrere Menschen ins Unglück stürzt, was für Todesfälle sorgt.

Die Tragödie spielt sich in einer jener englischen Kleinstädte ab, die talentierte Kriminalschriftsteller/innen immer wieder als Hort des wahrhaft Bösen darzustellen wussten. Breckham Market gibt es nicht, trotzdem liegt die Realität stets wie ein erstickendes Tuch über einer scheinbar friedlichen, tatsächlich jederzeit explosiven Szenerie. Trügerisch idyllisch und sanft humorvoll führt die Autorin ihre Leser langsam in den Dorfalltag ein, weshalb es dauert, bis diese merken, dass überall Fußangeln und Widerhaken lauern. Der Pfarrer steckt in einer Glaubens- und Ehekrise, seine Gattin fühlt sich als unfreiwilliges Gemeindevorbild überfordert und wird vom senilen Vater terrorisiert, und Chief Inspector Quantrill muss feststellen, dass ausgerechnet sein Sohn kriminell geworden ist.

Kleine Ursache – tödliche Wirkung

»Das Unheil in Person« ist in drei Großkapitel unterteilt, denen ein Epilog folgt. Autorin Radley erzählt zunächst vom Fund der Leiche und den sich anschließenden Ermittlungen. Es folgt eine Rückblende auf das Vorjahr, die uns eine Sicht auf Ereignisse ermöglicht, die präzise jene Kettenreaktion schildern, die Janey Randolph zwar absichtlich aber ahnungslos bezüglich der Folgen in Gang setzt, bevor die Handlung in die Gegenwart zurückkehrt, um die Auflösung des Falls zu verfolgen. Der Epilog spielt jenseits des Atlantiks, wo die gelangweilte Janey ihr böses Spiel ein weiteres Mal einfädelt.

In Breckham Market hat sie einen Scherbenhaufen bzw. mehrere Gräber hinterlassen, ohne jemals die Hand gegen ihre Opfer erhoben zu haben. Stattdessen war Janey die Füchsin, die sich ein wenig Spaß im Hühnerstall verschafft hat. Schon vor ihrer Ankunft gab es Risse im scheinbar stabilen Gefüge der Dorfgemeinschaft. Mit traumwandlerischer Sicherheit hat Janey im Ehepaar Ainger eine Sollbruchstelle entdeckt. Sie wird zum Katalysator einer Entladung, die schon lange nach einem Ventil gesucht hatte. Dabei kommt es zu Kollateralschäden, die weitere Bürger ins Unglück stürzen.

Radleys Kunst liegt in der in der Konstruktion einer Handlung, die dem Mechanismus einer Zeitbombe gleicht. Jedes Teil wird an die vorgesehene Stelle gesetzt, bis daraus eine Höllenmaschine entstanden ist. Sie wird sorgfältig positioniert, dann scharf gestellt und gezündet, wobei jeder dieser Schritte von der Autorin verfolgt und beschrieben wird. Da Radley Sorge getragen hat, uns die Protagonisten ans Herz zu legen – ohne sie unbedingt sympathisch zu gestalten -, verfolgen wir gebannt, wie das Unheil seinen höchstmöglich fatalen Lauf nimmt.

Eher banal als böse

'Richtige’ Kriminelle gibt es hier nicht. Es sind ganz normale Menschen, die unter eine Lawine aus Lüge und Mord geraten. Niemals hätten sie gedacht, sich in einer Situation wiederzufinden, die sie ins Gefängnis oder gar ins Grab bringen könnte. Erneut gelingt Radley die Schilderung einer plausiblen Zuspitzung. Der Leser kann sich leicht an die Stelle der Betroffenen setzen und wird deshalb gespannt verfolgen, wie hinterrücks und heimtückisch das Schicksal zuschlagen kann.

Da dieser Roman in England und zu einer Zeit entstand, bevor Kriminalromane zu ziegelsteindicken Seifenopern degenerierten, vertändelt sich die Autorin nicht in schmalzigen Sentimentalitäten. Radley hält den roten Faden fest in der Schreibhand und die Auflösung im Blick. Ihre Figurenzeichnungen sind prägnant, obwohl sie scheinbar klassischen Vorgaben folgen, die englische Dorfbewohner als 'Originale’ überzeichnen. Doch Radley verfügt über die Gabe des echten Humors, der prächtig Seite an Seite mit der Tragödie existieren kann. Vor allem das erste Großkapitel ist dafür ein Musterbeispiel – sowie ein Plädoyer für die kundige Übersetzung auch eines 'simplen’ Kriminalromans, der dadurch zum Lektüre-Genuss wird. Feine Ironie entschärft keineswegs die kritische Sicht auf gesellschaftliche Missstände, die ihren Weg auch nach Breckham Market als Platzhalter für quasi jede beliebige englische Landstadt gefunden haben.

Dazu passt die zurückhaltende Charakterisierung des DCI Quantrill, der mehr Zeuge als Ermittler ist, obwohl Radley die Polizeiarbeit keineswegs ausklammert. Quantrill ist betont alltäglich, weshalb ihm die Autorin Kollegen zur Seite stellt, die deutlich kantiger sind und komische Einlagen bieten können, ohne dadurch jene Integrität zu gefährden, die Quantrill in seiner Eigenschaft als Chronist beibehält und die ihn durch sechs weitere lesenswerte Fälle begleiten wird.

Michael Drewniok, September 2018

Ihre Meinung zu »Sheila Radley: Das Unheil in Person«

In Kürze ist es soweit und die Krimi-Couch erstrahlt im neuen "Couch-Look". Aus technischen Gründen müssen wir die Kommentar- und Wertungsfunktion vorübergehend deaktivieren. Vielen Dank für Euer Verständnis.

Seiten-Funktionen: